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von der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und der Ukrainischen Sowjet republik eingesetzten Tripolje-Expedition zu danken. Diese, unter der zentralen Leitung von FrauT. Passek und E.Kricevskij stehend, hat in zehnjähriger, zum Teil durch den Krieg unterbrochener Forschungsarbeit umfangreiches neues Material ergeben, das erstmalig eine Entwicklung von drei Perioden innerhalb der Tripolje- kultur erkennen läßt 3 * 5 ). Bedingt durch das Fehlen größerer Schichtenfolgen in der Ukraine mußten die strati- graphisch weit günstigeren Verhältnisse des Balkans zur Datierung herangezogen werden. Die auf dem Umwege über die Stationen Izvoar, Cucuteni, Erösd, Tordos, Vinca und Bojan-A erreichte Festlegung der untersten Grenze der Tripoljekultur in den Beginn des 3. Jahrtausend entspricht der Präcucuteni-Stufe bei Milojcic 6 ). Eine weitere Aufgliederung in eine auch als Vortripolje-Stufe bezeichnete Früh periode bis 2700, eine mittlere 2700—2100 und eine späte Periode 2100—1700, muß als ein vorläufiger Versuch gewertet werden. Die in der sowjetischen Archäologie im Vordergrund stehende Siedlungs- und Wirtschaftsforschung ist bei den Feldarbeiten der Tripolje-Expedition sowohl in ihrer komplexen Durchführung als auch in ihrer wissenschaftlichen Exaktheit vor bildlich gewesen. Ihre Ergebnisse haben einen wesentlichen Beitrag zur richtigen Interpretation der den einzelnen Entwicklungsstufen entsprechenden Wirtschafts- und Sozialformen geliefert. Erstreckte sich das mesolithische Siedlungsgebiet meist entlang der Flußläufe, so beginnt bereits im frühen Neolithikum eine Verlagerung des Siedlungsschwer punktes auf die weiten Schwarzerdeflächen der pontischen Steppen. Mit dem Übergang vom Sammler und Jäger zum Pflanzer und Viehzüchter veränderte sich von Grund auf die wirtschaftliche Struktur der alten Gesellschaft. Die Annahme Hancars 7 ), daß dieser für die Herausbildung der Tripoljekultur ausschlaggebende Prozeß durch das regelmäßige Einernten der auf den Steppenböden reichlich wachsen den Wildgräser vorbereitet wurde, ist vom Standpunkt der ethnologischen Wirt schaftsforschung nur zu unterstreichen. Sehr wahrscheinlich bildete die in mehreren Fundorten nachgewiesene Hirse (Rispenhirse) den Hauptbestandteil der pflanzlichen Nahrung. Wie stark aber noch weiterhin der Anteil der Jagd- und Sammelwirtschaft war, zeigen die im gebrannten Lehm häufig erhaltenen Abdrücke von Wildfrüchten (Eicheln) sowie die zahlreichen Muschelhaufen und das osteologische Material. Dessen Untersuchung in der am Dnestr gelegenen Frühtripoljesicdlung Luka Vrubleveckaja ergab, daß etwa 50% der aufgefundenen Knochenreste Wildtieren angehören 8 ). Unter ihnen nehmen Hirsch, Reh und Wildschwein die erste Stelle ein; dann folgen Bär, Fuchs, Marder, Dachs, Wolf, Wildkatze, Luchs, Iltis und zuletzt kleinere Nagetiere (Hase, Biber, Eichhörnchen), Wildgänse und verschiedene Fischarten. Die Aufzählung der hier einst lebenden Jagdtiere, deren Artenreichtum weit größer als in der Gegenwart ist, deutet zugleich auf eine ursprünglich stärkere Bewaldung des westukrainischen Gebietes. In der gleichen Station konnten bis auf das Schaf alle im Neolithikum bekannten Haustiere nachgewiesen werden. Die Zahl der 3) T. S. Passek, Periodisacija Tripolskich poselenii, in Materialy i issledo.vanija po archeologii SSSR Nr. 10, 1949. Diese ausgezeichnete Arbeit über die Periodisierung der Tripoljesiedlungen gibt einen umfassenden Überblick über den neuen Stand der Forschung und wurde vom Verfasser als wichtigste Quelle benutzt. 6) V. Miloji, Chronologie der jüngeren Steinzeit Mittel- und Südosteuropas, Berlin 1949, vgl. bei liegende chronologische Tabelle. Obwohl Milojcic die eigentliche Tripoljekultur nicht berücksichtigt, ist sein Versuch einer absoluten Chronologie der verschiedenen balkanischen Lokalkulturen auch für die Ukraine von entscheidender Bedeutung. 7) F. Hanar, Die Ausweitung unseres Geschichtsbildes durch die sowjetische Urgeschichtsforschung, in Blick nach Osten, Jg. 2, Wien 1949, S. 37. 8) S. N. Bibikov, Domanie i dikie zivotnye iz poselenija Luka-Vrubleveckaja, in Kratkie soobenija Instituta istorii materialnoj kullury XXXII, 1950, S. 57ff.