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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 08.03.1905
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-03-08
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050308011
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905030801
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905030801
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-03
- Tag 1905-03-08
-
Monat
1905-03
-
Jahr
1905
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(S. den Artikel.) * In der baltischen Schiffswerft und dem Ar senal ist, wie aus Petersburg gemeldet wird, die Arbeit von neuem eingestellt worben; die Administration bat die Anstalten geschlossen, bis die Arbeiter solidarisch sich wieder melden. (S. d. Artikel.) Ziegd-Mer Mir. Es gibt eine auchpolitische Zeitschrift, deren Namen wir in dankbarer Schonung Versclsiveigen wollen, weil wir ihr schon so manche vergnügte Viertelstunde ver danken. Diese Zeitschrift ist fast die einzige Vertreterin einer völlig ungetrübten politischen Komik und bekannt lich wirkt Komik dann am stärksten, wenn sie mit einem unerschütterlichen Ernst und jener tiefen Uebcrzeugung von der eigenen Superiorität vorgctragen wird, die den betr. Politikern so eigen ist, wie dem seligen Haushof meister Malvolio. Die Zeitschrift widmet jetzt dem Grafen Bülow einen Artikel, der bestimmt ist, dem Lianzler den üppig blühenden Lorbeerkranz zu flechten, der seinem Haupte bis jetzt immer noch versagt geblieben war. Der Volksgedanke, so wird ausgeführt, verbindet in Erinnerung an den Helden der Freiheitskriege mit dem Namen Bülow „den Begriff des Sieghaften" und bis jetzt ist, so meint der Autor, Gott lob dieses Volks empfinden nicht enttäuscht worden. Wir haben in den letzten Jahren manchen Versuch erlebt, mittelgroße Ge stalten ins Heroische zu verzerren. Manche unpassenden Superlative l)aben wir vernommen. Im Prokrustes bett der Pietät oder der patriotischen Selbst- bespiegelung ist gar manchem künstlich eine Hauptes länge angesetzt worden, aber es stand noch aus, den Grafen Bülow als den „Sieghaften" anzusingen. Wir haben hier vor kurzem die politische Lyrik der „Kreuz zeitung" beleuchtet, aber wir müssen gestehen, daß die Jamben des Landrats von NoSll noch übertrumpft wor den sind. Da hören wir, daß der „Februardoppelsieg zu einer großen Wendung der inneren Lage geführt habe." Ist es nicht eine wahrhaft erstaunliche Leistung, die Einheimsung des Kanaltorsos als einen Sieg zu bezeichnen? Wird man denjenigen als großen Bau meister preisen, der sich vermißt, einen Palast zu errich ten, und eine Baracke an die Stelle setzt? Nennt man den Begründer einer Laubenkolonie einen Städtebauer? Wenn Graf Bülow ein Lob verdient, so ist es dies, dah er die Niederlage der Regierung als einen Sieg aufzu putzen vermocht hat. Was die große Wendung der inneren Lage betrifft, von dec gefabelt wird, so wollen wir zunächst einmal die Erfahrungen der nächsten Mo nate und Jahre auf uns wirken lassen. Wir fürchten leider, daß alles beim Alten bleiben und Zentrum auch wie bisher Trumpf sein wird. Die starke und zuver lässige nationale Mehrheit, welche angeblich jetzt er standen ist, hat sich, unmittelbar nachdem die Handels verträge eingebracht waren, bereits verflüchtigt. Die Kunst des Reichskanzlers, die hier in einer Gegenüber stellung gegen Bismarck gerühmt wird, besteht doch schließlich in weiter nichts, als daß er mit etwas mehr Geschicklichkeit und Geschmack arbeitet, als