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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 22.07.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-07-22
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190007225
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000722
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000722
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-07
- Tag 1900-07-22
-
Monat
1900-07
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 22.07.1900
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Größere Schriften laut unserem PreiS- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Taris. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit dar Morgen-Au-gabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbeförderung ^l 70.—. Annahmeschluß für Antigen: Abend-Au-gabe: Bormittag» 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ein« halbe Stunde früher. Anzeigen find stets a» di« Expedition zu richte«. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. Sonntag den 22. Juli 1906, 94. Jahrgang. Rus der Woche. Wahrend die Verbündeten in China nur sehr langsame Fortschritte machen, giebt eS bei un» Leute, die sich darüber den Kopf zerbrechen, waS mit China und den Chinesen zu geschehen habe. Wir für unseren Theil möchten erst um die Erlegung des Bären bitten. Danach werde« sich die Unterschiede zwischen staatsmännischer Ausfassung und wahrem Gerechtigkeitsgefühl einer seits und krähendem Philisterzorn schon geltend zu mache» wissen. Der Staatssekretär des Auswärtigen hat die Art gezeigt, die einer politisch reifen Nation in Lagen wie die gegenwärtige ansteht, und ein gegentheiligeS Ver halten, daS man in Deutschland ja auch kennen zu lernen Gelegenheit hatte, war in der Thal nicht geeignet, den Grafen Bülow in den Schatten zu stellen. Es ist vielleicht nicht populär, aber eS scheint Pflicht, vor Uebertreibungen irgend welcher Art aufs Dringendste zu warnen. Schon deshalb und hauptsächlich deshalb, weil sich als Reaktion eine Gelassenheit auSbreiten könnte, die wahrschein lich auch dem Leiter unserer auswärtigen Angelegenheiten zu weit ginge. Gewiß, so ist der Deutsche nicht veranlagt, daß die wrrthschaftlichen Folgen der chinesischen Vorgänge, die sich recht empfindlich geltend machen — sie haben e» auch hier in Leipzig schon gethan —, sein Denken und Empfinden gegen über dem Pekinger Greuel beeinflussen könnten. Aber eS ist al» auf «in Symptom darauf aufmerksam zu machen, daß ein viel gelesenes bauernbündlerischeS fränkisches Blatt, die „N. Bayerische LandeSztg.", die Empörung über die Er mordung unseres Gesandten als eine Mache der Juden bezeichnet. Herr Memminger, der bekannte oder wenn man will famose Herausgeber dieser Zeitung, ist kein schlechter Geschäftsmann und schreibt gern, waS seine Leser gern hören. Unverkennbar beginnt die Socialdemokratie einigen Succurs zu bekommen, und daS einzige Mittel, die richtige und noth- wendige Auffassung der die Welt erregenden Dinge im deutsche« Volke zu erhalten, ist der Verzicht auf große Worte, wie er in der vergangenen Woche ja auch in wohlthuendster Weise zu bemerken gewesen ist. Die« um so mehr, al» sich — auch durch ein vermeintlich loyale- und po litische- Schweigen der nationalen Presse — nicht verhindern läßt, daß daS Geschichtliche an der Be- theiligung Deutschlands an den chinesischen Dingen vielfach mit anderen Augen angesehen wird als bisher. Es ist eine unbestreitbare und soweit wir sehen auch unbestrittene historische Thatsache, daß die Erwerbung von