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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 27.09.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-09-27
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000927022
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900092702
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900092702
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-09
- Tag 1900-09-27
-
Monat
1900-09
-
Jahr
1900
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Größere Schriften laut unserem PreiS- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Gxtra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbesörderung Ai 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Vormittag- 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Lei den Filialen und Annahmestellen j» ei« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Erpkditto» zu richten. Druck und vertag von <k. Pol- in Leipzig P33. Donnerstag den 27. September 1900. 94. Jahrgang. Die Wirren in Ehina. Ter „Erfolg" der deutschen Note. Man darf sich nicht verhehlen, daß daS Einversländniß der europäischen Mächte und Japans mit der Resolution v. Bülow's — die Antwort Englands ist immer noch nicht eingetroffcn— sich einstweilen noch nicht auf den ganzen Inhalt derselben bezieht, sondern nur auf den am Schluß derselben stehenden positiven Borschlag, die betheiligten Cabinete sollten vor allen Dingen ihre Ncr- treter in Peking zur Bezeichnung derjenigen leitenden chinesischen Persönlichkeiten aussordern, über deren Schuld bei der Anstiftung oder der Durchführung der Verbrechen der Zweifel ausgeschlossen ist. Auch die Zustimmung zu dem in der Note unmittelbar vorauSgehenden Satze, Laß Gleichgiltigkeit gegen den Gedanken einer gerechten Sübnc gleichbedeutend sein werde mir Gleichgiltigkeit gegen eine Wiederholung deS Verbrechens, darf wohl bei der all gemeinen Fassung des Satzes unbedingt vorausgesetzt werden. Dagegen scheint die Nothwendigkeit, vor dem Eintritt in diplomatischen Verkehr mit der chinesischen Negierung die Auslieferung derjenigen Personen zu er wirken, die als die ersten und eigentlichen Anstifter der gegen daS Völkerrecht in Peking begangenen Verbrechen sestgeslelll sind, vorerst nur von Oesterreich-Ungarn, Italien und viel leicht Frankreich anerkannt zu sein, während die anderen Machte diese Frage uock dahingestellt sein lassen. Da jedoch dieser Theil der Note keineswegs als Vorschlag formnlirt ist, sondern lediglich ein Naisounemeiil der deutschen Regierung darstellt, so kann man, meinen die Officiösen — die Zu stimmung Englands vorausgesetzt —, wohl sagen, daß der deutsche Vorschlag von der Gcsammlhcit der Mächte, mit Ausnahme Amerikas, acceptirt worden ist. Andere meinen anders, und was die Haltung Englands betrifft, so ist sie Plötzlich wieder unsicher geworden. Die Londoner Presse Hal bekanntlich ter deutschen Note von vorn herein rückhaltlos zugcstimmt und die ojsieiöse Wiener „Pol. Corresp." glaubte versichern zu können, daß die englische Regierung genau so denke wie die öffentliche Meinung. Jetzt wird aus Amerika genieldet, Lord Salisbury lehne cö ab, Bülow's Note zuzustimmen und habe dies dem deutschen Botschafter in London, Graf Hatzfeld, mitgetheilt. Dieser Nachricht ist zwar folgendes Dementi des „Nentcr'fchcn Bur." in London auf dem Fuß gefolgt: * London, 26. September. „Nenter'S Bureau" erfährt, daß die gestern in New d)ork veröffentlichte Depesche bezüglich der Antwort, die Lord Salisbury auf die deutsche