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622 ohne Haltpunkt und ohne feste Richtung. Der konstanteste Charakter dieses Schlafes und seiner Erscheinungen ist die Veränderlichkeit. Wechselnd, wie der Zufall, nimmt das magnetische Faktum jeden Augenblick eine andere Gestalt an. Die Bilder, die das erstemal mit Erfolg heraufbeschworen wurden, ent ziehen sich einer zweiten Erscheinung. Nichts ist normal in dieser Dämmerung, wo Alles sich halb zeigt und dann verschwindet. Der Magnetismus ist nur eine Ebbe und Fluth von Schatten und Lichtern, die sich beständig in einer unerfaßbaren Ferne durchkreuzen. Der Schlaf, den er auf die Augen der da mit Behafteten bringt, ist eben so unsicher; eine Reise in diesem dunklen Walde des Somnambulismus ist ein sich Vertiefen in jene phantastischen Wälder Albrecht Dürer'S, wo man nur sich bewegende Formen und schwankende Reali täten sicht. Auf allen Geheimnissen der Zukunft, die der Magnetismus zu be rühren wagte, ruht dieselbe Ungewißheit, dasselbe Dunkel. Die oft angetastcte Sphinr läßt wohl hier und da einige Bruchstücke ihres Geheimnisses fallen, aber um sie sogleich wieder, wie eine halb entschlüpfte Beute, in ihren Rachen zurückzunehmen. Obwohl wir nun so mit der Akademie der Medizin die überwiegenden Gründe anerkennen, die einer Entscheidung über diese Materie vorläufig noch in den Weg treten, obwohl wir einsehen, wie viel Problematisches eine Wissen schaft an sich hat, die bis auf diesen Grad in die Nebel des Wunderbaren und das Reich des Scheins verstrickt ist, so müssen wir doch erklären, daß unsere Ansicht in mehr als einer Beziehung eine dem Magnetismus günstige ist. Wir glauben, daß hier ein realer Inhalt zu Grunde liegt. Diejenigen, welche ein wenig tiefer in die Wissenschaft vorgedrungen, find Alle auf einen finstern Brunnen gestoßen, in dem man tausend Jahre lang hinabsteigen kann, ohne seinen Grund zu finden. Es steckt ein Mysterium hinter dem Leben; warum könnte der Magnetismus nicht eine Seite dieses Mysteriums seyn) Uebrigens ist unser halber Glauben an diese außerordentliche Welt weniger auf Vernuft- schlüsse als auf eigene Erfahrung begründet. Diese umwälzenden, unmöglichen Thatsachen, wir haben sie mit eigenen Augen gesehen, wir haben sie berührt, wir haben sie mehrere Male selbst hervorgebracht. Auch find wir nicht der Einzige, der öffentlich für diese „Thorheiten" austritt; vie Doktoren Huffon, Georget und Rostan haben dasselbe gethan, und eS heißt gewiß sich in guter Gesellschaft befinden, wenn man mit diesen Männern auf einer Seite steht. Man wird uns die Ansicht der übrigen Aerzte entgegenstellen, aber damit ver hält es sich in Wahrheit so. Die Aerzte haben meistentheilS zweierlei Ansichten über den Magnetismus, eine öffentliche, die sie schreiben und in ihren Vorle sungen anssprechen, und eine Privat-Ansicht, die sie für sich behalten oder nur einer kleinen Anzahl von Freunden mitthcilcn. Die erstere ist dem Magnetis mus feindlich, die andere ist für ihn. Wir haben diese Geständnisse von meh reren sehr bedeutenden Aerzten erhalten. Wenn man ihnen dieses zweizüngige Benehmen vorhielte, so würden sie mit Fontenelle antworten: „Wenn ich die Hand voll von Wahrheiten hätte, ich würde sie nicht öffnen." Einige andere große Geister, die der Wissenschaft fremd find, schenken zwar nicht jedem einzelnen magnetischen Phänomen unbedingten Glauben, halten aber ihre Eristenz nicht für unmöglich. Folgendes Faktum des natürlichen Somnambulismus ist uns von Herrn LamennaiS mitgetheilt worden, der es selbst von Herrn Martin de Noirlieu, dem gegenwärtigen Pfarrer an der Kirche St. Jacques, ehemaligen Lehrer des Herzogs von Bordeaux, gehört hat. Die Frau eines alten Soldaten, der jetzt Huisfier der Pairskammcr im Lurcmbourg ist, ging bei Tage mit ihrer zwölfjährigen Tochter über den Börsenplatz. Dieses Kind bat die Mutter, den Weg nach der Passage der Panorama s ein zuschlagen und bei Felir einzutreten, um daselbst Kuchen zu essen. Die Mutter gewährte cs. Als sie im Laden war, ließ sie ihren Handschuh fallen und bückte sich, um ihn aufzuhcben. Indem sie sich wieder aufrichtete, fühlte sie