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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 03.01.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-01-03
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050103028
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905010302
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905010302
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-01
- Tag 1905-01-03
-
Monat
1905-01
-
Jahr
1905
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Auzetgen-Vrerv die 6 gespaltene Petitzeile SS Reklame» unter de« RedaktionSstrich (4 gespalten) 7b nach den Familieunach« richten >3gespalten) bO — DadellarNcher und Zifsernsah werden entsprechend HSHer bo» rechnet. — Gebühren sür Nachweljunge» «ad Ojjertenannahme 2L 4- Anaahmeschlutz snr Lnrrtgea: Abend-Ausgabe: vormittags 10 Uhr. Morgen-AuSgabe: nachmittags 4 Uhr. Anzeigen sind stets an dre Lxpedttio» zu richte». Ertru-Vellagea luur «st der Morgen- AuSgabe) nach besonderer Beretubarung. Die SrpeRMon ist Wochentag» ununterbrochen geäsfuet von früh 8 bi» abends 7 Uhr. Druck und Verlag von G. Polz iu Leipzig <Jnh. vr. «., R. A D. »liukhardtl Nr. 5. Dienstag den 3. Januar 1905. 99. Jahrgang. Var Mchtigrte vom Lage. * Aus allen Teilen Europas wird grimmige Kälte gemeldet. Im Erzgebirge sank das Thermometer bis auf — 20° Celsius. (S. A. a. W.) * JuBukarest ist die Bildung eines neuen Ministe rium» unter Stura mißlungen. (S. AuSl.). * Wie Lemberger Polenblätter aus Warschau berichten, sordert die sozialistische Partei in ruisisch Polen m einem Manifest die Arbeiter auf, die Durchführung der Mobilisierung in russisch Polen mit allen Kräften zu verhindern. * Wie verlautet, hat der russische Minister des Innern Fürst Swjatopolk-MirSki sein Abschieds gesuch eingerelcht. (S. Ausland.) * Tie Kapitulation von Port Arthur ist gestern abend v»/. Uhr unterzeichnet worden. (S. Leüartikel.) Vie Kapitulation von von ffrtbur. Die Unterzeichnung der Kapitulation. Die Kapitulation von Port Arthur ist Tatsache geworden: gestern abend 9'/« Uhr haben die beiderseitigen Bevollmächtigten die schriftliche Kapitulation unterzeichnet, deren Einzelheiten allerdings noch nicht bekannt sind. Man darf indessen er warten, daß die Bedingungen dem Heldenmut der Verteidiger die verdiente Würdigung und Anerkennung zu teil werben lassen, zumal ein Telegramm des Mikado» an Nogi diesem bereits eine gewisse Direktive in dieser Richtung gegeben bat. In Japan ist die SiegeSnachricht natürlich mit Begeisterung rufgenommen worden. Wie aus Tokio telegraphiert wird, herrscht dort Heller Jubel. Die Kapitulationsnachricht verbreitete sich mit Windeseile, und binnen kürzester Zeit verkündeten Böllerschüsse in allen Stadtvierteln das Ereignis. Bei den NeujahrSempfang des Mikado bildeten General Nogis Telegramme das Hauptkhema des Gesprächs und erhöhten die Wärme der gegenseitigen Glückwünsche. Aus Tlchifu wird gemeldet, daß sich 15 000 Krank« und Verwundete in Port Arlbur befinden und 5000 Ge>unve und Rekonvaleszenten die aktive Garnison bilden. Wenn das letztere richtig ist, daß nur noch 5000 Mann zur Verteidigung verfügbar waren, so verdient das Ver halten der Ruffen um so mehr Anerkennung, daß sie, um nutzloses Blutvergießen zu vermeiden, die weiße Fahne gehißt haben. Aber auch den Japanern gebührt alle Anerkennung für die Energie und Zähigkeit, mit der sie unter ungeheuren Opfern — etwa 900 Offiziere und SK 000 Mann sind bei den Kämpfen auf der Halbinsel Fmntung gefallen — den ff)r uneinnehmbar gebaltenen Platz bezwungen haben. Die Lage in der eingksckloffenen Festung muß zuletzt entsetzlich gewesen sein. Die Olfiziere der von Port Arthur in Tschifu eingetrosfenen