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342 am Kleinliche» ist er gescheitert. Er bat nicht bloß das Drama über tragen, sondern auch den Shakespeareschen Styl, in seinen Malen und Flecken abkonierseien wollen; sogar mit den Wortspielen, mit den gespitz ten Einfällen, mit den Eoncelli, und was sonst noch vom Jlaliänisch gezierten Conversalionston am Hose der jniigfräulichen Elisabeth Mode war, sogar damit hat er sich und seine Zuhörer gequält. Da saß das Pariser Parterre und Halle den beste» Willen, spcrrlc Auge» und Oh ren aus und — sah die Tragödie schwerfällig sich vorüberschleppev. Es ist zu fürchten, daß nicht bloß Alfred de Vignv als dramatischer Dich ter, sondern auch Shakespeare an jenem Abend im Hiöutro kranysi« zu Grabe getragen worden. Vielleicht waren unter den Zuschauern keine zehn, die nicht beim Herausgehen den Ducis bei weitem schöner und rührender sanden, als den Shakespeare; so übel hatte de Bigny diesem bei den Franzosen gedient. Weux vauclrait uu «azo enaoun, — sagt Lafontaine i» der Fabel. Dieses erste Mißgeschick hätte dem Dichter zur Warnung gerei chen sollen, sich weiter mit dem Theater einzulassc». Aber der Himmel mag wissen, was für eine Bezauberung tas hölzerne Viereck hinter dem Vorhang, Bühne genannt, auf die gebrechlichen Geschöpfe, die Dichter, ausübt, daß sie gar nicht davon lassen können, sondern immer von neuem darau aulaufen und zerschellen wie Glas. In allen anderen Künsten geben sich die, welchen cs gar nichl glücken will, endlich zur Sinhe, gehen beiseit und packen ein. Ei» Redner, dem Niemand zu- bört, ein Maler, dessen Bilder Niemand anstehl, ist am Ende srob, wenn er in den schützenden Schatten der Vergessenheit zurückschlüpseii kann. Ein Dichter, wenn er lange genug sich allein vorgesuiigen, ver liert endlich die Lust; zwar verwünscht er im Stille» den Ungeschmack, die Uchmpsänglichkcit dec Welt, in die er verstoße» ist — aber er hört doch auf. Nur die Dramatiker, dieses Geschlecht ist gar nicht adzu- schrccken, gar nicht zu ermüden; cs kennt nicht Furcht noch Neue. Einmal die Bühne betreten, ist an Umkehr nicht zu denken; blindlings vorwärts treibt es sic; zehnmal gestürzt, raffe» sic sich zehnmal wieder auf, sic müssen'S bis zu Ende durchmacheu. Man betrachte Victor Hugo: was er schreibt, ist trefflich, wobigeraihcn; was er auf die Bühne bringt, schlägt ihm schmählich fehl, — und doch ist er versessen auss Theater und will kein Buch mehr schreiben. So auch de BiznY: erst schreibt er einen Roman, der allgemeine und gerechte Bewunderung arndtel; dann bringt er ein Drama in Uebersetzung auf die Bühne und das fällt verdientermaßen durch. Wendet er sich nun zum Roman zu- rück? bewahre; ec versucht es abermals mit einem Drama: „bar murö- «chaie «Innere." Und ci, wie ist ihm das geglückt' ein Roman ist es geworden, aber in dramatische Form gezwäugti zum Dialog breitgeschla- gcii; Alles unordentlich in cinander geschoben, weil's im Fachwerk der Akte und Scene» nicht recht unierjubrmgrn war; verfehlt in der An lage, unklar und schleppend in der Entwickelung. Mit aller Mühe Hal cr es zu einem paar wahrhaft charakteristischen, dramatisch lebendigen Scencn gebracht, und Lie haben das Stück zur Noib für etliche Vor stellungen aufrecht erhallen. Und dock, wäre cr seiner wahren, nalürll- chen poclischcn Richtung treu geblieben, er hätte auS diesem Stoff ei» Seilenstück zu seinem Elnq MarS schaffen können. Sep es, daß cr seines Jrribums inne wurde, sev cS, daß die frü here Neigung sich lebhafter wieder regte, — sein nächste« Werk war «in Roman: „Stello", auf dem Titel bezeichnet als da« erste Stück der Oonsultalions stu ltnctour i>oir. Es ist rtwa« Kränkliche«, eng brüstig Gezwängte« in diesem Buche, was dem Leser das Interesse und den Genuß verkümmert. Die Handlung, der Pla», sogar der Ebarakter- Umriß der beide» den Vordergrund ausfüllendcn Figuren, Stillo s und dcS Doktor«, verschwimmen i» einer Masse ost spielender Detail«. Und wcun das Ganze eine Klage sehn soll nm das Loo« des Poeten aus Erden und zugleich eine Apotheose des Poeten