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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 10.12.1896
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1896-12-10
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-18961210029
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1896121002
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1896121002
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1896
-
Monat
1896-12
- Tag 1896-12-10
-
Monat
1896-12
-
Jahr
1896
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4098 bandelte, seinen Finanzen dadurch aufiubelfen. — Gegenüber der zeugeneidlichen Aussage deS CyefredacteurS des „Berliner Tageblattes", wonach Herr von Tausch sich als „BiSmarckianer" bezeichnet hat, bemerkt die „B. Börs.- Ztg.", „daß Herr von Tausch das Bertrauen des Fürsten Bismarck nicht nur nicht besaß, sondern nur mit genauer Noth Ende der achtziger Jahre dem Schicksal entging, das ihn jetzt ereilte." — Üeber eine Handschriften-Samm- lung deS H^rn von Tausch berichtet eine Correspondenz: „Es war am 1. März 1835, als in der Wohnung eines hiesigen Zeitungscorrespondenten rin Herr sich einsand, welcher dem Journa listen gegenüber sich al» Criminalbeamter vorstellte und auch als solcher legitimirtr. Ans die verwunderte Frage deS Journalisten nach dem Begehr seines Gastes antwortete dieser mit der unvermit telten Frage: Kennen Sie Herrn von Tausch? Bedai^rnd mußte der Betreffende eingestehen, daß er von Tausch nicht p«sön» lich, sondern nur dem Namen nach uud so zu sagen par renommöo kannte. Das genügte aber vollständig zur Klärung der Situation. Der Beamte erklärte, im Auftrage des Herrn von Tausch zu kommen und schon einer Reihe anderer Zeitungs - Corre- svondenten einen Besuch zu dem gleichen Zwecke, wie diesen, abgestattet zu haben. Uud dieser Zweck bestand darin, sich rin BrlegSexemplar der Correspondenz des Journalisten zu erbitten, nicht etwa ein gedrucktes, sondern ein geschriebenes. Herr v. Tausch, meinte der Beamte, möchte nämlich gern wissen, was die Herren eigentlich schrieben. Der Beamte mochte wohl selber fühlen, daß dies ein wenig plausibler Grund für seinen Besuch und sein Ersuchen sei, denn er gestand selber zu, daß es wohl einen anderen Weg gegeben hätte, die Herren kennen zu lernen, aber — da der Journalist nichts zu verheimlichen hatte, gab er getrost dem Beamten einige Blätter seiner Correspondenz, worauf dieser sich empfahl. Was Herr v. Tausch beabsichtigte? Mit Sicherheit vermag man es nicht zu sagen. Durch die jetzigen Enthüllungen über die vielseitige journalistische Thätigkeit dürste auch die geschilderte Hand schristensammlung des Herrn v. Tausch in einem besonderen Lichte erscheinen." Die Antisemiten haben jetzt glücklich einen in den Proceß Leckert-Lützow verwickelten Juden entdeckt, den sie „verbrennen" können: Von dem bisherigen Redakteur des „Berliner Tageblattes" Gingold-Stärck theilt die „StaatS- bürger-Zeitung" mit, er sei auS Oesterreich nach Berlin gekommen und jüdischer Abstammung. — Die „Kreuzztg." meldet: „Ter General-Superintendent v. Dry and er wird nach dem Osterfest des kommenden Jahres nach Plön übersiedeln, um den Confirmations-Unterricht des Kronprinzen und des Prinzen Titel- Friedrich zu übernehmen. Es ist die Vereinbarung getroffen, daß 0. Dryander thunlich häufig nach Berlin kommen wird, um in der Dreifaltigkeitskirche zu predigen und so die Fühlung mit der Ge meinde zu behalten. Neber die weiteren einschlägigen Maßnahmen sind, dem Vernehmen nach, endgiltige Entscheidungen noch nicht getroffen." — Im Auftrage des Staatssecretairs des Innern werden gegenwärtig Dienstanweisungen für das Signalpersonal verschiedener Friedensignal-Stationen an der Küste unter besonderer