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Leipziger Tageblatt Mid Anzeiger. Sonnabend den 30. December. 1848 Biographieen Sächsischer Minister. vr. von der Pfordten. (S ch l u ß.) Seine damals gesprochenen männlichen Abschiedsworte werden allen Hörern unvergeßlich geblieben sein. „Das weiß ich," sprach er dort unter anderem, „daß Wahrheit und Recht, wie sie meine Führer gewesen sind auf dem Lehrstuhle, so auch meine Leitsterne sein werden in dem Gerichtssaale! Was auch meine Zukunft mir bringen mag, der feste männliche Sinn wird mich nicht verlassen." Und er hielt Wort, in dem neuen Wirkungskreise wie in allen übrigen, denen sein Stern ihn zugeführt hat. So wenig übrigens dieser neue Wirkungskreis in Aschaffenburg im Anfänge seiner Neigung entsprach, wurde er doch vermöge der ihm eigenen Be weglichkeit und Rüstigkeit des Geistes auch hier sehr bald heimisch und gerade diese Stellung trug viel dazu bei, ihn in den weitesten Kreisen, was man sagt erst recht populär zu machen. Noch heute rühmen seine damaligen (Kollegen die große Klarheit und Bündig keit seiner richterlichen Entscheidungen, und man trägt sich in dortiger Gegend mit mancherlei ergötzlichen Berichten von der Energie und selbst Derbheit, mit welcher er den Unterdrückten be sonders gegen die sich bevorrechtet glaubende Anmaßung zu ihrem Rechte verholfen habe. Auch durch seine Persönlichkeit wurde er bald ein Liebling der Stadt und Umgegend. Sein Andenken ist dort noch beute sehr lebendig, und ein Gruß von ihm dient dem Ueberbringer als die beste Empfehlung. Obgleich v. d. Pfordten, wie gesagt, auch in diesem neuen Wirkungskreise bald zu Hause war und ihm auch hier die ehrenvollste Anerkennung zu Theil ward, konnte es doch nicht fehlen, daß er noch immer von Zeit zu Zeit sehnsüchtig nach dem verlassenen Lebensberufe zurückblickte. So wurde denn sehr zu gelegener Zeit durch Puchta's Weggang von Leipzig nach Berlin der Lehrstuhl der Pandekten an ersterer Universität erledigt, und v. d. Pfordten, auf Puchta's Anrathen durch den Minister von Wietersheim berufen, nahm diesen Ruf gern an. Mit dem Sommerhalbjahre 1843 eröffnete v. d. Pford ten seine Wirksamkeit als akademischer Lehrer in Leipzig. Es wiederholte sich hier dieselbe Erscheinung, wie überall, wo er bisher aufgetreten war. Die Achtung seiner Amtsgenoffen, die Liebe und das Vertrauen seiner Zuhörer, die Huldigung der Gesellschaft, ein Kreis treuer Freunde kam ihm ungesucht entgegen. Hier war es auch, wo er, einer entschiedenen Herzensneigung folgend, sich ver mählte. Kaum hatte er indeß ein Semester in Leipzig zurückge legt, als er schon wieder an des verstorbenen Mühlenbruchs Stelle einen Ruf nach Göttingen erhielt. Er schlug ihn aus, durch Dankbarkeit und neue Bande an Sachsen gefesselt. Das Ver trauen zu ihm blieb nun immer im Steigen. Bald gab es kaum irgend eine öffentliche Angelegenheit der Stadt und Universität, an welcher man ihn nicht betheiligt zu sehen wünschte. Im Herbst 1845 wurde er, immer noch einer der jüngsten Professoren der Universität und jedenfalls der jüngste seiner Fakultät, zum Rector gewählt und behielt, ein seltener Fall, dieses in so bewegter Zeit doppelt wichtige und schwierige Amt auch für das folgende Jahr. Er führte es mit Kraft, Milde und Unparteilichkeit, ein treuer Beförderer und Schützer des Talents, des Fleißes und der sitt lichen Freiheit, aber auch ein strenger Richter der Rohheit und Trägheit, die er am unerbittlichsten strafte, wenn sie sich etwa gar auf Vorrechte der Geburt steifen wollte. Die von der Schwere des Gesetzes Getroffenen, denen solche Strenge ziemlich neu war, wußten es ibm natürlich wenig Dank. Destomehr die Gutgesinn ten. Während PfordtenS Rectorat studirte der Prinz von Olden burg in Leipzig, dessen wissenschaftliche Ausbildung ihm