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Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 06.01.1900
- Erscheinungsdatum
- 1900-01-06
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-190001064
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-19000106
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-19000106
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-01
- Tag 1900-01-06
-
Monat
1900-01
-
Jahr
1900
- Titel
- Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 06.01.1900
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Größere Schriften laut unsrrem Preis- verzeichniß. Tabellarisch«,: und jjifsernsatz nach höherem Tarif. öxtra-Vrilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postb«sörd«rung 60.—, mit Postbesörderung ^lli 70.—. Annahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittag- 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je «in« halbe Stund« früher. Anzeigen sind stet» au die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. Z 1v 3t. Jahrgang. Sonuabend den 6. Januar 1900. Aus -er Woche. Ernst und Scherz der Jahrhundertwende sind vorüber, wer froh in den neuen Zeitabschnittt gekommen, dem bleibt «ine ßute Erinnerung und jedem Deutschen, leider auch vtrlen spottlustigen Ausländern, bleibt eine Säcular- postkarte, durch deren monumentale Geschmacklosig keit die Zeichner der ReichSpost dem für historisch angesehenen Augenblicke gerecht geworden ist. Goethe'S Worte von den „Musen und Grazien m der Mark" sollen, so scheint es, für ewig Geltung haben. Nun, der liebe Gott sieht auss Herz und nicht auf die Zeichenkunst, wenigstens nicht bei Dilettanten, und wir setzen daS neue Jahrhundert in der festen Zuversicht fort, Mutter Germania werde ihren Söhnen milder gesonnen sein, als daS ihr obrigkeitlich zudictirte Xantippengesicht befürchten läßt. Eine andere nebensächliche Begleiterscheinung deS Jahrhundert wechsels sind die preußischen StandeSerhöhnngen ge wesen, denen man Wohl zu Unrecht eine politische Bedeutung unterstellt hat. Preußen ist in diesem Puncte viel zurück haltender als die Mehrzahl der Mittel- und Kleinstaaten. Vier neue Fürsten auf mehr als dreißig Millionen Seelen, waS will daS besagen'? Und wenn der Fürst Hatzfeld- Trachenberg zum Herzog emporgehoben wurde, so ist wohl zu bedenken, daß dies seil dem Jahre 1890, wo der aus seinem Amte scheidende BiSmarck dieser Ehrung theilhaftig wurde, die erste Erhöhung dieser Art ist. Die Verleihung deS Fürstentitels an den Grafen Philipp Eulenburg ist von österreichischen Blättern in Zu sammenhang mit StaatSdiener-Verdiensten dieses Mitgliedes deS preußischen Uradels gebracht worden. Jedenfalls ohne Grund; der Umstand, daß Fürst Eulenburg Botschafter in Wien ist, dürfte gegenüber der StandeSerhöhung als ein ßanz zufälliger anzusehen sein. Man verkennt den Begriff der Gnade, wenn man ihre Bekundung als nothwendig an die Bedingung deS politischen BerdiensteS geknüpft erachtet. Gnadenbeweise erhöhen den Glanz der Krone, die mit germanisch-monarchischen Augen angesehen, mehr ist als eine rein politische Einrichtung. Man kann sich für diese Auffassung auf Aussprüche eines Demokraten wie Ludwig Uhland und eines unerbittlich scharfen Denkers wie David Friedrich Strauß berufen. Politische Bedeutung hat auch die Erhebung deS Herrn Thielen in den Adel stand nicht, obwohl dieser Minister wegen seines die Wasser straßen mit einbegreifenden ReffortS im Vordergründe deS politischen Interesses steht, vr. Thielen ist seit beinahe einem Jahrzehnt Minister; in Bayern giebt es wohl nur wenige Ministerialräthe, die in derselben Zeit in dieser Stellung sich befinden