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„Isoldes Liebestod" - Richard Wagner Mild und leise wie er lächelt, wie das Auge hold er öffnet, seht ihr's, Freunde? Seht ihr's nicht? Immer lichter wie er leuchtet, sternumstrahlet hoch sich hebt? Seht ihr's nicht? Wie das Herz ihm mutig schwillt, voll und hehr im Busen ihm quillt? Wie den Lippen, wonnig mild, süßer Atem sanft entweht: Freunde! Seht! Fühlt und seht ihr's nicht? Höre ich nur diese Weise, die so wundervoll und leise, wonneklagend, alles sagend, mild versöhnend aus ihm tönend in mich dringet, auf sich schwinget, hold erhallend um mich klinget? Heller schallend, mich umwallend, sind es Wellen sanfter Lüfte? Sind es Wogen wonniger Düfte? Wie sie schwellen, mich umrauschen, soll ich atmen, soll ich lauschen? Soll ich schlürfen, untertauchen? Süß in Düften mich verhauchen? in dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, in des Welt Atems wehendem All, ertrinken, versinken, — unbewußt, — höchste Lust! Feuerbachsche Kraft in der Musik steht gegen Schopenhauersche Weltauffassung im Text in der Schlußszene des Musikdramas „Götterdämmerung" (1874), des letzten Teiles der gewaltigen Tetralogie „Der Ring des Nibelungen". Brünnhilde, die weiß, daß Sieg fried kein Verräter, sondern ein Opfer der Ver hältnisse, des Ringfluches war, läßt am Ufer des Rheins einen Scheiterhaufen schichten und gedenkt in ihrer Schlußklage nochmals des toten Helden Siegfried, aber auch der Götter (das breitgezogene Walhallthema] und des bedrängten Göttervaters. Ihre ganze Seelen not entlädt sich in einem Fluch auf den Ring, den sie den Rheintöchtern zurückgeben will (hier tauchen im Orchester Erinnerungen aus der ersten Szene des „Rheingolds" auf). Sie schleudert einen Feuerbrand in den Holzstoß, schwingt sich auf ihr Roß und springt mit einem letzten Gruß an Siegfried in die Flammen. Dieter Härtwig Nach seinen eigenen Worten fühlte sich Gustav Mahler in dreifacher Hinsicht heimat los: als Böhme in Österreich, als Österreicher in Deutschland und als Jude in der Welt. Er ist der zweite bedeutende Weltschmerz-Kompo nist nach jenem Franz Schubert, der ja als erster behauptet hat, es gebe keine „fröhliche" Musik mehr. Aus kleinbürgerlichem Muff her aus, mit einem gewalttätigen Vater und einer still erduldenden Mutter, versuchte Mahler das Leiden an der Bitterkeit des Lebens in Musik zu setzen, machte seine eigene Heimatlosigkeit zu ihrem Grundprinzip. Parallel dazu eroberte er sich in zäher Zielstrebigkeit den in damaliger Zeit begehrtesten Posten, den die Musikwelt zu vergeben hatte: die Stelle des Hofopern direktors in Wien. Mahler gehörte, neben Wagner und Richard Strauss, zu den großen Komponisten, die zugleich Kapellmeister ober sten Niveaus waren, ja er, der als Kind auf die Frage, was er einmal werden wolle, geantwortet haben soll: „Märtyrer", verstand sich als unerbittlicher Sachwalter des in den Partituren nur notdürftig niedergelegten Kompo nistenwillens - „das Beste der Musik steht nicht in den Noten" - und pflegte zu sagen: „An dere pflegen sich und ruinieren das Theater. Ich pflege das Theater und ruiniere mich." Seine Musik, die er sich in den Ferien monaten mit äußerster Konzentration abzwang und während der Saison in Partitur brachte, spricht wie kaum eine andere davon, daß der Bruch zwischen der Kunst und der gesell schaftlichen Realität des bürgerlichen Zeitalters nicht mehr aufzuheben ist. Dietmar Holland In einem schon 1910 publizierten Beitrag nannte der Leipziger Dirigent Georg Göhler Gustav Mahler einen Unzeitgemäßen und kei nen Zeitgenossen, weil seine Kunst, seine Musik keine Konzessionen an den Geschmack