zunächst n ertraut wurde. Die Rede, welche v. d. Pfordten bei seiner Aufnahme unter die Studirenden in Gegenwart des regierenden Großherzogs hielt, sollte damals an einigen deutschen Höfen sehr rmtzfaUen haben, za von gewissen Herren am Bundestage sogar für Hochverrat) erklärt worden sein. Sie war nur vollkommen zweckgemap. Die durchaus freisinnigen Lehren, welche der junge Fürst von seinem Führer in den Rechts- und Staatswiffenschaften Apfmg, sind ihm gewiß schon jetzt bei der neuen Gestaltung der Dmge trefflich zu statten gekommen. Nach Ablauf seines zwei- jahrigen ruhmvoll geführten Rektorats gönnte sich v. d. Pfordten die Erholung, seinem deutschen Herzen einmal freien Lauf zu lassen: er begab sich nach Lübeck zur Germanistenversammlung, wo er durch seine treffliche, die Gegenfüßler des römischen und des deutschen Rechts versöhnende Rede die Geister fesselte und die Herzen gewann. Unterdeß war in Leipzig jene Versammlung von Männern zusammengetreten, welche durch die Berathung über ein allgemein deutsches Wechselrecht den ersten Schritt zur Erschaffung einer gemeinsamen deutschen Gesetzgebung that. War auch v. d. Pfordten nicht unmittelbar dabei betheiligt, so zeigte sich doch auch hier wieder das große Vertrauen, dessen er bereits in allen deutschen Gauen genoß, indem viele dieser Herren, darunter sehr bedeutende und ausgezeichnete Staatsmänner, vorzugsweise seinen Umgang suchten. Diese Begegnung könnte man gewissermaßen als eine Vorbedeutung der Bestimmung betrachten, die seiner in Kürze wartete. Denn als nun die politische Krisis, die sich von Frank reich aus mit Blitzesschnelle Deutschland mittheilte, auch das ruhige und besonnene Sachsen ergriff, als die Männer des alten Systems gefallen waren, da wurde er, obwohl zum großen Schmerze seiner Leipziger Freunde, in demselben Angenblicke, wo ihn die Universität zu ihrem Deputirten und die Stadt zu ihrem Bürgermeister er wählen wollte, in die unmittelbare Nähe des Königs gerufen und ihm zu gleicher Zeit das Ministerium des Auswärtigen und des Innern übertragen. Letzteres vertauschte er jedoch bald, es dem beliebten Volksmanne Oberländer überlassend, nach seinem eigenen Wunsche und Willen mit dem des Kultus und Unterrichts, in welchem er jedenfalls mehr an seinem Platze ist und seitdem im herzlichsten Einverständnisse mit den übrigen Rächen der Krone eine rastlose Thätigkeit entwickelt. Fragen wir uns nun, was ist es eigentlich, was diesem Manne so überall das öffentliche Vertrauen zuwendete und was ihn so rasch in seine gegenwärtige Stellung hinaufhob, so kommen wir eben wieder daraufzurück, wovon wir ausgegangen sind und müssen sagen: es ist der Werth einer durch und durch tüchtigen harmo nischen Persönlichkeit, welche sich bisher in allen Verhältnissen siegreich erwiesen hat. „Ein Mann ist viel werth in so theurer Zeit," rufen wir beim Hinblicke auf ihn unwillkührlich aus. Schon sein Aeußeres scheint zu solchen Erwartungen zu berechtigen. Eine kräftige Mannsgestalt erweckt in uns das Vertrauen, daß ihr Be sitzer sich weder von den Stürmen der Zeit, noch von dem Ueber- maaße der Arbeit so leicht werde niederbeugen lassen und ein edel geformtes blühendes Antlitz zeigt uns, daß es noch Gelehrte geben kann, an welchen der Acten- und Bücherstaub nicht haftet. AuS der breiten Brust tönt eine männlich kräftige, wohlklingende, weit hin vernehmbare Stimme. Einer von des Redners eigenen Wahl sprüchen ist, daß nur tn einem gesunden Leibe auch eine gesunde Seele wohnen könne und dem entspricht seine ganze Erscheinung. Sein Auftreten in der Gesellschaft ist da- der geborenen Vornehm heit ; völlig sicher und vertraut mit den Formen der großen Welt, aber dabei doch schlicht und bescheiden; niemals ein Andere ver letzendes Selbstgefühl. Grundzüge seines EharakterS sind eine un-