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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 30.07.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-07-30
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000730013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900073001
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900073001
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-07
- Tag 1900-07-30
-
Monat
1900-07
-
Jahr
1900
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Hieran am Todestage unseres nationalen Helden sich er innern zu dürfen, mildert den Schmerz um den Verlust des Un - vergeßlichen. Eine zusammenfassende Darstellung der letzten Ereignisse in Nordchina geht aus Tientsin ein. Der Bericht geht zwar nur bis zum 7. Juni, bringt aber viele Details, die bisher unbekannt waren, und von Interesse sind. Es heißt darin: Seit Monaten haben nun Banden von Boxern mit immer zunehmender Kühnheit die grausamsten Verbrechen begangen: Männer, Frauen und Kinder, die zum Christenthum überge treten waren, oder mit Fremden in Verbindung standen, sind von ihnen in brutalster Weise gefoltert und getödtet, und die Boxer haben da, wo sie auftraten, wie wilde Bestien gehaust. Meist waren diese Verbrechen ausschließlich gegen eingeborene Chinesen gerichtet, und deshalb wurde von den fremden Gesandt schaften selten eine energische Haltung in diesen Fällen gezeigt. Dazu kommt, daß solche Ruhestörungen meist in entfernteren Distrikten vorkamen, Berichte darüber kamen langsam und meist aus chinesischen Quellen, auf deren Zuverlässigkeit nicht immer Verlaß ist. So sind Viele über die Verhältnisse im Norden im Unklaren geblieben, und es machte sich die Neigung bemerkbar, die Lage in ziemlich optimistischem Lichte zu sehen. In den letzten Wochen ist indessen die Situation erschreckend klar gewor den, und die Vereinigung aller Boxer der verschiedenen Distrikte, das ungeheure Anwachsen ihrer Zahl und die Kühnheit, mit der sie auftraten, ließen keinen Zweifel mehr über die Gefahr, die droht. Lange Zeit schon war Paotingfu und dessen Umgebung das Centrum für die Organisation der Boxer. In der Nähe von Paotingfu vertheidigte sich ein von katholischen Chinesen be wohntes Dorf erfolgreich gegen einen Ueberfall der Boxer, von denen sie Uber 70 tödteten. Allerdings waren die Katholiken mit Feuerwaffen versehen, während sonst die Eingeborenen den Boxern gegenüber vollständig hülflos waren. Der Ueberfall dieses Dorfes ließ uns schließlich auch in Tientsin klar werden, daß die Situation sehr viel ernster sei, als wir bislang angenommen hatten, und alle Befürchtungen sollten bald durch die Ereignisse übertroffen werden. Am Sonntag, den 27. Mai, marschirte ein großer Haufen Chinesen, meist mit Messern, Keulen, vereinzelt auch mit Feuer waffen ausgerüstet, die Eisenbahnlinie Paotingfu—Tientsin ent lang und begann die Zerstörung aller Häuser, Läden und Eisen bahnstationen, denen sie am Wege begegneten. Ein großer Theil der Eisenbahn wurde zerstört, die Telegraphenlinie abgeschnitten, und am Montag waren bereits sechs Eisenbahnstationen nieder gebrannt, daneben natürlich die Häuser und Läden der Chinesen. Panischer Schrecken verbreitete sich über daS ganze Gebiet, und in Hast floh Alles vor der Annäherung der Boxer. Einge borene Flüchtlinge strömten zu Tausenden nach Tientsin; die meisten hatten nur das nackte Leben gerettet. Bei Fengtai, der Kreuzungsstelle der Linien nach Peking und Paotingfu, stand eine Gruppe europäischer Häuser, in denen die Bahnan gestellten wohnten, ferner ein Lokomotivschuppen mit mehreren Maschinen darin, Waarenhäuser, «in großes Stationsgebäude,, eine Anzahl Chinesencottages, u. s. w.; alle diese Gebäude wur den geplündert und nieder-gebrannt. Die Bewohner konnten glücklicher Weise in aller Eile einen Zug zusammenstellen und nach Tientsin entkommen. Es heißt, die Zerstörung von Fengtai sei wicht