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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 12.06.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-06-12
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000612013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900061201
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900061201
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-06
- Tag 1900-06-12
-
Monat
1900-06
-
Jahr
1900
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Durch ein eben geschloffenes Abkommen mit der Söuler Regie rung wird dem Zarenreiche der Besitz eines Küstenstriches ge sichert, den Japan ebenfalls in Anspruch nahm und der die er forderlichen Eigenschaften besitzt, um die Anlage eines Kriegs hafens auszuführen. In der officiellen Mittheilung dieses wich tigen Ereignisses heißt es, ein Landstück in der Nähe von Masampo werde an Rußland abgetreten, damit dieses dort ein Kohlendepot und ein Marinearsenal für sein ostasiatisches Ge schwader errichte. Das klingt recht harmlos, namentlich da die Russen sich' verpflichten mußten, keinerlei Erwerbung auf der strategisch wichtigen Insel Korgado vorzunehmen. Korea hat seinerseits versprochen, anderen Staaten den Zutritt zur Insel nicht zu gestatten, sondern sie im eigenen Besitz zu behalten. Angeblich fordern diese Bestimmungen Niemand heraus; auch sind die nächstbetheiligten Japaner vorläufig vollständig ruhig ge blieben. Es wäre eine totale Verkennung der Sachlage, wollte man annehmen, daß Rußland den Küstenstrich nur dazu braucht, um das Kohleridepot und Arsenal für seine Flotte zu bauen. Schon die Mittheilung des zarischen Gesandten Pawlow an die korea nische Regierung, Masampo werde im Winter das Hauptquartier des ostasiatischen Geschwaders sein, giebt zu denken. Wo rus sische Kriegsschiffe einmal eingelaufen sind, räumen sie freiwillig das Feld gewiß nicht. Nun bildet aber Masampo mit den be nachbarten Inseln seit Jahren das Ziel, welches Rußland er strebt. Schon vor längerer Zeit hatten der Gesandte Pawlow und der Admiral Dubassow einen Platz erworben, der sich zur Anlage von Küstenbefestigungen eignete; aber der Einfluß der Japaner, der in Söul den der Russen zeitweilig übertraf, brachte die Aufhebung des Handels zu Weg«, und es gewann den An schein, als sollte der Mikado die Frucht der russischen Aussaat ernten. Gegen eine solche Möglichkeit wurden nun von Peters burg alle Hebel in Bewegung gesetzt, man forderte und drohte, und der Erfolg ist schließlich nicht ausgeblieben. Rußland hat jetzt den dritten Stützpunkt für seine Flotte im fernen Osten erworben, der eine vortreffliche Ergänzung zu Wladiwostok und Port Arthur bildet. Diese beiden Kriegshäfen besitzen bei un bestreitbaren Vorzügen große Mängel, und können den hoch gespannten Anforderungen der russischen Politik noch nicht ge nügen. Wladiwostok vermag der Kälte im Winter nicht Wider stand zu leisten, und der Hafen Port Arthurs hat eine geringe Ausdehnung, sowie eine ungenügende Tiefe seines Fahrwassers. Zu diesen schlverwiegenden Unvollkommenheiten tritt dann noch ihre entfernte Lage von einander. Japan und England waren jeder Zeit im Stande, die Verbindung der beiden Plätze abzu schneiden und dadurch die in beiden angesammelte Streitmacht zu trennen. Es war für Rußland ein Lebensbedürfniß, einen dritten Hasen in Ostasien zu erwerben, der einerseits den Ansprüchen eines Hauptmarinestützpunctes entspricht, andererseits den regel mäßigen Verkehr zwischen Wladiwostok und Port Arthur sichert, und die Zusammenziehung der Streitkräfte dieser Häfen ge stattet. Dazu ist das nach allen Seiten geschützte Masampo wohl im Stande, welches, an der Südküste Koreas gelegen, die Um gebung der Halbinsel und die Meerenge von Korea völlig be herrscht. Mit geringer