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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 09.01.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-01-09
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000109013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900010901
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900010901
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-01
- Tag 1900-01-09
-
Monat
1900-01
-
Jahr
1900
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Die Morgen-Ausgabe erscheint um '/,? Uhr, dir Abend-Ausgabe Wochentag- um b Uhr. Ue-action und Expedition: -ohanni-gasse 8. Dir Trpedition ist Wochentag- ununterbrochea geöffnet von früh 8 bi» Abend- 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Lortim. UniversitätSstraße 3 (Paulinum), Louis Lösche, Katharinenstr. 14, pari, und König-Platz 7. Bezugs-Preis in der Hauptexpeditioa oder den' im Stadt, bezirk und den Vororten errichteten Aus gabestellen abgeholt: virrtrIjührlich^»4L0. bei zweimaliger täglicher Zustellung in- Hau» L.LO. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: viertrliädrlich ^l S.-M-. Dirrcte tägliche Kreuzbaudirndung in» Ausland: monatlich ^l 7bO. Morgen-Ausgabe. KipMerTagMatt Anzeiger. Amtsblatt des Königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Ratljes und Nolizei-Ämtes -er Stadt Leipzig. Anzeigen-Preis die 6 gespaltene Petitzelle 20 Pfg. Reclamen unter dem Redartiontstrich tilg» spalten- 50^, vor den AamUieanochrichna (6gespalten) 40^. Größere Schriften laut unserem Preis verzeichnis. Tabellarischer und Zisfernsatz nach höherem Tarif. —»<«»>» Extra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen »Ausgabe, ohne Postbeförderuag 60.—, mit Postbesördernng ^tl 70.—. Iinuahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Bormiltag- 10 Uhr. Morgen »Ausgabe: Nachmittag» 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Sppedttion zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. 14. Dienstag den 9. Januar 1900. 94. Jahrgang- Eine englische Stimme über -en südafrikanischen Krieg. Nach der Zeitschrift „Truth" vom 28. December 1899. *) L. Weihnachten ist das Fest der Gekurt Dessen, der der Weli den Glauben des Friedens und der Liebe gebracht hat. Wenn Alle nach den Lehren des Chri-stenchums leben wollten, so würde es Krieg auf Erden gar nicht geben. Wir aber haben den Tag gefeiert durch mörderische Kämpfe mit einem Volke, das uns veinahe stammverwandt ist und da- mit uns denselben Glauben hat. Wir haben dabei zeitweilig auch UngliickSfälle erlebt, und so wird jetzt vorgeschlagen, wir sollen einen allgemeinen Bußtag abhalten, um vom „Gotte der Schlachten" den Sieg unserer Waffen zu erflehen. Wer der Gott der Schlachten ist, weiß ich nicht. Aber daS weiß ich, daß dieser Gott keinen Platz im Glauben des Christen hat. Wenn ein solcher Bußtag den Zweck Haden soll, die Gottheit günstig zu stimmen und sie anzuflehen, baß sie unsere Waffen segne, so machen wir es wie die jüdischen Priester, die sich dir Glieder zerfleischten und schrien: „Baal, hilf uns!" Ein Tag der Buße ohne Reue ist eitel Blendwerk. Mr. Chamberlain rechtfertigte kürzlich unsere Kriege und Er werbungen damit, daß Gott uns dazu geschaffen habe, unsere Besitzungen auf Kosten anderer Völler maßlos zu vergrößern. Diesen Glauben an Räuberei auf göttlichen Befehl haben unsere Staatsmänner gepredigt, und auch bei vielen unserer Geistlichen