Berücksichtigung solcher Bestim mungen ausgearbeitet, die geeignet sind, die Signalstationen für die Handelsschifffahrt möglichst nutzbar zu machen. Die Schifffahrtsvertretungen sind zur Erstattung von Gutachten aufgefordert worden. — Zum Proceß Leckert-Lützow schreibt die „N. Zürcher Ztg.": „Der Proceß Leckert-Lützow kann, so tief er auch die deutschen Patrioten betrüben muß, doch sehr viel zur Gesundung der öffentlichen Verhältnisse im Reiche beitragen. Der Sitz deS UebelS ist erkannt, und nun kann die Heilung erfolgen, wenn Regierung und Volk sie wollen, jene, indem sie ein scharfes Auge aus die politische Polizei richtet und sie in ihre Schranken weist, dieses, indem eS daS Bestehen von Blättern unmöglich macht, die nur von Sensationsnachrichten leben und darum leicht zur Beute und zum Schauplatze gewissenloser Intriguanten und gewerbsmäßiger Hetzer und Verleumder werden." — Es ist sehr ausgefallen, daß der Polizeipräsident von Wind he im dem Zeugen von Tausch untersagte, den Namen des Gewährsmannes zu nennen, der ihm einen ständigen Corre- spondenten der „Kölnischen Zeitung" als Verfasser deS Artikels „Flügeladjutantenpolitik" angegeben hatte. Da dieser Gewährs mann Herr Gingold-Stärck war, so begriff man nicht, wie von Seiten des Polizeipräsidenten eine solche Erschwerung des Proceßganges kommen konnte. Das Räthsel ist jetzt gelöst. Die „Berl. Börs.-Ztg." erfährt, daß Tausch Herrn v. Wind heim in den Glauben versetzt hatte, er habe die betreffende Nachricht von einer hochgestellten Persönlichkeit, deren Preisgabe die übelsten politischen Folgen haben müßte. — Abg. v. Bennigsen ist heute wieder im Reichstage erschienen. — Ueber die Stellung des Cent rums zur Hand werkervorlage schreibt die „Mil. u. Pol. Corr.": „Wie wir aus Centrumskreisen erfahren, ist in diesen das Interesse daran, daß die Handwerkerorganisationsvorlage in der laufenden Session deS Reichstages erledigt werde, gar kein so dringendes. Dem Centrum würde eS vielmehr sehr viel lieber sein, wenn die Frage von oen verbündeten Regierungen bis zu den nächsten Wahlen nach der Devise Kostina leute hingezogen werden möchte, damit das Centrum dann Gelegenheit hätte, durch Propagirung der am weitesten gehenden Handwerkerforderungen im Wa hl- kampfe die Handwerker auf seineSeite zu ziehen." — Am 14. d. M. findet Hierselbst auf Anordnung des Ministers der Medicinalangelegenheiten v. vr. Bosse unter dem Vorsitz des Direktors der Medicinalabtheilung vi'. v.Bartsch eine Conferenz von Verwaltungsbeamten und Technikern behufs Berathung von Maßregeln zur Bekämpfung der Granulöse statt. — Der Fürst zu Schwarzburg-Rudolstadt ist hier eingetroffen. — Der neuernannte Gouverneur von Ostasrika Oberst Liebert arbeitet sich gegenwärtig in der Colonialabtheilung des Auswärtigen Amtes in die Geschäfte seiner neuen Stellung ein. — Regierungsrath vr. Bumiller, der Adjutant des Herrn v. Wiffmann ist auS dem Colonialdtrnst ausgeschiedeu. — Der inactive Staatsminister vr. Frhr. von Berlepsch ist hier eiugetroffen. * Hamburg, 9. December. Nach einer Privat-Statistik liegen im Hamburger Hafen etwa 250 Seeschiffe, darunter etwa 150 Dampfer. Auf 140 Schiffen wird mit etwa 240 Gängen gearbeitet. — Der Secretair einer englischen Arbeitsbörse botdem Arbeitgeber-Verbände an, 2000 Dock arbeiter herüberzubringen, dieselben zu verpflegen und für ihre Unterkunft zu sorgen. — Der Arbeitgeber-Verband sprach sich in einer gestern abgehaltenen Sitzung gegen ein Einigungsamt auS. — Die Vertreter der Rollkutscher beschlossen, eine Lohncommission zur Ausarbeitung eines neuen Lohntarifs zu wählen. * Emden, 7. December. Die Legung deS Seekabels von Emden nach Vigo in Spanien mit Umgehung Frankreichs ist jetzt so weit gediehen, daß