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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 24.02.1905
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-02-24
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050224015
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905022401
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905022401
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-02
- Tag 1905-02-24
-
Monat
1905-02
-
Jahr
1905
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Die 4 gespaltene Rrklamezrilr 7b Aaaahmeschlatz für Nuzetgen: Abend-Au-gab«: vormittag« 10 Uhr. Morgea-Au-gabr: nachmittag» 4 Uhr. Anzeigen sind stet« an die Expedition zu richten. Extra-veila-e« (nur mit der Morgen Ausgabe) nach besonderer Vereinbarung. Dte Erpedttia« ist wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi« abend« 7 Uhr. Druck und Verlag vo, E. Palz in Leipzig (Inh. vr. B. R. L W. AltukhardtX Nr. 108. Freitag den 24. Februar 1905. 99. Jahrgang. Var VMtigrte vom Lage. * Die Gerüchte von der bevorstehenden Ausnahme einer sächsischen Anleihe sind falsch. (S. VollSw. Teil.) * Die Königlich preußische Eisenbahndirektion zu Berlin macht bekannt, daß infolge des Eisenbahneraus- standes in Rußland Güter nach Rußland, so wohl über Sosnowice, wie über Agra- nica, nicht mehr ausgenommen und alle unterwegs befindlichen Güter den Der. sendern zur Verfügung gestellt werden. (Vergl. Dolksw. Teil.) * DaS österreichische Abgeordneten. auS hat die Rekrutenvorlage in allen esungen angenommen. (S. Ausland.) * JnderAlexiuSkirche de- zum Kreml ge hörigen TschudowklosterS wurde gestern die Leiche des Großfürsten Sergiu« mit religiöser Feierlich keit eingesegnet. (S. den Artikel.) * An der unteren Stadt von Warschau sind nach amtlicher Meldung schwereUnruhen auSgobrochen, die durch Truppen imterdrückt wevden. (S. d. Art.) * Der Bahnverkehr von Moskau nach Kiew ist eingestellt. * Der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, hat zu den FriedenSnach richten ge äußert, Rußland ziehe einen Frieden mit Ehre dem Krieg, aber den Krieg einem Frieden ohne Ehre vor. (S. Russ.-jap. Krieg.) * MS Aequivalent für den von Wilhelm gewid meten „Alten Fritzen" hat Frankreich den Ver einigten Staaten eine Düste Wa sh ing ton S geschenkt. (G. Ausland.) Zrrdanllrl, Zeercdikkabrt «na nationale Mdlinatt. TS ist eine merkwürdige Erscheinung, wie verschieden Deutschlands Seewesen in weiten Kreisen des Publikums behandelt wird, je nachdem eS sich um den Handel und Li« Kauffahrteischisfahrt oder um die Kriegsmarine dreht. Bei -er Rechten Les Reichstags und auch bei den ihr und den Nationalliberalen entsprechenden Volksschichten ist Lie Marine Trumpf, bei der Linken 'der Handel und die Reederei. Dagegen bekämpft die Linke von vornherein meist alle Marineforderungen, während die Rechte-diesmal je doch ohne die Zustimmung der Nackionalliberalen — sich gegenüber dem Wohl der HandelSschiffahrt eiskalt verhält und den Seehandel wohl gar alS einen versolgenSwerten Feind der Landwirtschaft ansieht. Und doch gehören beide eng und untrennbar zusammen. Wenn Kaiser Wilhelm ll. — mit Ausnahme deS Großen Kurfürsten der erste deutsche Monarch, der eS je getan hat — da- Luge auf Deutschland« große Chancen zur Deo richtet, so bewegt ihn nicht etwa einzig die Liebhaberei für eine starke Kriegsflotte oder für die Kolonien und ebenso wenig, wie man ihm wohl fälschlich zuschreibt, eine Zu gänglichkeit für den Einfluß BallinS. Nein, eS ist das ganze Bild, >daS