eine Männerhand leise unter ihren Shawl schlüpfen. Erschrocken kreuzte Madame ihre Arme über den Busen, um das Portrait ihrer Mutter, woran sie ihren Mantel befestigte, zu beschützen ; dann in der Meinung, daß dieser Laden für den Augenblick nicht sehr sicher scy, zahlte sie, ohne etwas zu sagen, und ging hinaus. Kaum hatte sie einige Schritte auf dem Boulevard gethan, als sie, um die Stunde nachzuschen, ihre Uhr suchte und sie nicht fand; die Uhr war von Gold mit einer gleichen Kette. Sehr betroffen über diesen Verlust, sann sie über die Mittel nach, sie wieder zu bekomme». „Vielleicht", dachte sie bei sich, „ist meine Uhr nicht verloren; meine Hand hat die des Diebes berührt; es findet jetzt ein Rapport zwischen ihm und mir statt; ich hoffe, das ich in meinem anderen Zustande die Mittel finden werde, ihn zu entdecken." Unter diesem anderen Zustand verstand sie einen hellsehenden Somnambulismus, welcher bei ihr auf natürliche Weise während des Schlafs cintrat. In der That sprach sie folgende Nacht zu ihrem Manne ganz laut folgendermaßen: „Ja, ich sehe den, der mich bestohlen ; es ist ein junger Mensch : cr heißt. . .., wohnt Rue de la P ..., Nummer ....; cr gilt in dem Hause als Arbeiter. Ich sehe, cr ist erst bei seinem zweiten Diebstahl; sein erster war ein Regen schirm " Der erstaunte Mann merkt sich sorgfältig diese Details. Am anderen Morgen begab er sich nach jenem Hause der Rue de laP ...; der Portier bestätigte die Worte der Somnambule; ein Arbeiter dieses Namens, der gegen wärtig in Arbeit war, wohnte wirklich in diesem Hause, wo man ihn sür ehr lich hielt. Erfreut über den Erfolg seiner ersten Schritte, schrieb der Mann an das verdächtige Individuum folgende Zeilen: „Sie haben gestern in der Passage der Panorama s, bei dem Konditor Felir, um zwei Uhr Nachmittags, meiner Frau eine goldene Uhr mit der Kette genommen; cin Paar Tage vorher hatten Sie schon einen Regenschirm gestohlen. Es stände in meiner Gewalt, Sie der Polizei anzuzeigcn; aber da ich Sie im Diebstahl noch nicht sehr verhärtet glaube, so ziehe ich es vor, mir Schritte, die mir und Ihnen unangenehm seyn müssen, zu ersparen. Ich verspreche Ihnen also, Sic nicht wcitcr zu beunru higen, wenn Sie morgen Vormittag meinem Portier die bewußten Gegenstände zukommen lassen." Namen und Adresse waren hinzugefügt. Am anderen Morgen wurde vor der bezeichneten Stunde eine versie gelte Pappschachtel, welche die Uhr und die Kette enthielt, bei dem Thürhütcr niedergelegt. Einige Wochen nach diesem Abenteuer fängt dieselbe Somnambule an zu lachen; man fragt sie nach dem Grund. „Mein Dieb", antwortet sie, „macht mir Spaß. Er glaubte nicht an die Zusage meines Mannes; er fürchtete, man habe ihm eine Falle legen wollen. Er ist ausgezogen und hat einen ande ren Namen angenommen. Ich sehe, daß er jetzt in einem Faubourg wohnt (wobei sie auch Straße und Nummer angab). In seiner neuen Wohnung nennt er sich Jean .... Man hält ihn auch hier für einen Arbeiter." Der Mann wiederholte seine Nachforschung, und mit gleichem Erfolg wie das erste mal. Der junge Dieb hatte in der That Namen und Wohnung geändert und fand sich unter seiner neuen Maske in dem bezeichneten Hause wieder. Es wurde ihm ein zweiter Brief geschrieben: „Sie hatten Unrecht, dem Verspre chen, das ich Ihnen gegeben, nicht zu trauen. Sie brauchten nicht zu entflie hen, denn es war nicht meine Absicht, Sie anzuzeigcn. Ich beschwöre Sie nur aus Interesse für Sie, ja nicht länger ein so gefährliches Gewerbe fort zusetzen. Sie werden leicht ein anderes von ehrbarerer Art finden. Wenn Sie meinen Rath mißachten, daun werde ich mich gcnöthigt sehen, Ihnen zu schaden, und Sie verfolgen, wo Sie auch seyn mögen." Dieser neue Brief blieb ohne Antwort. Wir wissen nicht, was der in seinem Handwerk noch wenig geübte Dieb von dieser geheimnißvollen Beaufsichtigung sich denken mochte, welche die Hellsichtigkeit der Sicherheitsbrigade weit hinter sich ließ. Ein ausgezeichneter Advokat am Königlichen Gerichtshof in Paris hatte sich in eine Abendgesellschaft begeben. Man überlegte, wie man sich zerstreuen wolle. Karten spielen ist weder neu, noch sehr