Aufwendung können die Russen aus Masampo ein zweites Gibraltar schaffen, welches die Vorherr schaft Japans im Gelben Meere brechen und den Engländern einen empfindlichen Stoß versetzen würde. Daß die letzteren sich äußerst beunruhigt fühlen, ist selbst verständlich. Die Verhandlungen des Unterhauses, in denen der Unterstaatssekretär Brodrick und der Minister Balfour die Frage beleuchteten, beweisen, daß man in London die Gefahr erkennt, welche England durch die russische Besetzung Masampos er wachsen ist. Man hafte mit einer solchen Möglichkeit schon lange gerechnet. Im Jahre 1885, zur Zeit des Pendjek-Zwischen- falles, ließ Gladstone plötzlich Port Hamilton besehen. Dieser Vorstoß wurde von Rußland störend empfunden, und sofort be gann man eine energische Action, um die Engländer zum Rückzüge zu bewegen. In der That gelang es im folgenden Jahre, die Räumung Port Hamiltons durchzusetzen; allerdings mußte das Zarenreich die Verpflichtung eingehen, niemals in Korea Fuß zu fassen, sollten nicht die Briten ihre preisgegebenen Ansprüche wieder erneuern. Dieses Abkommen ist nicht aufgehoben, und mit Recht fragt deshalb die Londoner Presse, was nun das „Foreign Office" wohl thun wolle, um die Interessen Englands an der Straße von Korea gebührend zu schützen. Höhnisch antwortet di« „Nowoje Wremja", die Verhältnisse in Ostasien hätten sich seitdem wesentlich geändert, und zur Zeit des Vertragsschluffes hätten die Engländer Wei-Hai-Wei noch nicht besessen. Der Augenblick, den die Petersburger Diplomatie zur Aus führung der Festsetzung in Masampo benutzte, war geschickt ge wählt. Der Krieg in Südafrika verhindert die Engländer, sofort einzugreifen; aber auch lange nach dem etwaigen Friedens schluß werden sie noch jeden Anlaß vermeiden, der sie mit den Russen in einen ernsten Conflict verwickeln könnte. Japan allein wünscht offenbar nicht, den Kampf um die Frage aufzunehmen, obwohl seine Flotte der russischen bedeutend überlegen ist. Das merkwürdige Stillschweigen in Tokio spricht vielmehr dafür, daß Rußland und Japan sich verständigt haben, und daß letzteres für seine Zustimmung zum russischen Unternehmen nach anderer Hinsicht entschädigt worden ist. Die Frage ist nur die, worin diese Schadloshaltung bestehen mag. Gerüchtweise verlautet, man wünsche in Tokio den Besitz der Insel Tarido, nahe bei Mokpho, also einen Punct an der Westküste Koreas. Ob nun Tarido oder ein anderer Hafen den Japanern abgetreten wird, ist schließlich von nebensächlicher Bedeutung gegenüber der That- sache, daß die Bundesgenoffenschaft des Mikado mit Groß britannien dem Anschein nach einen ernsten Stoß erlitten hat. Die Verständigung mit Rußland ist mit der englischen Freund schaft unvereinbar. Die Briten werden von nun an ihre Inter essen in Ostasien wahrscheinlich allein vertreten müssen. Somit hat der frevelhafte Krieg in Transvaal eine neue und äußerst schwere Verlegenheit für die Engländer gezeitigt, und ihnen neue, empfindliche Verluste in Asien in Aussicht gestellt. Der Krieg in Südafrika. -p. Von Roberts sind augenblicklich keine directen Nach richten zu erwarten, da die telegraphische Verbindung mit Capstadt abgeschnitten ist. Von Privatberichterstattern wird dagegen — uncontrolirbar — auS Louren^o MarqueS ge meldet, eS sollen Kämpfe bei Mactadotzorp und Komatipoort, letzteres an dem Punct liegend, wo die Delagoabahn die Transvaalgrenze schneidet, ftattgefundcn haben, die nachtheilig für die Boeren auSsielen; Komatipoort soll in den Händen der Engländer und Präsident Krüger soll in da» Gebirge geflüchtet sein. Buller. * London, 11. Juni. (Telegramm.) Eine Depesche des General» Buller au» seinem Hauptquartier in Natal von heute meldet: Die britischen Streitkräfte sind in der vergangenen Nacht am Klipriver beim Zusammenfluß mit dem GanSvlei