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Redaktioneller Teil. ,8 127, 3. Juni 1S16. Vom Antiquariatshandel. m. ll I siehe Bbl. Nr. 75.) Wie sich das Antiquariat als Ganzes hebt. — Umfangreiche Kataloge und bedeutende Versteigerungen. Als Ganzes genommen erholt sich das Antiquariat trotz des währenden Krieges immer mehr. Unendlicher neuer Stoff fließt ihm aus den Veröffentlichungen zu, die der Krieg selbst veran laßt. Was zurzeit davon im Handel ist, geht zumeist schnell von einer Hand in die ander«; in den veröffentlichten Katalogen ist fast gar nichts davon zu finden. Natürlich ist hier nur von Seltenheiten die Rede. Deren aber gibt es — von den Er scheinungen im feindlichen Ausland ganz abgesehen — schon eine nicht mehr zu zählende Menge. Zu etwas wilden Preisen wechseln sie vorläufig noch den Besitzer; über ihren wirklichen Wert oder Unwert, über den Grad ihrer Seltenheit ist man sich »och nicht im klaren. Das mag seinen Grund auch darin haben, daß vieles, was sich schon in den Händen von Antiquaren be- sindet, doch noch nicht zum Verkauf gebracht wird, wofür sich die dabei vorwaltenden Absichten nicht schwer erraten lassen. Der eine will späterhin einmal mit einer möglichst vollständigen, möglichst abgerundeten Sammlung in die Öffentlichkeit treten, der andere verspricht sich von einer eintrctenden Wertsteigcrung goldene Berge. Für gewisse Sachen wird das unzweifelhaft «intreten, ob aber gerade für die, die man in solcher Hoffnung bewahrt, das ist eine andere Frage. Die bloßen Kuriositäten darunter sind im Augenblick vielleicht am meisten wert. Anderes, wie z. B. die führenden Tageszeitungen der Welt, wird alsbald nach dem Kriege, wenn seine Geschichtschreibung beginnt, ver mutlich im Preise sehr anziehen, weil man von vornherein ver patzt hat, es zu sammeln. Die wenigen Exemplare, die in öffent lichen Bibliotheken davon vorhanden sein mögen, können dem «intretenden Bedarf in keiner Weise genügen. Doch das geht erst die Zukunst an. Vorläufig genügt es sestzustellen, daß auch im Antiquariat der paradox klingende Satz gilt: »Der Krieg ernährt den Krieg«. Ja, das gilt sogar für das wissenschaftliche Antiquariat, das zunächst Wohl am empfindlichsten durch die Unterbindung und durch die Beschränkungen des ganzen Verkehrs getroffen worden ist. Im Lauf« der Zeit sind eine ganze Anzahl neuer »Fragen« entstanden, und die alten, wie die »irische« und die »polnische«, sind zu weitecgehender Bedeutung gelangt. Wir sind mit Völkern in Verbindung gekommen, die uns früher im großen und ganzen nicht sehr interessierten, und wir müssen, da diese Verbindung zu einer festen, dauernden zu werden ver spricht, uns mit ihnen jetzt in ganz anderer und allgemeinerer Weise befassen, als das bisher und nur von einzelnen geschehen ist. Daneben, oder besser vielleicht dadurch, sind neue Probleme aufgetaucht; nennen wir einmal: »Mitteleuropa« und »Meso potamien«. Ägypten und Indien fesseln uns mehr als sonst, und ebenso beschäftigen wir uns eingehender mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen der dielen uns feind lichen Länder. Neues oder vertieftes Interesse ringsum. Das wirkt auf das Antiquariat in nicht zu verkennender Weise; an die Stelle des behinderten Verkehrs nach außen ist in immer stei gendem Matze der erhöhte Verkehr im Innern unseres Landes getreten. Wo sind die Hilfsmittel, die wir zu eingehender und ernsthafter Beschäftigung mit all diesen Dingen brauchen, auch besser zu finden als im deutschen Antiquariat? Die Spalten der »gesuchten Bücher« haben sich ständig vermehrt, und was da zurzeit gesucht wird, ist alles auch wirklicher Bedarf. Die Be achtung der Anzeigen ernpsiehlt sich jetzt besonders. Die Bestel lungen auf gemachte Offerten erfolgen meist sehr rasch und für den Besteller dabei doch noch häufiger als sonst vergeblich, weil die angebotenen Bücher in der Zwischenzeit schon ander weitig verkauft worden sind. Man fühlt überall den wachsenden Absatz. So haben wir denn auch das Erscheinen sehr hübscher und dabei auch sehr umfangreicher Kataloge zu verzeichnen. Waren früher Bezugnahmen auf den Krieg im Titel, in Vorreden, An zeigen oder Anmerkungen hier und da zu finden, so hat das jetzt 898 fast ganz anfgehört. Nur angedeutet ist es in