durch Boxer, sondern durch Kulis geschehen, aber das ist nur ein Unterschied in der Bezeichnung. Ein großer Theil der Boxer gehört zur Classe der Kulis, und diese hassen die Fremden ebenso sehr, wie die Boxer selbst. Die Nachricht von diesen Raubzügen brachte in Peking und Tientsin temporär eine Panik hervor. In den Straßen beider Städte sammelten sich ebenso wie an den Bahnhöfen immense Menschenmengen an, die eifrig die immer wechselnden Nachrichten und Gerüchte, die aus vielerlei Quellen beständig eintrafen, discutirten. Die Wogen der Er regung gingen sehr hoch, und überall herrschte über das Schicksal der vielen Missionare, Colporteure, sowie der chinesischen Christen die größte Sorge. Jede telegraphische Verbindung mit den Ge bieten um Paotingfu war natürlich unmöglich. Erst am Dienstag erfuhren wir in Tientsin, daß die Ge sandten Schritte unternommen hatten, und dann kam di«> willkommene Botschaft, daß sie eiligst nach Truppen gesandt hätten. Es heißt, daß die Gesandten sich zuerst an das Tsung ll Damen wandten, und um die Genehmigung, europäische Truppen zu landen, gebeten hätten. Dieses habe darauf ausweichend ge antwortet und behauptet, Prinz Ching müsse erst hierüber be fragt werden. Darauf hatten die Gesandten kurz und bündig erklärt, daß sie sich auf eine Verzögerung nicht einlassen könnten, und nunmehr mit oder ohne Zustimmung des Tsung li Damen oder des Prinzen Truppen landen und in Peking stationiren würden. Inzwischen war der amerikanische Admiral Kempf mit der „Newark" am Sonntag an der Mündung des Peiho, die von Tientsin zu Lande 45 und auf dem Flußwege 95 Kilometer ent fernt ist, eingetroffen. Er wußte noch nichts von dem, was vorge fallen war, und hatte in Folge dessen keine Truppen gelandet. Der amerikanische Consul hatte mittlerweile Bestätigung über die Vorgänge vom Montag erhalten und telographirte sofort an Amtlicher Theil. Bibliothek der Handclskammcr. Die Bibliothek -er Handelskammer bleibt zum Zwecke der Revision und Reinigung gemäß 8 1 der Ordnung für ihre Be nutzung in diesem Jahre vöm 6. bis mit 25. August geschlossen. Alle entliehenen Werke sind spätestens am 81. Juli zurück- zngeben. Die Handelskammer. Zweiniger, Vorsitzender. I)r. Wendtland, S. ZUM Todeslage Lismarck's <:ro. Jnlt). Die bevorstehende zweite Wiederkehr des Todestages Bismarck ' s fällt in die denkwürdige Zeit, da zum ersten Male ein beträchtlicher Theil vom Heere des neuen deutschen Einheits staates über das Weltmeer zieht. Wohl mancher wird sich an diesem Gedenktage die Frage vorlegen, ob Deutschlands Politik gegenüber China im Sinne des Fürsten Bismarck die richtige ist. Die Antwort hierauf kann nicht schwer fallen, wenn man sich das Ziel vergegenwärtigt, das Deutschland in China verfolgt. Graf Bülow hat es in seinem Rundschreiben vom 11. d. Mts. klar und bestimmt in folgenden Worten bezeichnet: „Wiederher stellung der Sicherheit von Person, Eigenthum und Thätigkeit der Reichsangehörigen in China, Rettung der in Peking einge- schlosienen Fremden, Wiederherstellung und Sicherstellung ge regelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Regierung, Sühnung und Genugthuung für die verübten Unthaten . . . keine Aufteilung Chinas . . . keine Sondervortheile." — Wie Graf Bülow im Vorstehenden zunächst die Verpflichtung desNeicheszumSchuhederReichsangchörigen im Auslande als selbstverständliche Voraussetzung behandelt, so wird auch vom Fürsten Bismarck Niemand bezweifeln, daß er die gleiche Auffassung über die Schutzpflicht des Reiches gehabt hat. In der Reichstagssitzung vom 26. Juni 1884 hat Fürst Bismarck die Frage, ob es die Pflicht des Reiches sei, colonialen Unterneh mungen deutscher Reichsangehöriger den Reichsschutz zu ge währen, u. A. mit den Worten beantwortet: „Das bejahe ich...mitunbedingterS icherhejtvom Stand punkte «der staatlichen Pflicht. Ich kann mich dem nicht entziehen." — Daß zu den colonialen Unter