Deutschland zur See, wie eS ist und wie «S sein könnte, dem tieferblickenden Kenner der Geschichte und Volkswirtschaft. Deutschland inmitten deS Weltteils ist eingeklemmt und aus sein« jetzigen Grenzen angewiesen. RingS herum sind Staaten mit einer mehr oder weniger ähnlichen Kultur, die sich, wie di« in Deutschland herrschend« Wirtschaftspolitik eS selber tut, gegen einen weitergehenden internationalen Warenaustausch abwehrend verhalten. Jeder geht von Lam Gsdanken auS: das Geld, das man selbst verdienen kann, soll man nicht den Fremden geben. Wir aber mit unffern 60 Millionen Einwohnern bedürfen der fremden Märkte sowohl zum Einkauf von Rohstoffen und Lebens. Mitteln wie zum Verkauf von, Jnldustrie-Erzeugnissen. Da unser« Volkszahl jetzt jährlich um eine Million Seelen zunimmt, für die Einkommen, Brot, Wohnung, Kleidung g«schafs«n werden soll, so mutz unser Außenhandel steigen, wann nicht eine neu« Hochflut der Auswanderung statt- finden soll. Non L80 000 überserischen Auswanderern im Anfang der achtziger Jahre sind wir jetzt auf LO bis SO 000 -«runter gekommen. Ist eS gut oder nicht gut, daß unserm Volk« jetzt der Verbleib im Land« ratsamer erscheint alS früher, und daß die Massen der Einwanderer in Amerika jetzt Len weniger wohlhabenden Ländern Ost- und VüdeuropaS entstammen? Wenn daS gut ist, so müssen wir suchen, diesen Zustand zu erhalten. Dazu ist daS Seewesen ein«» der wichtigsten HülfS- Mittel. Di, Kolonien sind Kinder de» Seewesens. Wir Hoden noch schnell zusammengevafft, wa» sich erlangen ließ, ab« naturgemäß haben wir die weniger begehrenS- w«rt«n Teile -«kommen. Wenn nicht etwa noch wichtig« Mineralschätze aufgefunben werden, so können die Kolo- nien -um Nationalwohlstande unserer wachsenden Volk», massen nur wenig bntragan. SS mutz daher für uns Hottzen: »Mein Feld ist die Welt." La» gilt nicht im Sinne einer Eroberungspolitik, sondern nur -eS Wett- bewerbs, wie alle Telle deS eigenen Vaterlandes das Feld jedes einzelnen seiner Bürger sind. Das war schon einmal so: zur Zeit der Hansa. In all dem Zusammenbruch deS mittelalterlichen Staatswesens konnte der norddeutsche Städtebund eine Großmachts politik treiben. Während England sich in den Rosekriegen verzehrte, behaupteten die Hanseaten die See. DaS ging nicht etwa durch die Entdeckung Amerikas und des See wegs nach Indien verloren, sondern durch daS Aufkom men der großen Tenritorialmächtc, denen gegenüber daS sich immer mehr auflösenide Deutsche Reich die Hansa- städte ohne jeden Rückhalt ließ. Dem deutschen Kaiser Karl V., der übrigens nicht einmal deutsch sprechen konnte, gehörte die neue Welt, aber außer einer bald ver- krachenlden Unternehmung -er Fugger in Venezuela ließ er die Deutschen nicht an der Ausbeutung teilnebmen. Spanier und Portugiesen, Holländer, Engländer und Franzosen teilten den Lasten wie den Westen unter sich. Die Deutschen wurden ganz davon abgedrängt. An dem mangelnden Wohlstände bat unser Vaterland die Folgen gespürt, bis eS endlich in unseren Tagen die furchtbaren Schäden der Vergangenheit ausgetilgt hat. Aber was jene Völker erwerben konnten, gibt eS jetzt nirgends mehr. Wir müssen jetzt von unseren wenigen Noüdseehäfen auS — die Ostsee kommt für fremde Welt- teile gar nicht in Betracht — die Fühlhörner unseres Handels und unserer Schiffahrt ausstrecken, um an dem Welthandel und der Weltwirtschaft teilzunehmen. Hinter unfern kaufmännischen Pionieren in allen Zonen steht die Leistungsfähigkeit der deutschen In- dustrie — daS ist die Hauptsache, ohne