zauberhaft; einer sprach von Magnetismus. Es war gerade in dem Salon ein junger Mann, der sich zu seinem Vergnügen damit beschäftigte. Man bat ihn, seine Kunst an einer der anwesenden Personen zu erproben. Er wählte ein achtzehnjähriges Mädchen, das ihre gebrechliche und nervöse Constitution angeblich für magnetische Ein wirkung besonders empfänglich machte. Das Mädchen schlief ein. Einige Ungläubige zweifelten noch an dcr Echtheit des Schlafs, als die Unglückliche ganz laut die indiskretesten und fle selbst im höchsten Grade bloßstellenden Reden zu führen anfing. Es scheint, das magnetische Band war nicht das einzige, das diese Somnambule mit ihrem unbesonnenen Magnetiseur verband, und daß sie schon seit längerer Zeit in Rapport mit einander standen. Jeder von den Anwesenden verwünschte innerlich die Neugier, die ihn zu einer solchen Herzensergießung herbeigeführt, oder that wenigstens so. Die Männer nahmen ihre Hüte, die Frauen machten ihre Tücher um, und Alle zogen sich aus Zartgefühl, Einer nach dem Anderen, zurück. Der Salon war bald leer. Als die arme Person die Augen wieder aufschlug und in ihren gewöhnlichen Zustand zurückkchrtc, sah sie sich nur von Einsamkeit umgeben; sie merkte bald den doppelten Fehler, den sie begangen. Dieses Faktum ist uns von dem oben genannten Zeugen mitgetheilt worden. Offenbar hat diese Somnambule ihre Rolle nicht in eigennütziger Absicht so gespielt, da sie selbst diese Sitzung schwer zu büßen hatte; man kann nur den Magnetismus für diese traurige Scene verantwortlich machcn. Ein Seminarist von Bourges, der sehr einfältig und in weltlichen Dingen unerfahren war, wurde von einem uns befreundeten Arzt fast ohne sein Wissen magnetisirt. Dieser erkannte in seinem Subjekt eine Neigung, zu reisen; cs giebt eine Fähigkeit, die gewissen Somnambulen eigen ist, sich an die Orte zu versetzen, die man sie durchwandern heißt. Unser Magnetiseur schickte ihn also nach Paris, vas der Seminarist noch nie gesehen. Bald hörte man naive Ausrufungen: Welche schöne Stadt! welche Straßen! welche Läden, welcher Glanz! Es war acht und cin halb Uhr Abends. Als das erste Staunen deS Somnambulen beruhigt war, gebot ihm der Magnetiseur, sich nach den Boule vards zu begeben und in das Theater cinzutrcten, welches an ein großes Thor von Quadersteinen stößt. Der Seminarist weigerte sich entschieden: „Ich will nicht, mein Gewissen verbietet es mir, es wäre eine tödtliche Sünde; ich bitte Sic, schicken Sic mich nicht ins Schauspiel." Da der Magnetiseur sah, daß der Widerstand sehr stark war, und daß cr ihn nicht ohne Gefahr würde über winden können, so trat cr mit seinem Subjekt in Unterhandlung: „Gut, gehen Sie nicht nach der Portc-Saint-Martin, aber folgen Sie mir in das Theater der komischen Oper; hier ist Konzert ; der Papst selbst dulvet in Rom die Jta- liänischcn Sänger." Diese und einige andere Gründe schienen die Skrupel deS jungen Seminaristen zu beseitigen; cr drang, ohne etwas zu bezahlen (wir machen die Administration auf diesen Mißbrauch aufmerksam), in das Innere des Saals. Die Erclamationcn wiederholten sich: „Ach, welch' schöner Saal! welche Menge! Pfui, wie diese Frauen nackt sind! welche Toiletten! ich bin ganz geblendet. Ich muß fort von hier. Satan entfaltet hier seine ganze Pracht." Dcr Magnetiseur bewog ihn dagegen, zu bleiben und recht auf merksam zu seyn. „Der Vorhang hebt sich", rief dcr Somnambule; „ich höre Menschen, welche singen; welche Stimmen, welche Töne! es ist das Paradies! Eine Frau! .... das ist die Hölle. Ach, wie schön sie ist, wie sie singt! Bringet mich weg von hier, ich könnte närrisch werden." Den zweiten Tag daraus berichteten die Pariser Journale, die nach BourgeS kamen, daß diesen Abend Julia Grisi in der Norma auftrat. Ein anderer Arzt (denn die Aerzte gleichen in Bezug aus den Magnetismus jenen Archidiakonen des Mittelalters, welche die Zauberer verbrennen liessen und dabei selbst die kabbalistischen Künste im Geheimen trieben) zeigte »»»einen stummen Somnambulen, dcr in diesem Zustand eine Reihe von sehr komplizir- tcn Handlungen ausführte. Ein Schneider, seinem Gewerbe nach, fädelte er