con- ceutrirt worden. Wir kamen bei dem dortigen Passe einer etwa 3000 Mann starken feindlichen Abtheilung zuvor, die di« Absicht gehabt haben dürfte, den Paß zu besetzen. Sie zog sich zurück, sobald unsere schweren Geschütze das Feuer eröff neten. Die leichten südafrikanischen Reiter und die 2. Tavallerie- brigade hatten während der Sicherung unserer linken Flanke ein scharfe» Gefecht. Unsere Verluste betrugen etwa 6 Todte und 7 Verwundete. Die voerendelegirteu wurden, wie der „Frkf. Ztg." auS New Aork telezraphirt wird, in Omaha sehr gefeiert, wo der PräsidentschaftScandidat Bryan eine Ansprache hielt. John Morley über den Krieg. * London, 11. Äuni. (Telegramm.) Bei dem JahreS- efsen des Palmerstonclubs in Oxford am Sonnabend hielt John Morley eine Rede, in welcher er den Transvaalkrieg einer scharfen Kritik unterzog. Er könne nicht die Anschauung theilen, daß der Krieg durch das Ultimatum der Boeren un- vermeivlich geworden war. Die durch den Krieg verursachten Uebel überstiegen bei weitem die Uebelstänve, zu deren Ab stellung der Krieg begonnen wurde. Die glorreiche Britenslagge sei befleckt wordeu. England habe ein großes Unrecht gethan, das eS bitter bereuen werde. (Voss. Ztg.) Die Engländer Pretoria. Wie sich die „Times" auS Pretoria berichten läßt, dauerte der Einzug der englischen Truppen und der Vorbeimarsch vor dem Feldmarschall Lord Roberts und seinem großen Stab, in dem die fremden Militärattaches einen Ehrenplatz ein- nabmen, von 2 Uhr bis Uhr Nachmittags. Vou den Einwohnern der Stadt waren nicht viele sichtbar, und viele Häuser hatten dieFenster verhängt oder die Laden geschlossen. Die GeneralstabSofficiere der Garde-Jnfanteriebrigade be gaben sich nach dem PräsidentschastSgebäude und ließen sich bei Frau Krüger melden. Sie wurden durch einen holländischen Geistlichen in Empfang genommen, der ihnen mittheilte, daß Frau Krüger das Haus noch bewohne und auch zu bleiben gedenke. Der Pastor führte die Herren in die Empfangshalle, wo sich auch bald die Gattin des Präsidenten einfand. Frau Krüger trug ein schwarzseidenes Costum und eine weiße Haube und machte einen durchans ruhigen und würdigen Eindruck. Nachdem einige Höflichkeiten auSgewechselt worden waren, theilte der älteste Officier der Frau Krüger mit, daß er den Auftrag habe, die Burghers, welche das PräsidentschastSgebäude bewachten, durch eine Abtheilung englischer Soldaten ablösen zu lassen, welchem Vor schläge die alte Dame kopfnickend zustimmte. Die kleine Anzahl Boeren wurden darnach aufgefordert, ihre Waffen und Munition niederzulegen; sie deponirten diese auf dem Asphaltpflastrr zwischen den beiden Marmorlöwen am Eingänge und entfernte« sich mit kurzem Gruß. Tie Officiere verabschiedeten sich in der höflichsten Weise von Frau Krüger, und seitdem bewachen englische Doppelposten das HauS des Präsidenten. Der Treueid, den die unterworfenen Boeren den englischen Siegern leisten müssen, hat folgenden Wortlaut: „Ich, der unterzeichnete So und So, leiste hiermit einen feierlichen Eid und erkläre, daß ich den britischen Behörden alle Waffen und alle Munition, d. h. alle Gewehre und Gewehrmunition irgend welcher Art, auSgeliefert habe, und ich schwöre feierlichft, daß ich kein Gewehr und keine Munition zurückbehielt und daß ich keine Kenutniß davon habe, daß solche von irgend Jemandem zurückbehalten oder verborgen worden sind. Ich schwöre ferner feierlichft, daß ich während des jetzigen Krieges nicht mehr gegen die britische Regierung zu den Waffen greifen noch irgend welchen Angehörigen der republikanischen Streitkräfte auf irgend welche Weise durch Information über Anzahl, Bewegungen, oder andere Details der britischen Armee, die zu meiner Kenntniß kommen, Unterstützung zu Theil lassen werde. Ich verspreche und schwöre ferner, ruhig zu Hause zu