sie wäre alle Mühe vergebens. Aber auch die Tüchtigkeit un serer Reeder und Welthandels-Kaufleute ist etwas, worauf unser Vaterland stolz sein kann. Ter Aufstieg begann in einer Zeit, wo von überseeischer Macht Deutschlands noch gar keine Rede sein konnte. Er hat angedauert und zugenommen unter den neuen Verhält- nissen. Töricht ist eS von der Opposition, für die heu tigen Verhältnisse auf die OhnmackitSzeit vor 1870 zu exemplifizieren. Damals waren die Deutschen ihrer Per- fönlichkeit wegen beliebt und als politisch unschädlich ge- duldet. Heute betrachtet man sie aber wegen ihrer Fähigkeiten überall mit Argwohn und legt ihnen alles mögliche in den Weg. Heute müssen wir eine Macht zur See entfalten, wenn wir nicht abermals wie seit 1500 von der Welt abgcdrängt werden sollen. Unsere Macht kann und muß friedlich sein; wäre sie anders, so stände sie in scharfem Gegensatz zu 'den echten, volkstümlichen Empfindungen unserer Nation. Aber sie muß vorhanden sein. Sie muß von den Kleinen als Vergelterin etwaiger Uebergriffe gefürchtet, von den Großen als eventuelle Verbündete geschätzt und von den Größten wenigstens berücksichtigt wenden. DaS alles fehlte vor 1870; seitdem hat eS sich erst allmählich eingestellt. Die Wehrkraft ist die eine Hälfte unserer Stellung zur See, die andere ist die Entwicklung unserer fried- lichen Leistungsfähigkeit. Die Tüchtigkeit unserer In- dustrie bedarf der Kaufleute, die ihre Rohstoffe auS dem AuSlande herbeischaffen, und der Pioniers in fremden Ländern, die für ihren Absatz sorgen. Wenn man warten will, bis die Konsumenten zu un» kommen und unter Bücklingen bitten, un» etwas abkausen zu dllrfon, so kann man lange warten. Man frage einmal dis Fabrikanten von Chemnitz, Crimmitschau, Plauon oder Gera, welchen Absatz sie sich'dann im AuSlcmde versprächen. Die frem- den Produzenten suchen Überall die auswärtigen Konsu- menten auf, um ihre Warm unterzubringen. Dazu ist nicht etwa nur ein Stab befähigter Ncismder erforderlich, nein die Gesamtheit deS Außenhandels. Er bildet ein eng verschlungenes Netz, von dem jede Masche mit allen Fäden zusammenhängt. Jeder Zweig wird ge- schädigt, wenn man einem anderen zu nahe tritt. Auch die Seeschiffahrt wie die Binnenschiffahrt und mit dieser die Gesamtheit deS Transportwesens gehören zu dem lebendigen Organismus. In England hat man in der Niedrigkeit -er Transportkosten einen großen Vorzug, man weiß ihn zu schätzen, man sagt geradezu, daß der- jenigen Industrie di« Welt gehört, die daheim die billig sten Transportkosten hat. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint eS al» kläglich, daß die vorwiegend agrarische Rechte im preußischen Landtag die Kanaldorlage derart beschnitten hat, daß da» große Werk sein« Segnungen nicht mehr aus das Elbgebiet und dm Osten ausdehnen kann. Seit lange ist k«in derartiger Akt de» PartikularismuS mehr auS- geübt. Der PartikulariSmuS, so sagen wir mit dollstem Vorbedacht. Dieser steckt nicht etwa bloß in den Staats. Verwaltungen der Einzelstaaten, o nein, Liese erfaßten mit der alleinigen Ausnahme Hamburg« die ganz« Sache vom nationalen Gesichtspunkte. Der PartikulariSmus beherrschte Len ostelbischen Grundbesitz. Um sein Prestige im Staat zu behaupten, stemmte er sich dem großen Kulturwerk entgegen. Noch dazu brachte er diesem Be streben ein riiaterielkS Opfer: sein« Srzougnisse würden sich noch Herstellung der Wasserverbindung mit dem Westen weit vorteilhafter verwerten lasten. Aber um die Industrie nicht zu heben, sagte er nein. Es war