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Mo gurrt ia (Mainz) zum Kurort erhoben, auch dreien der dortigen Brunnen, die er deshalb mit besonderer Sorgfalt schmücken ließ, Wunderkräste verliehen. An ihnen sollte nun die kranke Zeit und als Hauptrepräsentant derselben „der kranke Mann" Heilung finden. Gefolgt von Eunuchen, Odalisken u. a. langte dieser inkognito und zu gleicher Zeit die berühmtesten Chemiker und Dok toren, vom Prinzen Karneval verschrieben, an, feierlich empfangen. Abends erschienen sic zur Soiree bei dem prinzlichcn Ministerpräsidenten, wo auch die von dem Prinzen als Regentin bestellte Prin zessin Mozuntia sich einzufindcn die Gnade hatte. Nach 8 Uhr überraschte die Herrschaften der von einer zahlreichen Menge umwogte Fackelzug der loyalen Narrhalleicn, die unter den Klängen des Narrhalla- niarschcs kamen und verschiedene närrische Hochs ausbrachten, auf welche der Ministerpräsident mit vielem Humor und närrischer Begeisterung antwortete. Am andern Morgen weckte die Musik der Prin- zessin-GardcdieSchläfer zum frohen Bewußtsein, daß der erste der großen Tage angebrochen sei. Um 11 Uhr Aufführung der preisgekrönten Karnevalsposse „Ein Narremraum", die durch ihren närrischen Tert wie durch ihre wahrhaft originelle Musik die fortwährend sich steigernde Heiterkeit des Publikums erregte. Nachmittags crsclgtc die feierliche Probe und chemische Analyse an den drri Kurbrunnen durch die anwesenden Narrenchcmiker und Ausposar.nung der glücklichen Ergebnisse. Es war daraus zu ent nehmen, daß gegen die Grnndübel der Zeit: Schwin del, Uebcrhebung, chronische Arbeitsscheu u. s. w. hier Heilung zu finden sei, welche auch von einer großen Menge Kurzäste, wie die Kurliste angab, gesucht wurde. — Abends Maskenball im Kasino und Theater. Am zweiten Morgen boten von früh 8 Uhr an die drei in einander mündenden Hauptstraßen, auf denen die drei Kurbrunnen sich befanden, das Ge mälde der heitersten Völkerwanderung. Zahllos war die Maste fröhlicher Menschen, durch die sich die Bcstandtheile des Zuges einzeln und zwanglos von einem Kurbrunnen zum andern bewegten und durch tntipr.chcnde Darstellungen und Witze die freudigste Stimmung in den Zuschauern erzielten. Hier produzirt ein Zauberer auf seinem brillant ausgestaktetcn Wagen, über dessen Za,iberapparat hoch oben eine beständig sich drehende Frauenfigur weit hinausragt, wahrhaft bewunderungswürdige Künste, dort scharen sieh die Massen um e.nen Wagen mit lebenden Nürnberger Spiclwaaren, dessen Insassen fortwährend der entfesselten Lachlust des Publikums reichliche Nahrung und der Straßensugend gern benutzte Gelegenheit zur Darlegung ihrer Springkunst boten. Dort erregt die Aufmerksamkeit der Umstehen den eine Gruppe englischer Esclsritter oder kostü- mirter Brezeljungen, welche das für sic eigens ge dichtete Brezeljungenlied singen Dan» bricht sich wieder eine At'theilung der herrlichen weiblichen Garde Bahn, begleitet von entsprechend kostümirter Musik. Wie heilend, belebend und erfreuend aber die Kur wässer wirkten, welche von lieblichen Brnnnenmädchen gereicht, zur wahren Liebfrauenmilch wurtcn, das bewiesen die wunderbarsten Kuren, namentlich an „dem kranken Mann", der von schwarzverhüll- tcn, todtblassen Jammergestalten in einer Sänfte zu dem „ Wei n brunneu" getragen und nebst semcn Trägern und dem.eben so düster verhüllten Geiolge durch das genossene Wasser auf so wunderbare Weise geheilt wurde, daß mit einemmalc die Kraft losigkeit aus den Gliedern, die Blässe von den Wangen und selbst die düstern Hüllen von den Körpern verschwanden, und der kranke Mann als lcbcns'rischer, prachtvoller Prinz und seine Umgebung als biintscheckigeHarlekins durch die staunende Menge jauchzend dahinsprangen. Zur Fenr der glücklichen Heilung, sollte nun, nachdem das eben beschriebene närrüch-lustige Treiben bis nach !2 Uhr Mit'ags un vermindert fortgedauert, Nachmittags eine Kur fahrt stattfinden, der sich sämmtlichc Kurgäste anschlossen. So sammelte sich nm 2 Uhr der große Festzug auf dem Schloßplatze und bewegte sich, von vielen Tausenden fröhlicher Zuschauer umgeben, durch die geschmückten Hauptstraßen der Stadt. Karaktergruppen zu Pferde, zu Wagen und zu Fuße, viele in wahihaft prachtvollem Kostüm, wech selten mit langen Reihen meist närrisch verzierter Wagen, in denen die Narihallcsen mit Narrenkappe und Stern, oft auch in närrischen Kostümen, Kon fettis und Sträußchen werfend, fahren und dem Grundsätze huldigen: daß, was so wunderbar zu heilen vermochte, auch in gesundem Zustande nicht schaden könne. Allgemeine Bewunderung erregte die Gruppe der wahihaft fürstlich geschmückien Prinzessin Moguntia, die mit ihren Hof damen, Pagen, dem Hcfmarschall und dem Hofnarren Witzhenne, der ganz dazu geschaffen schien, alle Damen zu Närrinnen zu machen, auf ihrem großen, prachtvollen Triumphwagen fuhr, gefolgt von anderen Hofchargen, dem Ministerium und dem Staatsrathe des Prinzen. Die größte Auf merksamkeit zog mit Recht die wunderherrliche Gestalt des BonquetspendcrS der Prinzessin auf sich. Das prachtvolle Kostüm desselben säum aus lauter Bou« quetchen zusammengesetzt; die Kopfbedeckung erglänzte oben als Niesenbouqnet. Entsprechend dieser Gruppe und sich theilcnd in die Bewunderung deö Publi-