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begriffen, begannen einen neuen Angriff. Drei Stunden laug wüthete der Kampf am Fuße des St. Loup; aber Talbot, der den Seinigen zu Hülfe kam, wurde von dem Marschall Boussac zurückgehaltcn, und es gelang Johannen endlich, das Fort zu erstürmen. Man machte fast keinen Gefangenen; die Besatzung wurde, der Fürbitten der Jungfrau ungeachtet, größtentheils nieder gehauen, und eS gelang ihrer Frömmigkeit, nur einige Wenige, die in der Kirche Saint-Loup Priesterklcider angelegt hatten, vom Tode zu retten. Am folgenden Tage, den 5. Mai, wurde das Fest der Himmelfahrt Mariä gefeiert; man dachte an keinen neuen Ausfall, sondern widmete den ganzen Tag öffentlichen Dankgcbeten. Johanna ermahnte die Soldaten zur Buße und befahl, daß sich keiner ihrem Banner anschlicßen möchte, ohne erst ge beichtet zu haben. Ihre Stimme schien ihnen den Willen des Himmels zu verkündigen, und zum erstenmal vielleicht kamen wahr empfundene, obgleich nicht immer ehrerbietig ausgcdrückte Worte des Gebets über die Lippen dieser rohen Krieger. So hat man ein Gebet des tapferen La Hire aufbewahrt, welches er kur; vor der Schlacht hielt: „Gott! ich bitte Dich, heute das für La Hire zu thun, was Du ihn bitten würdest für Dich zu thun, wenn er Gott und Du La Hire wärest." Denselben Nachmittag hielten die Feldherren einen Kriegsrath, zu welchem sie Johanna nicht einluden; ein Beweis, wie wenig sie an ihre Sendung glaubten. Sie beschlossen, die Englischen Bastillen am südlichen Ufer anzu greifen, da diese die schwächsten waren und die Verbindungen mit der Pro vinz Berri abschnitten. Johanna gab nach einigem Widerspruch ihre Ein willigung und passirte am folgenden Morgen, in der Begleitung La Hirc's und anderer Anführer, den Fluß, wo sie, ohne die Verstärkungen abzuwarten, den Angriff gegen die Bastille «les ^ngusrins begann. Die Engländer leisteten hartnäckigen Widerstand und jagten, von der Garnison des Forts St. Jcan- le-Blanc unterstützt, die Franzosen in die Flucht. Die Jungfrau wurde zuerst durch die Fliehenden fortgcrissen, wandte sich aber bald wieder gegen die Feinde, und als diese die vermeinte Zauberin mit emporgehobenem Banner auf sich zuschreitcn sahen, so eilten sie in ihre Verschanzungen zurück. Unter dessen wurden die Franzosen durch frische Truppen verstärkt, die Bastille «les aLugusnus wurde mit Sturm genommen, die Besatzung niedergehauen und ras Gebäude den Flammen übergeben. Bei dieser Gelegenheit wurde die Jung frau am Fuße verwundet. (Fortsetzung folgt.) Luther und Calvin vor dem Richterstuhle der Französischen Kritik. Herr Audin hat jetzt auf seine Histow«- «le I.ntber, die vor zwei Jahren erschien, eine Ilistnire «le llslvm folgen lassen, die sich eben so wie das erste Werk durch gründliche historische Forschungen auszeichnet. Dessenungeachtet aber läßt sich dieses Buch nicht mit so großem Vergnügen lesen, wie die Lliswire «le Gurker. Die Geschichte Luther's von Audin ist zu gleicher Zeit ein wissenschaftliches und unterhaltendes Buch; die Geschichte Cal vin's von demselben Verfasser ist nur ein geschichtliches Buch, ein gutes Werk mit religiösen Controbebsen. Die Ursache, warum das erste Werk ein größeres Interesse gewährt, als das letzte, liegt nicht an Herrn Audin, son dern an dem Unterschiede des Gegenstandes. „Der Reformator Luther", heißt es in einer uns vorliegenden Fran zösischen Kritik, „ist durch seine Eigenschaften ein volksthümlicher Charakter, einer von jenen großen Männern, die sich in dem Gedächtnisse und der Phan tasie der Völker ein ewiges Denkmal errichten, und deren Lebensgeschichte ein nothwendiges Interesse und eine Sympathie erregt, der die größten