und das Adelsprädicat — wenigstens für ihre Person — nicht besitzen. Aus der Nordsee verlautet noch nichts über Ver gewaltigungen deutscher Kauffahrteischiffe durch englische KriegSschifsScapitäne, da man aber schon wert ab von der Delagoabai dem deutschen Handel das Handwerk zu legen begonnen hat, so kann die Geduld der Berliner Regierung es bewirken, daß demnächst auch das deutsche Meer zum Schauplatze von RechtSkränkuogen Deutscher durch britischen Heldenmuth wird. Es liegt noch immer keine Meldung über eine Erklärung der englischen Regierung wegen der Beschlagnahme des „BundeS- rath" vor und jedenfalls, WaS dieses Schiff angebt, ist kein Grund mehr vorhanden, daS britische Cabinet auf eine Antwort des Eapitäns der „Magicienne" noch weiter warten zu lassen. Denn man weiß jetzt bestimmt, daß der „Bundesrath" KriegScontrebande nickt führt; die allerdings auch bestimmt zu verneinende Frage, ob eine für den Hafen eines neutralen Landes bestimmte Ladung überhaupt als KriegScontrebande enthaltend betracktet werden kann, brauckt also gar nicht mehr aufgeworfen zu werden. Die Regierung wartet aber und noch gestern früh wurde eine als officiös anzusebende Auslassung dev- „Köln. Ztg." verbreitet, in der es hieß, man müsse ent rüstet fragen, wie ein englischer Kreuzre es wagen konnte, einen deutschen ReichSpostdampser mit Beschlag zu belegen. Ja, zum Kuckuck, warum fragt man nicht wirklich „entrüstet" in London an? Dann würde die von Schwierigkeiten eingeengte englische Regierung ihrem derzeit einzigen Freunde sicherlich in be friedigender Weise antworten! Es heißt zwar gleichzeitig, daS Auswärtige Amt habe mit „vollstem Nachdruck" alle erforder lichen Schritte gethan, um sich Genugthuung zu verschaffen, aber da die Wirkung auSgeblieben ist, so muß — angesichts der Lage der britischen Regierung — an der Fülle des „Nach drucks" doch gezweifelt werden. Dieser Zweifel stützt sich ab«r auch auf Anderes. Di« Deutschen in Transvaal haben sich bekanntlich Über das sie völkerrechtswidrig benachtheiligende Verhalten der Post in Capstadt zu beklagen und bisbrr ist die in Zeitungen aufgetauchte Behauptung, daß sich der deutsch« Consul in Johannesburg der Interessen seiner Schutzbefohlenen weit lauer annehme als der franzö sische Eonsul, ohne Widerspruch geblieben. Und weiter: wenn die Berliner Regierung schon wirklich wartet, bis der Capitän der „Magicienne" von Durban aus seinen Bericht zu senden beliebt bat, so müßte sie doch bereits in London haben ermitteln können, wie »S kam, daß der vom Capitän der Bark „HanS Wagner" am 18. December in Port Elizabeth aufgegebene Depesch« erst am 25. in dir Hände deS Hamburger Adreffatrn gelangt ist. Die Depesche enthält bekanntlich die Nach richt von dem ungeheuerlichen Gebote, di» nach der Delagoabai bestimmt« Ladung schon in Port Elizabeth zu löschen. Wenn die Regierung von Haiti mit dem Telegramm eine« deutschen SchiffScapitäns so verfahren wäre, wie ohne Zweifel hier dir englisch«, dann würd« wohl der „Reichsanzeiger" schon Mit- thrilung von rin«r thatsächlich erfolgten Genugthuung gemacht haben. Das Capitel der Schwäche zur Ser freilich! E« soll der deutschen Colonialgesrllschaft und der „Köln. Ztg." nicht in Abrede gestellt werden, daß die maritime Ohnmacht Deutschlands in diesen Tagen den englischen Tbatendrang angefruert bat, obwohl die Beschlagnahme von Schiffen der mit einer stärkeren — vrrhältnißmäßig viel stärkeren — Marine ausgerüsteten nordamerikanischen Union zu dieser Auffassung nicht geradezu zwingt. Aber keine denkbare deutsche Flottenmacht wird so groß sein, daß überall, wo deutsches Recht verletzt werden kann, sofort ein Kriegs