Circular- Note gegeben haben sollte, unrichtig ist. Die Antwort Eng. lands auf die Circular-Note könnte erst gegeben werden, wenn eine neuerliche Mittheilung von der englischen Gesandtschaft in Peking eingegangen sei. (Wiederholt.) Allein selbst Londoner Blätter, wie die „Times", zeigen sich auf einmal schwankend, wenn sie dies auch durch ein gewisses zur Sckau getragenes Er ¬ staunt- und Besorzt-Thun zu verbergen bemüht sind. So schreibt das genannte Blatt: In England werde man erstaunt und erschreckt sein, wenn die englische Regierung den deutschen Vorschlag nicht warm unterstütze. Es sei einfach unfaßbar, daß gerade die englische Negierung sich weigern sollte, einem so gerechten und vernünftigen Vorschläge zuzustimmen; zugleich sei es aber ganz verständlich, wenn man die formelle Antwort auf die deutsche Note etwas Feuilleton. i2j Der neue Tag. Roman von Klara Zahn. Nachdruck rerbolcn. Schluchzend, bewegt von all' den Erinnerungen, hing Anny an seinem Halse, aber zu einer richtigen Aussprache kam cs nicht. Daß Anny's Vater nicht in die Verbindung willigen wollte, daß er barsch und unfreundlich zu Fred gewesen war, verwunderte den Bruder keineswegs, es war ja eigentlich Dasjenige, was er von ihm erwartet hatte. Aber nun, was weiter? Zwei tüchtige, selbstständige Menschen, die sich rechtschaffen liebten, die legten doch nicht schlaff die Hände in den Schooß, wenn es ihr Lebensglück galt! — So zag und schwach hatte er doch Anny nie gekannt, sonst hätte er wohl früher dafür gesorgt, daß ihr Kämpfe erspart blieben, denen sie nicht gewachsen war. Er drang in das Mädchen, ihm den tieferen Grund ihrer Resig nation anzuvertraucn, — vergeblich. Anny konnte und durfte ja auch dem treuesten Herzen nicht des Liebsten verwundete Ehre verrathen. Von dem Rechtsanwalt erfuhr der Oberförster auch nichts weiter, als einige Malicen über Anny's Aufenthalt im Försterhause, und seinen unerschütterlichen Entschluß, der „lächerlichen Idylle", die Anny selbst bald genug bereuen würde, in keinem Falle nachzugebcn. — Verletzt und im Innersten erkältet, reiste der Oberförster heim, und begriff die Welt der Jugend nicht mehr, die keine Initiative mehr hatte und für väterlich warme Zuneigung kein Zutrauen zu geben vermochte. Winter und Sommer waren vergangen und der Frühling wieder im Lande. Bald waren es nun zwei Jahre, daß die Liebenden sich kannten und in langer Trennung verharren mußten. Der Rechtsanwalt war erstaunlich gealtert in diesen zwei letzten Jahren, unsteter und nervöser als je zuvor war sein Wesen und erpreßte Anny manchen heimlichen Seufzer. Die Knaben gewahrten den Geist der Unrast, der über dem Vater lag, nicht so sehr, ihre Schülerpflichien und ihre Kindhcits- freuden in Spiel und Sport, denen sic mit gesundem Eifer huldigten, hielten sie dem Hause meistens ferne. Eines Tages kam Eva Reitzig zu Anny mit einer neuen Botschaft. Sie erwartete Logirbesuch, einen Vctter ihres Mannes, und hatte nicht Athem genug, ihrer vielseitigen Empfindung über dies Ereigniß Ausdruck zu geben. „Aber morgen Abend kommst Du zu uns", bat sie zum verzögere. „Lord Salisbury", sagt das Blatt, „ist mit Recht vorsictitig, wenn es gilt, England in Unrernehmungcu zu verwickeln oder für Vorschläge zu engagiren, deren künftige Entwicklung dunkel ist, ohne dabei erst so weit wie möglich die Absichten und Pläne derer, die uns zur Mitwirkung auf fordern, zu ergründen. DaS englische Volk wird sicherlich der Ansicht zustimmen, die in Bülow's Note ausgesprochen ist, wie auch den darin