bleiben, bis der Krieg vorbei ist. ES ist mir bekannt, daß ich mich der Gefahr auSsetze, von den britischen Behörden summarisch bestraft zu werden, wenn ich in irgend welcher Weife falsche Erklärungen abgegeben habe oder meinen Eid und meine Versprechungen breche. Ich mache die obige feierliche Erklärung in der Ueberzeugung, daß sie wahr ist, so wahr mir Gott helfe." Die Theilnahme der Frauen am südafrikanischen Kriege * Kapstadt, 25. Mai. ES ist bekannt, daß die Frauen der Boeren wesentlichen Antheil an dem gegenwärtigen Kriege genommen haben. Waren bisher aber nur einzelne Fälle zu verzeichnen, so kommt jetzt eine Nachricht aus Johannesburg, welche auf die Absicht deutet, daß die Frauen in geschloffenen Massen aufzutreten wünschen. Iw Wesentlichen richteten sich die Bestrebungen der Frauen auch zunächst dabin, als Beamte in den Staatsdienst zu treten, um durch eine solche Entlastung der Männer diese für den Waffen dienst frei zu machen. ES fehlte aber bei einer kürzlich in Johannesburg von mehr al» 350 Frauen besuchten Ver sammlung nicht an Stimmen, welche die Bildung eines Amazonencorps befürworteten und dem blutigen Kampfe von Frau gegen Mann das Wort redeten. Es waren dies in erster Linie diejenigen Frauen, deren Männer bereits im Kriege gefallen waren, auS welchen somit die Verzweiflung sprach. In Worten voll glühender Leidenschaft, voll Haß und völliger Mißachtung aller eigner Gefahren forderten diese die Bewaffnung aller Frauen und die Zulassung zur Feldschlackl. Gegenüber mancherlei thörichten Reden und Vorschägen be merkte eine würdige Matrone sehr richtig, die Männer ver abscheuten den Gedanken, ihre eigenen Frauen in den Schauz- zräben umherliegen zu sehen und würden ihnen die Erlaubniß hierzu direct verweigern. Da» sei überhaupt nicht die richtige Art, dem Vaterlande zu dienen; die Frauen könnten sich nützlich genug in Johannesburg selbst machen, ohne ins Feld zu ziehen. Die Vertheidigung der Stadt erfordere auch kräftige Arme und muthige Herzen gerade so wie die Feld schlacht. Der Präsident stimmte dem bei und meinte, die Zeit für den offenen Felddienst der Frauen sei noch nicht gekommen, sie könne aber eintreten; daher müßten die Frauen Feuilleton. Die Liebesgabe. Skizze von M. Schöpp. Nachdruck Unbotni. Der kleine Bela aß, bitterlich weinend, seine harte Brodkruste. Rings um ihn her lagen seine Handelsartikel; Mausefallen, Wichs bürsten, Cylinderputzer und Tiegel, und die Leute, die eilig an ihm vorübergingen, ärgerten sich, daß er ihnen im Wege saß. Aber wohin sollte er gehen? Eben hatte ihn ein eifriger Hausverwalter unsanft von der Schwelle gestoßen, wo er in Ruhe sein Mittags mahl verzehren wollte, und mit der Polizei hatte er gedroht, wenn er sich noch einmal sehen ließe. Der arme Bela aber fürchtete sich schrecklich vor der Polizei. Er hatte einmal ihre Bekanntschaft gemacht, als er auf einer öffentlichen Bank in glühendster Hitze vor Erschöpfung eingeschlafen war. Er hatte geglaubt, daß so eine Bank zum Ausruhen bestimmt wäre, sonst hätte er eine solche Kühnheit wirklich nicht gewagt. Die Polizei aber wollte von solchen Entschuldigungen nichts hören. Sie hatte ihn bei den Ohren gepackt und ihn herumgezaust, daß ihm noch heute vor Schreck das Herz stillstand, und seit der Zeit flößte ihm schon der Name „Polizei" eine gräßliche Furcht ein. Und nun weinte er seit einer halben Stunde über die Ungerechtigkeit der Welt, denn jetzt saß der Verwalter selbst vor der Thür und schimpfte noch immer über da» Bettelvolk. Stundenlang war er umhergelaufen, treppauf, treppab, um seine Maaren feilzubieten, und hatte noch nicht einen Pfennig eingenommen. Aber die feinen jungen Herren, die die hohe Schule besuchten, hatten ihn vor sich hergetrieben; mit ihren Mappen hatten sie ihn gestoßen, den Hut hatten sie