ein Triumph deS PartikularismuS, ein äies ater für Deutschland. Don minder großer Beideutung ist die Ablehnung Les Staatsvertrages zwischen Preußen und Bremen über die Abtretung von 700 Hektaren an den hanseatischen Kleinstaat, der darauf einen Hafenbau für 100 Millionen Mark errichten wollte. Man betrachte dies einmal vom nationalen Gesichtspunkt aus. Die Stadt Bremen bettelte nicht nach Art der „Notleidenden", daß die Gesamtheit diese Last auf sich nehm« und ihr einen Hafen baue. Nein, sie wollte sie auf die eigenen Schul- tern nehmen und natürlich auch das Privateigentum an dem Gelände kaufen. Aus ihrer Tätigkeit auf diesem Ge- biet ist an unserer häfenarmen Nordseeküste aus Wekde- land ein großer, leistungsfähiger Seehafen geworden, an Größe der erste in Deutschland nach Hamburg, aber an Leistungsfähigkeit, was Tiefgang der Schiffe anbelangt, Hamburg noch weit übertreffend. Dem deutschen Wirt schaftsleben wäre damit ein großer Dienst geleistet; ebenso der deutschen Reichsmarine, die nicht nur immer fort in der HandelSschiffahrt wurzeln muß, sondern im Kriege nach einer Seeschlacht in der Nordsee gar nicht Docks genug haben kann, um die bescl)ädigten Schiffe wiedcrherzustellen. Die preußische Negierung wie die Reichsmarine haben dies sehr wohl eingesehen und gern Bremen die Gelegenheit zu seinem nationalen Vorgehen geben wollen. Aber die Nachbarstädte Bremerhavens haben Einbläsereien gehorcht und Forderungen gestellt, die Bremen für unerfüllbar erklärt. In ihrem parti- kularistischen Sinn glaubten die Nachbarstädte doch an die Möglichkeit. Bremen die Opfer abpressen zu können. Sie bewogen den Landtag, das nationale Werk zu hin dern, wenn sie nicht größere Spolien bekämen. So feierte denn wieder der PartikularismuS em großes Freudenfest, dessen Kosten die Nation tragen muß. Vie stlirir in Furrlanck. Line Randbemerkung -es deutschen Aakser». AuS Pari« wird geschrieben: In ausländischen Blättern waren jüngst Gerüchte verbreitet, die in kindlich-naiver Weise unserem Kaiser eine merkwürdige Einwirkung auf die Ge staltung der inneren und äußeren Politik Rußlands znweisen wollten. Kaiser Wilhelm, so hieß eS, habe Rußland in den Krieg mit Japan bineingetrieben und außerdem seinem Freunde, dem Zaren, geraten, die absolutistisch-auto kratische Neaierungsform beizubkhalten und den Russen unter keinen Umständen eine Verfassung zu geben. Diese Ge rüchte sind bereit« halbamtlich als daS bezeichnet worden, was sie sind; als widersinnig. Nun liegt aber noch »ine wichtige persönliche Aeußerung deS Kaisers zu diesen hauptsächlich von der englischen Presse verbreiteten Lügennachrichten vor. Dem Berliner Berichterstatter des „Petit Pariüen" hat ein hol,er Staatsbeamter, der, wie wir zu wissen glauben, im Ministerium de« Aeußern zu suchen ist, einen amtlichen Bericht gezeigt, in welchem auf die angebliche Stellungnahme deS Kaisers zu den russischen Wirren Bezug genommen war. Der Bericht war rem Kaiser selbst vorgelegt worden, und der Kaiser versah ibn mit der mit Bleistift geschriebenen Randbemerkung: »Gelogen. Gott bewahre mich davor, mich in die inneren Verhältnisse anderer Lander einzumischen.* Der Staats beamte ermächtigte den französischen Journalisten ausdrück lich, diese Worte zum Zwecke der Veröffentlichung zu ko pieren. — Man mache ein Fragezeichen. Der Mörder der Grstzsürstan Sergius soll — so läßt sich da« .B. T.