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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 16.04.1902
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1902-04-16
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19020416025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1902041602
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1902041602
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1902
-
Monat
1902-04
- Tag 1902-04-16
-
Monat
1902-04
-
Jahr
1902
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Abend-Ausgabe KiMer Tageblatt Anzeiger Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. Nr. 181 Jahrgang Mittwoch den 16. April 1902. ,IO ermordete Luve Feuilleton N»m- griff, gab ihn ab. S7.— S4,— 80 .«O .40 ,40 ,75 Urisl 5450 2775 8800 >3700 4850 3000 3W 1.0700 11700 3200 4185 500 lAbO 2O7S 230 1150 2030 1700 1000 150 2975 2750 2740 3450 19100 510 2200 300 10050 ! 950 20 «15 140 1590 700 > 830 Haupt-Filiale Serlin : Königgrätzerstraße 116. Fernsprecher Amt VI Nr. 33S3. 25 so 30 SO 80 50 80 ilLlltio, >äviz-- Haus.4l 5.50. Durch die Post bezogen st Deutschland u. Oesterreich vierteljährlich 6, für die übrigen Länder lautZeitungSpreiSüste. <lt/4> >a >ox1koi>« rnuili»!', t l-ni,«- cd Ke» lnt»»xe> , l) Dover i <ter itieo, lecd- Uer >t LS 98^. rlacü Haupt-Filiale Dresden: Strehlenerstrabe 6. Fernsprecher Amt I Nr. 1713. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbesürderung 60.—, mit Postbeförderung 70.—» Redaktion und Expedition: ZjohanniSgaffe 8. Fernsprecher 153 und 222. Filialrrpeditionrn: Alfred Hahn, Buchhandlg., UniversitätSstr.3, L. Lösche, Katharinenstr. 14, u. KönigSpl. 7. 5,15 4,80 5,55 3,70 5,85 5,15 8,20 !St. 7,25 2,iO 8.60 2,— 3.60 5,— >7,75 0.— 5,75 7.40 >8,25 -8,50 >9 75 Eva oder Anneliese? Roman von Er n st Georgy. Nachdruck rerboou. . Mutter, ich habe einen Menschen des schönsten Gutes, des Augenlichtes beraubt! Ich habe unserer Anneliese das Unglück zugefügt und soll mich nicht anklagen?" — schrie er. — „Giebt es etwas Schlimmeres? Nicht sehen nie mehr sehen nie mehr! Mutti, ach, wäre ich todt!" — — Die Gräfin erbebte. „Bernd, Bernd!" — rief sic mit starker Stimme. — „Was sprichst Du, bist Du wahnsinnig? Was geschehen ist, ist grauenhaft; aber Du hast es doch nicht gewollt, nicht be absichtigt! Anneliese selbst vertheidigt Dich unausgesetzt und klagt nur sich an. In ihrer Liebe zu Dir wollte sie Dich hören, belauschen! Darum hat sie sich in dem Ge büsch verborgen! Trotzdem sie die Gefahr kannte, ist sie stehen geblieben. Sie selbst sagt fortwährend, daß sie durch ihre Leichtfertigkeit schuld sei. Sie spricht Dich frei!" Bernd stand auf. Er eilte nach dem Kamin und blieb dort stehen, die Stirn gegen die kalte Majolika gepreßt: „Sic spricht mich frei, sie! Aber ich weiß, daß ich schuld bin! Zerstreut habe ich den Schuß ins Blaue hinein ab gefeuert. Hätte ich aufgcpaßt, so würde ich die Scheibe nicht verfehlt haben. Hätte ich ach, Mutti, zu denken, daß sic Dich, mich, die Sonne nicht mehr sehen soll, sie, die so gut malte, sie, welche die Natur so liebte!! Mit achtzehn Jahren blind durch mich! Wenn ich die geblendeten Augen ich kann nicht ich kann es nicht die Aermste, die Aermste!" Wild warf er sich aus einen Divan nieder. Den Kopf in die Kiffen gedrückt, überließ er sich einem leidenschaft lichen Schmerzensausbruch. Sein Körper zuckte krampf haft. Aus den Polstern heraus klang sein Zähneknirschen und Aechzeu unheimlich genug. Aber die Gräfin kannte sein Temperament. Er, der liebenswürdigste und maß vollste Mensch, hatte schon