russischen Torpedobootszer- slörer erzählen Folgendes: Die Hospitäler m Port Arthur wurden von Granaten getroffen, sodaß die Verwundeten nicht mehr darin bleiben wollten; einige legten sich wotz der heftigen Kälte aus offener Straße auf den Diummerstücken nieder, andere gingen wankend in die Schlacht linie, schleuderten Steine und boten den andringenden Japanern Trotz, bi» sie gefangen genommen wurden oder der Tod sich ihrer erbarmte. DaS dauerte fünf Tage und fünf lange Nächte. Für Hospitalzwecke sand sich lein Platz mehr; an Munition, obgleich feit mehreren Monaten sparsam damit umgegangen wurde, begann eS zu mangeln. Der japanische Kreuzer „Akitsuschima" die Torpedojäger „Asaschio", „Augin" und noch ein dritter bewachen den Hafen. Nach einer anderen Meldung gerieten die russischen Panzer „Retvisan" nnd „Poltawa" sowie der Kreuzer „Pallava" gestern morgen in Brand und standen am Nachmittag noch in Flammen. Die Russen sprengten den Paiircr „Sewastopol" in die Lust. Der Mut der Ruffen scheint indes in keiner Weise ge brochen zu sein. Wie ein Telegramm au» Petersburg besagt, glaubt man dort zwar, die Nachricht vom Falle Port ÄrtburS werke die Zahl der Anhänger der Friedensbestrebungen vergrößern und namentlich auch den Wunsch de» Bolles nach Nückberusung deS baltischen Geschwaders fördern, in amt lichen Kreisen aber, wo man für die Fortsetzung des Krieges ist, dürste die Nachricht verdoppelte Anstrengungen, die Nieder lage auSzugle,chen, nach sich ziehen. Verlauf -er Aapltulatlonrverhan-lungen. Ueber die Einleitung und den Verlauf ter Kapitulations verhandlungen wird aus Tokio über London unterm gestrigen Datum folgendes gemeldet: Wie General Nogi berichtet, kam am Sonntag um 5 Uhr nachmittags ein Russe mit einer Parlamentärflagge an unsere erste Linie südlich von Suschijiinz und überreichte unseren Offizieren einen Brief, der Nogi um 9 Uhr erreichte. Er lautete: „Nach der allgemeinen Lage der ganzen Linie der von Ihnen gehaltenen feindlichen Stellungen zu urteilen, sinke ich, daß weiterer Widerstand in Port Arthur unnütz ist, und zur Verhinderung eines unnützen Opfers an Menschenleben schlage ich di« Eröffnung von Ueber- gabe-Verhandlungen vor. Falls Sie diesen Vorschlägen znstimmen, wollen Sie freundlichst Bevollmächtigte zur Verhandlung über di« Ordnung und die Be dingungen der Kapitulation ernennen, sowie auch einen Ort bestimmen, wo solche Kommissare und die gleichen von mir zu ernennenden sich treffen können. Ich ergreife diese Ge legenheit, Euer Erzellenz die Versicherung meiner Achtung zu übermitteln. Stössel." Kurz nach Tagesanbruch am Montag wollte Nogi einen Parlamentär mit folgen- der Antwort an General Stössel abschicken: „Ich habe als Kommissar General Jjichi, Stabschef in unserer Armee ernannt. Er wird von einigen Stabs offizieren und Zivilbeamten begleitet werden. Diese werden Ihre Kommissare am 2. Januar Mittags zu Suschijiing treffen, unter der Ermächtigung der Kommissare beider Teile, eine Kapitulations-Konvention zu unterzeichnen, ohne auf die Ratifikation zu warten, und das sofortige Inkrafttreten des Abkommens zu veranlassen. Die Ermäckiigung für solche Generalvollmacht muß von den höchsten Offizieren beider verhandelnden Parteien unterzeichnet weiden, und diese Ermächtigungen sollen von den betreffenden Kommissaren ansgetauschl werden. Ich nehme die Gelegen heit wahr. Euer Exzellenz die Versicherung meiner Achtung zu übermitteln. Nogi." Tas Ergebnis dieser Verhandlungen war dann die oben gemeldete Uebergabe der Festung. Die Lreberer von Port Arthur. General Nogi, der nun zum zweiten Mal als Sieger in Port Arthur einziebt, ist am kl.November 1849 geboren» war schon l871 Maior, bewährte sich hervorragend als