hat er Beifall gefunden. Man hat gesagt, der Krieg sei edler als der Friede, weil er eine Nation zu Selbstvertrauen und Männ lichkeit erziehe. Unsere Presse macht aus diesem Glauben geradezu einen Cultus. Dürfen wir uns denn wundern, wenn wir in der Behandlung fremder Nationen stets nur großmäulig und arrogant gewesen sind und nur nachgegeben haben, wo wir die Folgen fürchteten, und daß wir überall, wo uns nach dem Wein berge eines Naboth gelüstete unv wir dachten, daß wir ihn gefahr los nehmen könnten, in die Fußstapsen Ahab's getreten sind? In diesem südafrikanischen Kriege war unsere Triebfeder die Goldgier und der feste Entschluß, vom Schwachen keinen Wider spruch gegen den gebieterischen Willen einer Großmacht zu dulden. Nicht zufrieden damit, vom Allmächtigen zu verlangen, daß er uns helfen solle, zu vertheidigen, was uns gehörte, hätten wir es am liebsten gesehen, wenn er uns geholfen hätte, Männer, die für ihre ihnen von Gott gewährte nationale Unabhängigkeit kämpfen, in unsere gehorsamen und demüthigen Unterthanen zu verwandeln. Und warum das? Nur damit die Geldwechsler im Tempel deS Mammon noch reicher werden können, indem sie sä-rvarze Menschen zwingen, für sie als Sklaven zu arbeiten. Boll niederträchtiger Heuche^ßgben wir diesen Land- uno Gold hunger mit einer vorgeblichen Liebe zur Freiheit und einem affectirten Eifer für die Cultur zu bemänteln gesucht. Aber nur ein Narr kann in seinem Herzen glauben, daß der Gott der Christen auf unsere Gebete hören wird, wenn wir uns nicht an gelegen sein lassen, unsere Uebelthaten abzuthun, die Gerechtigkeit zu ehren und nicht länger die Macht über das Recht zu setzen. Unsere Vorwände für Eroberungen haben nicht einmal die Menschen zu täuschen vermocht. Wie können wir annehmen, daß sie den Allmächtigen täuschen werden? Wir loben aus einem winzig kleinen Splitter eines unermeß lichen Weltalls. Nach einem Aufenthalte, dec im Vergleich zur Ewigkeit nicht eine Sekunde ist, verlassen wir ihn uno gehen in der Unendlichkeit auf. Können wir nun unsere kurze Spanne Leben zu etwas Schlechterem verwenden, als dazu, uns gegen seitig todt zu machen und so den winzigen Augenblick, den wir wie Würmer auf der Erdkugel Herumkriechen, uns noch zu ver kürzen? Da wir nun einmal in Völker geschieben sind, so mag es ja wohl Gelegenheiten geben, wo ein Volk gezwungen ist, um seiner Existenz willen mit einem anderen zu kämpfen. Wer nur wenige Monate sind es her, daß die Völker eine Conferenz hatten, um die Möglichkeiten bewaffneter Zusammenstöße untereinander zu vermindern. Damals gaben wir feierlich unsere Zustimmung zu dem Grundsätze, daß sich Völker für den Fall, wenn sie sich ent zweien, an den Schiedsspruch eines unparteiischen Gerichtshofes wenden sollen, der zu entscheiden hat, welches im Recht und welches im Unrecht ist. Als aber zwischen uns und Transvaal eine solche Entzweiung entstand, da weigerten wir uns, nach diesem Grundsätze zu handeln, weil wir behaupteten, Transvaal sei kein unabhänaiarr internationaler Staat, wenn es auch ein fremder und unabhängiger Staat sei. Nach unserer Auffassung ist unser Streit gewissermaßen häuslicher Natur, und folgerichtig geht e» gegen unsere Ehr», ihn dem Schiedtspruche eine» au»- roiirtigrn Gerichtshöfe» zu unterwerfen. Aber selbst wenn man annähme, daß wir zu Transvaal im Verhältniß der souzeränen Macht stünden, so wäre dies kein Grund für uns, den. Schieds spruch zuriickzuwebsen. Dir