die Benutzung in der nächsten Zeit erfolgen kann. Der Theil des Submarine kabels vom überseeischen Telegraphenamt in Emden bis zur Nordseeinsel Borkum ist bereits hergestellt. Der mit der Versenkung deS Seekabels beauftragte Dampfer „Scotia" muß jeden Tag vor Borkum eintreffen, so daß alSdann die Verbindung zwischen den beiden Theilen hergestellt wäre. Die an der Nordwestküste Spaniens gelegene Endstation des neuen Kabels, Vigo, kann bereits mit dem Kabelleger „Scotia" telegraphisch verkehren. Mit der Fertigstellung dieser Linie ist eine direkte und sichere telegraphische Verbindung Deutsch lands mit seinen in Afrika gelegenen Besitzungen mit Um gehung Frankreichs hergestellt. (Berl. N. N.) * Jarotschin, 8. December. Eine Ortsgruppe des Vereins zur Förderung deS DeutschthumS in den Ostmarken hat sich nach einem Vortrag des Herrn Or. v. Hansemann auch hier gebildet. Etwa 50 Herren traten, wie man der „Post" schreibt, der neuen Gruppe bei. * Karlsruhe, 9. December. Ueber das Befinden des Großherzogs werden seit einiger Zeit, meistens in nicht badischen Blättern, ungünstige Gerüchte verbreitet. Wolff'S Telegraphisches Bureau wird daher zu der Erklärung er mächtigt, daß solche Mittheilungen vollkommen unbegründet sind. Nach dem übereinstimmenden Urtheil der den Groß herzog behandelnden Aerzte verläuft die Genesung, wenn auch langsam, so doch durchaus normal und zufriedenstellend. Schlimme Befürchtungen irgend welcher Art sind keineswegs gerechtfertigt. Neustadt, 9. December. Die Feldbergas faire in der Psingstnacht kam heute vor dem Schöffengericht in Neu stadt inr Schwarzwald unter dem Vorsitz des Amtsrichters vr. Eckhard zur Verhandlung. Angeklagt sind die ehemaligen Freiburger Hassoborussen Helm, Borgstede, Tbeophile und Gorisch, der Straßburger Rhenane Averbeck und die Tübinger Schwaben Harte, Annecke, Kühne und Albrecht. Helm und Averbeck sind auch wegen Haus friedensbruchs angeklagt, die Uebrigen nur wegen groben Un fugs und ruhestörenden LärmS. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet über die Verhandlung: Die Angeklagten erklären, betrunken gewesen zu sein und die Ansicht gehabt zu haben, daß in dem Theile des Hotels, m dem sie wohnten, nur CorpSstudenlen gewesen seien. Aus der Zeugenaus sage geht hervor, daß von 12 bis 4 Uhr Nachts auf dem Corridor recht erheblicher Lärm verübt worden ist Lurch Stoßen und Klopfen an den Thüren, durch Schreien und Rufen und durch Einstoßen der Thürfüllung eines Schlaf zimmers. Außerdem wurden Betten mit Wasser begossen, Wasserschüsseln zerschlagen u. s. w. Ein Strafantrag ist nicht gestellt worden, durch Zeugen wird fest gestellt, daß ein thatsächliches Eingreifen seitens sämmtlicher Gäste nicht erfolgt und daß die in der Presse aufgetauchte Erzählung nicht wahr ist, einer der Zimmerbewohner habe sich mit dem Revolver gegen das Ein dringen der Studenten vertheidigen müssen. Die Belästigung der in dem NebenhauS wohnenden Gäste bestand lediglich in dem Lärm auf dem Corridore. In seinem Plaidoyer hob Staatsanwalt Iunghans hervor, daß die ganze An gelegenheit, die in der Presse und im Reichstag so viel Staub aufgewirbelt habe, sich nach der heutigen Beweisaufnahme harmloser darstellt, als allgemein angenommen wurde. Auf Grund der Preßstimmen hat die Anklagebehörde in einer Reihe von Zeitungen Aufrufe erlassen, daß sich alle Die jenigen melden mochten, die sich in der fraglichen Nacht auf dem Feldberger Hof aufgehalten und über daS Verhalten der Studenten zu klagen hätten, eS habe sich jedoch Niemand gemeldet. Weder die Geschichte mit dem Revolver, nock die Erzählung von der Vertheidigung eines anderen Zimmers, in dem sich eine Dame befand, habe sich bewahrheitet, und in der heutigen Verhandlung sei auch