nehmungen die überseeischen Handelsunternehmungen in fremden Ländern zu rechnen sind, versteht sich von selbst. Da nun die dauernde Sicherheit von Person, Eigenthum und Thätigkeit der Rcichsangehörigen in China von der Sicherstellung geregelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Regierung abhängig ist, muß auch dieser Punct des Bülow'schen Programms als im Sinne Bismarck's aufgestellt gelten. Was ferner das Verlangen nach Sühne und Genugthuung für die verübten Unthaten an geht, so widerspricht es keineswegs der Auffassung Bis marck's. Den in demselben Satze, in dem Bismarck am 17. August 1866 die Worte sprach: „Die Politik hat nicht die Ausgabe der Nemesis" — fuhr er fort: „Mr haben zu thun, was für den Staat eine Notwendigkeit ist." — Daß gegenwärtig die Notwendigkeit vorliegt, Genugthuung für die chinesischen Un thaten durchzusetzen, leuchtet ohne Weiteres ein. Wollte Deutsch land auf die Genugthuung verzichten, so würde einmal sein An sehen bei Freund und Feind die empfindlichste Einbuße erleiden, sodann würde das Ansehen der in halbcivilisirten Ländern wohnen den Deutschen andauernd im hohen Grade gefährdet werden, end lich würde die seit einem Menschenalter emporgewachsene Genug thuung der Deutschen im Auslande über ihre nationale Zuge hörigkeit sehr erheblich verringert, theilweise vielleicht ganz zer stört werden. Keine von diesen Folgen ist so beschaffen, daß ge sagt werden dürfte, Fürst Bismarck würde sie als erträglich hin genommen haben. Zumal der Ehrenpunct ist es, den als gering fügig zu erachten der Bismarck'schen Anschauung keineswegs ent spricht. Als Beweis hierfür kann die Rede gelten, die Bismarck am 11. December 1867 im Abgeordnetenhause gehalten hat. In ihr vertheidigte er den Accessionsvertrag mit Waldeck gegen den Vorwurf, daß er n e u e L a st e n auf Preußen bürde. Bismarck verwies dabei auf eine südamerikanische Zeitschrift, in der 2000 zu Caracas ansässige Deutsche ihrer freudigen Genugthuung über die Gründung des Norddeutschen Bundes Ausdruck gaben. Bis marck knüpfte hieran folgende Apostrophe: „Ist Ihnen das nichts Werth, meine Herren, zu hören, daß unsere Landsleute in so fernen Gegenden jetzt mit uns stolz auf das Vaterland blicken und mit Selbstgefühl sagen: „Wir sind Deutsche", während sie früher verschämt die Augen niederschlugen? Meine Herren! Ich gehöre nicht zu denen, die kalt auf die Lasten blicken, die dem Dürftigen auferlegt werden . . . Aber, meine Herren, die Unab hängigkeit, die staatliche Freiheit, dienationaleEhregeht einem Volte wie das unsere über Alles; ihr bringen selbst diese Armen freudig ihr Opfer!" Die Forderung nach Sühne darf um so mehr als der Auffassung Bismarck's entsprechend ange sehen werden, in je maßvolleren Grenzen sie erhoben wird. Vor aller Welt erklärt Graf Bülow, keine Auftheilung Chinas, keine Sondervortheile anzustreben. Hält man daneben, daß andererseits rückhaltlos Genugthuung von Deutschland gefordert wird, so muß man gestehen, daß Deutsch land auf dem Wege ist, sich das V e r t r au e n a l l e r M ä ch t e durch Ehrlichkeit, Offenheit und Versöhn! ich- keit auch anläßlich der chinesischen Wirren zu erwerben. Die Erreichung dieses Zieles aber durch die angeführten Mittel be zeichnet Fürst Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen" I als das Ideal, das ihm vorgeschwebt sei, nachdem die Einheit Feuilleton. Ein sächsischer Bildhauer und sein Mißgeschick. Von F. E. Köhler-Hausse n. Nachdruck verbalen. So Weltberühmt unser engeres Vaterland, und insbesondere seine Hauptstadt, wegen der angcsammelten Kunstschätze, Werke der bedeutendsten Meister aller Nationen, Schulen und Zeiten, geworden ist, so merkwürdig ist es, dass dieses Land fast keinen weltberühmten bildenden Künstler, ausgenommen Anton Graff und in unserer Zeit Max Klinger, hervorgebracht hat. Freilich, hervorgebracht hat es schon einen, aber, obgleich seine Werke in der ganzen