in frühester Kindheit Spuren einer glühenden Leidenschaft gezeigt, der man am besten freien Lauf ließ. Die Anfälle kamen höchst selten, waren aber erschreckend stark. Sobald er sich ausgetobt fand er seine liebenswürdige Ruhe wieder. Gebeugt setzte sic sich an da- Fenster und starrte auf die Straße, ohne etwa- „Nein, gesprochen habe ich nicht", sagte er wehevoll, „ich habe gehandelt!" „Wie soll ich das verstehen?" fragte Marie ängstlich. „Nun, auf dem Balle bei Winterfeldt's habe ich sie an mich gerissen und geküßt, mehr nicht!" „Und sic? Eva?" sagte die Gräfin gepreßt. „Sie ist toütbeleidigt und hat mich nicht empfangen, als ich heute ins Hotel kam. Aber ich weiß, daß sie mich liebt!" Beide dachten nach. „Der beste Ausweg wäre, wenn wir Alle nach Groß- brandau zurückrcisen würden!" meinte Marie. Anneliese ist körperlich wieder hcrgestcllt. Die Augen sind leider nicht mehr zu retten. Die Wunde ist verheilt. Der Pro fessor wird ihr die Reise gestatten, da die Landluft ihr so gar gut thun wird. Ihr verlobt Euch vor der Hand heim lich. Weihnachten veröffentlichen wir das neue Bündniß. Dann dienst Du Dein Jahr ab, und darnach heirathct Ihr. Bis dahin wird sich unser armes Kind auch an die Blindheit gewöhnt haben. Ick lasse ihr sofort Blinden unterricht crthcilen, um sic zu beschäftigen!" Bei dem Worte „Blindheit" hatte Bernd ergcbungsvoll den Kopf gesenkt. „Ich werde mich all' Deinen Anord nungen fügen!" sagte er, „aber ich kann, ich vermag hier Niemand mehr zu sehen. Ich muß mit mir selbst klar werden. Morgen früh reise ich heim und erwarte Euch dort. Du, Mutti, ordnest hier meine Sachen und ent schuldigst mich, ja?" „Gott segne Dich für die Kraft Deines Entschlusses, mein thcurcs Kind, er stehe Dir auch weiterhin bet!" Sie umfing ihn in der Finstcrniß und drückte einen Kuß in sein von der Erregung feuchtes Haar. Noch lange saßen Mutter und Sohn an diesem Abend in ernstem Gespräch beisammen. Es war Mitternacht, als Bernd aufbrach. Er schritt wie im schweren Traume durch die Straßen. Unwillkürlich hatte er den Weg nach dem Kaiscrhvshotel eingcschlagen. Den Blick nach Eva's Fenster gerichtet, wanderte er auf dem Wilhelmsplatze auf und ab. Galt cs doch, Abschied zu nehmen von seinem jungen Liebesglück! Gegen 2 Uhr sah er drei Herren, die vor dem Hotel stehen blieben. Der eine war der alte Wärest. Er verabschiedete sich herzlich von den Anderen. Bernd drückte sich in den Schatten eines Baumes, als sie an ihm vorbeikamen. „Mein Alter hat sich mächtig mit Deiner Ucbcrraschnng gefreut, Biktor! Es ist zu schade, daß Du nur drei Tage Urlaub hast!" „Na, dafür hat mich Cousine Eva recht unwirsch empfangen", entgegnete eine dem Lauscher fremde Stimme. Er erkannte aber Im Uebrigen verlautet ferner, daß die in Pretoria an wesenden Vertreter der Boercn-Rcgierungen durch Lord Kitchener von der Londoner Negierung die Erlaubnitz er beten und angeblich inzwischen auch schon erhalten haben, direct mit dem Präsidenten Krüger über die Friedensver- handlungcn telegraphisch in Verbindung zu treten. Ob wohl bekanntlich in London dem alten Oberhaupte des Transvaal und den übrigen Vertretern des Boercnthums in Europa ganz officiell jede Oualification für einen even tuellen directen diplomatischen Verkehr mit England ab gesprochen worden ist, so wird man in Downingstreet es gar nicht umgehen können, den Boerenführern in Süd afrika zu gestatten, daß sic mit Bezug auf einen endgiltigeu Friedensschluß auch noch auf den Mann hören und dessen Nath einholen, der ein ganzes Menschenalter lang die Ge schicke des Transvaal