srlbst, so ist c« dafür zu monoton gehalten, zu schwerfällig, und die Klage läßt sich zu so ganz materiellen Dinge» herab, daß die Poesie gar nichts damit zu schaffen bat. Ob der Poel Hunger stirbt, ob er kein Brod hat, kein Obdach, keinen Rock, — was thut da«, wenn cr in Wahrheit ein Poel ist. Dan» ist die Poesie ihm Alic« in Allem, Leben, Fugend, Hoffnung, Glück und Seligkeit. Poesie ist freudige Expansion der Seele, des Herzen«, aller sterbiichc» Sinne. Darum ist cs das Höchste in dieser Welt, ein Poet zu scvn; darum ist der Poel glücklich in der Armulb, glücklich in ter Verfolgung, glücklich im Tode; glücklich, wenn cr wie Eamvcns im cm- pörten Meere schwimmt und seine» Schatz, sein Gedicht, über den Wassern hält; glücklich, wen» er verfolgt, erblindet, in hehre» Tönen den Fall der Engel, die Seligkeit des Paradieses bcsinql; glücklich, wenn er am Wanderstabe die Dörfer durchzieht und dem Volke vom Zorne de« AchillcS und von der Mübsal der Achäer erzählt. Weg mit diesem unnützen Mitleid für die Dichter! Haben sie, die Erwählten Golle«, auf ihrer Bahn der Prüfung und des Ruhme« je daran gedachl, über ihr Loos zu murren, über ihr Elend zu jammerns Fragt Dante, den Verbannten, der die tiefste, gewaltsamste Liebe zu seiner Vaterstadt, zu der „liebekarge» Muller Florenz", durch sein Exil lrägt, der mit bitte rem Herzem „fremde Treppen auf- und niederstcigt", ob er sein unstä- le« Leben vertauschen will gegen die goldenen Paläste seiner Verfolger. — Fragt Tasso, ob er aus dem Spital erlöst fevn möchte um den Preis, sein befreite« Jerusalem den Flammen zu übergeben. Fragt Cervantes, ob er seinen Don Quixote entbehre» und eine königliche Pension dafür einlaufchen will? Was antworte» sie Euch? Fürwahr, der Mensch lebt nichl vom Brode allein: si e lcbcn in der Fülle ihre« Geistes und sind glücklich. Die Vorsehung sendct den Dichter» ihre Engel, wie drn Kindern; ihr Gotl sübrl sie bei der Hand, nichl auf gewöhnlichen We gen, aber er führt sie sicher, und seine Krast ist mit ihnen. Wozu weint» über st» vermeinte« Unglück, das für die Betroffenen gar kei nes ist! Alfred de Bigny bat sich drei Beispiele, gleichsam drei Tvpc» des Dichter-Unglück«, ausgelesen, nm an ihnen darzalhun, daß der Poet in jeder Verfassung der Gesellschaft zum Leiten rerurtheilt ist: Gilbert, Ehattcrto» und Andrö Cbenier. Aber zu allen Dreie» kann die mensch liche Gesellfchasl ehrlich sagen: „An ihrem Geschick bi» ich nichl Schuld." Gilben vermaß sich, er auf icine Faust, den Kampf gegen sei» ganzes Jahrhunderl zu erheben. Er rückte an zum Sturm, cr "schlug zu Boden, zertrümmerte, durchbohrte, ein Schrecken ging vor ihm her?und im ge- wattige» Anlaus stürzte cr und starb. Was will man mehr« starb er nicht an seinem Triumph? — Ehallerloii ist, so will uns bedanken, als Dichter weder an Kraft, »och an Begeisterung Gilbert glcichzustellc»: cr starb an seinem Stolz. Andrö Chenier endlich, der ewig bcklagcus- werlhc Jüngling, ist darum gemordet worden, weil er ein Dichter war. Welchen Berus, welche» Stand, welches Geschlecht hat ter Terrorismus denn geschont? Wessen Blut hat er nicht getrunken? Könige, Dich ter, Mädchen in zarter Jugend, er hat sie alle verschlungen im Heiß hunger und nach ihre» Namen nicht gefragt. Weihet dem Gedanke» dieser Drei eine Thränc, aber stellt ihre Bilder nicht als Trauer-Monu mente, al« Symbole des ewigen DichlerschwerzcS auf. Kleidet nichl de» Namen Chattertons in allen Glanz der Reinheit und de« Genie'«, uni au diesem Namen England poetisch zu verfluchen. Sprecht auch nicht um Gilberi'S willen das Anathema über Frankreichs achtzehntes Jahrhundert. Gilberi'S Satvre kann den Lszrrit sie« Ipis und die En- cvklopädie nichl auswiegeu. Und wen» ihr RodeSpierre u»d dem Scheel» kensspstem der Ncvolulion fluche» wollt, so sep c« nicht bloß im Namen Cbcmer's, sondern im Namen Aller, deren Haupt unter demselben Beil gefallen. , Alfred de Bigny begnügte sich übrigen« nichl damit, Liste zwar im Namen, aber nicht im Geiste dec Poesie erhobene Klage in seinem Ro mane in die Well zu rufen; er ruble