Kiautschau entgegen dem Rath des Herrn von Heyking und des Herrn vr. Stübel, des jetzigen ColonialdirectorS, vollzogen worden ist. Der Erstere war zur Zeit der Entscheidung Gesandter in Peking, der Zweite Generalkonsul in Shanghai. Es ist also gegen die Meinung der beiden berufenen Gutachter gehandelt worden. Herr v. Heyking wollte als Sühne für die Ermordung zweier deutscher Priester eine kleine Insel genommen wissen, der siegreich gebliebene Vorschlag, Kiautschau zu besetzen, ging von dem Bischof Anzer aus, der als katholischer Missionar nicht die Pflicht und kaum das Recht hatte, die zu ergreifende Maßregel ausschließlich unter dem Gesichts- punctedeS deutschen StaatsintereffeS zu betrachten. Daß Fürst Hohenlohe und Graf v. Bülow vor dem Entstehen des Entschlusses, sich in das größere und bedeutungsvollere Unternehmen einzulassen, unterrichtet und befragt worben seien, wird nicht behauptet. Der Eifer, mit dem der Staats sekretär deS Auswärtigen das Platznehmen an der Sonne von Kiautschau nachträglich im ReichtStage rechtfertigte, be weist nicht-. Der in Berlin versammelte internationale Textil- arbeitercongreß ist an dieser Stelle bereits unter dem GesichtSpuncte der Anschauung der deutschen Socialdemokratie, i die Völker der Welt unter ihrem Banner zu einigen, gewürdigt worden. So angesehen, ist der Verlauf ein komischer zu nennen. Aber auch, wenn man die Erörterung von Berufs- fragen deS ErwerbSzweigS iuS Auge faßt, ist der Eindruck > kaum ei» anderer. Wir haben haben darüber kurz nach der „Boss.Ztg." berichtet. Wenn wir boshaft hätten sein wollen, wür- j den wir ausführlich nach dem „Vorwärts" referirt haben. Die, Leser hätten dann erkennen können, daß die deutsche Social-, demokratie auch bei dieser, wie bei jeder anderen Gelegen- heit daS Arbeiterinteresse ihrem Machtbedürfniß nachsetzt und daß sie dabei von den nichtdeutschen Arbeitervertretern mehr oder weniger im Stiche gelassen wird. Vor Allem von den englischen mit ihrem gesunden Menschenverstände. In seinem Begrüßungsartikel an den Congreß hatte der „Vorwärts" geschrieben: „Die englischen Weber marsckirten allezeit an der Spitze der Arbeiterbewegung." Folglich sind sie eine Autorität für die deutsche Socialvemokratie. Wie aber ver hielten sich die Vertreter der englischen Weber zu den deutschen Vorschlägen? Sie hatten dafür nur Worte schlecht verhüllten Spottes, insbesondere über die Er klärung, daß den Arbeitern der Textilindustrie nur geholfen werden könne durch Verwandlung deS capitalistischen PrivateigenthumS an Productivmitteln in „gesellschaftliche-" Eigenthum, also durch den Zukunftsstaat. „Wir wollen, so lange wir leben, etwa- erreichen", meinte ein Engländer und ein Anderer rief au<: „Zeigt mir ei« Land, wo r- gelungen ist, rin Parlament so zusammenzusetzen, daß eS bereit wäre, die Production-mittel in gesellschaftliches Eigenthum zu verwandeln." Aber nicht nur in der „großen" Frage und nicht nur bei den Engländern stießen die deutschen Socialdemokraten auf den heftigsten Widerspruch. Gegen die Abschaffung der Accordarbeit kämpften die Belgier Schulter au Schulter mit den Engländern. Nach social- demokratischer Versicherung ist die Accordarbeit eine „Erfindung deS Teufels". Die Belgier und die Engländer aber fanden den Stücklohn besser als den Zeitlohn, weil jener — welche „Rückständigkeit"! — der persönlichen Leistungs fähigkeit besser gerecht werde; sie dankten ihren Großvätern, daß diese die Accordarbeit durchgesetzt. Das war bitter zu hören und die Abstimmung, die gegen den Stück lohn auSfiel, versüßte die Pille