geleitet hat. Für die Boeren ist Paul Krüger noch immer dell Staatspräsident, und daran kann auch der Hatz Englands gegen den greisen Mann nichts ändern. Heute Mittag findet hier in London eine neue Sitzung des Ministerrathes statt, der über die angeblich gestern in London cingetroffenen endgiltigcn Friedensbedingungen, wie sie von den Boeren ausgehen, zu berathen haben wird. Mr. Chamberlain, in dessen Händen hier! die Verhand lungen und auch wohl die Entscheidung ruhen, erhielt gestern Abend während der Sitzung im Hause der Gemeinen ein längeres Telegramm von Pretoria, das er in ziem licher Erregung seinen College» auf der Ministerbank zeigte und mit ihnen eifrig besprach. In den Wandelgängen des Parlamentes wuchs die hoffnungsfreudige Stimmung im Verlaufe der Nachtsitzung ganz beträchtlich, zumal auch der Schatzsckretär in seiner Budget-Rede sich sehr hoff nungsvoll über die Friedensverhandlungen auslicß. Kesseltreiben. * London, 16. April. (Telegramm.) Lord Kitchener meldet aus Pretoria: Die Colonne Bruce Hamilton ' s ist am 14. April Abends an der Blockhausliuic bei Standerton angekommen. Sie hat wahrend ihrer Operationen von Middelburg nach Süden insgesammt 145 Boeren gefangen, getüdtet und verwundet. Kriegslasten. * Loudon, 15. April. Unterhaus. (Fortsetzung.) Bei der Berathung der die Anleihe betreffenden Reso lution bemerkt der Schatzkanzler Hicks-Beach, die den Zucker producirenden Colonien gewährte Beihilfe werde sicherlich nicht den Betrag von Million Pfund Sterling übersteigen. Hinsichtlich der finanziellen Lage in Transvaal habe in den letzten Monaten ein großer Wechsel Platz gegriffen. Nach sorgfältiger Prüfung hätten Chamberlain und Milner die Ueberzeugung ge wonnen, daß, wenn die Eisenbahnen der Civil-Verwal- tung überwiesen sein würden, die Einnahmen der Colonie im Laufe des mit dem 1. Juli beginnenden Finanzjahres zwischen 4 und 5 Millionen Pfund Sterling betragen wür den. Die Einnahmen dieses Jahres würden sicherlich die Summe von 1 200 000 Pfund Sterling erreichen, wenn die Annahmen Milner's sich bestätigen; und diese würden sich sicherlich bestätigen, wenn die Friedenshoff- n u n g e n Wahrheit würden. Transvaal werde im Stande sein, nicht nur die Kosten der südafrikanischen P o l i z c i t r u p p c zn zahlen, sondern auch die Zinsen der Schuld der alten Regierung, die Kosten der Civil-Berwal- tung und die Zinsen der Eisenbahn-Obligationen. Die Regierung beabsichtige, den Einwohnern der Colonien einen Th eil der Kriegs« nsgabcn aufzu- Selbst in den Gefängnissen haben Demon strationen stattgefunden; wie wäre sonst der „Regicrungsbote" dazu gekommen, zu verkünden, daß ein großer Theil der wegen Theilnahme an den Moskauer Februarunruhen zu Gefängnitzhast in Archangel verurthciltcn Personen sich unruhig verhalten und wiederholt die Disciplin verletzt habe? Der Kaiser hat dann befohlen, daß die Gefangenen nicht in Archangel, sondern in kleinen Gruppen in Gefängnissen verschiedener Städte ihre Strafe verbüßen sollen. Die enge Verbindung der Studentenschaft mit den re- voltirendcn Arbeitern überall ist doch ein charakteristisches Zeichen der Zeit; trotz aller Geheimnißkrämerei, trotz aller Dementirungen läßtsich nicht darüber streiten, daß dreister und kühner wie je der Anarchismus im heiligen Rußland sein Haupt erhebt, und daß es schwieriger sein wird, ihn jetzt niederzuwerfen, als nach jenem 13. März, der einem -er edelsten Fürsten das Leben kostete. Die Ermordung Ssipiagin's. * Petersburg, IS. April. Der Mörder des Ministers Ssipiagin giebt an, Balschaueff zu heißen. Er