dem Kat. 457 von List L Francke in Leipzig, der sich »Neutrale Staaten Europas« nennt und damit nur einen kleinen Stosfkreis umfaßt, der noch kleiner wäre, wenn der Katalog etwas später fertig geworden wäre, denn Portugal zählt hier noch zu den Neu tralen. — Von der gleichen Firma sind noch zwei Kataloge - Nr. 456 und 458 — erwähnenswert: »Geschichte nebst Hilfs wissenschaften« 2. und 3. Abteilung (1419 und 2134 Werke), beide noch mit den »Hilfswissenschaften« befasst, wie Anthro pologie, Ethnologie; Handel und Gewerbe; Geschichte der Wis senschaften und dgl., darunter auch ein recht ansehnlicher Ab schnitt über Bibliographie, Buchdruck und Buchhandel. — Zur deutschen Geschichte liegen zwei dicke Kataloge vor; der eine, Nr. 372 von Otto Harrassowitz in Leipzig, ist allge- meinerer Natur, umfaßt zugleich auch die nichtslavischen Länder von Österreich-Ungarn und berücksichtigt besonders die Kulturge schichte (3236 Nummern); der andere, Nr. 173 von Ferdinand Schönin ghinOsnab rück, beschränkt sich auf die Geschichte und Topographie von Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg und der Hansastädte Bremen, Hamburg und Lübeck (3585 Nummern). — Deutsche Philologie und Altertumskunde ist ebenso gewichtig durch den Kat. 240 von Simmel L Co. in Leipzig vertreten, der sich nicht nur durch den reichen Inhalt von 3736 Werken auszeichnet, sondern noch durch eine ungemein eingehende und verständige Einteilung hervorragt. — Der Kunstgeschichte sind zwei Kataloge (Nr. 440 und 44l) von Karl W. Hiersemann inLcipzig gewidmet, darin die bedeutende Bibliothek des Professors Jaro Springer aus Berlin, bekannt als Kustos des König!. Kupferstichkabinetts, der fast 60jährig noch ins Feld gezogen und beim Sturm ans Nowo-Gcorgiewsk !m August des vergangenen Jahres gefallen ist. Der erste Katalog bringt in einem Alphabet die kunstgeschicht lichen Werke aus dem Gebiete der Malerei; der zweite befaßt sich in sorgfältiger Einteilung mit der Literatur der Graphik, mit graphischen Originalarbeiten und mit illustrierten Büchern aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Nicht unerwähnt darf cs namentlich in jetziger Zeit bleiben, daß dieser Katalog durch 16 beigegebene Tafeln angemessen geschmückt ist. Ein drittes, Wohl bald zu erwartendes Verzeichnis wird die Graphik des 15. und 16. Jahrhunderts und die Miniaturmalerei behandeln. Sind in den beiden vorliegenden schon zahlreiche Werke vertreten, deren Preise hoch in die Tausend« von Mark gehen, so darf man von dem kommenden Wohl noch mehr in dieser Hinsicht erwarten. — Der erste Teil einer reichhaltigen Sammlung über Indien, zu der die Bibliotheken von vr. K. E. Neumann, Wien, Prof. Speyer, Leiden, Prof. Ludwig, Prag, und Prof. Holtzmann, Frei burg, beigesteuert haben, ist in dem Katalog 373 von OttoHar - rassowitz in Leipzig enthalten, der auch fast 3000 Werke in sich schließt. Als wenige Monate nach Beginn des Krieges sich eine Anzahl schmächtiger Antiquarkataloge zeigte, da konnten wir ihnen schon beleibtere Nachfolger in naher Zukunft in Aussicht stellen. So ist es denn auch gekommen, und jetzt beginnen sie, bereits wieder in Serien aufzutreten. Genau so geht es mit den Versteigerungen. Es hat sich schon wieder ein ganz regelmäßiger Betrieb entwickelt. Die reinen Kunstauktionen, die uns hier allerdings nicht näher an- gehen, haben in letzter Zeit, mögen sie nun hier oder für deutsche Rechnung in Holland stattgefunden haben, sogar ganz hervor ragende Ergebnisse gehabt, wie wir aus den Tageszeitungen wissen. Millionen sind dort umgesetzt worden^ und es scheint beinahe fraglich, ob sie in Friedenszeiten den gleichen Erfolg ge habt hätten. Im letzten Bericht waren acht Versteigerungen von Büchern und graphischen Erzeugnissen zu nennen, und heute können wir diesen eine noch größere Reihe teils schon stattgc- habter, teils noch bevorstehender anschließen. Zunächst vom 11. und 12. April »Moderne Graphik«, eine Sammlung von Original radierungen, Lithographien und Holzschnitten, in der Galerie Helbing in München, worüber ein sehr hübscher, illu strierter Katalog erschienen ist. Am 15. April folgte bei Max PerlinBerlin die Versteigerung der Bibliothek eines Ham burger Bibliophilen: Erstausgaben der deutschen Literatur, illu-