Welt bekannt, geschäht und mit un geheuren Preisen bezahlt werden, ist bis in unsere Zeit herein fein Name fast vergessen geblieben. Während alle Welt den feinsinnigen Ausdruck des Barock und des frühen Rococo in seinen Figuren, Vasen und Gruppen staunend bewundert und mit dieser Bewunderung die Vorliebe für das spröde Material, das MeißnerPorzellan, des weltbekannten Vioux 8axe, roch übertraf, wussten von dem Namen seines grössten Künstlers nur wenig besonders Eingeweihte, Museumsdirectoren und Sammler. Dieser Künstler ist Johann Joachim Kändler, 1731—1775 Bildhauer an der königlichen Por« zellanmanufactur in Meißen. Erst unserer Zeit bleibt es Vorbehalten, angeregt durch das namentlich in den letzten fünfzehn Jahren neuerwachte Sammler interesse an den Figuren und Gruppen der ältesten Zeit des „Meißner" und besonders dazu veranlaßt durch das größere Interesse an wirklicher Kleinkunst, das Verdienst diese» genialen Künstlers zu würdigen und allgemeinerem Verstcindniß wieder zuzuführen. Die wissenschaftliche Darstellung der Kunstinter- esscn aus der Zeit August's des Starken, dem Dresden allein seinen Weltruhm verdankt, und der Wetterführung dieser Inter essen durch seinen Nachfolger August III., steckt noch sehr in den Kinderschuhen. Um so verdienstvoller ist es, wenn der Versuch gemacht wird, durch gründliche Einzeldarstellungen diese Zeit sowohl der wissenschaftlichen Erforschung, al» auch dem Interesse des Publikums zu erschließen. Eine solche Einzeldarstellung von hohem Werth haben wir vor uns in dem Werke von Jean Louis Sponsel: Cabinet stücke der Meissner Porzellan-Manu« factur von Johann Joachim Kändler, das soeben im Verlage von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig erschienen ist und dem wtr in dieser Darstellung folgen. Der Verlag macht mit der Herausgabe dieses Werke» einen Schritt, der die vorgesteckten Ziele aufs Deutlichste erkennen läßt, denn die wissenschaftliche Gründlichkeit, verbunden mit einer glänzenden und allgemeinverständlichen Darstellung, der reiche und auf der Höhe der Zeit befindliche Bilderschmuck beweisen, daß der Verlag der Meinung ist, dass „das Beste gerade gut genug" sei. Da» Werk umfasst da» ganze Schaffen des Künstlers, seine reich« und ununterbrochene Thätigkeit für die Porzellan- Manufactur, von der wir erfahren, dass der fleissige Mann, fortgesetzt angetrieben, durch den Eifer, den Geschmack seiner Zeit zu befriedigen und gleichzeitig zu erklären und zu be reichern, und durch den Wunsch, die Sprödigkeit des Materials, die große Schwierigkeit des ungleichen Schwindens der einzelnen Stücke beim Brennen zu überwinden, auch die Nächte und Feiertage zur Arbeit benützte, ja, sich zur Bewältigung einer großen Arbeit, die dennoch durch die Ungunst der Verhältnisse nicht vollendet werden konnte, besondere Arbeiter, Modelleure und sonstige Hilfskräfte hielt, die er aus seiner eigenen Tasche bezahlte. Es ist dies die von ihm geplante und tn Angriff ge nommene überlebensgroße Reiterstatue August's III., die, ganz von Porzellan, einen Platz der Residenzstadt zieren sollte. War bis zum Eintreffen Kändler's in Meißen die Fabri kation in Meißen nicht darüber hinausgekommen, das Profil chinesischer Teller und Vasen leidlich gut nachzuformen, einige ungeschickte und naturwissenschaftlich unmögliche Thiere zu bilden, von einer Nachbildung des Menschenleibes ganz zu schweigen, so tritt sofort mit Kändler's Arbeitsbeginn eine frische, gesunde Auffassung der Natur ein, eine klare, architektonische Durchbildung der Vasenformen, ein Zug ins Große, Kräftige, der dem ganzen Wesen deS Barocks entspricht. Kändler begann sofort die chinesischen Vorbilder zu überwinden, indem er die Studien direct im Thiergarten des Königs machte. Auch die Schwierigkeiten beim Brennen größerer Stücke wußte er all mählich bis zu einem gewissen Gerade zu besiegen. Schon der zuerst gleichzeitig mit Kändler beschäftigte