schiff zur Verfügung steht. Man beruft sich aus das Landheer. Aber die preußische Regierung hat ihre schleswig-holsteinische Politik zu einer Zeit ausgenommen, als Kaiser Wilhelm noch nicht eine Armee besaß, wie er sie für Preußen für nothwendig hielt. Wir halten auch heute noch die am Mittwoch ausgesprochene Ansicht aufrecht, „man möge in Berlin ja nicht glauben, der SackederFlottenverstärkung zu nützen, wenn man gegen England einen allzu sanften Ton anschlägt und diesen Ton mit unserer Schwäche zur See motivirt". An einer gewissen Stelle in Berlin ist, wie man uns von dort schreibt, diese Bemerkung dahin aufgefaßt worden, als ob wir damit eine nach unserer Ausfassung vor handene Absicht des Auswärtigen Amis hätten kenn zeichnen wollen. DaS war zunächst nicht unsre Meinung, ist es auch noch nicht, aber der Augenblick kann kommen, wo man der Negierung den Jrrthum zuschreibt, durch leiser diplomatisches Auftreten die Flotten fache beflügeln zu können, während selbstverständlich das deutsche Volk sich die Flotte wie das Landbeer nur als ultima ratio denkt. Man reicht nur Dem ein Schwert ver trauensvoll, der eS zur rechten Zeit zu ziehen weiß, der es aber auch zu nutzen versteht, so lange eS in der Scheide steckt. Was übrigens den rechtzeitigen Gebrauch vorhandener Schiffe angeht, so hat der neue Curs noch in Vergessenheit zu bringen, daß er während des chilenischen Krieges von der öffentlichen Meinung erst förmlich gezwungen werden mußte, ehe er ein Kriegsschiff an die weslamerikanische Küste zum Schutze der dortigen deutschen Interessen entsandte. Nochmals: eS wäre psychologisch falsch, in der Flottensache nach der LebenSregel des seine Hände erfrieren fühlenden Kindes zu handeln: „Es geschickt meinem Vater schon recht, warum kauft er mir keine Handschuhe." Künftigen Donnerstag tritt gleichzeitig mit dem Reichs tage daS preußische Abgeordnetenhaus zusammen und man erwartet, daß die für diesen Tag avgesetzte EtatSrede eine hochpolitische sein, also die Canalangelegenheit und die Stellung der Regierung zur conservativen Partei berühren werde. Vielleicht täuscht man sich hierin, jedenfalls hat die Regierung schon gehandelt, indem sie zwei der wegen ihrer Canalab st immuug gern aß regeltenLandräthe als Regierungsräthe wieder angestellt bat. Diese Ent schließung wird von der agrarischen Presse mit vielleicht nur gut gespielter Kühle bingenommen und von einem Theile der canalfreundlichen Blätter als ein bedenklicher Schritt bezeichnet. Es ist darüber gestritten worden, ob die Landtagsmandate der beiden Herren durch die Ernennung zu RegierungSräthen erloschen seien oder nicht. In dem einen wie in dem anderen Falle würde ihre Wiederanstellung eine Umkehr der Regierung bedeuten, falls die beiden Herren ihre Stellung zur Canalfrage nickt geändert haben sollten. Und daS ist nicht ausgeschlossen. Die „Disch. Ztg." schreibt nämlich: „Sollten sie das Mandat behalten, so würden sie kaum in der Lage sein, einer unveränderten Canalvorlage gegenüber eine andere Stellung einznnehmen, als sie bisher eingenommen haben . . ." Von einer unveränderten Canalvorlage ist bekanntlich keine Rede, der bevorstehende Regierungsentwurf wird sich von dem abgelehnten gewaltig unterscheiden und kann nur eine MittellandScanalvorlage sein; es ist also möglich, daß die Wiederangestellten, falls sie ihre Mandate behalten oder wiedergewäblt werden, für den Entwurf stimmen und daß die „D. T." dieses Verhalten billigt. Die wegen Beschimpfung von Einrichtungen und Gebräuchen der katholischen Kirche erfolgt- Verurtheilnng deS RedacteurS eines Berliner Witzblattes zu sechs Monaten Gcfängniß erregt Aufsehen. Nicht