Geschichte hat schon genug Kriege ge sehen, die nur auf irgend einen solchen Anspruch hin entstanden sind. Und speciell in diesem Kriege hat sich Transvaal gar nicht geweigert. Alle» zu bewilligen, was uns durch unseren eigenen Vertrag vom Jahre 1884 zugesichert war. Wir hatten feierlich allem Rechte der Einmischung In die Inneren Angelegenheiten der südafrikanischen Republik entsagt. Daher waren wir, nachdem wir im Haag der internationalen Schiedsprechung zur Vermeidung von Kriegen beigestimmt hatten, meiner Ansicht nach verpflichtet, Viesen Grundsatz auch In Hinsicht uns unser« Streitigkeiten mit Trantzvaal zu acceptirrn. All», die in di»sem traurigen Kriege fallen oder noch fallen können, werden einer Frage der Etikette ober de» Eigenliebe geopfert. Warum haben wir da» Schiedsgericht nicht angenommen? Unsere Hauvtcolonle in Südafrika drang ja auf die Annahme. Präsident Mac Kinley, unser treuer Freund, erbot sich, als Schiedsrichter seine» Amte» zu walten, wenn wir chn um seine Vermittelung »»suchen würden. Wir haben aber seine Ver mittelung zurückgewitfen, weil da» Land auf den Krieg ganz toll war. Unser, Staatsmänner und unsere Ostungen redeten auf un» rin, wir dürften für dir Vusdehnuna de» Reiches nöthigen- sav» selbst Waffengewalt nicht scheuen. Auch viele Lonservativc billigten da» al» «in Mittel, di« Aufmerksamkeit von demo kratischen Reformen zu Hause abzulenlrn. Freilich ist e» auch leichter, sich auf Kosten de» Schwächeren zu vergrößern, al» auf Kosten de» Starken. Wir bildeten un» ein, die Transvaaler *) Der Artikel ist wahrscheinlich vom Herausgeber Labouchöre. würden sich unseren Forderungen unterwerfen; thäien sie es nicht, so könnten wir sie dazu zwingen, ohne selbst viel dabei zu riskiren oder zu opfern. Es sollte ein Feldzug wie gegen die Derwische werden, mit möglichst viel „gstoire" und möglichst wenig Gefahr. Hätten wir auch nur die entfernteste Vorstellung davon gehabt, was der Krieg in Wirklichkeit sein würde, so zweifle ich doch, ob selbst seine glühendsten Vertheidiger cs für weise oser politisch gehalten haben würden, sich in ihn einzulassen. Was würde wohl die Antwort gewesen sein, wenn die Staatsmänner und die Zeitungen, die den Krieg gegen Transvaal forderten, um den Beschwerden von dessen goldenen Heloten abzuhelfen, uns auch gesagt hätten, daß innerhalb von weniger als drei Monaten von seinem Beginn an wir die ganze Stärke der britischen Armee würden nach Südafrika werfen müssen und daß wir an unsere Colonien, unsere Freiwilligen und unsere Landmiliz appelliren würden, damit sie uns frisches Kanonenfutter liefern sollten? Man hält uns vor, wir sollten jetzt nicht darüber sprechen, ob der Krieg hätte vermieden werden können und sollen. Jüngst veröffentlichte ein angesehener Mann in den „Times" einen Brief, in dem er ausführte, die Minister und ihre Zeitungen wiesen bei allen Gelegenheiten darauf hin, daß der Krieg nicht hätte ver mieden werden können und sollen. Ihre Ansicht ist also, daß s i e ihr: blutdürstige Narrheit sollen vertheidigen und alle Die jenigen, die nicht mit ihnen übereinstimmen, als Verräther sollen brandmarken dürfen, während es uns nicht erlaubt sein soll, ihre Lügen, die natürlich dem Volke angenehm in die Ohren klingen, zu bekämpfen. Wenn wir nun ckber in der Thal der ehrlichen Ueberzeugnug sind, daß man sich ohne genügenden Grund in den Krieg eingelassen hat, so ist es doch klar, daß wir unsere