Modell meister Kirchner hatte den Versuch gemacht, eine Statue August's des Starken herzustellen, doch wird nur erwähnt, daß sie model- lirt worden sei; was beim Brennen aus ihr geworden ist, ist nicht bekannt; wahrscheinlich ist sie, wie so viele Stücke, bis zur Un kenntlichkeit zerrissen und verbogen worden. Fast gleichzeitig, 1732, finden wir Kändler über der Arbeit an einer 3s/2 Ellen hohen Reiterstatue'des Königs, aber auch über sie hören wir nichts wieder. Inzwischen zeigt Kändler allmählich die Möglichkeit, grössere Statuen auszuführen, indem er, wenn auch noch technisch unfertig, so doch mit hohem künstlerischen Geschmack, einige Apostelstatuen zuwege bringt. Allein an den technischen Schwierigkeiten scheitert auch noch jetzt die Aus führung. Es ist begreiflich, daß Kändler Lei der Kraft der Bewegung, die wir an allen seinen Thieren, Figuren und Gruppen, vor Allem aber an seinen allegorischen Darstellungen, bewundern können, sich zum monumentalen Schaffen hingedrängt fühlte. Da ihm vorläufig, beim Stande der damaligen Technik, seine Berufsthätigkeit in der Porzellanfabrik keine Gelegenheit bot, so bethätigte er die Kraft, die ihm zur Befriedigung dieses Bedürfnisses gegeben war, an zwei wunderschönen Sandstein grabdenkmälern, die heute noch tn Meißen zu sehen sind. DaS eine, 1732 geschaffen und dem Andenken eines Meißner Raths herrn gewidmet, stellt in barocker Manier den Tod dar, der im Begriff fft, einen Obelisken einzuftürzen. Das andere, vom Jahre 1736, übertrifft daS erstere weit an Schönheit und Kraft. ES ist zu Ehren der Mutter des Dichters Johann Elias Schlegel errichtet und zeigt einen Sarg, auf dem eine hohe Inschrift platte steht und über dessen Kopfende triumphirend, die Sand uhr schwingend, der Tod als kraftvoller Greis daherschreitet, auf dem Fussende sitzt eine in weite Gewänder gehüllte Frauen« gestalt, die soeben den letzten Zug der Inschrift schreibt und mit der linken Hand ein weinendes Kind in ihren Schoost drückt. Diese Ableitung aber zeigte ihm selbst, was erkannte, und ver anlaßte ihn, noch mehr als vorher seinen Fleiß darauf zu ver wenden, die Brennschwierigkeiten des Porzellans zu über winden. Nachdem August der Starke gestorben war, modellirte Kändler zunächst eine Reihe von Büsten der habsburgischen Kaiser, die ihm zeigten, daß die Ausführung eines großen Denk mals wohl möglich sei. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die An regung zur endlich im Jahre 1751 beschlossenen Ausführung des Reiterdcnkmals von ihm selbst ausging, als er zu dieser Ein sicht gekommen war. Um zunächst dem Hofe eine Vorstellung davon zu geben, was er zu schaffen beabsichtige, modellirte er ein „Cabinetstück", das im Jahre 1753 in Porzellan ausgcführt und vollendet wurde. Für die Ausführung dieses Cabinetstückes sollte er 3000 Thaler erhalten, für die Ausführung des Denkmals, das ,17 Ellen" hoch werden sollte, waren ihm 12 000 Thaler zu gesichert. Von der ersten Summe erhielt er im Ganzen 700 Thaler, von der zweiten 6500 Thaler, doch ist es sicher, daß er in den Jahren bis 1775 unglaublich viel von seinem eigenen Vermögen zur Ermöglichung der Wetterführung der Arbeit aus gelegt hat. Von den Theilen für das große Denkmal waren bei seinem Tode circa 800 Stück fertig, und seine von seinen Kindern an den König eingerichtcn Acten und Zeichnungen und allerhand Studien geben einen Begriff von der ungeheuren Arbeit, die der Künstler auf die Krönung seines Lebenswerkes durch eine monumentale Leistung anwendete. Das Cabinetstück, das wir noch in der königlichen Porzellansammlung in Dresden be wundern können, nimmt, wie Sponsel in dem angeführten Werke sagt, unter allen Denkmälern der neueren Zeit einen hohen Rang ein, und wir stehen nicht am, zu behaupten, dass es unter allen Denkmälern des 18. Jahrhunderts an erster Stelle zu stehen verdient. Das Ganze ist gedacht als hohes, aus Fels stücken sich erhebendes