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4, 7. Januar 1916, Redaktioneller Teil. BSrl-ndla», s, d, Dtschn, Buchhaud-I, fahr, die sie dabei liefen, nicht nehmen lassen, mir »och einige Trost- und Abschiedstvorte zuzurufen. Wir Verschickten wurden alle in einem vergitterte» Gefange nenwagen untergebracht, der noch neu und verhältnismäßig sau- ber war. Noch einen Abschiedswink, und wir fuhren ab. Als wir einigermaßen untergebracht waren, begrüßte mich Herr von S., der glücklicherweise, d, h, für mich glücklich, mit demselben Transport befördert wurde, er sorgte auch sofort da für, daß ich einen besseren Platz am Fenster bekam. Ferner be grüßten mich einige Letten, Herausgeber, Drucker und Expedient einer lettischen Arbeiterzeitung, die stets unter Zensur, zuletzt noch unter Kriegszensur erschienen war. Eines Abends kam die Gen darmerie, schloß die Buchdruckerei und verhaftete alle dort An wesenden, Ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil gingen sie jetzt denselben Weg wie ich. In Dünaburg hielt der Zug längere Zeit, Zufällig warf ich einen Blick aus dem Fenster, da sah ich meine älteste Tochter langsam Vorbeigehen, ohne scheinbar auf den Wagen, in dem ich mich befand, zu achten. Mir krampste sich das Herz zusammen. In was für Gefahren, deren Größe gar nicht zu ermessen war, begab sich das Mädchen! Gleich darauf bemerkte ich auch einen älteren vertrauten Diener aus dem Geschäft, der sie jedenfalls begleitete, so war sie doch nicht ganz schutzlos. In mein Herz zog ein freudiges Dankgefühl, meine Angehörigen wollten mich doch nicht allein lassen. Mein Reisegenosse, Herr v, S,, war sehr unternehmungslustig und schreibselig, er beging die Unvorsichtigkeit, meiner Tochter durch einen Konvoi-Soldaten, den er dazu willig machte, einen Zettel zu schicken, in dem er um einige Lebensmittel, die uns fehlten, bat. Der Soldat brachte auch in der Tat das Gewünschte, und Herr v, S, schrieb einen neuen Dankzettel, Von dieser Minute an habe ich meine Tochter und den Diener nicht mehr gesehen. Meine Tochter, die der Verhaftung in Smolensk nur wie durch ein Wunder entgangen war, habe ich erst bei meiner Rückkehr nach dem Vaterlande, als sie uns in Berlin vom Bahn hof abholte, in Schwesterntracht wiedergesehen. Die Nacht im Waggon war entsetzlich, zum Unglück bekam ich auch einen Asthma-Anfall, den ich aber durch das Rauchen einer Asthma-Zigarette, die ich auf Veranlassung meines Hausarztes hatte mitnehmen dürfen, sehr bald unterdrücken konnte. Man stelle sich einen überfüllten Wagen vor, in dem Sol daten und Gefangene ohne Unterlaß den entsetzlich riechenden, billigsten russischen Tabak, »Machorka« genannt, qualmten und in dem es keine Lüftungsmöglichkeit gab, dann wird man die Stituation ungefähr begreifen. Der Abort war in einem un glaublichen Zustande, an seine Benutzung war überhaupt nicht zu denken. Man war froh, als der Morgen heraufdämmerte, aber erst gegen Abend kamen wir in Smolensk an. Hier ging es wieder ins Gefängnis, das war zum Glück nicht weit, und die Fahrt auf dem Lastwagen deshalb nicht so an greifend, Im Gefängnis wieder di« Leibesuntcrsuchung, dann wurden wir alle in einen ziemlich großen Raum gebracht, der vollständig kahl war, an den Wänden entlang aber recht hoch angebrachte Pritschen enthielt, auf denen wir uns, ohne die Wohl tat eines Strohsacks, ausstrecken durften. Das einzige Mobiliar aller Gefängnisräume besteht in zwei Kübeln, die, mit einem leichten Deckel versehen, dazu bestimmt sind, den Gefangenen zur Verrichtung ihrer Notdurft zu dienen, und mit ihrem Gestank dazu beitragen, den Aufenthalt in diesen Räumen zu einer wah ren Hölle zu machen; in einer Ecke hängt außerdem ein Hei ligenbild, — Der reine Hohn! Am Abend wurde eine in der Mitte der Zelle hängende Pe troleumlampe angezündct, denn dunkel darf es nicht sein, damit die Gefangenen durch das Loch in der Tür auch ordnungsmäßig beobachtet werden können. An diesem Abend sah ich zum ersten Male, daß die alten, erfahrenen Sträflinge in den Falten ihrer Gewänder und Hemden der niedrigsten Jagd oblagen, anscheinend nicht mit besonderem Erfolge, Wie bald mußte ich mich auch auf diesem Gebiete betätigen! Leider hatte man mir in Riga meinen Kneifer fortgenommen und in Smolensk auf meine Beschwerde eine alte Brille gegeben, die aber meinen Augen nur sehr man gelhaft entsprach. Ich wäre deshalb ohne die Hilfe und das tatkräftige Eingreifen meines Schutzengels, des Herrn v, S,, vollständig verlaust an meinem Bestimmungsorte