die Herren Studt und Möller aufzuweisen haben. Wenn dann gesagt wird, Bismarck habe die Knoten durchhauen, Bülow löse sie wieder auf, so muh hierzu korrigierend bemerkt werden, dah Bülow überhaupt an staatliche Probleme noch nirgend selbständig heran getreten ist. Seine ganze Politik beruht darin, die Tinge laufen zu lassen und die schlimmsten Spitzen heikler Situationen mit diplomatischem Geschick umzu biegen. Es wird dann Wetter entdeckt, daß Graf Bülow sich zu Bismarck verhält, wie Moltke zu Gneiscnau. „Moltke begnügte sich, in der eroberten Stellung des Feindes zu schlafen, Gneisenau rastete nicht, bevor er den Gegner vernichtet wußte. Ter eine begnügte sich mit der Niederkämpfung, der andere erstrebte die Zer- reibung." Es ist nicht zu leugnen, daß die Auffassung, die der Verfasser von diesen vier Persönlichkeiten sich erworben hat, eine durchaus eigenartige ist. Die Darstellung würde selbst auf die strcmmeschlossenen Lippen des greisen Moltke ein humoristisches Lächeln gezaubert haben; denn es ist wirklich zu drollig, von diesem Manne, der die Vernichtung des Gegners mit einer nie dagewcsenen Bewuhtheit erstrebt hat, zu be haupten, er habe die Notwendigkeit der Verfolgung unterschätzt oder gar nicht erkannt. Allerdings — Graf Bülow erfährt nicht so viel persön liche Gegnerschaft wie Fürst Bismarck. Uns wäre es lieber, er wäre der bestgehaßte Mann und wiche Entschei dungen und Kämpfen minder geschickt aus. Graf Bülow -er Sieghafte dürfte in die größte Verlegenheit kommen, wenn er auch nur einen einzigen Sieg der letzten Jahre angeben sollte. Ein Blick auf unsere aus wärtige Lage genügt wohl, um solche dreisten Derhim- melungen in das richtige Licht zu rücken. Angesichts unserer Situation, die wirklich den hartgesottensten Optimisten nachdenklich stimmen muß, ist es tragikomisch zu hören, daß wir „dem Auslande das Kopfzerbrechen überlassen wollen, ob mehr Glück oder mehr Genie des Reichskanzlers uns dazu verhalfen habe." Wir unter schätzen die Qualitäten des Grafen Bülow keineswegs, aber gegen Liese Glorifikationen auf Kosten eines Bis marcks, muß man doch entschieden Einspruch erheben. Und das ist auch der Grund, wes'halb wir uns überhaupt mit diesem unbeabsichtigten Ulk befaßt haben. Vie stririz in siurttanü. Die tage in Petersburg. Von den Blättern weisen, wieder „Voss.Ztg." gemeldet wird, „Ruß" und „Slowo" auf die gewaltige, der Gesellschaft bevor- siebende Aufgabe bin. „Slowo" meint, unmöglich könnten das alte System von Lüge, Willkür und Betrug und die Männer, die Port Arthur verschuldeten, d. h. die Bureaukratie, zur Lösung dieser Ausgabe verwendet werden. „Ruß" folgert aus der Verleihung deS PetitionSrechtS die Notwendigkeit des Bersammlungsrechtö und der öffentlichen Besprechung politncher Fragen. Einstweilen liege die Ausgabe, zeitgemäße Petitionen vorzubereiten, bei den Semstwos. Nach einer Petersburger Depesche des „L. A." ist fast in sämt lichen Fabriken Petersburgs die Arbeit abermals eingestellt worden, düich da^s, Arsenal und die bal- riscve Schiffswerft streiken. Die Administration der Werft lündigte an, daß ihre Fabriken so lange geschloffen bleiben, bis eine solidarische Erklärung der Arbeiter erfolgt, daß sie die Arbeit wieder ausnehmen wollen. Bis dahin wird kein Lohn ausgezahlt. Vom Finanz minister wird bekannt gegeben, daß die Anordnung über die Normierung des Arbeitstages und der Feiertagsruhe bereits ausgearbeitet sei und im nächsten Monat zur end gültigen Formulierung dem Reichsrat zugeheu