behauptet, als Student derUniversi- tät Kiew bei den vorjährigen Unruhen gemaß regelt und dadurch zu einem Racheact gegen den Minister bestimmt worden zu sein. Bei der Verhaftung leistete er keinen Widerstand. Ssipiagin wurde ans nächster Nähe zweimal tödtlich getroffen. Der Mörder näherte sich dem Minister in der Uniform eines russischenAdjntanten, mit dem Bemerke», er habe im Auftrage -es Großfürsten Sergius ein Schriftstück z« überbringen. Während der Minister darnach der Mörder vier Revolverschüsse aus Ssipiagin starb Nachmittags ^->3 Uhr. * Petersburg, 15. April. Der Minister des Innern Ssipiagin hatte das Rcichsraths- gebäude betrete«, um sich in eine Sitzung des Minister- comites zu begeben. Der Mörder, welcher kurz vorher in einer Equipage eingetrofsen war, wartete auf den Minister und übergab ihm das Schreibe«. Als der Minister das selbe eutgcgeuuahm, senerte der Ueberbringer vier Schöffe aus diese« ab «nd vcrwnudete ihn schwer. Der schwer Berwnndete wnrde alsbald in das nahe gelegene Maxi- milianowski-Hospital gebracht und verschied trotz ärzt licher Hilfe «ach etwa einer Stunde. Der Mörder wurde sofort verhaftet. Dmitri Sergejewitsch Ssipiagin war im Jahre 1853 geboren. Nach Beendigung der Studien auf der Peters burger Universität trat er 1876 in den Staatsdienst und wurde 1882 Mitglied des regierenden Senates, wo er an der Aburtheilung hochverrätherischer Handlungen Theil nahm. 1886 wurde er zum Vicegonvcrneur in Charkow ernannt, zwei Jahre später wurde er Gouverneur von Kurland, 1891 von Moskau. Das Jahr 1894 brachte ihm die Beförderung zum Gehilfen des Ministers des Innern, der 1. November 1899 die Ernennung zum Verweser des Ministeriums des Innern, das bis dahin der Senatoij Gorcmykin inncgchabt hatte. Vor der Ernennung zum Gehilfen des Ministers war Ssipiagin mehrere Jahre ' Vorsteher der Kanzlet für Immediatgesuche und hatte als solcher reiche Gelegenheit, die Wünsche und Bedürfnisse des russischen Volkes kennen zu lernen. Unparteiische Kreise hatten damals seinem Eifer und seinem Wohl wollen oft ein sehr günstiges Urthcil ausgestellt. Die anarchistisch-revolutionäre Bewegung in Rußland ist wieder in rapidem Wachsen begriffen, aber die Censur hat bisher fast alle Meldungen darüber unterdrückt. Lange Zeit hat es gedauert, ehe authentische Nachrichten über die große Demonstration am 16. März d. I. in Peters burg bekannt geworden sind. Am 11. März 1901 wurde die Fahne -es Aufruhrs zwar schon in Petersburg entfaltet, aber an diesem 16. März geschah dies in einer geradezu verblüffend gewaltigen Weise. Zehntausende dcmon- strirten auf dem Newski-Prospect; woher die Mafien mit einem Male gekommen, war der Polizei ein Räthsel. Mit einem Male wurde eine ganze Anzahl rotheff Fahnen entfaltet und überall hörte man Rufe: „Nieder mit dem Absolutismus! Es lebe die politische Frei heit!" Die Polizei ging außerordentlich scharf gegen die Demonstranten vor; massenhaft wurden in den nächsten Tagen Flugblätter verbreitet, in denen die Polizei auf das Schärfste angegriffen wurde. Wo sind die Flug blätter gedruckt worden? Es muß auch in Petersburg Anzeigen-Preis die 6 gespaltene Petitzeile 2S H. Reklamen unter dem Redactionsstrich (4 gespalten) 75 H, vor den Familiennach richten (6 gespalten) 50 H. Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 H (excl. Porto). zu sehen. Bernd's Paroxismus dauerte heute lange ge nug. Es war inzwischen stockfinster geworden. Marie wandte sich dann und wann um, aber sie vcrmochic ihn nicht mehr zu erkennen. Doch merkte sie, daß das Stöhnen leiser wurde. Endlich richtete er sich auf. „Wie dunkel es ist!" — sagte er leise. — „So dunkel ist es jetzt für Anneliese immer und durch mich! Armes Kind! Armes, kleines Dummelchcn! Wie soll ich das je gut machen? Wärst Du lieber gleich gestorben, dann Hütte ich mir eine Kugel durch den Kopf ge " — „Schweig' davon, Bernd, quäle mich nicht! Du hast Pflichten gegen sie, gegen mich, ja auch gegen Deine Be sitzungen zu erfüllen! Warum peinigst Du mich!?" — weinte Marie. Er näherte sich ihr wie im Traume: „Mein Heiliges", — flüsterte er — „vermagst Du mich denn noch zn lieben? Mich, der eine Schuld auf sich trägt, die nie wieder zu sühnen ist?" „Wir Alle lieben Dich un ¬ verändert; wir lieben Dich doppelt!" — sagte sie bestimmt. — „Komm her, mein geliebter Junge, komm, setz' Dich zu mir!" Bernd gehorchte stumm. „In den laugen Nächten da heim in Großbrandau habe ich die Sache immer wieder durchdacht. Es giebt einen Weg , der Bernd! Anneliese liebt Dich!" „Ich habe sie auch gern. Wir sind ja miteinander aus gewachsen wie Bruder und Schwester!" „Nein, Kind, Sic liebt Dich mehr, weit mehr als eine Schwester —" „Mutter! Mutter!" schrie er in ahnendem Ver- stehen. „Was denkst Du? Du weißt " „Ich weiß, -aß Deine Wünsche sich nach einer anderen Seite richten, daß Dein Herz bereits gesprochen hat!" ent gegnete sie sanft — „Aber ich appellire jetzt an Dein Pflichtgefühl! Anneliese liebt Dich mit ganzer Seele. Du hast sie für ihr Leben unglücklich gemacht. Ich kenne —" „Oh, schweig, schweig!" schrie er entsetzt. Sie wurde still. Eine schmerzende Kälte nahm von Bernd Besitz. In ibm zersprang etwas, ein Gefühl erlosch plötzlich in ihm, das den Kernpunkt seines Daseins ausgemacht In diesem Augenblicke hörten seine Träume, seine Ansprüche an Glück und Leben auf. Eine grenzenlose Oede, eine steinerne Wnnschlosigkeit trat an Stelle des früheren pulsircnden Empfindens. Er wurde noch ruhiger. „Du hast recht, Mutter! Opfer um Opfer! Ihr Augen licht gegen mein Glück! — Ich werde Anneliese heirathen Oer Krieg in Südafrika. Friedens-Aussichten. Man schreibt uns aus London, 15. April, in Er gänzung unserer telegraphischen Meldungen: Die hoffnungsfreudigc Stimmung in hiesigen officiösen und parlamentarischen Kreisen bezüglich eines befriedigen den Ausganges der Friedcnsvcrhandlungen dauert au und hat sich auch der ganzen Presse mehr oder weniger mitgc- thcilt. Die Gerüchte über den wahren Inhalt der von den Boerenführern dem Lord Kitchener oder Lord Milner unterbreiteten und von diesen nach London weiter ge gebenen Bedingungen sind natürlich Legion, ohne daß bis her die Negierung mehr hätte verlauten lassen, als was Mr. Arthur Balfour gestern Nachmittag im Parlamente ans Befragen in höchst allgemein gehaltener Antwort mit- zuthcilen hatte. Aus osiieiöscu Kreisen stammt die eine von den wenigen Nachrichten, die wirklich Hand und Fuß haben, wonach der schwierigste und hauptsächlichste Punct in den zu Pretoria in den letzten Tagen gepflogenen Be- rathungen und Verhandlungen die zukünftige Re gt c r u n g s f v r m für die beiden Boercnländer fein soll, wie dies ja auch leicht erklärlich ist. Die Boerenführer sollen das bestimmte Verlangen gestellt haben, daß so schnell, als die Umstände cs nur eben gestatten werden, die Errichtung einer Föderation der südafrikanischen Staaten, rcspcctive Colonien, unter eigener Flagge stattfindet, und zwar soll diese Flagge durchaus nicht der Union Jack sein, sondern diesen höchstens als Zeichen der britischen Suprematie in einem Felde zeigen. Damit werde also für die Boeren vermieden werden, daß