angekommen. In Smolensk blieben wir den ganzen Tag bis etwas nach Mitternacht, Die Gefängniskost konnte ich entbehren, weil ich noch Lebensmittel genug bei mir hatte, auch die meisten andern waren noch damit versehen. Um I Uhr nachts etwa wurden wir geweckt und mußten auf dem Hofe Aufstellung nehmen. Wieder wurden wir untersucht. Der Transport war zahlreicher geworden, obgleich eine Anzahl von den aus Riga eingetroffenen Schicksalsgenossen zurückblieb, um auf andern Straßen weiter geschickt zu werden. Ein Handlungsreisender aus Warschau, Vertreter einer op tischen Fabrik, auch ein Reichsdeutscher, der anscheinend eben erst in Smolensk verhaftet worden war, hatte seine Muster in einem Kofferchen; das gereichie seinen Sachen zum Unheil, Koffer und Kisten sind dem Verschickten verboten, sein Gepäck darf er nur in einem Sack mitnehmen. Dementsprechend wurde sein Kos- fer weggcworfen, die leichteren Gegenstände, wie Brillen, Kneifer usw,, zerbrochen und die schweren, Operngläser und optische In strumente, einfach auf das Pflaster geworfen. Was ganz geblie ben ist, haben Wohl später die Wächter eingeheimst, (Fortsetzung folgt.) ckn. Als Schipper in der Front. Aufzeichnungen des Armierungssoldaten Otto Niebicke, Creutz' sche Ver lagsbuchhandlung, Magdeburg, 1916. 119 S, 8°. I,— ord, »Rechtzeitig noch vor dem Feste kamen Riebickes Aufzeichnungen heraus, so daß ich mir das prächtige Büchlein selbst unter den Tanncn- baum legte und die Feiertage zu seiner Lektüre benutzte « »Mir ging es ebenso. Wisse» Sie, gleich im vornherein, prächtig ist eigentlich nicht richtig ausgcdrückt. Diese Selbsterlebnisse, diese teilweise mit furcht barem tragischen Ernste, teilweise mit einem beschaulichen, ansprechen den sonnigen Humor gewürzten Schilderungen kann man mit eine»! kurzen Worte gar nicht trefsend beurteilen,« »Allerdings wohl, ebensowenig, wie das mit dem Feldgrauen Buchhändler der Fall ist, zu dessen Vergleiche man geradezu gedrängt wird.« »Und doch besteht zwischen beiden ein großer, gewaltiger Unter schied, Wenn auch die Crcuy'sche Verlagsbuchhandlung bei ihrer Ankündigung Riebickes von unscrm jungen Berufsgcnossen sprach, so ist er doch wohl, nach seinen Schilderungen zn urteilen, nicht mehr einer der Jüngsten und wohl älter und gereister als Karl Storch, Storch zog hinaus ins Feld in jugendlich stürmischem Jubclraufche und in hellodcrndcm Begcisterungsseucr, das ans fast jeder Zeile seiner Briefe und Stimmungsbilder und vor allem seinen flüchtig hin- geworfcuen Gedichtzeilen spricht, Niebicke dagegen sieht das Leben von einer schwereren Seite an, von derjenigen des eisernen Müssend wuchtiger und gewaltiger schreiten seine Worte über die Seiten, packen der und fesselnder sind seine Bilder, und geradezu in atemloser Span nung wird man von der ersten bis zur letzten Zeile gehalten.« »Ja, das stimmt, ich für meinen Teil habe den ganz besonderen Nutzen aus der Lektüre gezogen, die Armiernugssoldateu um keinen Preis mehr als Soldaten zweiter Ordnung zn behandeln, ein Vor urteil, zu dem man hier hinter der Front weit vom Schuh gar zu leicht kommt. Schon in ber Einleitung zerstreut Niebicke diese Anschauungen, und deshalb wird man wohl sein Büchlein nicht nur für den Augen blick und im engen Kreise seiner Berufsgenossen lesen, sonder» es wird nach meinem Dafürhalten die klassische Darstellung des Armierungs- soldaten sein und allen, nicht nur den Kameraden des 28, Bataillons, denen es gewidmet ist, aus den Herzen geschrieben sein, da es den ge waltigen Aufgabe» unserer Schipper gerecht wird und wohl als erstes literarisches Werk ihre Ehrenrettung darstellt,« »Auch ich staunte über ihre unendliche Vielseitigkeit, über die An forderungen au ihre Arbeitskraft, von denen man sich doch gar keine Vorstellung machen kan», besonders wenn man bedenkt, daß keiner seiner Kameraden »Fachmann« ist, sondern fast alle zu de» Intellektu ellen gehöre», die der Hände harte Arbeit mit Nichten gewöhnt waren, mit einem gewissen peinlichen Gefühl den vorüberziehendcn abgelösicn Truppe» »achsahcn, mit Widerwillen ihre unsauberen Uniformstückc anpahtcn und endlich sich unendlich glücklich »nb reich fühlten über den Besitz einer aus dem russischen Kehricht gezogenen verrosteten Kon servenbüchse, um Essen zn fasse», das daun so prächtig wie nie zuvor schmeckte.« »Ra, glücklicherweise sind sa nicht alle Bilder so düster, ich denke eben, mit welch köstlichem Humor beispielsweise der Assessor bei dem nächtlichen Kabellegen geschildert oder vielmehr das ganze Ka- 15