Pflicht nickt tcun würden, wenn wir unseren Gegnern ungehindert ge statten wollten, die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu be einflussen. Der Anfang des Streites ist wie das Auslassen von Wasser. Ob der-Krieg überhaupt hätte angefangen werden sollen, ist eine höchst wichtige Erwägung; ob er angefangen worden ist, ohae daß wir genügend vorbereitet waren, um dem Feinde unter Bedingungen enigcgenzutreten, die uns vielleicht doch den Erfolg gesichert hätten, «ist ebenso wichtig, und über diese beiden Fragen verlangen wir Radikalen, unsere Meinung ausdrücken zu dürfen. Aber leider sehen wir uns in diesem Augenblicke der unerbittlichen und demüthigenden Thatsache gegenüber, daß der Feind Land schaften besetzt hat, die ganz unzweifelhaft «inen Theil unseres Reiches bilden. Aus diesen Landschaften muß er natürlich zuerst wieder hinausgetrieben werden. Wenn man dies nicht thäte, so würden wir nicht allein unsere Colonien in Südafrika in Gefahr bringen, sondern es würde auch dem ganzen Reiche ein Schlag zugefügt werden, von dem es sich nie wieder erholen würde. Aber wenn wir so unsere Urberlegenheit in Waffen gezeigt haben, so wünschte ich, daß wir dann eine Pause machten und überlegten, ob es weise oder nothwendig wäre, den Krieg fortzusehen. Man sagt uns, wir müßten den Frieden in Pretoria dictiren und die Bedingungen müßten sein: Vertilgung der beiden Republiken vom Erdboden und Einverleibung ihres Gebietes in das Reich. In Südafrika giebt es zwei Raffen von Weißen, die ein« engli scher, die ander« holländischer Herkunft, und in unseren eigenen südafrikanischen Colonien überwiegt die letztere. Die Holländer in der Capcolonie waren loyale Unterthanen des Reiches bis zum Ausbruche des Krieges. Sir Alfred Milner beschuldigte sie der Illoyalität, und unmittelbar nach der Zusammenkunft in Bloem- fontain legte er dar, daß strenge Maßregeln ergriffen werden müßten, um ihnen zu zeigen, daß das englische Element, d. h. die Minorität, doch immer das Heft in der Hand behalten müsse. Wir behaupten, daß wir zum Kriege schritten, weil die Cap- boeren illoyal gewesen seien. Sie würden dem entgegenhalten, daß einige von ihnen jetzt illoyal sind in Folge des Krieges. Und das ist nach meiner Ansicht auch die richtige Auffassung. Rasse ist Rasse und Blut ist Blut. Sir Alfred Milner sagie in seiner Unterredung mit Mr. Molteno, daß der Krieg aus einem bloßen Mißverständniß entstanden sei. Ich würde eher ge neigt sein, zu sagen, daß er aus einem absichtlichen Mißverständniß entstanden sei, denn Niemand wird mir je ein reden, daß Mr. Chamberlain in seiner vorletzten Depesche wirklich neun Zehntel der Vorschläge Krüger's angenommen habe. Ganz abgesehen von Gerechtigkeit und Humanität behaupte ich, daß es politisch klüger wäre, sobald wir unS als die Herren gezeigt haben, nicht bi» aufs Messer gegen die beiden Republiken zu kämpfen. Dir Holländer sind ja doch die Mehrzahl von unseren eigenen südafrikanischen Colonisten. ES ist nicht staatsmännisch, sie in Feinde unserer Regierung zu verwandeln, die von einer Erhebung gegen dies« nur dadurch abgehaltcn werden, daß wir fortwährend der Minorität das Heft in die Hand geben, und diese Minorität durch eine große bewaffnete Macht unterstützen. Nein, ich würde lieber diese kleinen Republiken in allen inneren Angelegenheiten unabhängig lassen und mein Bestes thun, alle Raffenkämpfe in unseren eigenen südafrikanischen Colonien