enthaltenen Vorschlag unterstützen. Doch ist cS immer am klügsten, stets nur einen Schrill zu einer gewissen Zeit zn thun, und es ist sehr wohl denkbar, daß Lord Salisbury in diesem Augenblicke nicht weiter gehen möchte, als was Deutschland jetzt selbst für weit genug hält." Mehr hat überhaupt niemand von Lord Salisbury ver langt, aber eS bat den Anschein, als ob er nicht einmal so weit gehen will, wie Deutschland. Nun, man wird ja bald sehen! Prinz Tuan's Spiel. Prinz Tuan's Pläne treten jetzt offen zu Tage, so sehr die chinesische Diplomatie ihr fein angelegtes Doppelspiel auch im eigenen Interesse zu verhüllen strebt. So kühn und verwegen Tuan's Manöver auch erscheinen, er weiß offenbar genau, was er will, auf welche Kräfte er sich stützen kann, und er glaubt wenigstens, auch seine Gegner gründlich zu kennen. Diese Kcnntniß ist eine einseitige, aber die Ereignisse wenigstens haben bisher ihm genügend Beweise dafür gebracht, daß sie auf zu treffenden Voraussetzungen beruhen. Tuan weiß sehr wohl, daß sein Einfluß am Hose lediglich auf dem brutalen Er folge beruht, und daß selbst die am wenigsten fremdenfeindlichen Würdenträger, so feindlich sie ihm auch persönlich gesinnt sein mögen, doch nur dann und insoweit den Großmächten und deren Forderungen weichen werden, als die Macht der Verhältnisse sie unbedingt dazu zwingt. Wie recht er damit hat, haben wir ge sehen, als Scheng, der eben aus seinem Posten entfernte bis herige Taotai Shanghais, welcher heute mit Kang-yu-wei lieb äugelt und den Schirmherrn der Reformpartei im Dienste Eng lands spielen möchte, seinen, Tuan's, Instructionen gemäß, den Eonsuln der Großmächte und der ganzen civilisirtcn Welt die Schauermären von der Ermordung aller Fremden in den Ge sandtschaften Pekings auftischte. Dasselbe gilt von all' den übrigen als fremdenfreundlich geschilderten Mandarinen, die in kritischen Augenblicken stets entweder Selbstmord begehen oder sonstwie verschwinden, um stets wieder aufzutauchen, wenn man ihrer bedarf, um sich den Schein jener Unterwürfigkeit zu geoen, unter der der Orientale so trefflich selbst die grimmigste Feind schaft zu verbergen versteht. Die Einnahme Pekings hatte genügend Eindruck auf die Kaiserin-Wittwe und ihre nächste Umgebung gemacht, um Tuan's Einfluß für den Augenblick in den Hintergrund treten zu lassen und das Ohr der Kaiserin den Rathschlögen Li Hung Tschang's geneigt zu machen. Der Erfolg der Taktik Li's, die Großmächte zu trennen und sich gewissermaßen unter russischen Schutz zu stellen, genügte aber bereits, um Tuan's Einfluß wieder hcrzustellen. Er brauchte nur der Kaiserin klar zu machen, daß seine Politik im Grunde genommen nichts Anderes sei, als diejenige Li's, nur daß er noch eifersüchtiger als dieser über den Interessen der Dynastie wache und weniger als jener dazu geneigt sei, durch wirkliche oder scheinbare Eompromisse die Zukunft des Reiches zu gefährden. Roch leichter gelang cs ihm, offenbar den stets nur geringen und nur ganz vorüber gehend in Tai-Uan-fu fühlbar gewordenen Einfluß der Vice- königedcsSüdenszu brechen, zumal da diese nicht einmal unter sich einig waren. Er stellte diese gerade so wie Li unter die Aufsicht seiner eigensten Werkzeuge, die ihnen auf kaiserlichen Befehl als Berathcr resp. Delegierte der Kaiserin attachict wurden, und entfernte Scheng, den „fremdenfreundlichsten" aller Schluß, „das darfst Du mir in keinem Falle abschlagen, ich rechne überhaupt auf Dich in dec nächsten Zeit, Du mußt uns Kleinbürger bei dem genialen Herrn