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Ouvertüre und Bacchanale aus Tannhäuser Leise hebt der feierliche Gesang der nach Rom wallenden Pilger an, zu immer mächtigerem Gebetston, von rauschenden Orchesterfiguren umrankt, anschwellend, dann wieder ins Piano zurücksinkend und schließlich leise verhallend. Plötzlich ein Flimmern und Schwirren im Orchester. Mit lockenden Rufen, sehnsüchtig sinn= liehen Motiven beginnt das Liebesreich des Venusberges seine Zauber spielen zu lassen, immer wilder und be= törender. Eine feurige, ritterlich schwungvolle Melodie tönt dazwischen: Tannhäuser singt sein Preislied auf Frau Venus. Mit einem zarten Klarinettensolo taucht diese selbst inmitten der Zauberwelt auf, und noch gesteigert im Feuer wiederholt Tannhäuser seinen Lobgesang. Hier nach dem zweiten Erklingen des Venusliedes setzt die Weiterführung der ursprünglichen Ouvertüre in die große Ballettmusik des Bacchanale ein. Die Motive sind in der Hauptsache die aus dem Venusbergteil der Ouvertüre bekannten, nur hier ausgestattet mit der gesteigerten orche= stralen Glut und der rauschhaften chromatischen Harmonik, die sich Wagner unterdessen als Komponist des „Tristan" zu eigen gemacht hatte. Der szenische Gang des Bacchanales zeigt zuerst ein Liebesspiel zwischen Nymphen und Jünglingen. Die Leidenschaften aufpeitschend rast ein Zug von Bacchantinnen dazwischen. Immer höher gehen die Wogen des Genußrausches; Satyrn und Faune (von dem charakteristischen Klange der Kasta= gnetten eingeführt) drängen sich zwischen die liebenden Paare. Der allgemeine Taumel steigert sich zu höchster Wut. Da rütteln die bei Venus wachenden drei Grazien die schlafenden Amoretten auf, und diese schießen ihre Liebespfeile auf das Getümmel ab. Die Getroffenen lassen, von mächtigem Liebessehnen erfüllt, vom rasenden Tanze ab, und verlieren sich allmählich. Die drei Grazien schlingen einen anmutigen Reigen vor Frau Venus. Nebelbilder mythologischer Liebesszenen („Entführung der Europa" und „Leda mit dem Schwan") zeigen sich, während von fern der lockende Sang der Sirenen ertönt. Endlich verschwindet der ganze Spuk gleichsam ins Nichts. Eine Alpensinfonie von Richard Strauß Die Alpensinfonie von Richard Strauß, der weiland Kgl. Kapelle zu Dresden gewidmet, und von dieser im Herbst 1915 in Berlin zur Uraufführung gebracht, nimmt den tonmalerischen Stil der früheren Strauß'schen Tondichtungen wieder auf und verbindet ihn mit großer sinfonischer Architektonik. Dumpf brauen die Nebel der Nacht im wogenden Orchester; da tritt mit sieghaftem Fortissimoglanz der Strahl der aufgehenden Sonne dazwischen und mit einem energisch ausholenden Thema der Bässe, Celli und Harfen beginnt der Aufstieg. Jagdhörner erklingen von ferne und verkünden die Nähe des Waldes, dessen Schattenreich sich mit rauschendem Akkordspiel der Streicher erschließt. Freundlich rieselt dazu in den Holzbläsern der Bach, an dem entlang die Wanderung nun zum Wasserfall führt, dessen Kaskaden der Springbogen der Streicher, das Glitzern der Celesta und das rauschende Glissando der Harfen sinnfällig vorzaubern. Licht und leicht weitet sich nun in zarten hohen Violinen* und Holzbläserakkorden der Blick auf blumige Wiesen. Und schon deutet anwachsendes Herden= geläute mit jodlerhaften Holzbläserrufen die Ankunft auf der Alm an. Doch frisch vorwärts dringt das Anstiegs* motiv selbst durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen, die die dissonant verschlungenen Gänge des Or* chesters darstellen. Endlich weitet sich der Klang wieder zu majestätischer Klarheit und Fülle: wir sind auf dem Gletscher. Leiser Paukenwirbel mit nervösen Bläserrufen und zitterndem Streichertremolo deutet auf gefahr* volle Augenblicke, doch bald ist nun der Gipfel erreicht; in lapidaren schlichten Dreiklangsfolgen mit feier* lichem Bläsermotiv kündet sich die Majestät der ewigen Natur. Erinnerungen an die Pracht des Sonnenaufgangs erneuern sich und werden zu einer zwischen geheimnisvollen und monumental gewaltigen Eindrücken schwebenden Vision. Da verschleiern sich die Orchesterfarben, Nebel steigen auf, die Sonne verdüstert sich mit einem Pianissimo ihres früheren Motivs und mit einer Elegie scheinen auch die Gedanken des Bergsteigers sich der Ver* gänglichkeit alles Irdischen zuzuwenden. Atembeklemmende klangliche Leere wird als Stille vor dem Sturm empfunden, dessen Herannahen immer drohender vom Donnerrollen der Pauken angekündigt wird. Unter Ge* Witter und Sturm beginnt nun der Abstieg; mit einem klanglichen Freskobild von rücksichtsloser Großartig* keit tun sich alle Schrecknisse dröhnender musikalischer Unwetterschilderung auf. Endlich künden ruhige Bläser* klänge den zurückkehrenden Frieden der Natur, der nach einem pastosen Sonnenuntergang zu einem zarten ekstatischen besinnlichen Ausklang führt. Auf den Träumer senken sich schließlich wieder die Schatten der Nacht hernieder, so daß die Sinfonie mit den Klängen der Einleitung in schöner Abrundung auch schließt. Druck von I.iepsch & Reiehardt, Dresden.