ihm vom Kopfe geschlagen und Steine waren ihm nachgeflogen. Und er hatte ihnen doch nichts gethan! Bescheiden ging er Jedem aus dem Wege, um ja kein Aergerniß zu erregen, und dankte seinem Schutzpatron, dem Heiligen Sebastian, inbrünstig, wenn er nicht so viel Wagen auf den Fahrdamm sandte, damit der kleine Bela die hohen Bürger auf dem Fußsteige nicht zu belästigen brauchte. Wenn er nur wüßte, wo er seine Waare verkaufen könnte! Sein Herr schlug ihn, wenn er Alle- wieder mit nach Hause brachte. Ach, er war ein böser Herr! Und er schlug so hart. Und oft ließ er den armen Slowaken hungrig zu Bett gehen. Tat war noch schlimmer, al» Schläge. Dann brannte r» in den Eingeweiden und der Kopf that weh und die Zähne schlugen auf einander. So arg war's in der Heimath nicht gewesen. Da gab's immer einen Kürbis oder eine Melone, die sich irgendwo er wischen ließ, und an Feiertagen gab's Brod mit prachtvollem, rosigem Speck, und Alle waren gut zu dem armen Bela, weil er doch bald in die weite Welt hinaus mußte und ihn gewiß Niemand, Niemand wieder sehen würde. Er aß und weinte und wischte seine Augen mit den braunen, dicken Händen und betrachtete kummervoll seine Schätze. Es war Alles so schön und neu und ganz, und doch wollte Keiner etwas davon haben. Hatte er seinen Schutzpatron denn beleidigt, daß er ihm gar nicht ein bischen beistand? Zwei Arbeiter, die bis jetzt Steine eingerammt hatten, setzten sich neben ihn und nahmen aus rothen Tüchern Brod und Wurst. Bela lief das Wasser im Munde zusammen; seine Augen hingen gierig an den Leckerbissen. Wer das essen könnte! Ach, die Glücklichen, die Glücklichen! „Nun sieh 'mal den Hallunken", sagte der Eine, „als wenn er's Einem aus der Hand reißen möchte", und er wies auf Bela. Der Andere lachte. „Heute schon gute Geschäfte gemacht?" „Nix, nix", sagte er betrübt. „Hast wohl Hunger?" Bela preßte beide Hände gegen die Brust und blickte mit ver zehrender Leidenschaft auf die Wurst. Die Männer lachten, und Jeder schnitt ihm ein Stück ab. Beinahe hätte er ihnen die Hände geküßt. Sicherlich hatte sie der heilige Sebastian geschickt. Er bekreuzigte sich und aß in tiefer Dankbarkeit. Aber die Thränen liefen immer noch auS den schwarzen Augen. „Warum weinst Du denn, dummer Junge?" fragte der ihm zunächst Sitzende. „Bela weiß nicht." „Du weißt es nicht? Ich auch nicht. Hättest alle Ursache, froh zu sein, daß Du hier im Trocknen sitzest. Deine Gesellschaft zu Hause wird wohl schwimmen." Der Kleine sah ihn verständnißlos an. „Das glaubst Du wohl nicht? Du bist doch da irgendwo aus Ungarn? Ja, siehst Du, da sind sie Alle ertrunken. Die Flüsse haben Alles überschwemmt." „Die Flüsse —" daS verstand er. Wenn in der Heimath der Fluß schwoll und da» Wasser sich über di« Felder ergoß, war große Noth; da gab es viele Thränen, und einmal war rin ganzes Hans ringestürzt. Aengstlich sah rr drn Arbeiter an. „Hast Du denn keinen Brief von zu Hause bekommen?" fragte er. „Nix Brief!" „Na, denn ist's schlimm, sehr schlimm!" Der gute Mann wußte nicht, daß Bela kaum einen Begriff von einem Briefe hatte, und daß man in seiner Heimath Geld und Zeit zu vernünftigeren Dingen verwandte, als Briefe zu schreiben. „Ja", fuhr er, zu dem Collegen gewandt, fort, „schrecklich isi's. Wenn man sich nun denkt, daß überall nichts wie Wasser ist, und das Korn ist fort, und das Vieh ertrunken, und die Leute haben nichts mehr zu essen und nichts anzuziehen —" Bela hielt vor Schreck den Athem an. „Nichts zu essen und nichts anzuziehen —" „Jeder soll für die armen Leute geben, was er kann; im Rathhaus nehmen sie Alles an." Die Beiden waren längst wieder bei der Arbeit, da saß Bela noch immer in dumpfem Entsetzen auf der Bordschwelle und bedachte, was er gehört hatte. Nichts zu essen und nichts anzu ziehen — das war das Schrecklichste, was