herausreißcn, er ist übrigens vielleicht auch was für Dich — ein Künstler!" Anny lächelte nur leise vor sich hin. „Ja so — natürlich!" meinte Eva, „indessen jede Schätzung für Menschengröße wirst Du doch nicht über „Einem" verloren haben?" „Ich hoffe doch nicht", lachte Anny, „aber Du gebrauchst stolze Worte, kleine Frau, kennst Du denn diese „Menschengröße" schon so gut?" „Na ob! — Hab' mir ja zum ersten Male die Flügel daran verbrannt! Weißt Du, er war mein erster Schwarm, d. h. nein, der erste nicht gerade, aber der erste, der etwas fest saß! — Seine gänzliche Unempfindlichkeit gegen meine Wenigkeit hat eigentlich sehr dazu beigetragen, daß ich den Antrag meines Gatten nach seinem Werthe schätzen lernte." „Lästere Dich nicht, Eva. Du weißt ganz gut, daß Deines gutherzigen Gatten unermüdliche, geradezu rührende Werbung um Dich Dein sprödes Herz besiegte." „Ja, damals warb er noch, jetzt hat er's nicht mehr nöthig!" „Na, Du wirst doch nicht einen lebenslangen Troubadour zum Gatten verlangen? Er thut ja Alles, was Du willst." „Ja, Alles, was ich will, das kostet ihn kein Opfer!" „Verwöhnte Frauen sind doch leicht undankbar." „Wärst Du denn mit einem Mann zufrieden, wie der meinige es ist?" „Wenn ich ihn liebte und er mich, natürlich!" „Nein, sieh mal, mein Mann hat doch für manche Dinge Interesse, die über dem Standpuncte des Alltäglichsten liegen, aber meinst Du, er ließe mich theilnchmen? — Nein! Wie oft hab' ich ihn gebeten, wir wollen an Winterabenden zusammen lesen, er hat doch Abiturientenbildung, obwohl er das Geschäft seines Vaters zn übernehmen schon von Kindheit an bestimmt war, und könnte mir Manches erklären, was ich nicht verstehe. Aber da ist er müde und bequem: „Laß doch, Evchen, Dir macht das ja im Grunde gar nichts aus." So ist er." „Ja, Eva, macht's Dir denn auch wirklich so viel aus das Lesen und Verstehenwollen, daß Du Dir dafür die Freistunden Deines Gatten einforderst? Sieh' mal, wem's damit Ernst ist, der geht unermüdlich selbst an solche Beschäftigung des Geistes und ruft erst um Hilfe, wenn er allein nicht weiter vorwärts kann. Wie ich Dich kenne, ist das nicht Dein Fall." „Nein, zugegeben. Aber er könnte mich doch zu „Höherem" führen, es könnten doch Kräfte in mir schlummern, die geweckt zu werden verdienen." . Mandarine, den er durch den selbst unter den Südchinesen best gehaßten Reactionär Tsch eng ersetzte. Diesen Thatsachen gegenüber ist cs gleichgiltig, ob Tuan sich wirklich zum Präsidenten des großen Rathes oder nur zum Groß sekretär ernannte — in beiden Fällen zeigt er sich als Herr der Situation und den Mann in China, in dessen Hände jode Entscheidung, soweit sie überhaupt bei den Chinesen steht, ge legt ist. Durch seine Hände gehen nach wie vor alle Mit theilungen und Eingaben an den Thron, ourch seine Hände alle kaiserlichen Edicte, jede Ernennung, jedes Schriftstück, das über haupt auf den Namen Staatsdocument Anspruch erheben kann. Er ist damit in der Lage, die Kaiserin, wie den an sich schon ohnmächtigen Kaiser völlig zu be herrschen, ihnen die Dinge so darzustellen, wie es seinen eigenen Zielen entspricht, und ihnen seine persönlichen Entschlüsse als kaiserliche Entscheidungen einzugeben. Um jeden Zweifel an diesem Stande der Dinge zu beseitigen, hat er sich rasch ent schlossen, durch eine ganze Reihe von Ernennungen seiner re aktionärsten Gefolgsleute zu den wichtigsten Stellungen im Reiche sich auch die nöthigen Werkzeuge zur Ausführung seiner Pläne zu sichern, ganz unbekümmert um den Eindruck, den diese