nachgewiesen, daß die Angeklagten nicht an fremde Thüren geklopft hätten. ES bleibe uur noch der heidenmäßige Lärm bestehen und das Einstoßen der Thürfüllung, das sich jedoch nicht als Hausfriedensbruch qualificire. Er beantragt, die An klage^ auf Hausfriedensbruch fallen zu lassen, dagegen die Studenten Helni und Averbeck zu entsprechenden Haft strafen zn verurtheilen, die übrigen zu hohen Geldstrafen. Die Rechtsanwälte Kohler und Osterhaus plaidirten auf Freisprechung oder auf Verurtheilung zn Geldstrafen, da die Studenten bereits diSciplinirt worden seien uud Averbeck sogar in Straßburg relegirt worden sei. Das Schöffen gericht verurtbeilte die Angeklagten Helm und Averbeck zu je einer Woche Haft, Borgstede und Theophile zu je 50 Geldstrafe. Die übrigen Angeklagten wurden sre,gesprochen. Die Begründung hebt hervor, eS habe sich um eine Ruhestörung gröbster Art gebandelt, die durch das Eintreten einer Thür weit über das Maß dessen hinaus- gegangen sei, was nach studentischem Gebrauch für begreiflich befunden werden könne. Wegen der Anklage gegen die ehe maligen Studenten Bürck und Heintze, die jetzt ihrer Militair- pflicht genügen, habe sich daS Civilgericht für unzuständig erMren müssen. * Tonaneschingen, 9. December. Die ReichstagS- ersatzwahl für den verstorbenen Fürsten von Fürstenberg findet am 28. Januar statt. Oesterreich -Ungar«. ' Wien, 9. December. (Abgeordnetenhaus.) Stransky richtete eine Interpellation an die Regierung wegen der Jnsul- tirung des Redacteurs Meitner von dem in Olmütz er scheinenden Wochenblatt durch zwei Jnfanterieofficiere. Frankreich. Msline über die Lage der Landwirthschaft. * Paris, 9. December. (Kammer.) Berathung des Acker baubudgets. Meline erkennt an, daß der Ackerbau wegen des fortgesetzt niedrigen Preisstandes der Landwirthschaftserzeugniffe leidend sei und der Landbau diese Leiden erheblich vermehre. Die Zolltarife erlaubten zwar, Len Kampf auszuhalten, die Tarife verlören jedoch einen Theil ihrer Wirksamkeit in Folge des niedrigen Preisstandes im Auslände und in Folge der Wechselcourse. Ein Hilfsmittel fei die Wiederherstellung eines festen Werthverhält nisses zwischen Gold und Silber. Dies sei eine internationale Frage. Auch der Bürsenwucher schade der Landwirthschaft. Die Regierung erwäge die Fragen des Börsenwuchers und die Ein richtung einer landwirthschaftlichen Versicherung. Ein Prämien- system wäre gefährlich und rufe Gegenmaßregeln hervor. Eine große Erleichterung für die Landwirthschaft wäre, dem Steuer system eine neue Richtung zu geben, denn Grund und Boden zahle die Steuern. Möline hofft, die Kammer mache vraktische Gesetze und vermeide aufregende Discussiouen. (Wiederholt.) Alottenpläuc. * Paris, 10. December. (Telegramm.) Wie ver lautet, werde der Obermarinerath am 17. December das Programm der neuen Schiffsconstructionen, welche der Marineminister für nothff>endig erachtet, prüfen. Einzelne Blätter behaupten jedoch, die Arsenale, wie die industriellen Privat-Etablissements Frankreichs seien weder maschinell, noch bezüglich der Arbeitskräfte entsprechend ausgerüstet und würden die erforderlichen Arbeiten kaum vor zwei Jahren beginnen können. Der Vorsitzende der Budget-Commission werde gleichwohl die sofortige Lesung verlangen. Belgien. Ter Eommnualstrcit. * Brüssel, 9. December. In Folge des Eintretens des Königs erklärten Bürgermeister Buls und die liberalen Schöffen sich bereit, im Amte zu verbleiben. Hiermit ist die Krisis in der Gemeindeverwaltung beseitigt. Schweiz. Weibliche Stndirendc; Theodor v. Wächter. * Zürich, 9. December. Eine allgemeine Studentenver sammlung beschloß den Ausschluß der weiblichen Stu- direnden vom Studenten - Delegirten - Convent. — Der bekannte Agitator Pastor Theodor v. Wächter, der wegen eines Vergehens verhaftet war, ist gegenwärtig in einer Irrenanstalt zur Beobachtung seines Geisteszustandes. Italien. * Florenz, 9. December. König Alexander von Serbien ist gestern von hier nach Venedig abgereist. Großbritannien. Ter Hamburger Ausstand. * Grimsby, 9. December. 