wegen der Person des ManneS und wegen des „Gedichtes", das ihm die Bestrafung zugezogen. Es herrscht vielmehr seltene Ueber- einstimmung in der Beurtheilung der Reimerei als einer literarisch wie sittlich höchst widerwärtigen Leistung. Aber die Gerichtsverhandlung ließ eS Vielen zweifelhaft, ob der Verurtheilte die Messe, die Beichte, das Kreuz rc. verächtlich machen wollte und verächtlich gemacht hat, oder ob er eine Reihe von Personen gemeint und getroffen hat, die in der DreyfuS- Geschichte eine Rolle spielten und von denen er annahm, daß sie die Gnadenmittel der katholischen Kirche gewohn heitsmäßig benutzten. Der Zweifel wird genährt durch die Thatsache, daß die Berliner Staatsanwalt schaft einer Denunciation deS Gedichtes keine Folge gegeben und erst die Ober-Staatsanwaltschaft die Einleitung deS Verfahrens herbeigesührt hatte. Das vor herrschende Bedenken richtet sich gegen die vom Vertreter der Anklagebehörde in der Schlußverhanvlung mit großem Eifer vertretene und vom Gericht getheilte Ansicht, daß die Jesuiten, obwohl sie zur Zeit aus Deutschland verbannt seien, eine kirchliche Einrichtnng im Sinne deS Gesetzes wären und deshalb de« Schutzes des tz 166 gegen „Beschimpfung" genößen. E» handle sich hier, so meint der Staats anwalt. nicht um die deutsche katholische Kirche, sondern um die katholische Kirche überhaupt. Darüber wird wohl not) da« Reichsgericht zu befinden haben. Jetzt aber darf schon gesagt werben, daß eS für da« Rechtsbewußtsein wie für den Verstand des Laien unfaßbar wäre, wenn ein deutscher Reichsgesetz einen Orden al« Einrichtung der katho lischen Kirche schützte, den ein anderes deutsches Reichsgese als schädlich für den deutschen Staat für das Reich verbietet. Die -rutsche Marine im Jahre 1899. 8. Da» abgelaufen« Jahr hat unsere Flotte um ein wesentliche« Stück vorwärts gebracht. Es gab ihr einen Zu wachs von nicht weniger als sechs modernen Schiffen, nämlich zwei Linienschiffen („Kaiser Wilhelm der Große" und „Kaiser Karl der Große"), zwei kleinen Kreuzern („Niobe" und „Nymphe") und zwei Kanonenbooten („Tiger" und „LuchS"). Don den beiden Linien schiffen ist „Kaffer Wilhelm der Große" am I. Juni auf der Germaniawerft in Kiel, „Kaiser Karl der Große" am 18. October in Hamburg auf der Werft von Blohm <L Voß vom Stapel gelaufen. Anläßlich dieses letzten Stapellaufes, der zeitlich zu sammenfiel mit dem des Kanonenbootes „Luchs" in Danzig, hielt der Kaiser die bekannte Flottenrede, von der die Agitation für die neue Flottenverstärkung ausging, und die im Reichs tage bei der ersten Etasberathung eingehender be sprochen wurde, wie der Etat selbst. Durch diese beiden Panzer ist die Zahl der zur „Kaiser"-Classe gehörigen Linien schiffe auf vier gestiegen. Die beiden Kreuzer „Niobe" und „Nymphe" frischen mit Ehren genannte Namen in der Marine wieder auf. „Niobe" wurde am 18. Juli in Bremen, „Nymphe" am 21. October in Kiel getauft. Das Kanonenboot „Tiger" ist gleich seinen Schwesterbooten in Danzig erbaut und tauchte dort am Geburtstage des Prinzen Heinrich zum ersten Male in sein Element. Von den im Bau befindlichen neueren Schiffen sind drei, Linienschiff „Kaiser Friedrich III.", sowie die großen Kreuzer „Hansa" und Vineta", soweit gefördert worden, daß sie in Dienst gestellt werden tonnten. „Kaiser Friedrich III." trat als erstes Linienschiff der „Kaiser"-Claffe, die an Artillerie den neuesten englischen Panzern bedeutend überlegen ist, am 21. October in Wilhelmshaven in Dienst und siedelte nach Be endigung der Probefahrten nach Kiel über, um dort als Flagg schiff in die 2. Division des I. Geschwaders zu treten. Als zweites Schiff dieser Classe wird