provokatorische Haltung auf die Großmächte machen könnte. Er überließ Kang-Vi, diesem wüthendsten Fremdenhasser und Henker der Reformer, die Reorganisation im Innern, ernannte T u n g - f u h s i a n g zum Generalissimus der Armeen Nord- Chinas und den Obercommandanten der Boxer, den Prinzen Tschaung zum Mitglieds des großen Rathes. Prinz Tschaung ist jener Mann, der in der angeblich entscheidenden Sitzung des Grossrathes die noch schwankenden Würdenträger überredete, sich der Boxerbcwegung jetzt offen und von Reichs wegen zur Ver treibung der Fremden zu bedienen, und welcher darauf officiell delegirt wurde, um Namens des Kaisers die Gesammtoperationen der Boxer zuzeiten, welche im Uebrigen ihre eigenen Führer be hielten. Dieser absolute Erfolg Tuan's ist offen bar nicht zum Wenigsten durch die Berichte des chinesischen Gesandten in Washing- t o n herbeigeführt, welche mit ihrer Versicherung, Mac Kinley sei durch Wahlriicksichten gezwungen, mit China Frieden zu suchen, gleichviel wer sich dort am Ruder befände, nothwendig, die Kaiserin im Sinne Tuan's beeinflussen mußten. Man ist heute am chinesischen Hose offenbar überzeugt, daß man mit Amerika Tank einiger Scheinzugeständnisse jeder Zeit und mit Rußland auf Grund von Bedingungen Frieden schließen könne, deren Natur der Kaiserin-Wittwe, Li und Tuan bereits bekannt sind, und daß es dann ein Leichtes sein werde, durch passiven Wider stand active Boxcrangriffe und endloses Hinschleppen der Ver handlungen die übrigen Großmächte so zu ermüden, bis sie für eine weitere Spaltung unter sich reif, schließlich sich Einer nach dem Anderen zum Abschlüsse eines billigen Friedens bereit finden lassen würden. „Es drängt sich uns Allen immer mehr die ernste Sorge auf", erklärte ein in London accrcditirter continentaler Diplomat einem Mitarbeiter der „Kabcl-Correspoitdenz", „daß wir langsam der Gefahr einer großen Krisis cntgegensteuern, welche nur die größte Umsicht und die entschlossenste Energie unserer Staatsmänner zu vermeiden wissen wird. Ein baldiger Friedensschluss scheint jetzt aussichtslos, und das führt uns zu dem Auswege der Occu- pations-Sphären mit allen ihren Gefahren." Ter britische Botschaftcrwcchsrl in China. Aus Paris wird der „Internat. Corresp." von diploma tischer Seite berichtet: Die Abberufung des britischen Bot schafters Sir Claude Macdouald von Peking wird auf französisch - russischer Seite als ein Zurückweicken Englands vor gewissen Drohungen des russischen „Fühlst Du Dich unbefriedigt in dem Leben, das Du führst? Genügt Dir die Geselligkeit nicht, die Dich umgiebt, und in der Du doch mit Deiner munteren Laune, mit Deiner goldenen Fröhlichkeit herrschst zu Aller Freude? — Sei ehrlich." „Nun ja, für gewöhnlich bin ich ja ganz zufrieden. Aber wenn ich an Dich denke, wie so ganz anders Du bist, o, wenn ich denke, ich hätte einen geistig höher stehenden Mann geheirathet, dem ich nicht nur eine Puppe war, dann hätte ich auch mehr werden können." Statt einer Antwort fragte Anny rasch: „Weiß Dein Mann, dass Dir sein Vetter einmal „gefährlich" schien?" „Was fällt Dir ein?" lachte Eva. „Hältst Du mich für eine Heroine? Glaubst, ich würde einer andern Mcnschenseele als Dir, und nun gar meinem Mann, sagen, daß es einsichtslose Männer giebt, die für meine Reize keinen Sinn haben? Nein Du, so dumm bin ich nun doch nicht!" „Du freust Dich aber doch auf Deinen Besuch!" — „Na, das ist doch ganz natürlich! Jetzt bin ich verheirathet, bin seine Cousine und des Hauses Wirthin zugleich, da kann ich