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S50 den, wenn e» mit den eiaenen Ansichten überein stimmt, oder ungeprüft üver Bord werfen, wenn die« nicht der Fall ist. Die politischen Meinung»- Verschiedenheiten dringen nicht selten sogar bi» in da» gesellig« und Familienleben hinein. Die Rus sen« und Türkrnfreunde oder jetzt die Anhänger Rußland» und der Westmächte führen, wenn auch nur in Worten, so doch nicht minder heftig, be ständig einen Krieg mit einander, welcher um so lächerlicher erscheint, al» sie die orientalische Frage allem Bermuthen nach nicht zur Entscheidung brin gen werden und sie selbst auch nicht den gering sten BorthM davon haben, ob in der Anin die Äusser» oder die Franzosen die Oberband gewinen. Die andere Behandlungsweise der politischen Fragen besteht darin, daß man die vorliegende Streitsache rein objektiv betrachtet, sie nimmt wie fie ist, und sie so anfiebt, wie sie sich darstellt; daß man sich gewissermaßen außerhalb der streiten den Parteien stellt und vor allen Dingen mit ei genen Augen, und nicht durch die gefärbten Gläser einer Zeitung steht. Dazu gehört nun aber freilich Zweierlei; einmal, daß man sich zum Selbstdenken Und zum gewissenhaften Prüfen gewöhnt bat und sich nicht damit zufrieden giebt, wenn man den täg lichen ZeitungStisch nur regelmäßig gedeckt findet; al-dann ist dazu nothwendig, daß man über seine Gefühle, Sympathien und Antipathien wacht, denn r» ist ein alter Erfahrungssatz, von welchem insbe sondere auch die Deutschen Etwa» erzählen können, daß die Gefühlspolitik die allerunglücklichste von der Welt ist, weil sie sich selbst regelmäßig täuscht und von Andern am Leichtesten, so zusage», hinter da» Licht geführt werden kann. Eine Zeitung, welche der objectiven Behänd« lungSweise der Politik und der TageSgeschichte Rechnung tragen will, muß daher vor allen Din gen darauf Verzicht leisten, ihre eigene Meinung und Auffassungsweise den Leser» al» die allein richtige Hinkellen und gewissermaßen ihren Lesern aufoctroyiren zu wollen; sie muß sich vielmehr da- mit begnügen, die Lage der Dinge »ach allen Rich tungen hin wahrheitsgetreu zu zeugen und da« Urtheil der Souveränetät de» Selbstdenken» ihrer fleser überlassen. Aber in der Mittheilung der That- sachen muß fie wahrhaft gewissenhaft zu Werke ge- hen und mit kritischem Blicke das Unwahre von dem Wahren scheiden, wobei fie freilich nicht sel- ten in die Lage kommen wird, gerade da» Pikante, Absonderliche und Schauerliche, wa» sehr viele Leute am Liebsten lesen, weglassen zu müssen, um sich rachher die Unannehmlichkeit zu ersparen, zu be kennen, daß r» Unwahrheit gewesen, wa» sie einige Lage vorher mitgetheilt hat. Die hier geschilderte Methode der Behandlung der politischen Fragen hat aber gerade in Zeiten, wo sie am Nolbwendigsten ist, d. h. in Zeiten, wo die Oberfläche de» politischen Leben» stark bewegt ist; mehrere psychologische Schwierigkeiten zu über winden. Die Menschen »ehmeiMnrM leicht ihre Wünscht für Gründe und ihre HofsMZW, für That- fachen; u»a» mau aber hofft, haß wmscht man, und da», wa- man wünscht, glaubt «an mit unbeschreib licher Leichtigkeit. Weil Westeuropa dir Einnahme von Scbustopol wünschte und hoffte, so fand die be kannte Tatarennachricht unbedingten Glauben, wäh rend bei weniger Hoffnung sich Jeder gesagt habe» würde, daß diese» Ereignis nach damaliger Lage der Dinge unmöglich war. Bei einer objectiven Behandlung der Politik und TageSgeschichte ist e» aber unvermeidlich, daß den vorhandenen Wünschen, Hoffnungen, Meinun gen und Ansichten nach beiden Seiten hin entge- geiigetreten werden muß. Da» wird nun sehr übel genommen und e» trifft sich dann, daß manchmal beide Theile ihr Anathem über den auSrufen, wel cher daS Recht und die Wahrheit höher stellt, al ben leicht zu erkaufenden Beifall der jeweiligen Ta« geSmeinnng. Bom Landtage. Bei dem engbegrenzten Raume unsere- Blat te» ist e» nicht möglich, au» den Berhandlungen der Kammern in voriger Woche auch nur sämmt« liche Resultate und Beschlüsse anzugeben, da Sitz ungen aus Sitzungen gefolgt find und ein über aus reicher Stoff der Mittheilnng vorlicgt. Wir müssen un» daher auf einige allgemeine Bemerk ungen beschränken. Die dem Landtage gemachten Vorlagen sind sämmtlich erledigt und bi» auf da» später j» er wähnende Jagdgesetz auch angenommen worden. Ebenso ist die Budgetvorlage zum verfassungsmä ßigen Abschluß gekommen. DaS ordentliche Bud get ist für jedes Jahr der Finanzperiode mit 9,040,902 Tblr. und da» außerordentliche Budget für die laufende Finanzperiode mit 7,893,550 Tblr., zum Abschluß gekommen. Die Wesammtsumme der bei der Budgetberathung beschlossenen Abmin- dernngen beträgt 50,776 Thlr. Da diese Summ« nicht «»»reicht, um einen Antrag auf Steuerher absetzung begründen zu können, so ist sie auf den Reservefonds unter der Voraussetzung übertrageu worden, daß diese Summe bei dem beantragten Steuererlaß thunlichst mit verwendet werde. — Das Expropriationögesetz für eine etwa au» Privatmitteln zu bauende Eisenbahn von Tha- rand nach Freiberg ist jedoch mit folgenden BerwahrungSanträgen, genehmigt worden: s) „diese, Genehmigung nur unter der Voraussetzung aus zusprechen, daß der fragliche Bahnbau ohne ir gend welche Vetheiligung der Staat»-, kafse zur Ausführung gelange und I>) die Staat»- regjeruug wolle hei Ertbeiiung der Eoncesfiou zu« Bau der fraglichen Eisenbahn ein Ankaufsrecht, für deü Staat und. ha» Besugniß der jrderzeitigen