zu beruhigen, anstatt sie immer von Neuem anzufachen. Statt dessen haben dir Capita- listen in Transvaal und die Partei des Mr. Rhode», nachdem sie bei den Wahlen «ine Niederlage erlitten batten, sich verbündet, um die Dinge in Johannesburg so weit zu treiben, daß es schließlich zu unserer Ein mischung kommen mußte. DaS ist so sicher wie irgend etwa». Nachdem die privatim unternommene Verschwörung vom Jahre 18SK fehlgeschlagen war, wurde eine von der Autorität de» Staate» getragene Verschwörung zu demselben Zweck« in» Werk gesetzt. Jeglich« Uebertreibung, jegliche Lüge, die die Verschwörer in die Welt setzten, wurde al» baare Wahrheit hingenommen, und zwar ebensowohl in den veröffentlichten Depeschen de» Lolonial- amteS, wie in den Briefen der Correspondenten unserer Jingo presse. Ich will dafür nur zwei Beispiele anführen. Einem wohlbekannten Journalisten wurde von den Verschwörern jährlich 80000 Mark geboten, damit er ein Blatt in Johannesburg herauSgeben solle, da» bestimmt war, di« Beschwerden der Uitlanders nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Al» ,r es ablchnte, gab man den Posten dem Mr. Monypenny, und zur selben Zeit wurde diesir auch Be richterstatter der „Times". Kann nun Jemand annehmen, daß seine Mittheilungen an diese» Blatt nicht die Absicht hatten, zu Hause dieselbe Wirkung hervorzubringen, wie die Artikel der Miß Flora Shaw in der „Time»" vom Jahre 1895, al» diese Dame zugab, daß sie in die Geheimnisse der Räuber (raickora) eingeweiht sei? Der „Cape Argus" ist eine Zeitung, die den An hängern von Rhodes gehört. Sein Herausgeber war an dem Raubzuge von 1895 beiheiligt. Sir Alfred Milner sandte nach England Depeschen mit Artikeln aus diesen beiden Zeitungen als Belege für die unabhängige öffentliche Meinung im Caplande und in Transvaal. Diese wurden sogleich von Mr. Chamberlain in den Blaubüchern veröffentlicht. Daraus schrieb sie die hiesige Jingopresse ab, und so nahm sie das gedankenlose Publicum hin als gebilligt durch die officielle Druckerlaubniß Mr. Chamber- lain's und Sir Alfred Milner's. Niemals ist eine Verschwörung öffentlicher und schamloser ins Werk gesetzt worden. Nach Allem, was geschehen ist, wäre es kindisch, sich einzubilden, daß das Colonialamt und der Gouver neur nicht entschlossen gewesen sein sollten, den Beziehungen, wie sie sich zwischen dem britischen Reiche und Transvaal durch die Convention des Jahres 1884 herausgebildet hatten, einen anderen Charakter zu geben, sei es durch Schroffheit oder auch durch Krieg, falls es nicht anders ging. Wenn sie es wirklich nicht waren, warum bedienten sie sich nicht der gewöhnlichen Sprache des diplomatischen Verkehrs in ihren Reden und in ihren De peschen, anstatt der gesuchten Beleidigungen, in denen sie ihre Forderungen niederlegten? Ich kann mich kaum wundern, daß so viele Engländer, die es wirklich gut meinten, getäuscht wurden. Es war eben die Absicht, sie zu täuschen. Nur wenige Leute lesen Blaubücher, nur Wenige sehen den Thatsachen genau und kritisch ins Gesicht. Dem Lande machte man weiß, daß unsere Bürger von den Boeren wie Heloten behandelt würden, und daß dies nur der Anfang zu unserer Vertreibung auS Südafrika sein sollte. Das Unrecht war schreiend, die Gefahr drohend. Wir konnten das Erstere abstellen und der Letzteren entgehen, indem wir einige Regimenter nach dem Cap sandten, die nötigenfalls allen Wider stand Hinwegfegen würden; denn die Boeren