nicht. Die Mehrheit wurde do« drei unter fünf Nationen gebildet. ES waren eben nur fünf „Nationen" vertreten und diese sehr schwach, da, von England abgesehen, die meisten Textilarbeiter sich der Organisation fernhalten. In Belgien giebt eS nur 5000, in Oesterreich nur 12 000 und in Deutschland etwa 44 000 „Organisirte". Der Congrcß hat also gar keine Bedeutung außer der, gezeigt zu haben, daß die Socialdemokrateu, wie Bismarck sich einmal auSgedrückt, „nichts können". Der höchst sonderbare Brief der zur Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bayern gewordenen spanischen Infantin Maria de la Paz kann ruhig der Veurtbeilung der bayerischen Presse überlassen bleiben. Hier nur eine Be merkung. Es wurde uns früher einmal die Behauptung entgegengebracht, die erwähnte Prinzessin stände dem Unter nehmen des Witzblattes „SimplicissimuS" nicht völlig fern. DanialS hielten wir die Angabe für ungeheuerlich, heute erscheint sie plausibler, denn das genannte Älalt verfolgt eine nicht reichsfreundliche Tendenz. Professor Hasse-Leipzig über die chinesische Frage. R. Halle a. S., 20. Juli. In der Ortsgruppe Halle deS „Alldeutschen Verband«-" hielt heute vor einer zahlreichen Versammlung Herr Professor I)r. Hasse einen sehr beifällig ausgenommen«» Vortrag, in dem er vom Stand- puucte des „Alldeutschen Verbandes" die Frage: „Was wollen wir in China?" beleuchtete. Zunächst führte er auS, wie jeder deutsche Mann, so trete selbst verständlich auch der „Alldeutsche Verband" für die Forde rung ein, daß die grauenhafte Verletzung deS Völkerrechts in Peking volle Sühne finde, wobei eS ganz gleichgiltig sei, ob für diesen in der Geschichte der Völker unerhörten Gewaltact nur eine aufrührerische Bande oder die chinesische Negierung selbst verantwortlich gemacht werden könne. Die Vollziehung dieser Sühne sei lediglich eine militärische Frage, und man dürfe der deutschen Regierung vertrauen, daß sie diese Sühne mit aller Energie herbeifübren werde, ohne jedoch bierbei den von den vereinigten Cousuln vorgeschlageueu Weg der Zerstörung der Kaisergrabrr zu betreten, denu dies hieße Barbarei mit Barbarei vergelten. Natürlich werde man mit den hervorragenden Persönlichkeiten, die in erster Linie für die Greuel verantwortlich seien, scharfe Abrechnung halten und mau dürfe sicher sein, daß «in Prinz Tuan, sofern man seiner habhaft werde, nicht als Ge fangener wie ein Napoleon nach WilbelmShöhe gebracht, sondern kurzer Hand wie ein rebellischer Mordgeselle in das Jenseits befördert werde. Welche Maßregeln im Uedrigen nach Niederwerfung der chinesischen Horden zutreffend sein werden, um eine Wieder holung der gegenwärtigen grauenhaften Zustände in China für alle Zeiten unmöglich zu machen, dies seien Sorgen des Staatsmannes. Vor Allem scheint eS Redner geboten, mit möglichster Beschleunigung unseren territorialen Slütz- punct in China zu befestigen, den Bahnbau weiter zu führen und die Kohlenfelder aufzuschließen, um bei den etwa in Zu kunft nothwendigen Operationen, unabhängig von dem guten Willen anderer Staaten, insbesondere England-, auf eigenen Füßen zu stehen. Für die weitere Frage: „WaS wollen wir dauernd in China?" findet Redner in der bezüglichen Denkschrift deS Grafen Bülow an die deutschen Regierungen die auch der Stellung de» Alldeutschen Verbände- entsprechende Beantwortung, denn der springende Punct dieser Denk schrift sei die Forderung: keine Auftheilung des chinesischen Reiche-! Erkenne man deutscherseits diese Forderung uneingeschränkt an, so habe man sich nunmehr zu ent scheiden, ob man sich