nichl, bis er dasselbe Thema aber mals in dramalischcr Form vom Slapel laufen lassen. Zu dem Endc nahm cr au« seincm Buche die Episode von Chatterton, der Quäkerin Kilty Bell, dein Lord-Mayor Bccksorl u. s. w., und ließ diese Leutchen aus der Bühne gerade so sprechen, bandeln und — sterben, wie im Ro- manc. Und nun weiß man nicht recht, was cr eigentlich an« dem Tbema Hal machen wollen. Welches von beiden ist Ncbenwerk, der Ro man oder das Schauspiel? Schade um de Ligny'e produktive», viel seitige«, elegantes Talent, daß er nie — den Gincz-fflars ausgenommen, — daß er nie mit rcchlem Selbstvertrauen, mit recht fester Konsequenz an seine Schöpfungen geht. Zu sagen: „von diesem Punkte hier gchc ich au«, und jener dorr ist mein Ziel" — dabin gelang! er niemals. Beim ersten Hinderniß hält er inne, und stall cs rüstig au» dem Wege zu räumen, geht ei li.bcr drum herum und verliert die Richtung. Da her man auch in dem Besten, was er seit Jahre» geliefert, immer so das Ungewisse spürt, da« Mübsamc, Hervorgezwangte, kurz die Unent- schicdenhcil und Selbstqual des Autor«. Aus diesem Wege wird er es mit seinem Talent zu keiner populairc» Anerkennung bringen. Seine jüngste Sckrist: ,.8orvituste et neanilcnr inilitane!," ist so zu sage» cin Pendant, eine Fortsetzung zum Stella;') nur ist dar Thema hier nicht das Unglück de« Dichter«, sondern das Unglück des Soldaten. Im übrigen waltet dieselbe kränkliche Befangenheit und Em pfindlichkeit. Alfred de Ligiiy gebärdet sich ein wenig, wie der Unglückt- Pcopbel, der in Jcrnsalem umherttef, als Tilu« die Stadt belagerte, und schrie: „Wehe über Jerusalem!" und nicht eher ausbörle, als bi« ein Pseil ibn traf und er mit dem Ruse zu Boden stürzte: „Wehe über mich!" — Alsrcd dc Vignv, der Dichter, ruft: „Webe über die Dichter!" — Alfred de Bigny, der Soldat, ruft: „Webe über dic Sol daten!" daraus macht er cin Buch, da« keine Wahrheit und kein In teresse hat: — „Webe über mich! Wehe über mich!" — Wenn du ei» Dichter bist, wir bitten dich um aller Barmherzigkeit willen, warum legst du die Leicr aus den Händen und greisst zu dem Messer dc« Zerglie derer«? warum willst du der Menschen Leidenschaft, ihre Empfindungen, ihre Jnleresscn bis in dic nacktcn Fäden verfolgen, warum streifst du ihncn die Hülle der Schönheit und Jugend ab, worin sie sich lebendig zeigen? wo soll es hinaus dein Schneiden, dein Zergliedern, dein Er perimentiren? dadei vrrschmachten Herz und Gemüth. — Nein! sein Le ben lang sollte Alsrcd dc Bigny, zu jcbem Tage und jeder Stunde, den Glücksstern preisen, der ihn vor Jahren auf Ludwig XIII. und Richclieu geführt. Carrean-König. (Fortsetzung.) Der alle Herr batte sich zur Ruhe niedergefttzt, die Mutter schrieb in einem fort in ihc Skizzenbuch, Beide ließen uns ungrsiört plaudern. Was sie sagte, war einfach, durchaus frei von Affecnuion, aber es blickte eine Wcichbcit und Melancholie dc« GcmütbeS daraus hervor, von ungekünficltcr, rührender Wirkung. Wir fprachcn von ihrem Ge mahl, ten sie mit unerheuchelter Herzlichkeit lobte; sie wurde nicht müde, von seiner Güte zu sprechen, «nd wie sie ihn, Rang, Reichthum, Ebre und Ansehen in der Gesellschaft verdanke, wie cr keinen ihrer Wünsche unbefriedigt lasse; von dem Allcn sprach sie, von ibrcm ver lorenen Jugendglück kein Wort. I» dieser edel» und reinen Seele war nichts als kindliche Liebe, Ergebung und fromme« Pflichtgefühl z» Abcr wcr hätte an dieser ernsten, schwermüthig gcsübloollcn Sprache und Empfindung das Mädchen wieder erkannt, das ich vor nicht acht zehn Monaten so heiter, so kindlich fröhlich, so lach- und tanzlustig gesehen? Wie war sie plötzlich geistig gereift, voll Einsicht Leben«, crsabcung und seinen sittlichen Takle«! Durch welche Leidcnsschulk, dachte ich, muß sie gegangen sehn, so Biele« in so kurzer Zeit zu lernen. Der See lag dicht zu unseren Füßen, rein und klar, ruhig und unergründlich, ein Bild ihres Herzens. Ich sagte es ihr; sic lächcttc nnd crwiedcrle: „So ist wohl noch manche« Mcnschtnhcrz, an der TM zweiter Tdeik bcd koniulration, o» <m<-ce»r »»ir ist »»gekündigt.