das in Wilhelmshaven seiner Vollendung sich nähernde Linienschiff „Kaiser Wilhelm II." am 1. Februar 1900 in die 2. Division eingestellt. Geplant ist, die sämmtlichen Schiffe der veralteten Sachsenclasse, die bisher in der 2. Division standen, allmählich durch die modernen Panzer der „Kaiser"-Classe zu ersetzen. Außer „Kaiser Friedrich III." ind noch zwei ältere Linienschiffe, „Sachsen" und „Württem berg", die zuvor modernisirt waren, unter Flagge getreten. Ferner gelangten zur Indienststellung die großen Kreuzer „Hansa" und „Vineta". „Hansa" ging am 16. August von Kiel aus zum Kreuzergeschwader nach Ostasien ab, „Vineta" begann im September die Probefahrten, die jetzt noch fortdauern. End lich ist am 24. October als ganz neues Torpedoboot „8 90" in Dienst getreten. „8 90" ist das erste Boot nach dem ver größerten Typ, der fortan für alle Torpedoboote maßgebend sein wird. Der Unterschied zwischen dem größeren Divisionsboot und dem kleineren 8-Boot fällt dadurch fort. Mit den Indienststellungen haben die Außerdienststellungen etwa gleichen Schritt gehalten. Von den sieben zur Außerdienst- tellung gelangten Schiffen kamen drei, „Kaiser", „Prinzeß Wilhelm" und „Arcona", aus dem Kruezergeschwader in Ost- asien. Inzwischen hat das prinzliche Flaggschiff „Deutschland" ebenfalls die Heimreise angetrcten und Bangkok bereits erreicht. „Arcona" wurde im Juni, „Prinzeß Wilhelm" im Juli und „Kaiser" im October außer Dienst gestellt. Im October trat auch das Linienschiff „Baden" außer Dienst, im September der große Kreuzer „Victoria Louise". Außer ihnen kamen die beiden von der australischen Station heimgekehrten Kreuzer „Bussard" und „Falke" außer Dienst. Die Thätigkeit auf den W e r f t e n war eine sehr rege. Neben den In- und Außerdienststellungen war von den Werften vor Allem die Weiterführung der im inneren Ausbau begriffenen neuen Schiffe zu bewältigen. Hierhin gehören die Linien schiffe „Kaiser Wilhelm II.", „Kaiser Wilhelm der Große" und „Kaiser Karl der Große", die großen Kreuzer „Fürst Bismarck", „Freya", „Victoria Louise" und „Vineta", die kleinen Kreuzer „Gazelle", „Niobe", „Nymphe", die Kanonenboote „Tiger" und „Luchs". Die in der Heimath befindlichen Schiffe beschäftigten sich fast ausschließlich mit der Ausbildung der Mannschaften. Neben den Specialschulschiffen dient vor Allem das 1. Geschwader der Durchbildung der Truppe. Ihren Höhepunct erreichen die Hebungen im Herbst in den Flottenmanövern. An ihnen nahmen in diesem Jahre mehr als 50 Schiffe unter der Oberleitung des Admirals Köster theil. Recht fühlbar machte sich bei den Manöoern der Mangel an modernen Kreuzern. Die Besetzung der a u s w ä r t i g e n Stationen ist zum Theil eine andere geworden als im Vorjahre. Wie in der Formirung des Kreuzergeschwaders, so tritt auch auf den einzelnen Stationen das deutliche Streben hervor, moderne Schiffe an die Stelle der veralteten zu sehen. Beim Kreuzergeschwader, dessen Kom mando im Frühjahr der Prinz-Admiral übernahm, ist nur noch ein älteres Schiff („Irene") vorhanden. Dem Prinzen wurde als zweiter Admiral der Contreadmiral Fritze zur Seite gestellt. Gleichzeitig kam die bisher üblich gewesene Theilung des Kreuzer- Geschwaders in zwei Divisionen in Fortfall. Dem Geschwader gehören am Jahresschlüsse, nachdem „Deutschland" nach der Heimath abgedampft ist, nur noch an: „Hansa" (Flaggschiff des 2. Admirals), „Hertha" (seit 8. Mai im Geschwaderverband), „Kaiserin Augusta", „Gefion" und „Irene". Als Ersatz gehen so bald als möglich zwei moderne große Kreuzer hinaus. Das Geschwader hat unter des Prinzen Führung überall den besten Eindruck hinterlassen und zur Hebung des