150 Leute, hauptsächlich aus London, sind heute Nachmittag hier eingetroffen, um Abends mit dem Dampfer „Staveley" nach Hamburg abzufabren. Eine weitere Anzahl von Arbeitern ist zur Abfahrt bereit, sobald die Hamburger Arbeitgeber mehr Leute verlangen sollten. Rußland sich plötzlich in einen Krieg verwickelt sehen, so erklärt sich China bereit, Rußland zu erlauben, dort zeitweise alle seine Land- nnd Seemacht zn concentiren, um Ruß land besser in den Stand zu setzen, den Feind anzugreifen oder seine eigene Stellung zu schützen. Damit wäre Rußland zum Herrn in Ostasien erklärt und China selbst vollständig in seine Hand gegeben, zumal wenn die Bestimmung zur Ausführung gelangen sollte, daß russische OfficiereanStelle verdeutschen zurReorganisation der chinesischen Territorialarmee berufen werden sollen. Der Wortlaut der jetzt veröffentlichten Convention entspricht im Allgemeinen den Mittheilungen, welche die „North-Cbina Daily News" im März d. I. über den Inhalt des geheimen Vertrages gemacht bat. Tie russische Negierung wird dem Ministerium Salisbury vielleicht den Gefallen erweisen, selbst oder durch die chinesische Regierung den Wortlaut der Convention als ungenau oder gar als erfunden zu bezeichnen, allein die Thatsache bleibt trotzdem bestehen, vaß die Russen eine Eisenbahn durch die Mandschurei nach Wladiwostock bauen und auch daran ist nicht zu zweifeln, daß sie sich für den Fall eines Krieges die Häfen von Port Arthur nnd Talienwan gesichert haben. Nimmt man binzu, daß Rußland sich eben am Eingang des Rothen Meeres festgesetzt bat, so kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß es Ernst macht mit seiner Absicht, die Nolle der allein vomirenden Macht in Asien zu übernehmen. Die Frage ist nun, ob es Rußland gelingen wird, jenen Vertrag endgiltig unter Dach und Fach zu bringen. Sicherlich werden Eng land sowohl wie Japan Alles aufbieten, um seinen Abschluß zu verhindern. Deutsches Reich. Berkin, 10. December. Zwischen der couservativen Partei und dem Cent rum finden im Reichstag, wie wir hören, zur Zeit Verhandlungen statt, um eine gemeinsame Actioa^in der Margarinefrage vorzubereiten. Sobald zwischen diesen beiden Parteien eine Vereinbarung zu Stande gekom men ist, sollen auch Mitglieder der anderen Fractionen zur Unterstützung des gedachten Planes geworben werden. Ausgeschlossen ist selbstverständlich, wenn mit dem ganzen Vorgehen etwas Greifbares erzielt werden soll, daß die von der Regierung als unannehmbar bereits im verflossenen Frühjahr zurückzewiesenen Forderungen wieder ausgenommen werden. Dazu gehört daS Färbeverbot, Vas damals mit 138 gegen 97 Stimmen trotz der Abmahnung der Regierung abgeschlossen wurde, ferner der Beschluß, daß Margarine und Butter nur in getrennten Verkaufsräumen feilgehalten werden dürfen, schließlich dir Bestimmung Uber die Beimischung von Phenolphthalein als Erkennungsmittel. Von der Rechten wurde damals der Standpunct vertreten, daß ohne diese Bestimmungen daS ganze Gesetz werthlos sei. Sie steht somit jetzt vor der Nothwendigkeit, diese Forderungen nicht wieder zu erneuern, wenn sie mit ihrem jetzigen Plane etwas Positives erreichen und vor Allem den Verdacht vermeiden will, daß nur ein Anlaß zu neuen Agitationsreden herbeigesührt werden soll. Daß dazu die Margarine sehr Wohl geeignet ist, hat ja der Abg. Freiherr v. Manteuffel zum Schluß der letzten Wintertagung bewiesen, als er der Regierung zurief, ihre