er sich denken konnte. Und Jeder sollte geben, was er hatte, und im Rathhaus nehmen sie Alles an. Aber er hatte doch nichts! Was sollte er geben? Und gewiß waren auch die Ferkelchen ertrunken, wie damals, ach, wie hatte die Memmi noch geweint! Die Gute! Gesegnet hatte sie ihn und geküßt, als er ging, und ihm so lange nachgesehen — und nun nichts zu essen und nichts anzuziehen! Und ihr Bela konnte nichts geben, denn zu essen hatte er selber nichts, und anzu ziehen — Er betrachtete sich. Da war sein Hut — nein, den konnte Niemand brauchen. Er war alt und braun und von Motten zerfressen, er hatte ihn einmal gefunden. Sein Anzug gehörte ihm nicht. Sein Herr hatte ihn ihm gegeben unter fürchterlichen Drohungen, ja kein Loch hinein zu reißen und ihn vor Schaden zu bewahren. Schlotternd hing er an ihm herunter, denn er war für Mannesgröße bestimmt. Bela hatte die Aermel auf geschlagen und die Beinkleider fest gebunden. Ein Hemd hatte er nicht; wer hätte ihm ein Hemd geben sollen? Und Stiefel — er sah sie an und sein Gesicht hellte sich auf. Die gehörten ihm. Sie waren sein unbestrittenes Eigenthum. Ein Arbeiter — die Mutter Gotte» nahm ihn in ihren Schutz — hatte sie ihm ge schenkt. Sie waren sehr groß und bequem, und der Gummi an den beiden Seiten zkdängte durchaus da» Bein nicht mehr ein. Allerding» hatt« er beim letzten Regen nasse Füße bekommrn und hatte dadurch da» Loch entdeckt, da» sich seitdem noch vergrößert. Alles das würden sie in der Heimath schon flicken. Darauf ver standen sie sich. Ganz vergnügt zog er sie aus. Und da sie sehr staubig waren, fuhr er ein paar Mal mit dem Aermel darüber hin. Er be trachtete sie von allen Seiten und war glücklich in dem Be wußtsein, welche Linderung der Noth seine Stiefel herbeiführen würden. Er sah Memmi's Freude, daß sie Stiefel hatte; er sah, daß sie sie Alle bewunderten, denn die Meisten hatten keine Stiefel. Und wie sie ihren Bela segnen würde, der in der Ferne an sie dachte. Aber auch gleich sollte sie sie bekommen. Keinen Augen blick wollte er länger zögern. Er sprang auf, nahm seine schwere Last auf den Rücken und - trollte zum Rathhaus. Hin und wieder drückte er die Stiefel innig an sich; er war eine so zärtliche Natur; und nun die alten Dinger eine so wundervolle Mission ausfüllen sollten, waren sic in seinen Augen fast heilig geworden. Da stand er vor dem großen Gebäude und überlegte, wo er sein Scherflein Wohl niederlegen mußte. Er trat in eins der großen Portale und ging, ängstlicher Bewunderung voll, durch den langen, gewölbten Corridor. Wozu solch ein Rathhaus wohl da ist. Kirchen gab es ja auch in der Heimath, die so groß und schön waren; aber die hatten doch einen Zweck. Doch ein Rath haus — Menschen waren gar nicht zu sehen. Wie eine ver zauberte Burg sah das Haus aus. Aber da — jetzt sah er einen Mann. Er hatte einen langen Bart und einen langen Rock mit goldenen Knöpfen; und er stand vor einer Thür, hinter der gewiß all' die schönen Sachen lagen, die die in der Heimath bekommen sollten. Er schöpfte tief Athem, sah den Mann treuherzig an, und noch ehe der seiner Entrüstung über das Lumpengesindel, das selbst vor den heiligen Rathhausmauern nicht zurückschreckte, Ausdruck verliehen, hatte ihm Bela schluchzend seine lieben, alten, zerrissenen Stiefel in die Hand gedrückt und war davon gestürzt, um den Dank nicht abzuwarten. Dank wollte er ja nicht; was er gethan, war ja für seine Memmi. Der Mann aber erwachte au» einer Art Starrkrampf erst, als der kleine Slowake längst da» stattliche Haus verlassen und nun an einer Straßenecke stand und mit leuchtenden Augen zurücksah. „Diese Eanaille! Diese freche Tanaille!" schrie rr wuth- schnaubend, und trug mit spitzen Fingern die Liebesgabe in den Kehricht
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