deutschen Ansehens und zur Festigung der deutschen Handelsbeziehungen wesentlich beigetragen. Neben dem Geschwader war in Ostasien das Kanonenboot „JltiS" als Ersatz seines ruhmvoll untergegangenen Vorgänger« gleichen Namens stationirt. Zu ihm hat sich neuer dings daS Kanonenboot „Jaguar", ein Schwesterboot des ..Iltis", gesellt, nachdem es zuvor auf den Karolinen und den übrigen von Spanien erworbenen Inseln die deutsche Flagge gehißt hatte. Gleich der ostasiatischen, ist auch die a u st r a l i s ch e Station durch zwei neuere Kreuzer besetzt worden. Von den beiden älteren Kreuzern, die bisher in Australien stationirt waren, trat „Bus sard" am 6. April und „Falke" am 2. August die Heimreise an. Ersetzt wurden sie durch „Cormoran", der am IS. April nach einer sehr gefahrvollen Ueberfahrt in Sydney eintraf, und „See adler", der im Oktober von Danzig abging und jetzt Singapor» erreicht hat. „Falke" wurde wegen seine» vorzüglichen Ver haltens in den samoanischen Wirren viel genannt. — Auf den übrigen Stationen sind Veränderungen gegen da« Vorjahr nicht eingetreten. Die Kreuzer der beiden afrikanischen Stationen hoben in den letzten Monaten ihre Kreuztouren bis Kapstadt ausgedehnt. Von einschneidender Bedeutung für die Entwickelung der Marine ist die anderweitige Gliederung der Oberbehörden geworden. Nachdem am 7. März der commandirende Admiral von Knorr auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt war, wurde das Obercommando der Marine aufgelöst. Seine Arbeiten gingen zum Theil auf den neu formirten Admiralstab, zum Theil auf die beiden Stationscommandos, die dem Kaiser direkt unterstellt wurden, über. Gleichzeitig wurde der ältere der beiden Stations chefs zum General-Jnspecteur der Marine ernannt. Im Gefolge der veränderten Organisation traten später unter den Flagg - officieren zahlreiche Stellenwechsel ein. Admiral Karcher und Viceadmiral Oldekop wurden verabschiedet. Biceadmiral Thomsen, Chef des 1. Geschwaders, übernahm die Marine tation der Nordsee, Contreadmiral v. Arnim die Inspektion des Bildungswesens, Viceadmiral Hoffmann das 1. Geschwader, Contreadmiral Büchsel die 2. Division des 1. Geschwaders, Contreadmiral Frhr. v. Bodenhausen die Inspektion des Tor- )edowcsens, Contreadmiral v. Wintersheim die 2. Marine-Jn- spection. Unter den in den letzten Wochen zum Viceadmiral Be förderten befanden sich u. A. Prinz Heinrich, Staatssekretär Tirpitz und der Chef des Marinecabinets Frhr. v. Senden- Bibran. Die Flotte zählt heute 19 Admirale. Der Krieg in Südafrika. —j-. Die letzten Meldungen vom Kriegsschauplatz geben kein besonders klares Bild der Lage. Neber Kreuch » Operationen wird vom „Reuter'schen Bureau" berichtet: * Rendsburg, 4. Januar. Die Boerrn griffen bei Tages- anbruch plötzlich die linke Flanke der Engländer an, wurden aber zurückgeworse» und besetzten sodann einen Hügel im Norden, von wo sie schließlich nach mehrstündiger Beschießung ebenfalls verdrängt wurden. Die Boeren stehen noch immer auf den Hügeln, in unmittelbarer Nachbar« chaft der Stadt, und hindern die Engländer am Bor marsch längs der Eisenbahn. Die Verluste der Engländer sind leicht, die Boeren sollen etwa 100 Mann verloren habrn- darunter 20 Gefangene. (?) Coles berg selbst ist von General French noch nicht besetzt. Die ganze Art der Darstellung verräth, daß Reuter die Wahrheit verschleiern will. Man muß die amtliche Meldung abwarten. Aber auch ans Reuter'S Bericht läßt sich als Kern herauSschälcn, daß die Boeren Colesberg halten und French nicht im Stande ist, sie auS der Stadt und von den sie beherrschenden Hügeln zu vertreiben. Also genau Las Bild wie gestern. AuS London, 