waren Renommisten, in Corruption versunken und im Innersten ihres Herzens Schurken. Hat sich diese Schätzung der officiellen Welt und der Zeitungen alS richtig erwiesen? Ob mit Recht oder mit Unrecht, jedenfalls glauben die Boeren, daß sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen, und ein Jeder wird zugeben müssen, daß sie so tapfer für die ihrige fechten, als wir es für die unserige thun würden. Gegenwärtig ist nun eine neue Verschwörung im Werke. Die Presse Chamberlain's bereitet eben die öffentliche Meinung darauf vor, daß sie die Verschwörer unterstützen soll, indem sie auf der Fortsetzung des Krieges besteht, bis die Republiken zer malmt sind und wir sie annectirt haben. DaS ist in Wahrheit der Grund, warum wir aufgefordert werden, Stillschweigen zu be obachten in Bezug auf die Ursachen, die zum Kriege geführt haben. Der Engländer handelt manchmal ungerecht und ohne die nöthige Ueberlegung; aber er gewinnt doch bald die Vernunft wieder. Er wünscht nie, mit Vorbedacht ungerecht zu sein. Das Ziel aller Derer, die ihn blindlings in diesen Krieg geführt haben, »ist, ihn an der Nase herumzuführen, bis der wirtliche Zweck des Krieges erreicht ist. Dieser Zweck ist aber, den Mr. Rhodes am Cap als Herren ein- und die Transoaaler Capitalisten in Stand zu setzen, daß sie noch mehr Geld machen können, indem sie — wie ihre Rädelsführer gesagt haben — die Schwarzen zwingen, in ihren Bergwerken zweimal so lange zu arbeiten, als unter dem Boerenregimente, und um den halben Lohn, wie gegenwärtig. Was würde cs diesen hartgesottenen Egoisten nützen, wenn dir Boeren und Briten mit einander Frieden machten? Was kümmert sie's, wie viele von unseren Soldaten gelödtet werden, oder welches Elend und welche Trostlosigkeit über die einsamen und rohen Bauernhäuser Transvaals gebracht wird? Die Gier der TranS- vaaler Capitalisten nach Geld und das Gelüste der Rhodes'schen Cappolitiker nach Macht haben Südafrika bereits in einen Kampf platz für Hähne verwandelt. Was liegt ihnen daran, ob für lange Generationen Rasse gegen Rasse gehetzt wird? Was hat es für sie zu bedeuten, wenn die ehrliche Freundschaft einer sich selbst regierenden Colonie für unser Reich in bitteren Haß verwandelt wird? Was schceren sie sich um die dauernden Interessen unseres Reiches? Was ist England denen, für die das Geld Gott und Vaterland ist, und die sich bald für Engländer, bald für Deutsche, bald für eifrige Transvaal-Republikaner ausgeben, je nachdem ein Jeder sich am raschesten die Taschen zu füllen hofft? Nie zuvor ist um solch' eines Zweckes und um solcher Leute willen englisches Blut wie Wasser vergossen worden. Aber mögen wir auch noch so sehr hassen, und mögen wir auch noch so gewiß sein, daß dieser Krieg hätte vermieden werden sollen und können, so sind wir doch geradezu gezwungen, der ver ächtlichen Regierung zu helfen, mit der wir jeden Theil und jedes Stückchen unseres Reiche» von den bewaffneten Feinden zu be freien verflucht sind, und wir müssen gegen alle Erwartung hoffen, daß in der Erreichung dieses Zweckes weniger Schnitzer gemacht werden möchten,- al» bisher die Regel gewesen ist. Wann aber einmal diese» Ziel erreicht ist, sollten wir darauf bestehen, daß nicht weitere» Blut vergossen wird und nicht weitere Milli onen vergeudet werden. Die» verlangen eine wahrhaft siaat-- männische Politik und die christliche Liebe gleichermaßen. Ver Lneg in Südafrika. —p Mußte man schon