werde. Graf Sslsky. Wie aus Petersburg gemeldet wird, beauftragte der Zar den Staatssekretär Grafen SolSky, den Vorsitz in den Versammlungen des Ministerrats zu führen, bei denen er nicht persönlich den Vorsitz übernimmt. Selbst durch diese mehr technische Aenderung durste die Be deutung von Wittes Präsidium im Minifterkomitee herab gemindert werden. I« Eadz. Nach einem Telegramm aus Lodz ist die Fabrik PoSnanSki geschlossen. Mehr als 8000 Arbeiter wurden entlassen. Wegen des Schließens der Fabrik werben antisemitische Unruhen befürchtet. Eine in den Garten der Fabrik Silber stein geworfene Bombe zerstörte nur die Fensters cheib en. 20 Personen, die beschuldigt werden, Schüler ausgewiegelt zu haben, wurden verhaftet. Au» den anderen Gouvernements. AuS den Gouvernements Moskau, Kaluga und Kursk treffen Nachrichten ein, wonach die Konservativen bei den Bauern Unterschriften sammeln für eine Petition zu gunsten der Fortführung deS Krieges bis zum letzten Atbem- zuge und der Beibehaltung der Autokratie. — Nach einem Telegramm aus Batum wird allein in den Werken von Mantalchew gearbeitet. Die Arbeiter der Kisten fabrik von Bnito sind nicht zufriedengcstellt. Di: Fabrik schlug Löhne nach den Lohnsätzen vor dem Ausstande vor; ohne diese abzulchnen, hallen die Arbeiter weitere Be ratungen ab. Während der Unruhen am Sonntag wurde das eiserne Reservoir von Schulz L Zimmermann von einer Kugel durchlöchert. ver tllttizcb-japanirche Fr! eg. Die Veveutuug einer Räumung Mukdens in taktischer, wie in strategischer Hinsicht wird von einem Mitarbeiter des „H. Korr." in nachstehendem Ausblick gewürdigt: Noch ist. das gigantische Ringen um die Hauptstadt der Mantschurei nicht entschieden; man kann sich wenigstens aus Len Berichten über die zahlreichen Ge fechte auf der viele Kilometer langen Schlachtlinie noch kein in km Details zutreffendes Bild von der gegen wärtigen Sachlage machen, weil die meisten Namen der Dörfer und Stellungen in den Karten nicht aufzufindcn sind. Im Osten und Süden haben die wilden und verlustrcickn Angriffe der Japaner zur Räumung einer Anzahl von Ortschaften durch die Russen, aber bisher nicht zu einem entscheidenden Erfolge geführt und die russische Hauptstellung ist vorläufig noch nicht er schüttert. Aber vom Westen her droht große Ge fahr, denn hier sind die japanischen Angriffslinien bi nahe an die Straße von Mukden nach S i n m inting vorgedrungen und wenn es Kuropatkin nicht gelingt, sie von hier entweder direkt oder durch einen Sieg aus einer anderen Stelle des Schlachtfeldes zurückzutreiben, so wird er leine Stellung zweifellos nicht halten können. Der russische Feldherr lxtt sich bei Liaojang als Mcistcr des Rückzüge- bewährt, und vielleicht gelingt e- ihm auch jetzt, einer Katastrophe durch rechtzeitige Maß nahmen und ausgiebige Verwendung seiner Kavallerie vorzubeugen. Aber die Gefahr ist offenbar 'heute sehr viel größer für ihn als bei Liaojang, denn die japa nischen Vortruppen bedroben seine Rückzugs- linie in weit höherem Maße als dort unten; in den sechs Monaten seit jener Septemberschlacht, in denen nicht ein einziger kleiner Erfolg den russischen Truppen beschieden war, hat ihr militärischer Geist und ihre Hoff nung auf einen endlichen Sieg Lurch die Nachricht vom Falle Port Arthurs und von der Vernichtung der Flotte wahrsck-einlich noch eine weitere schwere Einbuße er litten; endlich istTjeling, die nächste größere Stadt bei einem Rückzug nach Norden, als militärischer Stützpunkt mit Mukden nicht zu ver