3. Januar, wird und in Ergänzung unserer Telegramme noch geschrieben: Der sachlich-kritische Bericht unseres Specialcorresponoenten über den angeblichen Erfolg des General French hat sich rascher bestätigt, als erwartet werden tonnte. Heute bereits wird englisch officiös gemeldet, daß General French am Dienstag Morgen durch die „Entdeckung überrascht wurde, die Boeren hätten während der Nacht die Stellungen wieder besetzt, von denen sie French am Vorabende vertrieben (soll heißen: vertrieben zu haben glaubte). French selbst sagte in seiner officiellen Depesche von einer solchen Vertreibung nichts. „Heute machten die Boeren ihre Gegenwart schnell fühlbar. Ihre Schnellfeuergeschühe, welche wir gestern demontirt zu haben glaubten, eröffneten das Feuer auf unsere Kavallerie." Eine zweite Meldung gleichen Ursprungs sagt: „Der Feins bewirft uns mit vorzüglich gezielken Bomben, wir halten noch die gestern von uns besetzten Stellungen. Die Boeren sind Meifellos seit ihrer gestrigen Niederlage (die wiederum nur von der officiösen Agentur erfunden war) start verstärkt." Eine dritte Meldung, gleichfalls von gestern, meldet, ein lebhaftes Feuergcfechr „auf einem Berge u m Colesberg" (dir Präcision dieser Gefechtsbeschceibung ist wieder ideal). „Der Feind schritt hartnäckig um jeden Fuß breit Terrains, ging aber langsam zurück. Wir halten eine ausgedehnte Stellung im Süden und Osten, welche die Stadt (Colesberg) überblickt." Unser eigener Korrespondent berichtet uns sosben: „General French hatte am Montag Abend seine Stellungen gegenüber dem rechten Flügel, Kommandant Schoemanns, etwas weiter zurück gelegt und einen Theil seiner Kavallerie gegen Achtertang vorge schoben, um die Stellungen der Freistaatlcr zu umgehen und gleichzeitig sich der Bahnlinie zwischen Rensburg und Banzvl zu bemächtigen. Ilm dem zuvorzukommen, sandte Schoemann ein starkes Kommando ab, welches die Station und den Ort VanzyI besetzte, und machte selbst eine Schwenkung von seinem rechten Flügel aus gegen Norvosten, durch welche daS auSgesanste Reiterkorps French'S mit zwei Geschützen von Sem englischen Hauptcorps getrennt wurde. Ob dasselbe im Laufe de» Tages vollständig abgeschnitten und gefangen genommen worden, oder sich gegen Philippstown durchgeschlagen, respectrve zurückgezogen, ist zur Stunde noch nicht bekannt. Während der Nacht zum Dienstag umgingen die Freistaatler dann mit einem Theile ihrer rechten Flügels die linke Flanke des General« French, und Schoe mann eröffnete am Dienstag Morgen aus seiner rechten Flügel stellung auf den Hügeln vor Colesberg rin lebhaftes Artillerie feuer auf die englische Reiterei, die sich ahnungslos auf den Vor marsch gegen Cole-berg zu machen schien. French wurde zurrst gegen Westen in der Richtung aus Tailbosch Kopjr zurück gedrängt, versuchte dann aber, durch eine schnelle Schwenkung nach Südosten sich der Straße nach Hannover zu be mächtigen und so den Rückzug zur Bahnlinie Naanwport-de Aar freizuhalten. Auch da« mißlang, und er machte dann mit seinem rechten Flügel einen raschen und energischen Vorstoß in der Richtung auf Rensburg, wo er eine Anzahl Hügel, etwa 7 Kilo meter südöstlich von Colesberg, besetzte. Seine Stellung ist im Norden, Düd«n und Osten von den Frefftaatlern bedroht; ob sich auf oer Straße nach Hannover ein genügende» Kommando Aufständischer befindet, um ihm auch dort den Rückzug abzu schneiden, muß sich erst zeigen. lieber dir Stärke der Freistaatler ist nichts Näheres bekannt. E« heißt, dieselben sollen in den letzten vierzehn Tagen mehrere Tausende Verstärkungen durch Aufständisch« erhalten haben.
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