mit dem englischen Principe der „offenen Thür" oder dem „territorialen" Principe Rußlands anschließen wolle. Der Alldeutsche Verband erachte den Anschluß an Rußland im Interesse Deutschland- für geboten, mit dessen rückhaltlosem Einverständniß wir s. Z. von Kiautschau Besitz genommen, während England unserem Vorgehen nur mit scheelem Blicke gefolgt sei, wie e» noch heute mit Bestimmtheit auf den Alleinbesitz deS auch für die deutsche Interessensphäre so wichtigen Jangtse-Kiang rechne. Im Wesentlichen kann sich Redner mit dem Programme der „Kreuzzeitung" einverstanden erklären, dessen kühle Besonnenheit allseitig anerkannt werde: Dasselbe fordere eine Regelung unserer chinesischen Interessen im Einverständniß mit Rußland und Frankreich, wünsche keine weiteren territorialen Erwerbungen und sei nur bei gemeinsamer Action aller Mächte für eine Execution gegen Peking; endlich empfehle e- die Anerkennung jeder Negierung in China, welche bereit und fähig ist, die geschehenen Frevel zu sühnen und unsere Kriegskosten, sowie die erlittenen Schädigungen zu ersetzen. Die gewaltigen Schwierigkeiten, welche sich der Lösung des chinesischen Problems entgegenstellen, fordern, daß man über die entscheidenden Schritte zu voller Klarheit gelangt sei, ehe man sich an die Ausführung derselben begebe, und darum habe man jede Ueberstürzung sorgsam zu meiden. Da» dauernd ru zu erstrebende Ziel der deutschen Regierung in China sei die rechtliche Sicherung von Handel und Wandel; sei dieses Ziel ohne anderweite teritoriale Besitznahme zu erreichen, um so besser; wo nicht, dann müsse Deutschland zugreifen, wenn eS nicht au- der Stellung herau-gedrängt werden wolle, welche seiner militärischen und winhschast- lichen Macht zukomme. Die Wirren in China. Während verwunderlicher Weise die deutsche Presse zum großen Theil die Depesche Conger'S an seine Regierung ernst nimmt, drückt die sranzösische Presse unverhohlen ihr Miß trauen auS. In maßgebenden Berliner politischen Kreisen glaubt man nicht an die Echtheit des Conger'scken Telegramm-. Man ist nach wie vor über zeugt, daß die Fremden in Peking längst umgebracht sink, obgleich der deutsche Consul i« Tschifu, der beauftragt war, bei dem Gouverneur von Schantuog wegen der an geblich von diesem gemeldeten Erstürmung der Gesandt schaften in Peking Erkundigungen einzuziehen, vom 20. d. M. telegraphirt: „Der Gouverneur von Schantung erklärte mit Entschiedenheit, über die Erstürmung der Gesandtschaften und die Ermordung der Fremden in Peking keinerlei Nach richten gegeben zu haben, und theilt ferner den sämmt- lichen Cousuln in Tschifu mit, er habe am 20. d. M., Abends >0 Uhr, mit einem fliegenden Boten durch das Tsung li Damen ein vom 18. d. M. datirteS, in ausländischer Sprache abgesaßteS Telegramm des amerikanischen Gesandten nach Washington erhalten und es sogleich weiter telegraphirt." Unser Glaube, daß die Depesche unecht sei, wird durch die „Entschiedenheit" des Gouverneurs nicht im Mindesten er schüttert, ebensowenig durch die Melkung, daß im gestrigen (Sonnabend) französischen Ministerrathe der Minister deS Auswärtigen Delcassä ein Telegramm des Kaisers Kuangsü vorgelesen hat, in dem dieser die Vermittelung des Präsidenten Loubet nachsucht. Dem Kaiser wurde ge antwortet, die Frage könne nicht eher zweckmäßig erörtert werden, bevor man über folgende Puncte Gewißheit habe: 1) daß dem französischen Gesandten in Peking Pichon und seinen diplomatischen College« ein wirksamer Schutz und die volle Freiheit deS Verkehr- mit ihren Regierungen zugesichert Werke, 2) daß Prinz Tuan und die hohen Beamten, die für die gegenwärtigen Ereignisse verantwortlich seien, auS der Regierung entfernt würden und ihre baldige Bestrafung unvermeidlich erfolgt. 