gleichen. Auf diese Weise kann sich ein Rückzug der Russen von Mukden taktisch sehr leicht zur verhängnisvollen Nieder- läge gestalten. Vom strategischen Standpunkte aus aber lxtt sich ihre Lage jetzt schon auf das bedenklichste ver schlechtert, denn die überaus wertvolle Ver bindung mit Sinminting, dem Endpunkte der chinesischen Eisenbahn, ist fortab nicht mehr für die Heranschaffung von Zufuhren aller Art zu be nützen, und damit ist die bisher noch übrig gebliebene einzige Möglichkeit einer Entlastung der Eisenbahn endgültig geschwunden, wäh- rend andererseits die Japaner nicht zögern werden, die Zufuhrmöglichkeiten von Sinminting aus auf das äußerste auszunützen. Die Hauptarmee im Westen in schwerer Bedrängnis. Wladiwostok im Osten jeden Augenblick des Be ginnes einer Belagerung gewärtig, zu Hause schlimme Streiks und eine drohende revolutionäre Bewegung: so sieht der A n fa n g des zweiten Kriegsjahres für Rußland aus, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird dessen weiterer Verlauf noch einen ungleich schlimmeren Zusammenbruch für die russische Macht mit sich bringen, als die Welt es im ersten Jahre erleben mußte. Der Ariegsberlchterstatter des „Journals", Na-udeau, telegraphierte, wie den Pariser De peschen des „B T." zu entnehnren ist, gestern nachmittag 4 Ul,r o »s n .r k b n „Die beider: feindlichen Armeen, jede vertreten durch ihre Elite, die Japaner Lurch die Bataillone von Port Arthur unter Nogi, die Russen vertreten durch die sibi rischen Korps des Generals Kaulbars, haben sich heute eine gigantische Schlacht ge liefert. Das Schlachtfeld befand sich neun Kilo meter von Mukden entfernt. So weit das Auge reichte, sah man nur das Blitzen der Batterien und die Explosionen der Schrapnells. Die sibirischen Korps nahmen Taschenkaa, 14 Kilometer von Mukden, auf der Straße nach Sinminting, das den Schlüssel zu den japanischen Positionen bildet. Ob auf diese ersten Erfolge morgen weitere folgen, muß dahingestellt werden. Vorläufig ist die Situation noch unverändert. Man kann Len Augenblick vorher sehen, wo die Japaner es bereuen könnten, ein allzu kühnes Manöver gewagt zu haben, und dieser Augenblick steht nahe bevor." Deutsches Kelch. Leipzig, 7. Marz. * Herr Barclay, der Friedensfreund. Bekanntlich ist in Herrn Thomas Barclay ein gefährlicher Konkurrent für Frau Berta von Suttner erstanden. Herr Barclay will den Frieden noch stürmischer als die Wiener Baronin und nickt zum wenigsten auf seine Bemühungen soll eS zurück- zuführen sein, wenn eS der englisch-französischen Diplomatie gelang, die unleugbare Abneigung der beiden Nationen zu überwinden und sie zu einer Entente zu verbinden. Als Herr Barclay dieses unerwartete Resultat sah, hätte er sich eigentlich fragen müssen, ob dadurch das Ziel deS ewigen Friedens etwas näöer gerückt worden sei. ES gibt viele Kenner der inter nationalen Politik, die gerade daö Gegenteil glauben und Herr Barclay wäre wieder einmal ein „Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und nur das Böse schafft". Aber wahr scheinlich ist er allen Ernstes der Ansicht, der ja auch unser Reichskanzler Ausdruck gegeben hat, daß die englisch französische Vereinbarung ihre Spitze nicht gegen Deutsch land richte. Idealisten genießen daS Vorrecht, naiv zu sein. Indessen scheint sich der Blick de- Friedensfreunde- erheblich geschärft zu haben, denn er hat in Pari- erklärt, er habe sich in Berlin davon überzeugen können, daß ein internationales Syndikat zum Zwecke der geschäftlichen Ausnutzung