sie sich direct unter die britische Herrschaft und Flagge beugen, und sic würden sich vielmehr den neuen südafrika nischen Commonwealth anschlicßen. Andere, ebenfalls aus sonst gut unterrichteten Quellen stammende „Meinungen" sprechen von einer vollstän digen Autonomie für die Boeren unter einem bri tischen O b e rc o m m i s s ar, dem ein hauptsächlich aus Boeren zusammengesetzter „N a t h" beigcgcbcn werden soll. In beiden Fällen ist die complcte A m n c st t e für die Caprcbellen als conckitio sino qua nun ausgestellt, und es hat ganz den Anschein, als ob diese Bedingung in keiner Weise ein ernstliches Hinderniß für einen günstigen Verlauf der Friedcnsverhandlungcn sein würde. >,90 25 >,50 ,60 >.75 >,— >,«0 >,25 >,25 >,80 >,50 >,90 >.75 >50 >,80 >,50 >,50 >.25 — >,75 ),25 >.75 ),25 ;,80 s — 0.50 2,50 Bezug-»Pret- I» der Hauptexpedition oder den im Stadt bezirk und den Vororten errichteten Aus gabestellen abgeholt: vierteljährlich 4.50, — zweimaliger täglicher Zustellung ins HauS5.50. Durch die Post bezogen für und meine heiligste Pflicht wird es werden, ihren dunklen Lebenspfad zu verschönern!" sagte er fest. „Du hast den richtigen Weg eingeschlagen!" erwiderte seine Mutter, obgleich ihr fast das Herz brach. — „Jedoch um Deine neue Aufgabe ganz zu erfüllen, mußt Du auch Dich zu einer Komödie zwingen. Anneliese weiß von Deiner Liebe zu zu Eva, sic würde bei ihrem guten, reinen Herzen nie cinwilligen, die Deine zu werden! Du mußt sie überzeugen, daß Deine Werbung durch wahre Liebe entstanden, aus ihr hcrvorgegangen ist!" „Wir triefen Beide vor Edelmuth!" lachte er bitter. „Unsere Thcaterspiclerei muß uns im Jenseits hoch an gerechnet werden. Du heuchelst ein Leben lang, nm mir das Andenken an den Vater zu retten, eine glückliche Gattin zu scheinen. — — — Ich hingegen werde ein Leben lang heucheln müssen, ein glücklich liebender Gatte zu sein! — So erben sich Gesetz und Rechte fort. Aber Dein Loos war unverdient, das meine ist berechtigter. Die Sühne des schuldlosen Verbrechers!" „Anneliese ist gut. Sie wird keine schlechte Gattin werden!" besänftigte die Gräfin. „Nein, oh nein, davon bin ich überzeugt. Dummelchen mein Weib sie mein Weib Herrin von Großmardau. Mutter meiner Kinder! Anneliese, was ich an Dir verschuldet habe, mache ich damit wett. Es wird gut für sie sein, daß sie mich nicht sehen kann!" rief er aus. „Noch eins", meinte Marie, „unsere treuen Leute sind iustruirt und werden schweigen. Es ist Anneliese's eigener Wunsch, daßokeincr unserer Bekannten und Verwandten, auch Neubcrts und Warells nicht, die Wahrheit erfahren. Sie hat leichtsinnig mit einer Pistole gespielt und sich ver letzt, so wünscht sic ihr Unglück dargelcgt!" „Sie ist so gut und will mir das Kainszeichen ersparen!" murmelte er. „Aber ich fürchte, Stephan wird die Wahr heit ahnen. Sonst nähme ich sogar den Vorschlag an!" „Nein, Bernd, sic wünscht, daß wir als Tag ihres Un falles den nach Eurer Abreise bezeichnen. Stephan ist Dein bester Freund, laß mich ihm die Sache erzählen. Ich bin überzeugt, sein Taktgefühl wird ihn schweigen lassen, selbst wenn er Verdacht geschöpft hat. Er wird mitfühlen!" entgegnete sie tröstend. „Auch ihm wird eine Hoffnung zu Grabe getragen, ihm und seinem Vater!" „Darum bat ich Dich in jedem Briefe, Dich noch nicht zu binden. Ich zitterte, daß Dich Deine Liebe forrreitzen könnte, za sprechen!" wiederum geheimeDruckereien geben; Ende März hat die Polizei in Charkow eine solche in der psychia- t r i s ch c u K l i n i k entdeckt und in Folge dessen zahlreiche Haussuchungen und