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die in der letzten Septemberhälste 1923 in Geltung gewesenen Ermäßigungsätze (Grund zahlen) beim Steuerabzüge vom Arbeitslöhne sind mit dieser Zahl zu vervielfachen. Fiuavzttmt Adorf i. V, den 1. Dezember 1923. Im Schasbestande des Herrn Kommerzienrat Dr.-Ing. Emil Claviez hier ist dis Näu-e erloschen. Adorf, den 29. November 1923. Der Stadtrst. Dies Blatt enthält die amtlichen Bekanntmachungen der Amtshauptmannschaft Oelsnitz, des Amtsgerichts, der Amts- anwaltschaft und des Stadtrates zu Adorf. Anzeigenpreise: Für die 5gcspaltene Petitzeile oder deren Naum 15 Goldpfennige, bei auswärtigen Anzeigen 20 Goldpfcnnige, für die amtliche Zeile 40 Goldpfennige, Reklammczeile 60 Goldpfenmgc« Diese Zeitung erscheint Montags, Dienstags, Donnerstags u. Sonnabends nachmittag mit dem Datum des folgenden Tages. Fernsprecher Nr. 14 Verantwortlicher Schriftleiter und Verleger Otto Meyer in Adorf. W 256. Dienstag, den 4. Dezember LVW > - " - UM« M MM« IM Die Verhältniszahl für die Zeit vom 2 bis 8. Dezember 1923 ist „850 000", d.h Postscheck-Kto. Leipzig 373 69 IichW- 8-8 Was gibt es Reues? — Die Ernennung des Ncichstagsabgcordncten Marx zum Reichskanzler ist von dein Reichspräsidenten vollzogen worden. — Der Reichstag tritt am Dienstag um 3 Uhr zur Entgegennahme einer Regierungserklärung zusammen. — In einer Note an Frankreich fordert die Reichs regierung die Gutschrift der Kohlenlieferungen auf Re parationskonto. — Reichskanzler Marx beabsichtigt, ein neues Ermäch tigungsgesetz beim Parlament einzubringen. Falls dieses abgelehnt werden sollte, wird er voraussichtlich vom Reichs Präsidenten die Ermächtigung zur Auslösung des Reichs tages erhalten. — Die Reparationskommission der Entente hat zwei Sachverständigenausschüssc zur Prüfung der deutschen Zah lungsfähigkeit eingesetzt. Merm Zoch. Jetzt, fünf Jahre nach dem Weltkriege empfindet man an der Themse sehr unliebsam, daß die Verhält nisse sich bedeutend geändert haben. Nor der Grün dung der Entente bestand in Frankreich gegen Eng land eine Art von Schadenfreude, die namentlich wäh rend der britischen Misserfolge im Burenkriege zum Ausdruck kam. Man dankte also in Paris der Londoner Negierung nur wenig für die politische Nachsicht, die sie zur Schau trug. Als dann die Entente vereinbart war, und der französische Chauvinismus in dem see- gewaltigen England einen Verbündeten in der.Re vanche gegen Deutschland sah, änderte sich dieses Ver hältnis, und das phrasenreichc Paris erfand den Ti tel „herzliches Einvernehmen" für die Beziehungen zwischen beiden Staaten. Tas Wort „herzlich" als Etikett für das fran zösisch-englische Verhalten zueinander war zum minde sten naturwidrig. Zwei Nationen, die einen so außer ordentlich verschiedenen Charakter haben, wie die eng lische und französische, können nie auf einem herzlichen Fuß zu einander stehen. Tas ist auch während des Krie ges nicht dec Fall gewesen, und die Franzosen haben sich oft genug über ihre Verbündeten, obwohl sie doch militärisch sehr darauf angewiesen waren, lustig ge macht. Tie Entente konnte sich höchstens, wenn man einen sehr milden Ausdruck gebrauchen wollte, eine „Verständigung zur Neuregelung der europäischen In teressensphären mit allen Mitteln" nennen. Tie Engländer hatten im Kriege bald erkannt, daß die Franzosen glatt verloren gewesen wären, wenn sie ihnen nicht Beistand geleistet hätten. Aus dieser Tatsache erhob sich ihre eigene Wertschätzung zu einem sehr hohen Maße. Auf der Friedenskonferenz von Ver sailles sank das Barometer des britischen Hochgefühls sehr beträchtlich, und Llohd George ließ sich von seinem französischen Kollegen Clemenceau gehörig über den Löffel barbieren. Als des letzteren Nachfolger Mille rand, Briand und nun zuletzt Voincarü erkannten, daß die englische Schwäche ungleich größer sei, als die Energie, besorgten sie gründlich weiter, was Clemen ceau mit vielem Geschick angefangcn hatte. Und zur Diplomatie gesellte sich in Paris die mi litärische Machtpolitik, die den Briten die letzte Waffe des Widerstandes aus der Hand wand. In London klaubte man in seiner Schwäche für Frankreich immer wieder, daß dieses sich besinnen werde, und scheute die