3) daß die Behörden und die Truppen deS ganzen Reiches Befehl erhielten, die Feindseligkeiten gegen die Fremden einzustellen, 4) daß Maßnahmen getroffen würden zur strengsten Unterdrückung der aufständischen Bewegung der Boxer. So lange diese unerläßlichen Garantien nicht gegeben seien, könne nur von einer militärischen Action die Rede sein. — Delcasss theilte ferner mit, daß die Mächte auf seinen Vor schlag» sich über die Verhinderung der Waffeneinfuhr in China zu äußern, sammllich eine günstige Antwort ertheilt hätten. Die Antwort, die Delcass- dem chinesischen Gesandten Dükeng ertbeilt hat, findet in den französischen Blättern allgemeine Billigung, aber trotzdem nimmt die gelammte Presse da- angebliche VermittelungSansuchen des Kaiser- von China mit unverhohlenem Mißtrauen auf und hebt besonder- hervor, daß man nicht einmal wisse, von welchem Kaiser da- Gesuch ausgehe. Die meisten Blätter er blicken in der von dem Gouverneur von Schantung be förderten Depesche lediglich ein Manöver, da- bezwecke, das Einvernehmen der Mächte zu sprengen. Wir schließen hieran folgende Telegramme: * Paris, 21. Juli. Dem „Journal" zufolge hat Prinz Heinrich von Orleans den Präsidenten Loubet ersucht, ihn dem chinesischen Expeditionscorps für den geographische» oder einen sonstigen Dienst als Civilist zuzutheilen. — „Figaro" veröffentlicht ein vom 28. Mai bi- zum 10. Juni reichende- Tagebuch des Dol metscher. Eleven der französischen Botschaft in Peking Saussine, in dem erzählt wird, daß daS Diplomatische CorpS infolge beunruhigender Nachrichten am 10. Juni eine Sitzung ab gehalten hat, in der der französische Gesandte Pichon beantragt hat, da» Diplomatische CorpS möge unter Begleitung von 400 Mann europäischer Schutztruppen abreiseu; dieser Antrag wurde jedoch nicht augenommen. * Paris, 21. Juli. Ein Beamter des Ministerium- deS Aeußerra erklärte einem Mitarbeiter de- „Soir", er halte das an gebliche Bermittelung-ansucheu deS Kaiser- in China für «ine« Versuch, da- Einvernehmen der Mächte zu zerstöre«. Um diesen Plan zu vereiteln, habe der Minister des Aeußern DelcassS die Depesche unverzüglich veröffentlicht. * Kopenhagen, 21. Juli. Die dänische MissionSgesellschast meldet auS Tschifu vom 20. d. M. Tie dänischen Missionare in Hasien-Uen rettete« sich nach Port Arthur. Die Kreuzer- Corvette „Walkyriueu", deren Chef Prinz Waldemar ist, ist heute Nachmittag au« Ostasien zurückgekehrt. * Petersburg, 2l. Juli. Ein Telegramm des Chefs der zweite» Station der chinesischen Ost-Eisenbahn Ingenieur- Ryschow meldet unter dem 19. d. M. auS Dono in Tran-baikalien Ingenieur Botscharow ist wohlbehalten au« Stara-Zuruchaitu hier angelangt. Die dort befindlichen sechs Stationsgebäude sind größtentheilS verbrannt und geplündert. Die 5. Eisenbahn- section wird übermorgen erwartet. Die Mongolen benehmen sich gut gegen dir Russen und verhalten sich ruhig. DaS „Blatt des Handelsdepartements" bringt nachstehende Meldung: Der Schutz von Blagoweschtschensk uud die Abwehr der chinesischen Truppen vollzieht sich in strenger Ordnung. Da- Erscheinen der Chinesen vor der Stadt hat die gesammt« Kosakenbevölkerung mobil gemacht. — An-Petrofsawlow-kund Babikow sind Kosakenmilizen in Biagowrschtschrn-k eingetroffen, um die Truppen de» General- Gribki zu verstärken. Am 18. d. M. wurden die Chinesen zurückgeschlagen. Seit dem 19. d. M. ist Alle- ruhig. Die Meldung der