ihm doch ein bischen zeigen, was er eigentlich an und in mir über sehen hat." „Du hast also die besten Absichten, mit ihm zu kokettiren?" „Natürlich!" „Eva!" „Aber das thäte doch jede einzige Frau in meiner Lage, nur sagen würd' sie's nicht. Dir sag' ich eben Alles, und etwas Böses ist cs doch auch ganz gewiß nicht!" Und bei alledem blickten Evchen's Augen so treuherzig ehrlich, so kindesrcin, daß Anny das Schelten vergass und lachend sagte: „Für Dich ist wirklich Goethe und Shakespeare noch zu schade, Du musst erst mit dem Puppenspielen fertig sein!" „Pfui Anny!" „Ja, Evchen. Aber — wozu Du mich brauchst bei Deiner kleinen Komödie, begreife ich wirklich nicht." „Als Hilfstruppe. Du, sieh mal, das ist doch einfach Ehren sache für mich, dass gerade dieser Vetter nicht von uns fort geht mit dem Stoßseufzer: „Gott sei Dank, die Spießbürgerei habe ich hinter mir!" „Ja, Liebste, ich kokettire doch aber nicht." „Brauchst Du auch gar nicht. Du nicht! Du kommst nur, und Du gefällst." „Nun, lass nur, Schmeichelkätzchen. Das braucht's doch nicht zwischen uns. — Ich komm' schon morgen." „Heureka! — Na, das versengte Herz des armen Vetters! Das ist die Nemesis." Botschafters von GierS bezeichnet. Der Letztere hat wiederholt Beschuldigungen gegen Macdonald nach der Richtung ausgesprochen, daß dieser Anfangs den Plänen der Boxer durch Mittelspersonen Vorschub geleistet habe. In russischen Blättern sind vor Wvcken auch Einzelheiten veröffentlicht worden, welche den Beweis für diele Behauptungen darstellen sollten. Nunmehr aber sind durch die Feder des Pekinger „Times"-Correspon- denten so heftige Angriffe gegen daS Verhalten der Russen in Peking erfolgt, und der „Standard" hat den Feldzug gegen Rußland wegen der russischen Metzeleien in der Mand schurei begonnen, welche Angnffe russischerseits sämmtlich auf Sir Macdonald zurückgeführt werden. Es ist deshalb zu erwarten, daß man von Petersburg aus mit Enthüllungen gegen Macdouald antworten wird, weshalb derselbe es vorzog, so schnell als möglich Peking bezw. China zu verlassen. Weitere Nachrichten: * Washington, 26. September. Ein Telegramm des Generals Chaffee aus Peking vom 2l. d. M. besagt: „Ich bot Li-Hung- Tschang eine Begleitmannschaft aus Tientsin an, die er ablehnte. Das Land ist vollkommen ruhig." * Wie», 26. September. Die „Wiener Abendpost" meldet aus Po la: Tas sich zur nahe bevorstehenden Abreise nach der Südsee und Ostasien rüstende Torpedojchisf „Leopard" wird sich nach Erfüllung seiner Mission in Guadalcanar in dem Salomon- Archipel dem österreichisch-ungarischen Escadre-Commando in Ost- asien zur Verfügung stellen, um die im Stabe und unter den Mannschaften Les Escadres entstandenen Lücken auszufüllen. Das selbe wird die Corvette „Donau" nach ihrer Ankunft in Ost asien thun. (Wiederholt.) * Petersburg, 26. September. Dem Generalstab ist heute ein genauer Bericht des Biceadmirals Alexejew über die Einnahme der Peitang-Forts zugegangen. Nach demselben betrugen die Ver luste auf russischer Seite: 4 Mann todt, 4 Osficiere und 36 Mann verwundet. General Zerpitzky erhielt eine leichte Verwundung am Kopfe. Nach der Einnahme Peitangs wurde eine Cavallerie-Ab- theilung nach Norden abcommandirt, um die Stadt Lutai zu über rumpeln und zu nehmen, was vollständig glückte. politische Tagesschau. * Leipzig, 27. Se ptember. Vor einigen Jahren konnten, mußten wir von der Er öffnung eines Berliner WaarcnhauscS, desjenigen des Herrn Wertheimer, als von einem reichshauplstädtischen Ereignisse berichten. Dieser