Abweisung des verunstalteten Margarinegesetzes zeige, daß sie auch die kleinen Mittel für die Landwirthschaft nicht in Anwendung bringen wolle. Soll aber mit der ganzen Initiative nichts weiter bezweckt werden, waS sich ja aus dem Inhalt des Antrages oder der Interpellation erweisen muß, als Gelegenheit zu solchen Ausfällen zu geben, so liegt schon in Rücksicht auf die bedrängte Zeit des Reichstags kein Anlaß vor, dazu die Hand zu reichen. * Berkin, 9. December. Der Proceß von Tausch wird, der „Tägl. Rundsch." zufolge, voraussichtlich Ende Januar verhandelt werden.— Ueber die militairische Laufbahn v. Tausch's wird der „Post" Folgendes mitgetheilt: „Unter dem 1. August 1866 wurde v. Tausch königl. bayerischer Oberlieutenant. Er machte die Feldzüge von 1866 und 1870/71 und die Occupation in Frankreich bis Septeniber 1873 mit und wurde hierbei mit dem Ritterkreuz zweiter Clasie des königl. bayerischen Militair-Verdienstordens und dem Eisernen Kreuze zweiter Classe aus gezeichnet. Trotzdem hatten die maßgebenden militairische» Factoren in Bayern Gründe, diesem Manne Len Abschied „ohne die Erlaubniß zum Tragen der Uniform" zu ertbeilen. Der seit mehr als dreißig Jahren patentirte königlich bayerische Premierlieutenant a. D. v. Tausch ist erst seit wenigen Jahren in dem königlich bayerischen Militair-Handbuch als einer der dicnstältesten Pensionirten bayerischen Premierlieutenants eingetragen, nachdem ihm nachträglich die Erlaubniß zum Tragen der Uniform ertheilt worden war. Offenbar hat die königlich bayerische Kriegsverwaltung diesem Ansuchen eines früheren activen Officiers nachgegeben, weil von Tausch inzwischen auf seine königlich preußische Beamteneigenschaft und auf den Besitz von sächsischen, dänischen, italienischen, russischen und österreichisch ungarischen Orden hinzuweisen in der Lage war." Was über von Tausch's mißliche finanzielle Ver hältnisse gesagt wurde, scheint an die Wirklichkeit noch nicht heranzureichen. Wie die „Nat.-Z." hört, ist die Unter suchung gegen ihn über den Punct, der unmittelbar zu seiner Verhaftung den Anlaß bot, ausgedehnt worden. Dabei könne sich auch Herausstellen, inwieweit er ein Künstler im Verschweigen war, wenn eS sich darum dem Spinnweb der Jahre umschleirrt, poetischer zu erscheinen pflegen." „Sie haben ganz Recht", sagte sinnend Schischi. „Selbst ich, die ich mit beiden Füßen im crassen Alltagsgetriebe stehe, ch fühle oft die Poesie, die auch die jüngste Gegenwart um siebt, wenn man nur die Augen danach hat." „O Sie! Erstens sind Sie Künstlerin und meinen es on Herzen aufrichtig auch mit Ihrer Kunst. Und davon ind Sie eben selbst das Poetischste, was eS geben kann — für mich." Schischi schwieg. Sie fühlte recht gut, daß sie nicht daS war, wofür Erwin sie hielt. Aber Bewunderung, die aus ?cr Seele kommt, thut wohl, aucb wenn sie blind ist — oder vielleicht gerade, weil sie blind ist. Sie sah in das Feuer vcS Kamins und Erwin tbat das Gleiche, und Beide überkam nach und nach eine friedliche Stimmung, die nichts aufgeregt Festliches mehr an sich hatte. Sie fühlten sich Wohl und geborgen in der traulichen Abgeschiedenheit dieses warmen Gemachs. Erwin lehnte den Kopf gegen die Armlehne von Schischi'S Stuhl, und langsam und leise begann er zu sprechen, als wäre er allein. In einem Walde ist eS. ES schneit.... und dennoch scheint der Mond, denn der Schnee kommt nur aus einer einzelnen weichen Wolke, die über dem Tannengebölz steht.... Stille weit umher Todtenhafte, allzu tiefe Stille — zum Fürchten wär'S, wenn nicht der Mond schiene. Der aber streut seine matten Perlen ringsum auf den Grund. Perlenketten rieseln bläulich an den Stämmen herunter und breiten sich zu leuchtenden Lichtseen im Schnee au». Alle Zweige