Strauss: Metamorphosen für 23 Solostreicher Am 12. April 1945, wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, schrieb Richard Strauss in Garmisch die letzten Takte der „Metamorphosen“ und zitierte dabei in den Bässen den Trauermarsch der Eroica mit dem Zusatz „in memoriam!“. Die Partitur war sein schmerzerfüllter Nachruf auf die europäische Kultur, wie er sie aus dem Geiste des Humanismus verstand. Was Strauss lieb und teuer gewesen war, lag in Trümmern: die Heimatstadt,die großen Opernhäuser von Wien, Berlin, Dresden und München. Der Achtzigjährige wußte sich am Ende seines Lebens. Äusseren Anstoß zur Partitur hatte Paul Sacher gegeben, der Dirigent des Baseler Kammerorchesters und schweizerische Musikmäzen. Seit einigen Jahren gab Sacher Kompositionen für sein Kammerorchester in Auf trag, so bei Bartök das Divertimento für Streicher von 1939, bei Hindemith, Frank Martin, Bohuslav Martinu, Igor Strawinsky und anderen. Auf ver wickelten Umwegen war im August 1944 der Kompositionsauftrag an Richard Strauss gelangt. Bei der Uraufführung im Januar 1946 hatte Strauss in Basel anwesend sein können. Er dirigierte die letzte Probe der von Paul Sacher geleiteten Auf führung. Willi Schuh, der Strauss-Biograph, be richtet von den „großen Entwicklungslinien, dyna mischen und Temposteigerungen unter seiner Leitung, wenn auch offenbar wurde, daß seine Schwerhörigkeit im Wachsen war“. Der Titel Metamorphosen deutet auf Verwandlun gen, Veränderungen. Strauss verstand den Begriff im antikischen Sinne: Die äusseren Gestalten verändern sich, das innere Wesen bleibt unan getastet und läßt sich erst in seinen Verwandlun gen erkennen. So werden thematische Andeu tungen ständigen Umgestaltungen unterworfen, ohne daß die Substanz sich verändert. Das eigentliche Thema bleibt bis zum Schluß unaus gesprochen: Es ist lediglich der Grundstoff der Verwandlungen und nur in den sich fortwährend verändernden Erscheinungen präsent. Dreiundzwanzig Streichersolisten vollziehen diese Metamorphosen: zehn Violinen, fünf Violen, fünf Violoncelli und drei Kontrabässe. In Varianten Kombinationen wird ein Adagio mehr und mehr zu einem Appassionato verdichtet und schließlich