* au« Petersburg melden — bereit sein, wichtige Erklärungen abzugeben, aber nur der Großfürstin SergiuS selbst. Diese soll ringewilligt haben, ihn zu hören. Di« Liusegnung der Leiche -er Grehfürfte«. Au« Moskau melden Telegramme: Trau er ge läute in allen Kirchen und Klöstern kündete in früher Morgen stunde die heute bevorstehende Einsegnung der Leich« des Großfürsten Sergiu« in der AlexruSkirche de« zum Kreml gehörigen Tschudow-KlosterS an. Bor den Toren de« Kreml sammelte sich eine dicht« Menschenmenge und verharrte in andächtiger Stille. Morgens lO llbr erschienen im Allarraum der Alexiu«kirche der Metropolit und die Geistlichkeit. Den größten Raum in der Kirche nimmt die Estrade ein, auf der der Trauer katafalk mit dem zur Hälfte von Golvbrokatdecken verhüllten Eichensarg ruht, der von einem mit der Kaiserkrone geschmückten Baldachin mit herabfließenden hermelinverbrämken Draperien überragt wird. Der Raum in der Kircke ist so beschränkt, daß höchstens 200 Personen darin Platz finden. Die Füße de« Katafalk« bilden Diumenhügel au- Kränzen, deren Zahl sich beständig vermehrt. In der Kirche erschienen die Abordnuiiaen der Ministerien, deS Reichs rat«, di« Hoschargen, Würden träger, di« Vertreter der Selbstverwaltung, der Stände und der Kaufmannschaft. Herzog Georg von Mecklen burg wohnte ebenfalls der Einsegnung bei. Die Groß fürsten Wladimir und Niko lau« waren durch den Fürsten Goliryn und Baron Gtaal vertreten. Nach einem rraänzen- den Telegramm au« Petersburg nahmen am Trauer- gotteSdienst die Hofchargeu, der NeichSrat und die Ge neralität bei. Dis Gerücht» vs« einem neuen Attentat. Da« .V. T.* meldet zu den an anderer Stelle schon er wähnten Ausstreuungen: »In Finanzkreisra lagen heut« mittag Pr'vatdeprschen au« Pari« und London vor. denen zufolge in Petersburg ein neue« blutige« Attentat verübt worden sei. An unterrichteten Stellen lag bi« 4 Uhr aachmittag« keiue Bestätigung dieser Börsentelegramm« vor.* Die Sktuatken in Petersburg. Nach Pariser Meldungen auS Petersburg verlangen die dortigen Polizisten, die seit Monatsfrist enorm über bürdet ist, namhafte Erhöhung ihrer Bezüge und drohen mit dem Ausstande. DaS gleiche tat das Personal der kaiser lichen Werften. Nach Berichten aus Warschau fordern die Schaffner der Weichselbahnen eine Er höhung des Lohnes. Der Direktor benachrichtigte die Stationsvorstände, daß er die Forderung befürworten werde und deshalb erwarte, daß die Schaffner die Ordnung nicht stören. Die Schaffner wollen bis zum 24. Februar eine Entscheidung abwarten. Gestern wurden in Warschau drei Tataren verhaftet, die eine geheime Waffen niederlage hatten. Alle Privat-, Knaben- und Mävchenschulen wurden geschlosssen. Nach amtlicher Meldung sind in der unteren Stadt schwere Un ruhen ausgebrochen; Truppen zu ihrer Beilegung sind hier eingetroffen. Die Arbeiter der Ga«fabrik legten die Arbeit nieder. Von an-eren Plätzen. In Lodz wurde gestern nur in de» kleinen Fabriken gearbeitet; in den größeren wurde wegen deS Widerrufs der Zugeständnisse, die am Montag den Arbeitern gemacht waren, die Arbeit niedergelegt. Die Eisenbahnbeamteu sind in den Ausstand getreten, die Güter- und Persouenzüge werden ang-halten; in der Handelsschule wurde der Unterricht eingestellt. — In drei Fabriken von Alexandrowsk mit mehr al« 1000 Arbeitern wurde d»e Arbeit niedergelegt. Die Arbeiter verhalten sich ruhig. Ihre Forderungen sind rein wirtschaftlicher Natur. — In Simbirsk ist der Ausstand der Telegraphisten, der am 17. Februar begonnen bat, beendet. Wie aus Min-k gemeldet wird, sind die Arbeiter, Weichensteller und Wächter des Bahnhofes, sowie ein Teil der Bureau- und Betriebs