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Die Friedens-Konferenz in Paris. (Mit Abbildung.) Der Krieg im Orient war ein ,,korrekter" Krieg. Was das bedeuten will, wird den Lesern vielleicht klar, wenn sie den „Rückblick auf die Zeit ereignisse" im vorigen und in diesem Jahrgang« de« Kalenders qelese" baben. Den„korrekten" Krieg mußte ein korrekter Frieden schließen. So wenig bei der Kriegführung auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Völker Rücksicht genommen worden war, so wenig entsprach dec am 30. Mär, 1856 in Pari« geschlossene Frieden den Bedürfnissen und Erwar tungen der Völker. Ein „korrekter" Krieg wird nur nach dem Willen der Herrscher geführt, dec kor rekte Frieden wird natürlich ebenfalls nur nach diesem Willen geschlossen, — in der Regel freilich nach dem Willen de« Herrscher«, dessen Armeen gesiegt haben, während der Herrscher, dessen Armeen geschlagen sind, sich diesem Willen fügen muß. Der letzte orientalische Krieg, zweifelhaft in seinen Erfolgen für beide kriegführende Theile, ward durch einen ebenso nach beiden Seiten bin zweifelhaften Frieden beendigt. Und so sehen wir denn, daß in allen Proklamatio nen, In denen die verschiedenen bei dem Kriege be- Ibeiligt qew.senen Herrscher ihren Völkern den Ab schluß de« Frieden« verkündigten, gleichmäßig die Bekauprunq ausgesprochen wird, der eben verkün dende Herrscher habe vollständig den Zweck erreicht, um dessenw-llen er sich in den Krieg eingelassen habe. Napo'eon III. verkünde!« das den Franzosen, Alexan der H. den Russen, und Gleiche« verkünden in zwei ter Reibe Abdul Meschid den Türken und Viktoria den Engländern, so wie in dritter Reihe Viktor Emanuel den Sarden. Doch nur die eine der kriegführenden Parteien, meint der in die Geheimnisse der Diplomatie nicht «ingeweibte Leser, kann ihren Zweck erreicht haben! Im gewöhnlichen Leben ist da« wvbl so, aber in der hohen Politik und zumal nach einem „korrekten" Kriege ist es ein ganz ander Ding. Es kommt überhaupt auch darauf an, welchen Zweck eben Jeder gehabt bat. Ueber d ese besonderen Zwecke der hoben Herr scher wollen wir un« nicht den Kopf zerbrechen und un« mit unsrem beschränkten Untertbanenverstande nur an die zu Lage liegenden Ergebnisse halten, und da will es denn scheinen, al« habe der Selbstherr scher aller Reussen seine Zwecke am Vollständigste» erreicht. Was seine Generale vielleicht auf dem Kriegsschauplätze verdorben, da« haben seine Diplo maten auf der Pariser Friedenskonferenz reichlich wieder gut gemacht, und so sehen wir denn, daß Rußland- seit anderthalb Jahrhunderten unverrückt im Auge behaltene Absicht, die Türkei ihrem Un tergänge entgegen zu führen, durch des Sultan« Derbündete selbst ihrer Verwirklichung um ein Be deutendes näher gebracht worden ist, näher al« e« die russischen Waffen, selbst wenn siegreich, vermocht haben würden. Die russischen Gebietstheile (in der Krimm), die die Miirlen erobert hatten, sind in Folge des Friedens bereits vollständig von den West mächten geräumt und an Rußland zurückgegeben worden, während dieses noch immer zöaert, feine einzige Eroberung, die Festung Kars in Asien, den Friedensbedingunqen gemäß an die Türken zurück« zugeben; und wahrend Rußland diesen selben Frie densbedingungen entgegen die von ihm zu räumen den Festungen Ismail und Reni an der untern Donau vor deren Uebergabe an die Türken zerstört, erhebt es über die Regulirung der neuen Grenze in Bessarabien so viele Schwierigkeiten, daß es bis heute noch nicht einen Fuß breit des Landes abge treten hat, das es zur Sicherung der untern Donau abzutreren durch die FriedenSbedingungen versprochen. Und wenn eS doch endlich das letzte Fleckchen am linken Ufer der Donau wird haben räumen müssen, so ist der auf der Friedenskonferenz von den Westmächten in'« Auge gefaßte Zweck: die Unabhängigkeit der Donau- schifffabrt von Rußland, das bisher im Frieden wie im Kriege diese Schifffahrt auf alle We se zu hin dern verstand, immer noch nicht erreicht, denn mitt lerweile haben russische Truppen die unmittelbar vor dem Ausflusse der Donau im schwarzen Meere ge legene Schlangeninsel beseht, durch die sie die Do nau und ihre Beschiffung von und nach dem schwar zen Meere vollständig beherrschen. Wie eS heißt, hat man bei der Pariser Friedenskonferenz vergessen (!), über die Schlangeninsel etwas zu bestimmen. Nach dieser nothwendigen Einleitung über die Bedeutung der Pariser Friedenskonferenz, die am 2S, Februar 1856 im Hotel des französischen Mi nisters des Auswärtigen eröffnet worden war und am 30. März den Frieden zu Stande gebracht halte, wenden wir uns zu den Diplomaten, aus de nen sie bestand. Jede dabei betheiligee Regierung war doppelt vertreten: durch ihren Minister des Auswärtigen und durch ihren Gesandten am fran zösischen Hofe; Frankreich neben seinem auswärtigen Minister noch durch seinen Gesandten am österrei chischen Hofe. Den Vorsitz führte 1) Graf Walew Ski, Meißner Kalender F,