kriegerischer Verwicklungen bestehe. Will H rr Barclay es vermeiden, daß man ihn für einen Phantasten erklärt, so wird er nicht umhin können. Nähere- über diese angeblich internationale Verschwörung auSzusagen. Man könnte sonst doch an seinen guten Absichten irre werden. Denn natürlich wird man ,m Auslande darauf Hinweisen, daß Berlin das Zentrum dieser Bestrebungen sei, man wird die» höchst charakteristisch finden und in der Behauptung de- Herrn Barclay einen neuen Beweis dafür erblicken, daß die deutsche Reichs- Hauptstadt die strategische Basis der Bolk-verhetzung sei. Un möglich kann durch die Mitteilung de- Herrn Barclay der Friede gefördert werden, im Gegenteil, sie wird zu den un sinnigsten Insinuationen gegen Deutschland willkommenen Anlaß bieten. Darüber konnte sich der Apostel kaum im Zweifel sein und er hätte also im Iutereffe der guten Sache bester getan, den Zaun der Zähn« nicht zu öffnen, da e- aber einmal geschehen ist, wird man fordern wüste«, daß Herr Barclay nun da« Srinige tut, um di« Leute zu entlarven, dir gewinnsüchtig und erwerb-mäßig an der Fabrikatioa von Erisäpfeln arbeiten. Wir sind gespannt daraus, ob irgend ein« tatsäch liche Angabe zutage tritt oder ob der Frieden-freund bereit- an fixen Ideen leidet. Angenehm ist für «n- di« sogenannte Enthüllung de- Herrn Barclay jedenfall- nicht. Sie bestätigt die Auffassung, die wir von vornherein vertreten haben, daß eS bester gewesen wäre, diesen augenscheinlich nicht sehr urteilsfähigen Menschenfreund nicht al- den Verkünder einer neuen Aera zu feiern. * Ueber den politischen Charakter de» deutschen Zen trums hat dre„CivitL cattolica" kürzlich einen Aussatz ver öffentlicht. Unsere ultramontane Presse gibt den Inhalt großenteils wieder, indem sie bemerkt, daß sich „die An sichten aller (Ultramontanen natürlich!) im großen und ganzen mit den darin ausgesprochenen Gedanken Lecke n". Es ist nun einiges höchst inter essant, was die „Civftä cattolica" mit bemerkenswerter Offenheit über den Charakter des Zentrum- zum Besten gibt. Gleich der Eingang: „Immer mehr rücken die Völker einander näher; die Bindeglieder der zivilisierten Staaten mehren sich, das Gesetz des Fortschrittes will den Staatsbürger aus den engen Grenzen seiner Heimat herausheben und zum Weltbürger machen, ein Umstand, der not wendig jeden veranlaßt, die Lebensbedingungen anderer zu studieren. Eine lokale, natio nale katholische Bewegung wird bald gewesen sein, und an deren Stelle eineeinheitliche, weltumfassendeStel- lungnahme der Katholiken erstehen, und Las über kurz oder lang." Deutlici)er kann man die internationalen Grund lagen des Ultramontanismus und der ihm anlxrngenden Zentrumspartei wohl kaum aufdecken. Hier ist mit dürren Worten als Ziel der ultramontanen Organi sation eine die Grenzen der nationalen Staaten überschreitende universelle klerikal - politische Machtentwickelung hingestellt. Welche Gefahren eine solckze Politik für die Selbständigkeit der Völker, insbesondere für die Bewegungsfreiheit und das Selbstbestimmungsrecht des konfessionell gespaltenen dcutsck-en Volkes in sich schließt, ist klar. Denn es liegt auf der Hand, daß „eine einheit liche, weltumfassende Stellungnahme der Katho liken", -sowie die anempfohlene Rückkehr eines großen Teiles der Deutschen zum „Weltbürgertum" nur aus Kosten der nationalen Kraftbctätigung und Bewegungs freiheit erfolgen könnte. Bezeichnend ist dann der Ton. in welchem das römische Blatt über die Zeit der Reichs- gründung spricht, in der