sind weiß beschneit, und auf dem Fußpfad liegt eS geheimnißvoll und dicht wie eine weiße Sammetdcckc. Und letzt hört eS auf zu schneien und Schritte nähern fick'. Ein Mann tritt in den Mondschein hinaus, der späht um sich suchenden Blicks, und sucht und sucht und findet nichts .... er sucht sein Glück. Beschneit sind ihm Hut und Bart und Gewand und seine Schritte gleiten lautlos durch den Weißen Sand. Er ist noch jung, aber dennoch scheint er schon müde von dem vergeblichen Suchen, und manchmal schließt er die Augen in Mattigkeit. Ich glaube, er bat blaue Augen. Wenn er unter den Bäumen fortschreitet, streift sein Haupt manchmal die Zweige und dann stäubt es wie ein Wölkchen rieselnd hernieder im Mondschein. Mitten im Dickicht findet er mit einem Male ein Mädchen. Sie ist jung und schön. Braune Locken umschatten ihre Stirn und goldbraun schauen ihre Sonnenaugen in die Märchen pracht des Waldes hinaus. „Was machst Du hier allein?" fragte er. Sielacht. „Ich amüsire mich", sagte sie. „Es ist mein Lebenszweck, mich zu amüsiren." Der Mann aber fühlt plötzlich, wie ihm sein Herz in der Brust groß und glühend wird. „Ick aber liebe Dich", sagt er. Und traurig setzt er hinzu: „ES ist mein Lebenszweck, Dick zu lieben." Sie ist sehr erschrocken, denn so hat noch Niemand mit ihr gesprochen. „Woher kommt Dir mit einem Male diese Erkenntniß?" fragt sie. „Ich fühle sie", antwortete er einfach. „Ich wanderte durch die Welt und suchte das Glück, und nun finde ich Dich und fühle, Du bist mein Glück. — Komm mit mir!" ruft er plötzlich lrivenschastlich. Seine Stimme ballt wunderlich in dem lautlosen Walde wider, und das Mädchen siebt ihn noch immer erschrocken an. Dann senkt sie das Haupt. „Du irrst Dick", sagt sie bitter. „WaS Du suchst, ist gewiß nicht das, WaS ich geben kann. Du suchst Liebe und Tugend, das sehe ich in Deinen blauen Augen. Ich aber habe wohl Liebe, aber keine Tugend." „Du wirst sie lernen!" ruft er beredter als zuvor. „Du wirst sie finden, wenn ich Dick führe. Wie sollte ich etwas von Dir verlangen, was ich selbst nicht bieten kann?! Ich bin gerecht und liebe Dich so, wie Du bist. Ich will Dich schützen vor der Welt, und Du sollst an meiner Seite lernen, waS Tugend ist und Glück. Denn ich bin stark und will Dich stützen!" Der Mond steht über ihnen und gießt eine volle Fluth von Glanz ihnen ins Angesicht. Weit breitet der Mann die Arme aus, und sie neigt sich zn ihm, — da biegt sie plötzlich zurück und sagt mit einem sonderbaren Lachen: „Sie vergessen meinen Lebenszweck. Es ist mein Lebens zweck, mich zu amüsiren." Erwin'S Stimme erstarb in einem traurigen Flüstern. Nun schwieg er und fühlte eine wohlige Schläfrig keit über sich kommen. Gleich darauf sprang er aus: «ine heiße Thrane war auf seine Stirn gefallet». Schischi saß mit zurückgelehntem Kopf in ihrem Lehnstuhl, und aus ihren Augen rannen Tbränen. Sie nahm sich aber mit Gewalt zusammen — es fiel ihr ein, daß man am heiligen Abend vergnügt sein müsse. „Sie sind grotesk!" sagte sie, indem sie ebenfalls auf stand. — „Wir sprechen ein ander Mal über ihr merkwürdiges Märchen. Jetzt aber wollen wir unfern Baum anziinden." Uud mit jener Geschäftigkeit, die eine große GemüthS- bewegung zu verdecken sucht, begann sie, die Kerzen an dem kleinen Weihnachtsbaum, welcher im Nebenzimmer vor dem Speisetisch stand, anzuzünden. Es war ihr beklommen zn Muthe; WaS wollte Erwin? Er wollte sie doch nicht etwa gar heirathen? Aber daS wäre ja zu verrückt. — Nein, nein, der liebe Mensch, er war wohl nur ein bischen über schwänglich wie alle Dichter ... und dennoch ... Schischi zündete ein letztes grünes Licht ganz oben in der Krone an und rief dann Erwin. „Sehen Sie", sagte sie, „ich habe Ihnen auch etwas auf gebaut." Eine