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Erscheint wöchentlich drei Mal und zwar Dienstag, Donnerstag und Sonnabend (Vormittag). AbonnementSpreiS beträgt vierteljährlich l Marl 20 Pf. pr«uuwaranäo. AMiM für Inserate werden bi» spätestens Mittags des vorhergehenden Tages deS Erscheinens erbeten und die CorpuSspaltenzeile mit w Pf., unter „Eingesandt" mit 20 Pf. berechnet. Zwönitz und Umgegend. Amtsblatt für den Stadtgemeinderath zu Zwönitz. lH Sonnabend, den 21. September 1878. 3. Jahrg. Tagesgeschichte. Berlin, 19. Sept. In der heutigen Kommissionssitzung für das Sozialistengesetz brachte Abg. Lasker zu 8 l den Antrag ein: „Ver eine, welche durch soziale Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bezwecken, oder in welchen sozial demokratische, auf den Umsturz der bestehenden Staals- und Gesell schaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden oder die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten, sind zu verbieten." — Ein weiterer Antrag LaSker's be zweckt die Ueberweisung deS Kassenbestandes der genossenschaftlichen Kassen an eine besondere Administration unter Erhaltung der ur sprünglichen Zweckbestimmung, anstatt der im Entwürfe vorgeschlagenen Ueberweisung an die Ortsarmenkassen. — Abg. Hänel beantragt Zu satzbestimmungen zu Z 130 des Strafgesetzbuchs, wodurch Vereine und Bestrebungen gegen die Staats- nud Gesellschaftsordnung, wie sie 8 1 des Entwurfes kennzeichnet, ohne sie jedoch auf die Sozialisten partei zu beschränken, unter Strafe gestellt werden. — Minister Eulen burg sprach im Laufe der Debatte gegen den Hänel'schen Antrag und hielt die Definition des 8 1 für genügend, erklärte aber, einer besseren Fassung nicht entgegenlrelen zu wollen. Der Antrag LaSker's sei diskutirbar. Berlin. Dem Reichskanzler ist von Lederfirmen das Gesuch zugegangen, für den Centner ausländischen Leders einen Eingangs- Schutzzoll von 36 Mark einzuführcn. Berlin. Nachdem am Sonnabend Abend das Comitee für die Wilhelmspende von dem geschäftsführenden Ausschüsse Bericht über die Sammlung entgegengenommen, erfolgte, wie das „D. M.-Bl." mittheilt, am Sonntag Mittag die Uebergabe der Spende an den Kronprinzen. Das Comitee war sehr zahlreich vertreten, an seiner Spitze erschien Graf Moltke, ferner Graf Eulenburg-Prassen, Freiherr v. Forckenbeck, Bürgermeister Duncker, der Präsident der Sechandlung, Excellenz Biller. Die Uebergabe erfolgte in einem Depositenschein über 1,800,000 Mark, welche in der Seehanblung deponirt sind. Die Zahl der Geber beziffert sich auf 11,500,000, die der mit Beiträgen vertretenen Gemeinden auf 75,000. Die Audienz des Comitees beim Kronprinzen währte nahezu eine halbe Stunde. Im Bahnhöfe Marburg in Steiermark ereignete sich dieser Tage eine grauenhafle Scene. Die mit dem Agramer Zuge anlangenden türkischen Gefangenen wurden auswaggonirt, um gespeist zu werden. Während dieselben nun in Reih' und Glied aufgestellt waren, stürzte plötzlich ganz unversehens einer der Gefangenen, ohne daß eine äußere Veranlassung dazu gewesen wäre, auf einen Soldaten von der Be- gleitungSmannschaft, warf denselben zu Loden und begann ihn an der Kehle zu würgen. Sofort eilte» einige andere Soldaten herbei und versuchten zuerst, den Türken von dem Soldaten hinwegzuziehen, doch dieser ließ sein Opfer nicht los, und trotz der Gahonnclstiche, die ihm an Arm und Füßen versetzt wurden, würgte er dasselbe so lange fort, bis der unglückliche Soldat vollständig lobt war. Die ganze schreckliche Scene hatte keine zwei Minuten gekauert; der Türke, über und über blutend, wurde sofort auf eine» freien Platz nächst dem Bahnhofe ge führt und dort angesichts seiner Mitgefangenen erschossen. Vor seinem Tode erklärte er, daß er habe sterben wollen, ehe er jedoch ins Jen seits ging, wollte er noch einen Giaur umS Leben bringen; jetzt sei er befriedigt. Bosnien. Kriegsgerichtliche Verurlheilungen und Hinrichtungen sind jetzt in Serajewo an der Tagesordnung. ES ist unmöglich, die Zahl der Hingerichteten anzugeben, denn am Tage der Einnahme von Serajewo wurden Viele erschossen, die man gar nicht zu den Hinge richteten zählt. Man bekommt von den Soldaten mitunter erschüt ternde Tinge zu hören. Vielen gefangenen Insurgenten wurde