unter dem Eindruck der gestern ein- gelaufenen Telegramme den Eindruck gewinnen, daß die Etnntze »er Entscheid««» für Ladhsmith gekommen sei, so lassen die weiter vorliegenden Meldungen kaum nock einen Zweifel darüber, daß in den nächsten Stunden die Würfel um die in letzter Zeit von den Boeren- geschossen, nicht minder aber von Hunger und Kronbeit arg bedrängte Stadt, sowie nm Wbitr'» befestigte« Lager mit seinen etwa 90NV Mann Besatzung fallen müssen, wenn sie nicht schon gefallen sind. Wir lassen unsere telegraphischen Nachrichten folgen: ' London, 8. Januar. (Tel,gramm.) Eine D'pelch, aus Sol»nso vom 4. d. M. b'sagt! Die britischen Schiff«- aelckÜtze, dl» gestern geschwiigrn bab»n, nahmen h»ut« früh »in lebhafte« F»n»r ans und zwang»n di» Voiren, in d»n Schanz, grüben Dickung zu fuch»n. H-)<»uu.ir. (Telegramm.) G^e amtliche Lepefche »» General« lvulser aus »cm Vager vo» Arer, »am «. ». Ml». »rlnat: Ich «mtzfina um 1 N»r Nachmittag, »an General «htte »w Mittheilun» »am «. d. «5, 11 Uhr tz-rm.ttag«: „Der Angriff »c» Aetnde«, »er von Duden her Verstärkungen erhielt, »auert fort". General White »heilte um 12 Uhr 4L Mi». Nachmittag Vurch »en Heliographen mit: „Der Fein» ist letzt znrückgeschlagen. (?) Ich werde noch von grossen feindlichen Truppenmasfrn um ringt. Besonder» ist im Süden ein neuer An griff wahrscheinlich." General Butler fügt hinzu: „Da die Lonne nicht mehr scheint, kann iw erst morgen Weitere» erfahren." Charakteristisch ist, daß White in einem Athen» meldet, der Feind sei zurückgeschlagen und: er (White) sei noch von großen feindlichen Truppenmassen umringt. Wir denken uns nach dem nickt ganz klaren Wortlaut der Meldung die Lage so, daß White am Sonnabend Nachmittag, nachdem er au» seinem Lager bei Ladysmith auSgerückt war, um nach Süden durchzubrechen, nachdem mehrere Angriffe der Boeren zuriickgcwiesen waren, von diesen außer halb deS Lagers und der Stadt von Joubert eia geschlossen ist. Die Annahme, White meine die Cernirunz von Lager und Stadt, geht wohl sicher fehl, da die Cernirung bisher ununterbrochen bestanden hat, e» also keinen Sinn hätte, dies nochmals zu constatiren. Ist aber White außerhalb seines Lager« völlig umstellt, so ist er jedenfalls verloren, da seine Truppen nun den Kugeln der Boeren, die jedensalls dominirende Stellungen eingenonimen haben, preiSgeaeben sind und deS Schutzes der Erdhöhlen, die sie sich im Lager bei Ladysmith gegraben hatten, entbehren. Bon den Generälen Buller und E lary hat White keine Unterstützung zu erwarten. Sein Borstoß gegen den Tugela ist offenbar erfolglos geblieben. Heute weiß da- „Rruter'sche Bureau" aus dem Lager von Frere wieder nur zu melken, daß am Sonnabend „ alle Truppen schnell auSrückten und in der Ebene vorgingen". An ein Ueber- schreiten des Tugela ist nicht zu denken, zumal da der Fluß durch Wolken bruchartigen Regen stark angeschwollen ist. Buller hat, da er sich zu schwach fühlt, die beiden ihn be drängenden Flanken de» Feinde» zurückzuwerfen und weit östlich und westlich von Eolrnso über den Fluß zu kommen, sich wieder zu einem Frontangriff entschlossen, obwohl er bei dein ersten Sturm die Erfahrung gemacht und ausgesprochen hatte, daß die Stellung der Boeren uneinnehmbar sei. Sie wird e» jetzt noch mehr sein als vor 14 Tagen. Die „Morning Post" stellt, wie der „Boss. Zta." aus London berichtet wird, sehr trübe Betrachtungen an über die Lage und fordert ueue energische