Verhaftungen vorgcnommen. Wir weisen darauf hin, daß die anarchistischen Blätter große Dinge in Rußland erwarteten; jeden falls war den Anarchisten bekannt, daß die revolutionäre Bewegung in Rußland gewaltig im Wachsen sei; auch die Socialisteu wußten, daß ihre Genossen im Avaneiren seien; die Demonstrationen am 16. März auf dem Newski-Pro spect war von der „Kampfcsvereinigung zur Befreiung der Arbeiterklasse" vorbereitet worden. Wie konnte sich eine solche bilden? wie konnte sie Tage lang an der Arbeit sein, ganze Stöße von Proklamationen verbreiten, wenn sie nicht in zahlreichen höheren Kreisen — wir sehen in diesem Kalle von den Studenten ganz ab — Be - schütze r gefunden hätte? Der Petersburger Gouverneur hat vor etlichen Tagen die Namen der am 16. Mürz Verhafteten bekannt ge geben, cs befinden sich darunter Ehrenbürger, Advocate«, Beamte, ein Officier. Unter den verhafteten Frauen sind viele Adelige, Lehrerinnen, Studentinnen. Noch niemals soll Rußland eine ähnliche Demonstration wie die vom 16. März gesehen haben; die Socialistcn behaupten, 50 000 Personen sollen für die Freiheit und gegen den Absolu tismus dcmonstrirt haben. Wirft cs nicht auch ein eigenartiges Licht auf die Zu stande in Rußland, wenn am 22. März in Batum Arbeiter der Rothschild'schcn Werke ihre Genossen, welche wegen grober Ungesetzlichkeiten verhaftet sind, aus dem Gcfäng- niß befreien wollen? Das Militär war gezwungen, Feuer zu geben, 30 Arbeiter blieben todt. In Kiew hat die russische Polizei rcvoltirende Stu denten ganz bös zugcrichtet, in den Wachtstubcn die Ver hafteten geradezu maltrütirt. Die Antwort blieb nicht aus; das Comitö der Socialistcn - Revolu tionäre veröffentlichte folgende bezeichnende Prokla mation: „Rache, Rache, ohne Mitleid und Schonung, das ist der Gedanke, mit dem die Zeugen und Theilnehmer der Metzeleien des 15. und 16. Februar auseinandcrgingen, das ist der Gedanke, mit dem die auf der Straße und in den Wachtstubcn Mißhandelten über die Schwelle des Gefängnisses tkSMt'.""'Ztt scharf, zu deutlich sind zwei Mächte zusammeq-etroffen, das junge revolutionäre Rußland und sterbende Monarchie, als daß man eine neutrale Lage cinnehmcn könnte." Solche Proclamationen mußten den Boden für die Attentate vor bereiten. In O d e s s a ist es in den letzten Wochen ebenfalls zu blutigen Demonstrationen gekommen, drei örtliche Grup pen sind hier an der Arbeit gewesen; das Comitö der socialdemokratischcn Partei, das Comitö der revolutio nären Socialdcmvkratic des Südens und das Comitö der focialistischen Revolutionäre. Trotz zahlreicher Verhaf tungen find die Revolutionäre nicht cingcschllchtert; ein aufreizendes Flugblatt ist dem andern gefolgt. Die Socialistcn verbreiten die Nachricht, daß es auch im Officier corps gewaltig gähre; die Officiere der Petersburger Garnison sollen gebeten haben, sie nicht mehr zur Niederwerfung der Demonstranten zu ver wenden; sie wollten keine polizeilichen Dienste mehr thun; und thatsächlich soll auch bei der Niederwerfung der letz ten Demonstration in Petersburg kein Militär mehr ver wendet worden sein. Ganz klar ist die Sache noch nicht; aber eine gewisse Gährung beim Militär läßt sich nicht mehr in Abrede stellen; und das ist doch ein außerordentlich bedenkliches Zeichen. Amtsblatt des Hönigkichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Mathes und Nolizei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Anzeigen sind stets an dle E^ebition zu richten. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr.
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