beamten der Libau Romnybahu ia den Ausstand getreten. Einstellung -es Schiffsverkehr« mit Batum. Die Messageries Maritime« haben ihren regel- mäßigen Schiffsverkehr mit Batum eingestellt, weil dort vollständige Anarchie herrscht uod die russischen Behörden außer stände find, die fremden Schiffer gegen die Hafenarbeiter zu schützen, wenn sie unter Todes drohungen mit bewaffneter Faust au ihnen Erpressungen üben. Der Oesterreichische Lloyd und dir Rhederei Paquet in Marseille ahmen da« Beispiel der Messageries nach. Die beiden letzten Dampfer, die mit Ware» für Batum nach dem Schwarzen Meer abgeaangen sind, .Guadiana* und „Danube* schiffen ihre Ladung für Batum inOd essa aus. ver rurrir»-japanische Flieg. Aus Washington wird über London gemeldet, dem amerikanischen Staatsdepartement solle amtlich mitgeteilt worden sein, daß Japan bereit sei, auf Friedensverhandlungen ein zugeben. ES beißt in der leicht zu charakterisierenden Depesche weiter, daß Washington der Sitz dieser Verhand lungen sein werde. Nach einer Washingtoner Drahtung der .Times* soll Gras Cassini sich über die angeblichen Friedensbedingungen dahin geäußert haben, e- sei geradezu unglaublich, daß solche Be dingungen von einer Regierung, welche 400 000 Mann im Felde hat, erörtert werden könnten. Der Botschafter fügte hinzu, er wisse, au« Petersburg, daß keinerlei Aenderung der allgemeinen Politik derRegierung eingetreten sei, Rußland würde einen Frieden mit Ehre dem Kriege, aber den Krieg einem Frieden ohne Ehre vorziehen. Aue Ankunft Stoff«!» und der übrigen Offiziere von Port Artbur werden ia Petersburg keine Festlichkeiten staUfinden. Nur im Armee- und Marineklub ist eine besonder« Festsitzung geplant. Der japanische ^lottenplan. Da« Bureau Reuter meldet auS Tokio: Japan hofft die neue Flotte von Torpedobootszerstörern inner halb eine- Jahres fertig zu stellen. Jedes Schiff soll 380 Tonnen groß sein, eme Geschwindigkeit von 20 Knoten und die gebräuchliche Bestückung haben. Zehn neuer ding« gebaute Torpedoboote werden jetzt in den Dienst gestellt. Die Beschlüsse -er Hullkonimisflon enthalten, wie aus Paris gemeldet wird, obwohl sie im all gemeinen für RoschdjestwenSky günstig sind, mehrere Beanstandungen seines Verhaltens, die geeignet sind, die in England kundgegebenr Empfindlichkeit zu be schwichtigen. So hält die Kommission namentlich dafür, daß das russische Feuer so lange gedauert bat, daß RoschdjestwenSky die Pflicht gehabt hätte, bei seiner An kunft in den engliichen Kiistenflewässcrn die Behörden vo» dem bedauerliche» Zwischenfall in Kenntnis zu setzen. Deutsches Keich. Leipzig, 23. Februar. * Ter Kampf u» Sie akademische Freiheit in Marburg dürste nunmehr feinen vorläufigen Abschluß erreicht haben, da in der jetzt eingetroffenen Antwort des Kultusminister« der Studentenschaft nach dem .B. T.* folgende wichtige Zugeständnisse gemacht worden sind: 1) freier Verkehr von Ausschuß zu Ausschuß, 2) direkter Verkehr mit dem Mini sterium, 3) freier Verkehr mit der Presse. DaS Erreichte bedeutet zweifellos einen Sieg der Marburger Studenten schaft. Früher griff man übrigen« .an höchster Stelle* zu drastischeren Mitteln, wenn r« galt, die akademische Freiheit zu schützen, al« heute. Wie un« von befreundeter Seite mit geteilt wird, findet sich in dem soeben von der Berliner Akademie der Wissenschaften veröffentlichte« Band« der Briefe Kvnia Friedrich Wilhelm« l. von Preußen an den Fürsten Leopold zu Lahalt-Dessau auf S. 121
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