Blätter, daß Riutschwaug geplündert worden sei, ist nicht bestätigt. Die Chinesen haben allerdings einen starken Angriff unternommen, wurden aber zurückgeschlagen: mehrere Chinesen wurden grfangen, die, wie sich herausstrllte, Arbeitrr an der chinesischen Bahn waren. Ja Blagoweschtschensk ist di« Nachricht eingetroffen, daß die chinesischen Stellungen läng- de- Amur von Blagoweschtschensk bi- Chabarow-k gesäubert sind. Zur Herstellung der Ruhe mußte ein russische« Detachement eine schnür- rige Ausgabe lösen, nämlich Aigun besetze», wo sich chinesische Truppen mit Artillerie sestgesetzt hatte«. Am 18. d. M. eröffneten die Russen ein heftig»« Gewehrseuer, der Kampf dauerte lange, aber der Bravour der Russen konnten di« Chinesen nicht widerstehen und zogen sich schleunigst i» wilder Flucht zurück. Die Russen zogen in Aigun rin und führte« sich dadurch in eine Stellung, die den Amur beherrscht. Die Verluste auf russischer Seit« sind unbedeutend. Die Chinesen zogen sich südlich de« Flusse« Sua zurück. Das Blatt meldet weiter, daß nach der Ankunft des General- Liniewltsch in Tientsin, der den Oberbefehl über di« dortigen russischen Truppen erhalten hat, die Frage über de« weiteren Vormarsch auf Peking entschieden wird. 8000 Mann japanischer Truppen sind am 16. diese- Monat- auS Taku in Tientsin angekommen. 2100 Japaner habe« bei Tschifu und 1800 bei Shanhaihuan Stellung genommen. Ein Theil der japanischen Truppen wurde aus der von de« Russen und Japanern von Taku nach Tientsin neu errichteten Bah« befördert. Der regelmäßige Verkehr wurde am 20. d. M. eröffnet. Der Peiho ist unterhalb Tientsins kür die Schifffahrt frei. Die Verwundeten werden auf Barken nach Taku befördert. In Tschifu wurden Aufrufe des Prinzen Tuan aufgesangen. Vorläufig ist Alle- ruhig geblieben, da dort japanische Truppen stehen. Die nachstehende Depesche bestätigt eine kurze Meldung, die wir vor einigen Tagen brachten. ES fragt sich nur, nut wem, d. h. mit welchem Kaiser, Japan verhandelt hat: * Aokohama, 21. Juli. (Reuter's Bureau.) Der Kaiser von China und der Kaiser von Japan haben Briefe aus getauscht, die nunmehr veröffentlicht werden. Der Kaiser von China bespricht in einem Schreiben vom 3. diese- Monats die letzten Ereignisse und weist darauf hin, daß der Osten und der Westen einander gegenüber stehen. China sei nicht allein der Gegenstand der ehrgeizige« Bestrebungen der Mächte. Wenn es China nicht gelingen werde, seine Integrität z« wahren, so würde sich wahrscheinlich auch Japan bedroht sehe«. Deshalb müsse sich China auf die Unterstützung Japans verlassen. - Der Kaiser von Japan betonte in seiner Antwort die Noth- wendigkeit, daß China den Ausstand unterdrücke, die fremde« Ver treter rette und so ein Unglück verhindere. Wenn das geschehe würden die Mächte sehen, daß China wünsche, den Krieg zu ver meiden. Dann werde Japan bereit sein, bei den Verhandlung«« seinen Einfluß zur Wahrung der Interessen Chinas aufzubiete«. Sine unbeachtet gebliebene Warnung. Man schreibt der „Frkf. Ztg.": In seinem Buche: „Durch das Land der Chinesen" (Leipzig 1898, Baum) citirt W. Coucheron-Aamot, Leutnant zur See, aus dem von dem chinesi schen Censor Admiral Uü-lin zusammen mit dem früheren chinesischen Gesandten in Washington, Hsu-Ching-chu, zu Anfang der 80er Jahre herausgegebenen Werke: „Da nachsichtige Auftreten gegen die Fremden" folgende Stelle: „Den Umgang mit den Ausländern kann man mit einer chronischen Krankheit vergleichen, die un verhindert, das zu thun, was wir in gesundem Zustande thun würden. Seit dem Abschluß der