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GEMÄLDE KUNSTHANDLUNG GRAPHIK Rolandstraße 3 3500 Kassel-Wilhelmshöhe Telefon 0561/32436 romantisches Seelenlicht. Da bei geht es zwischendurch auch ganz ländlerhaft. D-Dur heißt die Devise, nur gelegent lich in Frage gestellt. »Ich bin Dir von Herzen verbunden«, schreibt Brahms an Eduard Hanslick, »und zum Dank soll's auch, wenn Ich Dir etwa den Winter eine Symphonie Vorspie len lasse, so heiter und lieblich klingen, daß Du glaubst, ich habe sie extra für Dich oder gar Deine junge Frau geschrieben! Das ist kein Kunststück, wirst Du sagen, Brahms ist pfiffig, der Wörther See ist ein jung fräulicher Boden, da fliegen die Melodien, daß man sich hüten muß, keine zu treten.« Muß mehr gesagt werden über die Stimmung der Pörtschach- Sommer? Brahms, der von sei ner Arbeit immer gern verklei nernd, vorsichtshalber ab schätzig spricht, scheint dann doch fast ein schlechtes Ge wissen zu haben, daß es in der «Zweiten« nicht so tragisch zu geht, er meint, es sei keine »Symphonie«, sondern nur eine »Sinfonie«. Aber er weiß natür lich genau, daß diese Musik nicht nur seinen Freunden ganz anders einleuchten wird als alle Orchesterwerke, die er zuvor geschrieben hatte. Es ist begreiflich, daß das Werk sofort den Weg zu den Hörern gefunden hat. Schon die erste Aufführung in Wien am 30. De zember 1877 unter Hans Rich ters zündender Leitung wird mit solcher Begeisterung aufge nommen, daß der reizende 3. Satz wiederholt werden muß. Besonders bedeutsam ist der Triumph, den Brahms mit die ser Symphonie in Hamburg er ringt. Hier findet im September 1878 das fünfzigjährige Stif tungsfest der Philharmonie statt, zu dem der nunmehr so berühmte Hamburger Kompo nist dringend eingeladen wird. Der alte Freund Ave wendet alle Mittel seiner Beredsamkeit auf, und der Dirigent der Kon zerte, J. v. Bernuth, schreibt an Brahms: „Sie wissen, daß auch nicht einer in Hamburg zu fin den wäre, der nicht mit Jubel Sie am Dirigentenpulte begrü ßen würde.“ Brahms aber lehnt ab; denn noch ist die Wunde, die ihm eben dieser Verein vor 16 Jahren geschlagen hat, nicht vernarbt. (Man hatte den Sänger Julius Stockhausen und nicht Brahms zum Leiter der Singakademie und der Phil harmonischen Konzerte beru fen). Im letzten Augenblick hält es ihn aber doch nicht in Öster reich, er kommt noch zum Fest zurecht und hat seinen Ent schluß wirklich nicht zu be-