BalaillouS- jührer in den Jnsurreklionskämpien von 1877, bei denen er zweimal verwundet wurde, und wurde 1885Generalmajor. Im chinesischen Kriege nahm er an zahlreichen Gefechten teil; seine Glanzleistung war eben das Eindringen in Port Arthur am 21. November 1894. Aber auch in dem ferneren Verlaufe dieses Feldzuges tat er sich hervor; er führte eine Brigade über Jnkou nach dem Nordwinkel deS Liautung-GolseS und kämpfte später auf der Insel Formosa. Dort wurde er 1896 Militärgouverneur, später Kommandeur der 1i. Division. Im gegenwärtigen Kriege wurde er am 2. Mai zum Führer der dritten Armee, dl« gegen Port Arthur bestimmt war, ernannt und erhielt am 6. Juni den Rang eines komman dierenden Generals. General Jdrtti (zu sprechen Jiicki), der bislang den Artilleriekampf gegen die belagerte Festung leitete und nun die Unterhandlungen mit dem Bevollmächtigten Stössels geführt bat, ist nach dem „L.-A." der rangälteste Olsizier der japanischen Armee, der eine praktische und theoretische Berufsausbildung im europäilchen Sinne erfahren bat. Als erster Zögling des Kadettenkorps und erster Besucher der Kriegsschule in Tolio wurde er der Feld-Artillerie als Offizier überwiesen, sehr bald zum Geueralstab kommandiert und dann nach Deutschland geschickt, wo er in euiem sächsischen Feldartillerte-Reglment Dienst tat. Weitere AuSlandkommando» führten ihn als Milltär-Attachs nach Berlin und London und schließlich, nach dem er Generalmajor und Inspekteur der Feldartillerie geworden war, unmittelbar vor Ausbruch de» gegenwärtigen Krieges wiederum als Militär - Altachs nach Söul. Dort bereitete Jditli die japanische Okkupation Koreas vor. Die Aufnahme -er Botschaft im Au»lan-e. In Paris wurde die Nachricht von der Uebergabe Port Arthurs, welche sich in den Nachmittagsstunden zu verbreiten begann, vom Publikum mit großer Ruhe ausgenommen. Die „TempS" würdigt die militärische Tragweite de» Ereignisses, die darin bestehe, daß 60 bis 80 000 Mann japanischer Truppen zum Kampf gegen Kuropatkin frei würden. In bezug auf die politische Bedeutung meint der „Tempö": „Die moralische Wirkung des Ereignisses im fernen Ollen wird niederichmetternd sein. Port Arthur von den Japanern den Russen entrissen, die einstmals nach dem Frieden von Schimonoseki die Japaner zwangen, dieselbe Festung zu räumen, die die Japaner ihrerseits den Chinesen abgenommen hatten, — das ist für die zur Solidarnät erwachten gelben Rassen ein Symbol und beinahe eine Pro phezeiung. Das Unterliegen Europas vor diesen Nassen er scheint ihnen jetzt mcht mehr als Möglichkeit, sondern als Wirk lichkeit. Ein neuer Faktor der Hoffnung und deS Vertrauens tritt in d,e asiatische Politik zum Schaden der Mächte, aller europäilchen Mächte, ein. Dieses bedeutungsvolle und tchmerz- l-che Ereignis wird übrigens noch weitgehende Wirlungen haben, die während der nächsten Wochen nicht verletzten werden, die Siaatstanzleien Europas zu beschäftigen. Letztere etwas mysteriöse Bemerkung soll vielleicht auf die Eventualität einer Intervention Frankreichs und anderer Mächte zum Zwecke der Herbeiführung deS FriedenSjchlufseS hiudeuten. In London ist die Stimmung über den Fall Port Arthurs, dessen Einnahme bis vor kurzem noch für unmög lich gehalten wurde, außerordentlich erregt. Doch läßt man Stößel volle Gercchtigleit widerfahren, vor allem ist man darüber befriedigt, raß der Metzelei ein Ende gemacht ist. In der C>ty wurde die Nachricht nach dem „B. T." mit wildem Enthusiasmus ausgenommen. DaS Geichäjt stand lange Zeit still, es bildeten sich auf der Straße trotz NegenS und Schnees Menfchenaufläufe, die lebhaft das nahe Ende des Krieges diskutieren. Ruhigere Leute sind der Ansicht, daß durch den Fall Port Arthurs