bloS gesagt: „Halte Dir die Augen zu" — und im nächsten Momente durchbohrten fünf bis sechs Kugeln die Unglücklichen. Jetzt aber geht Alles durch das Auditoriai. Die Zahl der in Folge kriegsgerichtlicher Urthrile Hingerichteten beträgt schon weil über dreißig, und auf noch dreimal bis viermal so viel Todesurtheil soll leider Aussicht sein. Den Hinrichtungen sehen immer viele Civilistcn zu und hierbei ist es unmöglich, die Schadenfreude der slavischen Bevölkerung nicht wahr zunehmen. Es herrscht die allgemeine Ansicht, daß eine Rasse der bosnischen Bevölkerung verschwinden müsse. Heute ist es kaum mehr zu bezweifeln, daß die türkische Rasse dem Untergange geweiht ist. Die Bosnier sind im Denunciren nicht faul. Die zum Tode Ver« mtheilten legen eine außerordentliche Ruhe an den Tag. Manche gehen dem Tode freudig entgegen. Eine bejahrte Türkin ging jüngst, ein den Tod verherrlichendes frommes Lied singend, auf den Richt platz. Das Verbrechen dieses Weibes, das man ausnahmsweise er schoß, bestand darin, das es nach der Einnahme der Stadt auf offener Straße zwei Schüsse gegen einen Obersten abfeuerte, die aber nicht trafen. Ein anderer Gefangener erbat sich unter dem Galgen als letzte Gnade, daß man ihn sein Gebet verrichten lasse. Man gewährte ihm die Bitte und brachte ihm Wasser. Er wusch sich und das Ge sicht gegen Osten gewendet, verrichtete er sein Gebet, worauf er ge henkt wurde. Das Nachrichtergeschäft wurde anfangs von Soldaten betrieben und die Leute rissen sich förmlich nm dieses Amt. Lokales und Sächsisches. — Die vorgestrige Nummer des „Dresdner Journals" enthält eine Bekanntmachung des LandtagsauSschusscS zu Verwaltung der Staatsschulden, betreffend die Kündigung des gesammten Nestes der auf den Staat übergegangenen fünfprocentigen Prioritätsanleihe vom 1. März 1866 der vormaligen Leipzig-Dresdner-Eisenbahn-Compagnie, beziehentlich die Umwandlung derselben in eine vierprocentige Staats schuld. Darnach hat das K. S. Finanzministerium unter verfassungs mäßiger Mitwirkung des Landtags-Ausschusses für Verwaltung der Staatsschulden beschlossen, die betreffenden in der Bekanntmachung mit Nummer» aufgeführten rückständigen 5°/» Schuldscheine zum 2. Januar 1879 auf einmal zurückznzahlen, und macht dies als eine Auf kündigung zur dann zu erfolgenden Erhebung der Beträge nebst Zinsen öffentlich bekannt, wenn nicht die Inhaber eine Umwandlung in 4°/o Papiere vorziehen. Dresden, 15. September. Das den Soldaten gegenüber erlassene Verbot des Besuchs einer Anzahl hiesiger öffentlicher Locale, welche seither verwiegend von Sozialdemokraten zur Abhaltung ihrer Zu sammenkünfte benutzt wurden, fängt bereits an, die beabsichtigte Wirkung zu äußern. Eine geschlossene sozialistische Parteiversammlung, welche gestern im Colosseunr abgehallen werten sollte, konnte nicht stallfinden, weil der Wirlh das Local verweigerte. Am 24. Mai d. I. machte» bekanntlich in Chemnitz einige Herren die Welte, daß eine am Abend des genannten TageS daselbst zur Post gegebene Korrespondenzkarte die weile Reise um die Welt in 120 Tagen zurücklegen könne. Der Absender war ein Herr Lud wig Ploß. Die Karte gelangte vorgestern Mittag 1 Uhr in die Hände des Hrn. Ploß in Chemnitz. Sie war an nur 5 Adressen mit der Bitte um Weiterbeförderung gerichtet gewesen, nämlich nach Alexan drien, Singapore, Pokohama, San Franzisko, New-Aork und von da zurück nach Chemnitz gerichtet. Zwickau, 19. September. Heute wurde der Handarbeiter Friedrich Albert Anger auS Crimmilschsu, welcher sich beim hiesigen Königl. Bezirksgericht wegen versuchten TodtschlagS, verübt an seiner Ehe frau, in Untersuchung und Haft befand, in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Glauchau, 17. September. Dem wegen Gotteslästerung hier verurtheilten „Handelsschuldirector" Klemich auS Dresden, welcher nebst seinen gleichfalls verurtheilten Genossen einstweilen aus der Haft entlassen wurde, hal'S im hiesigen Gefängniß ganz gut gefallen. In der „Dresd. Volkszeitung" veröffentlicht dieser Mann der „sinnlosen Phrase" eine förmliche Danksagung an den Herrn GertchtSdirector Bollert und den Gefängnißinspeclor Riedel, sowie an die Gefangen- Wärter Landrock und Blechschmidt für deren humanes, theilnehmendtS