Feinde ihrer Ansichten nicht zu widerstehen vermögen. Man kann gegen die theolo gischen Fragen gleichgültig seyn; ja, man kann den kühnen Gegner, ich möchte fast sagen, den muthigen Besieger des Römischen Katholizismus hassen; aber man kann dem armen Kinde des armen Bergmannes, das singend von Haus zu Haus um Almosen bittet und das, als berühmter Mann und Freund der größten Fürsten, sich immer mit Dankbarkeit der guten Dame erinnert, die seinen frommen Gesängen täglich einen freundlichen Blick und ein Almosen gab, seine Thcilnahme nicht versagen. „Und wenn der demüthige Sächsische Mönch, der Sohn des armen Berg mannes, ganz allein der Kirche Roms den Krieg erklärt, durch nichts Anderes unterstützt, als durch seinen Glauben und seine begeisterte Kühnheit, bewun derst du ihn da nicht? Und fühlst du dich nicht von einer tiefen Regung er griffen, wenn der aufrührerische Mönch, als er zum Reichstage nach WormS abreist, wo ihn vielleicht der Scheiterhaufen des Johannes Huß erwartet, das wundcrhcrrliche Lied, dessen Musik und Tert er improvisirt hat: „Ein' Veste Burg ist unser Gott!" donnernd anstimmt? Luther gehört der ganzen Menschheit an, deren herrlichstes Produkt er ist. Er ist nicht bloß Thcolog; er vergießt fromme Thränen unter Schmerzen; er empfindet eine entzückende Freude für das Glück, welches Gott ihm schickt; und bei Tische singt der Vater der Reformation, umgeben von seiner theuren Katharine, von seinen kleinen Kindern und von seinen ernsten Schülern, mit lauter Stimme und ohne zu fürchten, der Welt ein Aergerniß dadurch zu geben: „Wer nicht lieb! Weib, Wein und Tang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang." Ganz verschieden von dieser Charakterisirung Luther's ist das Gemälde, welches derselbe Französische Kritiker von Calvin entwirft. „Calvin", sagt er, „gleicht als historische Person Luthern in nichts; dieser ist ein Volksheros, jener nur ein Seklirer. Calvin kann in seinem ganzen Leben nichts thun, als argumentiren, predigen, dogmatisiren und hassen; er kann weder singen, noch lachen, weder weinen, noch lieben; seine Begeisterung hat keine andere Quelle, als den Stolz; sein Glaube kein anderes Prinzip, als ein unbedingtes Ver trauen in die Unfehlbarkeit seiner prädestinirten Vernunft. Sein Gott ist der todte Buchstabe der Schrift, die von einem Juristen erklärt wird, seine Reli gion ein Gesetzbuch, sein Kultus die Heuchelei. In dem ganzen Leben dieses Reformators findet man keine Handlung, die vom Herzen ausgeht, kein Wort, das die Phantasie beschäftigt, kein Gefühl, das bei Anderen eine zärtliche Regung erweckt; man findet nur das Gesetz, die Verpflichtung, den Zwang und das Raisonnement, aber niemals die Liebe. Calvin lehrt Gott nicht lieben, sondern fürchten; denn der Gott Calvin's ist der härteste, unbeug samste Herr, und der Priester hat sich bemüht, seine Seele nach dem Bilde seines Gottes zu formen." °) Mannigfaltiges. — Mustersammlung Deutscher Prosa. Von Mistreß Sarah Austins in diesen Blättern bereits erwähnten Englischen Uebersetzungcn Deut scher Prosaisten (kraxmon» ok Oermsn ?rn8« Weilers) ist in New-Jork ein sehr eleganter Abdruck erschienen. Kritiker und Künstler, Novellisten und Ge schichtschreiber, Dichter und Philosophen finden sich in diesem Buche auf über aus geschickte Weise zusammengestellt, so daß jeder Geschmack etwas zu seiner Befriedigung findet, weshalb auch in England sowohl als in Nord-Amerika der Uebersetzcrin viel Beifall zu Theil geworden. Inzwischen kann cS nicht fehlen, daß auch Manches, was die Ehre der Auswahl nicht verdient hätte, in dem Buche sich findet. Die Kupferpfennige sind in einer reichen Literatur noth wendig in größerer Anzahl als die