wenig geändert wird, und daß die Russen den Krieg fortietzen werden. Die engliiche Regierung wurde offiziell von Japan von der Uebergabe Port Arthurs verständigt. Die Nachricht wurde dem König nach Cbatsworlh depeschiert, wo er mit der König,« bei crm Herzog von Devoufhrre zu Gast weilt. psMircbe cagrttcbau. Leipzig, 3. Januar. „Die arbeitcude Jugend." Unter dem Titel „Die arbeitende Jugend" ist jetzt die erste Nummer des Organs deS Vereins der Lehrlinge und jugend lichen Arbeiter Berlins erschienen. „Arbeitende Jugend, wach auf!" mit diesem Posauncnstoße setzt der Leitartikel ein. Dann wird die „Stoßkraft der Organstalion" empfohlen und, wie etwa vor hundertundfünfzig Jahren in Frankreich, vor „Priestern und Lizentiaten" gewarnt. Zum Schluffe heißt eS auf gut schilleriscy, der jugendliche Arbeiter „fordere sein Jahrhundert in die Schranken". Schiller, der selbst jungen Helden und Drachentötern die „Deuuit, die sich selbst be zwungen", anempwhl, würde sicher über diese Verwendung seiner schwungvollen Prinzenrhetorik sehr erstaunt sein. Es werden dann die „Schandtaten der Mucker" an den Pranger gestellt; sür Arbeitgeber, die sich nicht der Hochschätzung ihrer Lehrlinge erfreuen, ist eine Ehrentafel eingerichtet, kurz:. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. So komisch das Pathos der Stifte anmutet, die Sache selbst muß ernst ge nommen werden. Die Bewegung kann ungeahnte Dimensio nen annehmen und den schon hier und da wankenden, Truppen der Sozialdemokratie eine ungeheure jugendliche Reserve armee schassen. Gerade in diesem Alter finden die revolutio nären Phrasen am leichtesten Eingang, und wenn sich die Parteidogmen erst einmal in die bildsame Seele eirrseprägt haben, sind sie nicht wieder auszulöschen. Tie junge« Bur schen, die als Erwachsene behandelt, mit „Meine Herren!" baranguiert werden, debattieren und Beifall einhejmfen, siud sür ernste Arbeit verloren. Der widrigste politisch«Dilettan- tismus geht der Nation in Fleisch und Blut über. Dir Deut schen werden zu einem Volk von Schwätzern, wenn diesem Be ginnen nicht Einhalt getan wird. Die Arbeit der Nation aber leidet ganz sicher unter dieser Verflachung und die Unter- wühlung jeder Autorität wird sich bald genug schädi«nd fühl- bar machen, sowohl m den gewerblichen wie auch in den mili- tärischen Leistungen unseres Volkes. Dir empfehlen diese neue Form der Agitation dringend der Aufmerksamkeit unserer Staatsmänner. Hier muß rechtzeitig eingeschritten werden. Daß Sachsen den Unmündigen aller Stände die Teilnahme an politischen Versammlungen verbietet, ist bekannt. Keine Kündigung deS österreichischen Handelsvertrages. Die Agrarier sind arg verstimmt darüber, daß die deutsche Regierung den Handelsvertrag mit Oesterreich nicht am 31. Dezember v. I. gekündigt hat, und die bündlerische „Dtsch. Togcsztg." macht ihrem Schmerze darüber in folgender pessi mistisch gefärbten Auslastung Luft: Ob und wie weit die Hoffnung (daß auch ohne Kün digung der neue Vertrag zum vorgesehenen Zeitpunkt in Kraft treten kann. Red. d. L. T.j begründet ist. darüber haben wir kein Urteil; wohl aber wissen wir, daß die Hoff nungen der deutschen Regierung seit Monaten immer und immer wieder getäuscht worden sind. DaS hätte doch stutzig und vorsichtig machen müssen. Wir wissen ferner, daß die österreichische Presse die deutsche Negierung hier und da mit einem Spotte behandelt, der auf uns überaus peinlich wirken muß, weil wir nicht ganz in Abrede stellen können, daß er einigermaßen begründet ist. Noch vor wenigen Tagen wurde halbosfiziös versichert, daß am 31. Dezember gekündigt werden müsse, und jetzt ist die Kündigung unterblieben, obwohl der Handelsvertrag bisher nicht zu stände