fatale Möglichkeit eines englisch-französischen Krieges. Damit waren die Franzosen nun vollständig obenauf, chnd als nun gar das Wagestück der französischen Nuhr- -»ktion gelang, die sich über kurz oder lang unbedingt du einer Lebensfrage für England auswachsen mußte, da war Poincarv klar darüber, daß er der Negierung Ivaldwins in London alles bieten konnte. Jetzt, jetzt endlich ist die letztere zu der Erkennt nis gekommen, daß sie mit Frankreich nicht mehr auf Gleichem Fuße verhandelt, sondern unter französischem «oche steckt, und daß Poincarö sie von neuem zu Überlisten sucht, indem er anscheinend Konzessionen Macht. i Dss Kabinett Marx. Durch de» Reichspräsidenten ernannt. Die Ministerliste des inzwischen vom Reichspräsi denten ernanten Kabinetts Marx ist die schon kurz gemeldete. Danach setzt sich das Kabinett nun end gültig aus folgenden Persönlichkeiten zusammen: Reichskanzler: Senatspräsident Marx, Vizekanz ler und Reichsminister des Innern: der bisherige Reichs minister des Innern Dr. Jarres, Reichsminister des Auswärtigen: der bisherige Reichskanzler Dr. Strese mann, Reichsarbeitsminister: Tr. Branns (wie bisher), Rcichswehrministcr: Tr. Geßler (wie bisher), Reichs finanzminister: ^.c. Luther (wie bisher), Neichsverkehrs- minister: Leser (wie bisher), Reichsernährungsministcr Graf v. Kanitz (wie bisher), Neichspostminister: Tr. Hoesle (wie bisher), zugleich mit Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsministers für die besetzten Gebiete beauftragt, Reichswirtschaftsminister: Bayer. StaatS- ministcr a. T. Hamm, Neichsjustizmiuister: Staatsan walt Emminger, Mitgl. d. Rcichtstags. Sieben den: Kanzler Marx finden wir als zweiten Exponenten dieses neuen Kabinetts den bisherigen Reichskanzler Tr. Stresemann als Außenminister, fer ner als wesentlich neues Mitglied den bayerischen Staatsanwalt Emminger, der das Amt als Reichs justizminister übernommen hat. Tas neue Kabinett Wird sich dem Reichstag voraussichtlich schon am Diens tag vorstellcn. Wie das Ergebnis sein wird, läßt sich schwer Voraussagen, da das Kabinett keine eigene Mehrheit im Reichstag hat. Erlangt es eine solche nicht, so ist wohl bestimmt mit der Auflösung des Par laments zu rechnen. Reichskanzler Marx. Scnatspräsidcnt Tr. Marx, der im 61. Lebens jahre steht, und in Köln geboren ist, spielt seit Jahr zehnten in der Zentrumspartci eine führende Rolle. Bereits vor nahezu einem Vierteljahrhundert trat er in das preußische Abgeordnetenhaus als Vertreter des Wahlkreises Neuß-Grcvenbroich-Kreseld ein. In den Reichstag wurde er 1910 für den Wahlkreis Mülheim- Wipperfürth-Gummcrsbach gewählt. Seitdem gehört er dem Reichstag, der verfassunggebenden Deutschen Na tionalversammlung wie dem neuen Reichstag ununter brochen an. Im preußischen Parlament war Tr. Marx bis zum Ende der verfassunggebenden Preußischen Lan- dcsversaminlung. Nach dem Tode Trimborns wurde Marx zum Vorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei gewählt. Um ihm die Erfüllung seiner wichtigen par lamentarischen Obliegenheiten zu erleichtern, berief man ! ihn, der im Rheinland hohe Nichterpostcn bekleidet j batte, vor etwa Jahresfrist als Seuatspräfident an das preußische Kammergericht. Dr. Marx ist wegen seiner sachlichen, korrekten Art Persönlich bei allen Parteien angesehen. Das Echo der Presse. Tic Berliner Presse beurteilt das neue Kabinett natürlich aus der jeweiligen Parteicinstcllung heraus, im allgemeinen aber nicht ungünstig. Der „Berliner Lokal-Anzeiger" urteilt: Ge nau eine Woche, nachdem das Kabinett Stresemann gestürzt mar, ist ein nenes ReichSkabinett Tatsache geworden. Und zwar ein Kabinett, von dem man zwar nicht sagen kann, mie kurze Zeit es bestehen bleiben wird, von dem aber nichts verbürgter erscheint, als daß eS wieder nur eiir kurzes Dasein fristen werde. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" betont dagegen: Jeden,, der ohne Rücksicht am Parteiinteressen das Wohl des Ganzen zu erfassen sucht, wird eS unzweifel haft sein, daß die neue NeichSregiernng sich der Volks strömnng anschließcn und mit unzweideutiger Entschiedenheit den Rechtskurs Anschlägen muß. Nur dann ist die Ein heit des Reiches und die öffentliche Ordnung auf absehbare Zeit hcrzustellen. In der „Kreuz-Zeitung" heißt es: Das Kabinett Marr wird im Reichstage keinen leichten Stand haben. Die Entscheidung über das Ermächtigungsgesetz liegt bei den Deutschnativnalen, die es durch bloße Stimmenthaltung t» Fall bringen können. Der „Vorwärts" stel-t fest: Tie Frage ist: Kon- sliktswahlen vor dem April nächsten Jahres oder nor male Wahlen zwischen April nud Juni? Die Bayerische Lollspartei erläßt eine Erklärung, in der sie sagt, sie habe sich als F-rmtiou au der Regierungsbildung nicht beteiligt: und Herrn Emminger es nur freigestellt, als „Fachmini ster ohne Politische Bindung" in die Negierung einzu-- treten. Herr Emminger ist eine schwere Belastung kürz bas Kabinett Marr, und in den Tendenzen, die er ver tritt, liegt ein gefährlicher Konfliktsstoff. Die „Deutsche Tageszeitung" gibt die Auf-- fassnng wieder, daß es sich bei diesem Nabinett Marx um( ein ausgesprochenes Perlegenheitsprodukt handelt, das nacb» der ganzen Schwäche seiner parlamentarischen Grundlage? schwerlich auf langen Bestand werde rechnen können, nament-, lich angesichts der Zuspitzungen in der politischen Lage, die: sich auf den verschiedensten Gebieten ankündigen. : Ter „Berliner B ö r se n - C o n r i e r" erklärt: DiH ..gestürzten" Reichsminister, fast ausnahmslos, sind Wiedes sa; aber sie sind es „ohne Bindung an die Parteien". Tas „Berliner Tageblatt" meint: ES wär« besser gewesen, wenn Herr Jarres nur den Posten des Vize-, kanzlers eingenommen hätte, das Ministerium des Inner« über einem Manne übertragen worden wäre, der in seiner- ganzen politischen Auffassung und besonders in gewisser? Fragen weniger als der Vertreter einer ganz besonderes Richtung erscheint. Aus anderen Gründen muß gefragt werden, ob es nicht empfehlenswert gewesen lväre, stat« des Demokraten Dr. Hamm eine Persönlichkeit zum Reichst wirtschaftsminister zu machen, die es nicht erst nötia Beweise für ihre Leistungsfähigkeit auf diesem so schwie-t ciaen Gebiete zu erbringen. j Der Mcum-Vmrag. Gutschrift der Leistungen aus Ncparationstonto ver langt. Ter in Düsseldorf getätigte Vertrag zwischen den deutschen Industriellen und Frankreich-Belgien ent spricht insofern nicht den Ansichten der Reichsregierung, als die sich daraus ergebenden Leistungen nicht auf Reparationskonto verbucht werden. i Infolgedessen hat inzwischcu die deutsche Kricgslastenkommission in Paris im Auftrage der Reichsregiernug der Neparatjonskommtssiou ei»« Note überreicht, in der offiziell der Abschluß der Düsseldorfer Verträge mitgetcilt und Gutschrift der Erträge auf Reparationskonto verlangt wird. Dmmit liegt jetzt Vic amtliche Auzcige vor, Vere» Kehlen von der Reparationskommission als Bor wand für die Vertagung der Erörtcrnug be zeichnet wurde. ES wird sich nun zeigen müssen, wie die Repa- rationskommissiou aus diese unbedingt notwendige Forderung reagieren wird. Die deutsche Note. In der oben erwähnten Note betont die Neichs- regierung, daß sie angesichts der drohenden wirt schaftlichen Gefahren im besetzten Gebiet sich mit dem Vertrage bat absinden müssen und den Kohlenzechen gegenüber die Verpflichtung zur Erstattung der von ihnen übernommenen Leistungen nach Ordnung der Rcichssincmzen un cc der Voraussetzung der Gutschrift der Leistungen auf lausende Neparanonsrcchnung »übernommen hat. Tie Reichsregierung wiederholt ihre Erklärung, daß sie damit weder die von Frankreich und Belgien durchgeführte Ruhrbesetznug noch die von diesen Mäch ten im Ruhrgebiet und in den sonstigen besetzten Ge bieten getriebene Pfünderpolitik noch das neuerdings gewählte Verfahren unmittelbarer Verträge der Be satzungsbehörden mit deutschen Werken als rechtmäßig, anerkennt. Nachdem es nun einmal zum Abschluß des Vertrages gekommen ist, muß die deutsche Regie rung wenigstens Wert darauf legen, daß die Sach leistungen und Zahlungen, die auf Grund des Abkom mens vom 23. November den Besatzungsmächten zuge- flossen sind und zufließen werden, auf Sie Nepara- tionsvcrpslichtungcn vcrrechnct werden. Tie Dring lichkeit der Entscheidung über diese Frage ergibt sich unter anderem daraus, daß es von ihr abhängt, inwie weit die Kohlenzechen aus Erstattung ihrer Leistun gen durch die deutsche Regierung rechnen können.