große Photographie von ihr, in zarten Farben auS- gemalt, stand unter dem Baum. Erwin griff darnach wie eia Kind nach dem Spielzeug, halb scheu und halb gierig. „Und ich habe nichts", sagte er traurig. „Ich wußte ja nicht, daß wir allein sein würden. — Dennoch, — wenn ich Ihnen Eins anbielen dürfte?" Er zog von seinem kleinen Finger einen altmodischen Reif mit einem Smaragd. „Meine Mutter hat ihn getragen", sagte er mit zitternder Stimme, „und ich habe mir vorgenommen, ihn einstmals nur der Frau, die ich über Alles liebe, zu geben. — Sehen Sie, Sckischi, der Ring ist mir heilig — darf ich ihn Ihnen geben?" Sie sah ihn tiefbewegt an und betrachtete mit nassen Augen den kleinen Reif. Dann steckte sie ihn Erwin wieder an den Finger. „Nein!" sagte sie. „Ich danke Ihnen von Herzen, — aber wenn ick diesen Ring annähme, thäte ich ein Unrecht. — Nicht, daß ich mich für zu unwürdig dazu halte" — Schischi ließ ein nervöses, kleines Lachen hören — „Sie wissen ja, daß ich über Sentimentalitäten erhaben bin — aber ich kann Ihnen nicht genug dafür bieten, sehen Sie! — Ich — ich — nun ja, ich habe Sie sebr gern, aber den hohen Flug Ihrer Empfindungen mitzumachen, bin ich zu — schwach. — Dennoch wiederhole ich Ihnen, wie innig dankbar ich Ihnen bin!" Sie hatte ihr Händchen auf seinen Arm gelegt und sah mit schimmernden Augen zu ihm auf. Erwin schaute von seiner Hünenhöhe auf sie herab und fühlte sein Her; mehr als je unter der Herrschaft dieser kleinen Fee. Aber es schien ihm nun auch, als sei an ein ernsthaftes Aufraffen bei dem geliebten Schmetterling nicht zu denken. Und er batte es so ernst gemeint! Täppisch stand er vor ihr unv blickte-bcklommen auf die glänzenden Löckchen um ibre Stirn berab; wie hätte er sprechen können, da ihm das Herz so voll war! Endlich lachte Schischi hell auf. Sie hatte immer solch erlösendes, klingendes Lachen in Bereitschaft. „Da stehen wir wie zwei arme Sünder und haben doch nichts Unrechtes begangen; es ist übrigens ein himmlisches Gefühl, diese Gewissensreinheit, wenn sie auch nur 24 Stunden alt ist. Wissen Sie waö, Erwin? Wir wollen uns einmal wie brave Kinder Feiertage machen. Morgen früh holen Sie mich mit einem Schlitten ab, und dann wollen wir den Tag zusammen wo anders verbringen. Jst's recht so?" Er nickte; ihm war Alles recht, wenn er nur in ihrer Nähe sein konnte. Als er nach einer Stunde nach Haus ging, ließ er den Kopf hängen; immer deutlicher wurde er sich bewußt, daß er Schischi irgend welchen moralischen Ernst nie würde bei bringen können, und gerade daS war sein innigstes Streben. Für ein Verhältniß von beschränkter Dauer liebte er sie zu sehr; er wußte, wenn daS eines TageS zu Ende ginge, so würde sein Leben damit zerbrechen. Andererseits wieder — sollte er so thöricht sein und die Schale mit perlendem Wein, die ihm der Augenblick bot, zurückstoßen, nur weil eS ihm nicht vergönnt war, sie mit sich zu nehmen und für sich ganz allein zu behalten? Erwin litt; er litt unter diesem Zwiespalt in seiner eigenen Brust. Immer war sein Wahl spruch gewesen: „Ganz oder gar nicht." Und hier gingen seine Grundsätze jämmerlich in Stücke: denn er fühlte schon jetzt, mit welcher Gier er doch am Ende in diesem Falle Stückwerk nehmen würde, wenn ihm das Ganze verwehrt war. * 2 Mira stand am Fenster zwischen den blühenden Hyacinthen und wartete auf Detlev. Sie hatte keine bestimmte Hoffnung, daß er wirklich kommen würde, denn die fliegende Eile, welche er ohne Zweifel beabsichtigte, konnte durch irgend welche Zu fälle in Geyern gehemmt werden; dennoch stand sie ungeduldig am Fenster und sckaute die verschneiten Wege hinauf. Eine Menge Schlitten waren heute schon vorbeigefahren:
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