gekommen ist. Wenn die österreichischen und unga rischen Unterhändler nachgerade die Geduld der Deutschen sür unerschöpflich halten, wird man ihnen das nicht übü nehmen dürfen. Gestärkt wird unsere Position auch den anderen Staaten gegenüber dadurch keinesfalls. Sie muß vielmehr den Eindruck einer gewissen Schwäch« machen, dre tatsächlich durch unsere handelspolitische Situation in keiner Weise begründet ist. Ein süddeutscher OfsiziosuS beginnt überdies die Oesfentlichkeit schon darauf vorzubereiten, daß die Handelsverträge nicht gleich nach den Weihnachtsferien, sondern einige Tage später dem Reichstage vorgelegt wer den könnten. Das würde um so bedenklicher und befremd licher sein, als vor ganz kurzer Zeit nochmals mit de« Stempel voller Ostiziosttät verkündet wurde, die Ein bringung der Verträge im Reichstage werde sicher gleich nach den Ferien erfolgen. Wie man angesichts dieser Sach lage und vieles Zögerns von einem „unzweifelhaft großen Erfolge deS Grasen Bülow" sprechen kann, ist unS voll kommen unerfindlich. M So unrecht hat die „Dtsch. TaaeSztg." in dem eins« Punkte nicht: Wozu das ewige Prophezeien und Versprechen- Aber vorläufig können die Herren Agrarier sich beruhigen — es sind noch volle sieben Tage bis zum Zusammentritt deS Reichstages, und die deutsche Negierung würde gekündigt haben, wenn es nicht sicher wäre, daß bis dahin der neu« deutsch-österreichische Handelsvertrag unterzeichnet sein wird. Auch kommt es absolut nicht darauf an, ob die neuen Han delsverträge dem Reichstage einige Tage früher oder später vorgelegt werden, wenn nur die handelspolitische Stellung Deutschlands zu allen im VertragSvcrhältnis mit ihm stchen- I den Ländern zum gleichen Termin neu aeordnet und ein I vertragsloser Zustand vermieden wird. Wünsck>enSwert ist ' ferner, daß die deutsche Regicruna sofort beim Wiedcrzusam- mentritt des Reichstages eine offizielle Erklärung darüber abgibt, wann die neuen Handelsverträge — ihre Annahme in den Parlamenten vorausgesetzt in Kraft treten sollen. Eine solche Erklärung kann abgegeben werden, selbst wenn die Handelsverträge am 10. Januar noch nicht sämtlich iw Druck vorliegen sollten. Der rasende Bernstein. Wie schon gesagt — der sozialdemokratische Parteitag für Preußen war in keinem Sinne bemerkenswert. Indem wir dies feststellen, wollen wir den Genosten nichts Boshaftes sagen. Parteitage sind Paraden, und eine Parade gibt nie den Anstoß zur Entwickelung der Armee. Ihr Zweck ist Heburm des Selbstgefühls. Das gilt für bürgerliche wie für sozial demokratische Veranstaltungen. Aber freilich, so skeptisch wir sonst die jetzt oft wiederholte Versicherung aufnehmen, daß die Feuilleton. Um jeden Preis. 7j Roman von Sergei D . . . . Nachdruck drrSoten Fluchend kam Sullivan einige Minuten später die Treppe hinunter. Als er Napier sah, wurde er sofort ruhig. „Komm in mein Comptoir", sagte er und ging voran. Napier folgte ihm. An Ort und Stelle angekommen, verriegelten sie die Tür. „So", sagte Sullivan, „hier sind wir so sicher, wie im Grabe. — Was gibt's?" „Verschiedenes — Mike. Doch davon später. Jetzt erstens mal: Ist Geld angckommen?" Ja " ^Wieviel?" „Tausend Pfund." „Verteufelte Knicker. Na, gib's mal her. Und Depeschen sind doch auch gekommen. — So, danke", fuhr er fort, Geld und Depeschen von Sullivan in Empfang nehmend. „Und nun Passe mal genau auf; nun kommt der Teil, der dich interessiert. Du weißt, es handelt sich um einen jungen Menschen — um wen, ist ganz gleich. Vielleicht geht die Sache glatt und ich bekomme das, was ich brauche, in meine Hände. Dann erhältst du für die Arbeit und Mühe, die du in dieser Sache gehabt hast, wie verabredet, fünfhundert Pfund. Klappt die Geschichte aber nicht