Verträge hat China auf mancherlei Weise gelitten. Man vergleiche z. B. die Verträge Englands und Amerikas mit den unsriqen! Desto schlimmer, wir sind hilflos, gerade jetzt. Man darf jetzt nicht vom Kriege sprechen, da wir noch von den Opiumkriegen und der Taipin- revolution her geschwächt sind. Es würde nur dazu dienen, Territorium einzubüßen. Daher ist es von Wichtigkeit, daß wir nachgeben, bis wir zum Kriege vorderer tet sind. Jede der großen Nationen trachtet nach chinesischem Gebiet; wenn sie erst einen Hafen haben, verlangen sie nach mehreren. Nur gegenseitige Eifersucht und theilweise inter nationales Gesetz legten ihnen Zügel an, nicht das chinesische Heer und die Flotte. Die europäische Eifersucht und Uneinigkeit sind ein Vortheil, den der Himmel China sendet, daß es sich vor bereiten kann. Wenn Alles zum Kriege bereit ist, dann werden wir mit einem Schlage die Ver gangenheit rächen." Der obenerwähnte Verfasser fügt zu dieser Auslassung deS Chinesen hinzu: „Diese Aeutzerungen glaube ich als einen correcten Ausdruck der chinesischen Politik der Neuzeit ansehen zu können, und es würde ein Erfolg für beide Theile sein, wenn, die Nationen des Westens sie »ck ncckam nehmen und ihr Auftreten danach richteten." DaS sind prophetische Worte! Es gab also Kenner Chinas, welche den jetzigen Krieg fast mit Gewißheit kommen sahen, und die mit ihren Warnungen nicht zurückhielten. Leider hat eS nichts genützt. Deutsches Reich. * Leipzig, 21. Juli. Wir werden um Abdruck der fol genden Zuschrift ersucht: In Nr. 364 Ihres geschätzten Blatte- bringen Sie unter dem Stichwort „Ao quick nimis" einen Artikel, der in Form einer Erwiderung an Herrn von Psister-Schwaighusen der lateinischen gegenüber der deutschen Schrift mit den bekannten Gründen da- Wort redet. Die deutsche Sprache soll leichter Verbreitung im Ausland« finden in lateinischen Schristzeichen statt in deutschen. ES ist nicht- al- unser alter Erbfehler, dir Nachgiebigkeit gegen alle- Ausländische, die dem deutschen Volke zumuthet, die eigen« Schrift aufzugeben, damit eine. Anzahl von Ausländern einige Sprach- und Schreib stunden sparen. Glaubt man denn im Ernste, daß dem, der deutsch lernen will, die 25 deutschen Buchstaben ein ernstliche- Hinderniß sein werden ? Im Vergleich mit anderen Schwierigkeiten der deutschen Sprache ist die der besonderen Schrift doch ein Kinderspiel. Wenn Pfister^Fchwaig- husen sich beschwert, daß die Negerschulen in den deutschen Colonien nur lateinische Schrift lernen, so hat er, auch praktisch genommen, ganz recht. Wenn den Negerjungen ihr bi-chen Deutsch über- Haupt etwa» nützen soll, so müssen sie auch di« deutsche Schrift erlernen, sonst können sie keine deutsche Zeitung, kein deutsche- Buch lese». — Die Brüder Grimm, wird immer und immer wieder vorgebracht, seien gut« Deutsche und doch Gegner der deutschen Schrift gewesen. Da- beweist nicht-, al- daß auch die klügsten Gelehrten irren können, wofür e- noch andere Beispiele genug giebt. Bei der unglückseligen Neigung des Deutschen, seine Eigenart in fremdem Wesea unter tiefen Bücklingen ersterben zu lassen, ist »ine eigene, deutsche- Schristthum von fremdem scharf trennende Schrift dringend noth; hätten wir sie nicht, so verdiente sie erfunden zu werdru. Wir haben aber eine deutsche Schrift, so lang« deutsch« Bücher ge druckt werden, und sie ist in viereinhalbhnndert Jahren ein un veräußerliche- Stück unsere- Volk-thum- geworden. Hinter der großen Pflicht, diese- unangetastet zu lassen, tritt an Wichtigkeit
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