Riesenverkaufshalle fügt sich bereits ein der Vollendung entgegengebender gewaltiger Neubau alsErgänzung an. Aber nicht daS ist eS, was die Berliner jetzt interessirl. DaS Stadtgespräch, nicht etwa nur die Unterhaltung der Müßig gänger und Gaffer, wird beherrscht von der mit vielem Pomp und eindringlichen national-ökonomischen Empfehlungen in Scene gesetzten „Einweihung" eines neuen Universalbazars, der — äusserlich wenigstens, über daS Geschäftliche erlauben wir uns kein Urtheil — die erste Berliner Nachahmung der Pariser und der amerikanischen Waarcnhäuser übertrumpft. Ueber die Anlage mögen die Berliner Blätter nach Herzenslust berichten. Zur Kennzeichnung der volkswirthschastlichen Bedeutung des neu entstandenen Polypen sei hier nur mitgetheitt, was uns unser Berliner S2-Lorrespondent darüber schreibt: „Der Bau Und mit übermüthigem Lachen huschte die kleine, blonde Lacerte davon. Sinnend sah Anny iHv nach. „Ich werde doch Acht geben auf sie, es ist nicht gut, daß Kinder mit dem Feuer spielen." Dann gedachte sie der Klagen des unverständigen jungen Geschöpfes. Wie jung war sie doch ihr gegenüber, obwohl sic gleichaltrig waren! Das Leben hatte eben noch keine Marksteine in ihren Weg gestellt und so dauerte ihre Kinderfröhlichkeit und Kindesunverantwortlichkeit fort. — Konnte das immer so bleiben? Und hatte sie ein Recht, die seelische Förderung der Freundin zu beschwichtigen und sie, die Leichtbestimmbare, dem verflachenden Leben zu überlassen? — Was aber hätte sie ihr Besseres dafür bieten können? Mit jedem Schritte aufwärts entfernte sich Eva mehr von ihrem Gatten, der nur enge Lebensbezirke kannte und nicht mit ihr in die Weite konnte. —"Dann würde sie die Fesseln spüren, die die Ehe zu drücken vermag, und sich mit ihrem raschen Geiste wund und müde flattern. Armes Evchen! — Was an mir ist, das will ich gerne beitragen, daß Dir so schweres Leid ferne bleibt. — So dachte Anny. Zunächst aber hatte sie nicht die mindeste Ursache, Frau Eva Reitzig zu bedauern. Sie strahlte und glühte vor innerer Freude. Schon der erste, stutzende Blick, den Vetter Franz auf sie warf bei seinem Eintritt in ihr Haus^ hatte ihr gesagt, daß ihre Er scheinung ihn angenehm überraschte. Er hatte um einiger Studien willen Nürnberg ausgesucht, und es war ihm will kommen gewesen, in dem reichen Hause seines Vetters einen un gestörten Aufenthalt für einige Wochen nehmen zu können. Dass ihn ir2endwelchr anderen Reize in der wunderbaren Stadt fesseln könnten, als diejenigen, die er in ihren architektonischen Schönheiten suchte, hatte er keineswegs geglaubt. Sein Vetter stand ihm innerlich fern, doch schätzte er ihn um seiner behag lichen Gutmllthigkeit willen, und seine junge Frau, deren er sich aus ihrer Mädchenzeit noch ein wenig erinnerte, schien ihm die Verkörperung der plattesten Alltäglichkeit. Er meinte, daß sie für die Zeit seines Nürnberger Aufenthaltes ihm ein bequemes Hausmüttcrchen sein würde, der er seine persönliche Ungebunden heit leicht mit einer Düte Bonbons und ein paar Blumen sträußchen abhandeln könne. Ihr Anblick überraschte ihn. Was war aus dem kleinen, blonden, schwatzhaften Mädel geworden? Ein feines, zierliches Weib stand vor ihm, deren schmales, weißes Gesichtchen ganz beherrscht war von den lachenden, leuchtenden Augen, die mit dem Blondhaar zugleich alle Sonnenfunken ein- zusaugen schienen, die in ihre Nähe kamen. Dazu diese weiche Grazie der lieblichen Gestalt, die noch durchaus mädchenhafte
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