bekanntlich auch das Zentrum entstand. Es war nach ihm die Zeit, „wo das pro testantische Preußen Siege feierte über das katholischenOe st erreich und Frankreich". Dann heißt es weiter: „In Deutschland trug kein katholisches Haupt die Kaiserkrone mehr, wie ehedem; nicht zuletzt war es der Sieg über Frankreich, der den altenGroll gegen die katholischeKirche wieder aufleben ließ, so daß es als Ideal angesehen wurde, die römische Kirche unterzukriegen und dem in- falliblen Papst zu Rom den invin- ziblen zu Berlin entgegenzu st eilen." Eine nette Auffassung des deutschen Kaisertums! Man hört aus diesen Zeilen deutlich genug das Be dauern heraus über den Gang der neueren Geschichte, über das Schlachtenschicksal, welches seine Gunst „ketze- zeri'chen Waffen" zuwanLte. Nachdem der Artikel schreiber dann noch festgestellt hat, daß „das Zentrum stets seinen katholischen Ccharakiter be wahrt habe, in Prinzip, Tätigkeit, Kampf und Sieg, frei von jeder Nachgiebigkeit", daß es sich „eins wisse mit Nom, dem Episkopat, mit Klerus und Volk", auch daß es keine bloße „Laienpartei" sei und „stets in Fühlung mit der Kirche bleibe", daß infolge der Wirksamkeit des Zentrums „die katholische Kirche trotz einer heterodoxen (andersgläubigen) Uebermacht in Deutschland Position gefaßt, wie nirgends in den beiden genannten Staaten" (nämlich Italien und Frankreich), so Hal er noch den traurigen Mut. den Beweis liefern zu wollen, daß das Zentrum trotz alledem keine konfessio nelle, sondern eine „wahrhaft politische" Partei sei. Es ist dies natürlich ein vergebliches Bemühen, und der gute Mann hat selbst -das Gefühl, daß seine Behauptung als ein „Wortspiel" erscheinen und „geradezu paradox" klingen werde. Wir können mit Gemütsrukv binzusetzen: sie „scheint" nicht nur so und „klingt" nicht nur paradox, sondern ist in vollster Wirklichkeit ein Unsinn! * Ter HauSfriede der liberalen Wäylerversammlnng. Ein politischer Prozeß von allgemeinem Iatereste fand beute vor dem Reichsgericht seinen Abschluß. Es bandelte sich um ein Urteil deS Landgerichtes Königsberg i. Pr. vom 26. Mai v. I., durch welches acht Anbänger der sozialdemo kratischen Partei wegen Hausfriedensbruches verurteilt worden sind und zwar der Arft Dr. A 'red Gottschalk zu zwei Monaten, der Bureaugebülse He, mann Linde zu 1 Monat, ferner der Redakteur Karl Marckionini, der Maler Artur EriSpien, der Bureaugehülfe Rudolf Weck, der Schuh macher Ludwig Schwan, der Tischler Ferdinand Will und der Maler Franz Hellström zu je zwei Mocken Gefängnis. Vor der Abgeordnetenwahl hatte der Stadt- verordneteuvorsteher Kroue eine Versammlung derjenige« Wähler, welche den von den vereinigten liberale« Parteien vorgeschlagenen Kandidaten zu wählen geneigt waren, für den 2. November 1903 nach dem großen Saale der Bürgerreffource einberufen. Herr Krone merkte an jenem Abend sogleich, daß etwa zwei Drittel der La- wesende« au- Sozialdemokraten bestand, machte be ¬ kannt, daß ihm sür diesen Abend da- Hau-recht in dem Saale zustehe und forderte die Anhänger anderer al» der liberalen Parteien auf, da« Lokal zu verlassen. Dr. Gottschalk rief darauf: Sie gehe« von falschen Voraussetzungen au». Nachdem Herr Krone noch mehrere Male seine Aufforderung wiederholt hatte, sprang Dr. Gottschalk auf einen Stuhl oder Tisch, brachte ein Hoch auf die Sozialdemokratie au- und stimmte die Arbeiter-Marseillaise an, welche von de« Sozial demokraten mit-rsuagrn wurde. Nachdem ein größere-
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