Postament, auf dem das überlebensgroße Standbild des Königs August III. thront. Der Fürst sitzt in stolzer, begeistert ausblickender Haltung, als römischer Feld herr gekleidet, auf einem stattlichen Rosse, das in courbettirender Stellung über eine den Neid darstellende, hingesunkene menschlich« Figur wegstürmt. An der vorderen Schmalseite des Postaments befindet sich eine von einem Adler getragene Cartouche, die eine Inschrift um rahmt. Zu beiden Seiten des Postaments sind große Reliefs angebracht, die die Segnungen der Regierung August's III. veranschaulichen. Der interessanteste Theil aber des Denkmals, zugleich auch der, der den Fähigkeiten Kändler's am meisten entspricht, ist die Darstellung der Fürstentugenden auf den den Sockel um gebenden Felsstücken. Vor der erwähnten Inschrift sitzt auf einem Felsen, leicht zu der Tafel hingeneigt, eine Frauengestalt, die eben die In schrift zu vollenden scheint. Ein Kind küßt ihr die herab hängende Linke, während ein anderes ein brennendes Herz empor hält. Links im Vordergründe liegen unter Palmbäumen antike Waffenstücke und eine Trommel, hinter Viesen Trophäen erhebt sich die Göttin des Friedens mit Oel- und Palmzweigen. Ein Füllhorn liegt neben ihr. Schon zur linken Seite gehörig, steht dann hinter dieser Friedensgöttin «die „Justitia", eine Krone auf dem Haupte, ein flammendes Schwert in der rechten, eine Waage in der linken Hand. Ihr Kleid sollte golden werden. Vor der linken Breitseite lagert der Flußgott de- Weichsel stromes, wieder ein Füllhorn, oder vielmehr eine Urne, haltend, aus der sich das Wasser mit Korn und anderen Früchten ergießt. An der Hinteren linken Ecke steht die „Fortitudo". Als das Sinnbild dieser „Tapferkeit" ist ein Löwe vorhanden, der am Fuße einer Säule liegt, und eine Keule. Im Rücken des Sockels finden sich nur drei Putten, die sich als Vertreter der Malerei, Bildhauerkunst und Musik dar stellen. 1 Auf der rechten Hinteren Ecke ruht, halb knieend, vor einem Altar Vie Gestalt der Frömmigkeit, mit der einen Hand Weih rauch streuend, mit der anderen nach dem Herzen fassend. Por ihr lagert an der rechten Breitseite der Flußgott des Elbstromes, der aus seiner Urne den Strom ergießt. Neben ihm erblickt man ein Kind bei der Pflege von Weinstöcken, «in anderes vor ihm mit einem Füllhorn mit den Erzeugnissen deS Landes, Welche Fülle von Einzelheiten sich bei der überlebensgroßen Ausführung hätte anbringen lassen, ist gar nicht zu ermessen; daß Kändler di« Absicht hatte, darin ein Reichliches zu thun, geht aus seinen Tagebüchern hervor. Allein, er sollte nicht dazu kommen. Schon mit Beginn deS siebenjährigen Kriege», also fünf Jahre nach dem Anfang der Arbeit, hörte die finanzielle Unter stützung des Meisters durch den König völlig auf, und als Kändler's eigene Mittel aufgebraucht waren, mußten dir Ar beiten einfach liegen bleiben. Auch nach dem Kriege hatte der Fürst andere Ausgaben nöthiger, als die für daS Denkmal, und so wurde die Arbeit nie wieder mit der Energie ausgenommen, obgleich Kändler immer wieder mit rührender Treu« versuchte, sein Werk zu fördern. Man hat bis heute geglaubt, daß die Ausführung de» Denk mals an technischen Schwierigkeiten gescheitert sei, aber das ist bestimmt nicht der Fall. Dknn weder in den Acten jener Zeit, noch in privaten Aufzeichnungen sind diese jemal« als Hinderniß erwähnt. Es war vielmehr nur die Ungunst de» Schicksal«, die finanziellen Schwierigkeiten, die di« Ausführung de» rinztgen porzellanenen Denkmals unmöglich machten. Kändler allerdings hat tn seinem Cabinetstück di« Fähigkeit, da» herrlichste Denkmal de» 18. Jahrhundert« zu schaffen, ganz unzweifelhaft bewiesen. Sein Ruhm aber lebt in den vielen kleinen und grossen Thieren und Figuren, Gruppen und Allego rien, die seinen Namen von jetzt ab untrennbar mit dem Herr lichsten des Meissner Porzellan» verbinden.
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