Maßnahmen. Sie schreibt: Der Erfolg hat die Kampfstärke der Borrnarmee, die vor zwei Monaten außer Stande war, einen solchen Angriff auf Ladysmith, wie den am Sonnabend zu machen, verdoppelt. Diese Armee wird nicht zertrümmert werden durch solche Maßregeln, die die gegenwärtige Regierung ersonnen hat oder ersinnen dürste. Tie Beweise mehren sich, daß nicht blos die allgemeine Kriegführung, für welche die Regierung unfehlbar verantwortlich ist, bis zu einem gewissen Grave fehlerhaft gewesen und an die Irrthllmer der serbischen Regierung im Jahre 1885 und die der französischen Regierung im Jahre 1870 erinnert, sondern daß die taktische und strategische Ausbildung der Generale und Truppen, die die besondere Aufgabe deS Höchstcommandirenden ist, unzulänglich gewesen ist. Die Zeil ist erschienen, wo die Nation sich aufraffen und di« Anstrengungen machen muß, die erforderlich sind, um Führer zu finden, die führen können, und denen di« Hilfsquellen des Reick«» zur Verfügung gestellt werden können. In anderer Weise kann Erfolg nicht erzielt werden. Diese Lage wird keine Arnderung erfahren, selbst wenn White jeden Boeren- angriff zurückschlägt oder sich den Rückzug nach dem Tugela erkämpft. Sine neue HiobShost für England kommt aus dem Lager des General- French in RenSburg: * Loudon, 8. Zannar. (Delegramm.) Der Berichterstatter de» „Renter'sche» Bureaus" tn Aensburg berichtet über eine» Verlust »an 70 Manu des Dnffolk-Negtment» bet Soles bern und fügt hinzu, es fei noch unbekannt, wie viele ausserdem getüdtet und verwundet morden feie». Die Boeren beherrschte« noch »te über »en Achterfann nach dem Lranje-Kretstaare führeude Strasse. *Sa»fta»t, 8. Lanuar. (Delegramm.) Ge neral Kreuch berichtete am Sonnabend: Die Lage iss i« Grossen und Ganzen «nverindert, dock ist dem Srften rnsfolk-Negtment ein ernster Unfall »»gestossen. Vier Compagnien vieles Regiment» »innen Nacht» a»ne» die nteBrinen, »ine Meile vom Lager entfernten Htiael vor und griffen die Boeren bei Dagesanbrnch an. Oberst L)atsou, der die«bthettnua führt» na» den Befehl zu« «»griff gab, wurde sofort d-r« und er. Sodann umrde der Befehl zum Nückzu, gegeben. v»ie den Boeren berichtet wird, zöge« sich drei viertel der britischen Druppenabthetlnn, nach dem Lager zurück. Die Uebrigen hielten Stan», bi» sie, von de» nrüssere« Masse» vc» Feindes übermannt, sich ergeben mussten. 7« Man«, einschliesslich 7 vffietere, tvurden gefangen grno mmen. Diese Meldung enthält wohl die amtliche Bestätigung unserer Eapstadtrr Nachricht, nach welcher Tchoeman 100 Mann gefangen nahm, oder sollte, da die letztere nur von Kämpfen, die am Donner-tag und Freitag stattgefunden haben, berichtet, am Sonnabend früh ein neuer Angriff mit aleickem Erfolg gemacht worden sein? -S hat nicht den Anschein und es dürft« nur «in» Verwechselung de« Datum» voriieaen. Jedenfalls ist die Lage nur insofern „unverändert", al» sammtliche Be,suche French », durchzubrrchrn, von den Boeren siegreich zurückgeschlagen worden sind. Da» Ende wird für die Engländer auch hier ein solches mit Schrecken sein. Di« milititrtsche Lage Grossbritaauirns skizzirt der bekannte Militärkritiker Hr. Spencer Wilkinson heute im „London Letter" wie folgt: „Was auch immer sich ereignen mag, di« britische Nation hat ihr Morgen, ein sehr düsteres Morgen im Fall einer neuen Niederlage und rin sehr schwieriges selbst im Falle eine»
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