so, dann brauchen wir dich. Dann wirst du zu einer gegebenen Zeit an einem ge gebenen Ort sein und —" Napier machte eine bezeichnende Handbcwegung. „Na, du weißt ja. Nicht zu viel Sand, verstehst du, — keinen Mord, — aber — grade genug. Na, du weißt ja Bescheid." Sullivan grinste, als ob es sich um einen guten Scherz handele. „Dafür", fuhr Napier fort, „erhältst du tausend Pfund mehr, — also im ganzen cintausendfünfhundert Pfund. Drei bis vier Wochen wird's wohl dauern, ehe die Sache so weit sein wird. Ich komme vielleicht in der nächsten Zeit nicht wieder. Depeschen und Briefe gehen in einfachem Couvert an bekannte Adresse. Verstehst du alles genau?" Sullivan grinste. „Genau", versicherte er. „Schön. Hattest du Mühe mit diesen Depeschen?" „Gar nicht. Bekam sie auf der Hauptpost ohne weiteres." „Gut. Nun paffe mal weiter ganz genau auf, Mike. Sollten wir das, was wir uns verschaffen wollen, weder im Guten noch im Bösen erreichen können, — dann fängt die Sache erst reckst an. Tann kommt erst die rechte Arbeit." Sullivans Augen vergrößerten sich. „DaS muß ja etwas Kolossales sein", gurgelte er. „Hast du Courage, Sullivan?" Statt jeder Antwort warf Mike sich in die Brust und klopfte mit der geballten Faust darauf, daß es dröhnte. „Auch — ein Gewölbe zu — sprengen?" fragte Napier langsam. Sullivan pfiff kurz und leise vor sich hin. „Donner wetter!" stieß er hervor, sich halb erhebend. Seine Stimme klang gepreßt. „Tas macht ja Radaul" „Müssen wir riskieren, Sullivan. Es ist natürlich das allerletzte Mittel, — nichts mehr zu verlieren, wenn wir das anwenden." „Und zu welchem Zwecke?" fragte Mike. „Es handelt sich um ein kleines Bllchelchen, daS be quem in jede Brieftasche geht. — Sprengen — Buch er greifen und verschwinden muß daS Werk eines Augen blicks sein!" „Und — ich?" „Noch zehntausend Pfund Sterling mehr!" Sullivans Augen blitzten habgierig. „Ich bin dein Mann!" rief er und bot dem anderen seine Rechte, in die Napier mit ersichtlichem Widerwillen einschlug. „Tas wäre dann alles, Sullivan. Wenn's nötig sein sollte, — dann werde ich dich schon zu finden wissen." „Hoffentlich wird's nötig sein", meinte Sullivan gemütlich. Napier mußte lachen. „Du bist ein Gemütsmensch, Mike", sagte er. ,.ksi-mper ickem." „Was heißt das?" , „Das ist lateinisch, Mike, und heißt: Immer der selbe." „Na ja", meinte Sullivan, „da sicht man, wer von Hause aus 'ne gute Erziehung genossen hat. Du, Jack, als wir, alle beide drei Käse hoch, zum ersten Mal zu- sammen die Bürgerschule besuchten, da hätte auch nie mand gedacht, daß " Napiers Gesicht hatte sich bei jedem Wort, da- Sullivan sprach, mehr verfinstert. Jetzt sprang er auf. „Ruhig, Mike", schrie er, „Lu weißt, ich will nicht er innert sein an — an alles, — am wenigsten von dir, — du —" - „Ja doch, ja doch", beruhigte Sullivan, der etwa- blaß geworden war, „sei doch nicht gleich so empfindlich." Napier setzte sich wieder, zog aus seiner Lasche eist Buch und öffnete die erste Depesche. „Mike, du kannst jetzt eigentlich wieder schlafen gehen'.', sagte er. „Ich habe noch zu arbeiten. Im übrigen verstehen wir uns doch?" „Vollkommen." „Dann gute Nacht." Man trank den üblichen Nachttrunk und Sullivan polterte wieder die Treppen hinauf, um seinen unter brochenen Schlummer fortzusctzen. Jack Napier aber arbeitete unermüdlich. Die Depeschen waren chiffriert und jede Chiffre mußte mit dem Buch verglichen werden. Es war langsame Arbeit. Und nachdem er alle entziffert hatte, fing er an, selbst neue auszustellen. So saß er über Len Schreibtisch gebeugt — stundenlang. Endlich war die Arbeit fertig. Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung packte «r
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