Goldstücke, und nicht immer ist des Aus länders Ange geübt genug, um den Werth aller Münzen genau zu kennen. Wer jedoch künftig im Ausland eine Arbeit dieser Art veranstalten will, dem sind jetzt die Mittel dazu ungemein erleichtert durch die treffliche Mustersamm lung Deutscher Prosa, deren erster Theil so eben von Gustav Schwab her ausgegeben worden °°) und die von 160 Schriftstellern über 220 Mitthcilungcn enthalten wird: „das Mährchen, die Sage und Erzählung neben der histo rischen Darstellung, der Biographie und Schilderung: die Betrachtung, Ab handlung und Rede neben dem Brief und dem Gespräche; das Idyll und die Parabel neben der Satire und der zwanglosen und humoristischen Form der Gegenwart; kurz alle Erscheinungsweisen Deutscher Prosa in einer Mannig faltigkeit, wie sie die chronologische Folge der Verfasser am natürlichsten hervor brachte." Wir unsererseits können die Schwabsche Sammlung, die sich über dies durch große Wohlfeilheit bei eleganter Ausstattung bemerklich macht, als ein überaus reichhaltiges, sittlich, sprachlich und literarisch belehrendes, so wie in jeder Beziehung unterhaltendes Werk empfehlen. — Ein Gothaischcs Manuskript in England. Herr I. F. Stan ford hat „Ausflüge in Thüringisch Sachsen" hcrausgegeben, deren Mittel punkt die Städte Gotha und Koburg sind, so daß das Ganze wohl als eine dem Prinzen Albert dargebrachte Huldigung zu betrachten ist. °°°) Was man jedoch in diesem Buche unter seinem Titel kauin suchen dürfte, ist die Korrespon denz Friedrich's des Großen und Voltairc's mit der Herzogin Louise von Gotha, gebornen Prinzessin von Meiningen, eine Korrespondenz, von der auch in Deutschland kürzlich Mehreres veröffentlicht worden, die hier aber zum erstenmale „nach gestatteten Abschriften aus den Herzoglichen Archiven" -f) vollständig mitgetheilt wird. Diese Briefe, obwohl nur eine Zugabe, sind jedoch die Hauptsache an dem Buche, das ohne dieselben wohl schwerlich ein so großes Publikum gefunden hätte, als das Buch bereits zu haben scheint. Eine zweite Zugabe zu des Herausgebers Briefen aus Thüringen und Tage- buchs-AuSzügcn ist ein Abriß der Geschichte der Herzoglichen Familien Sach sen-Koburg und Gotha, von der Zeit Ernst's des Frommen bis auf unsere Tage. Diese historische Zugabe hat allerdings auch ein allgemeines Interesse für England, dessen regierendes Haus jetzt so innig verwebt mit dem Hause Koburg-Gotha ist, daß dort die künftigen Generationen diese Namen stets mit denen Braunschweigs und Hannovers zusammen nennen werden. '1 Diese Strenge der Französischen Kritik gegen den dogmatisch strengen Calvin ist selbst zu einer Art von Dogma gcwordcn, ohne Rücksicht aus die vielen grollen GeisteS-Eigen- schäften des Reformators, der unter Anderem als Bildner der Französischen Sprache säst eben so hock steh,, wie Lutbcr als Bildner der Deuts.ben. Ja einem Anikel über den Kalvinismus, den Lerminier im neuesten Hefte der kevue üo« «teux hkauües bei Gele genheit einer kritischen Anzeige der kürzlich vvm Bibliopdilcn Iacob berauSgegebcnen Fran- zöstschen Schriften Calvin'» mittheilt, spricht er sich in gleicher Weise verurteilend über Calvin ans, wie es in den vorstehenden Bemerkungen geschieht. ") Die Deutsche Prosa von MoSdeim bis aal unsere Tage. Eine Mustersammlung mit Rücksicht auf höhere Lehranstalten herausgcge en von Gustav Schwab. Erster Theil. Dou MoSdeim bis Wilhelm von Humboldt. — Stultgart sLiesching) iE. "') kambla« uuel Kvsoarvbvs in U'inn lnnnnn 8nxanv. Uv S. lle. 8taukorü, Hk. — I.on U nn 1842. ch) « nninli permissinu kram tbo kkuoal ^rcinve«. HcrauSgegtbeu von dcr Expedition der Allg. Preuß. SiaatS-Zcitung. Nidigirt von I. L'chmann. Gedruckt bei stl. TL. Haon.