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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 28.12.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-12-28
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001228027
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900122802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900122802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-12
- Tag 1900-12-28
-
Monat
1900-12
-
Jahr
1900
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Amtsblatt -es Aöniglichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, -es Rathes im- Nolizei-Ämtes -er Ltadt Leipzig. Anzeigen «Preis die 6 gespaltene Petitzeile LS H. Reklamen unter dem Redactionsstrich (»gespalten) 75 L,, vor den Familiennach richten (6 gespalten) 50 H. Tabellarischer und Aiffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 H (excl. Porto). Extra - Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen »Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbesörderung .sl 70.—, Annahmeschluß für Anzeige«: Abend-Ausgabe: BormittagS 10 Uhr. Morgen-AuSgabe: Nachmittag» 4 Uhr. Bei de« Filialen und Annahmestellen je ein» halb« Stunde früher. Anzeigen sind stets au die Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentags nnuuterbrochen geöffnet ooa früh 8 bis Abends 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz i« Leipzig. 65S. Freitag den 28. December 1900. 94. Jahrgang. die Aufgabe der Besetzung Pekings in der oben angeregten I de» OranjestaateS durchzuschlagen und der östlichen Ab- Weise die Möglichkeit gegeben werden, seiner w a h r e n l theilung der Boeren südlich von Belhulie auf feindlichem Gesinnung 'klaren Ausdruck zu verleihen,'" und andererseits den Vertretern der Mächte, dem Kaiser mit nicht mitzzuverstehender Deutlichkeit zuzurufcn: Kia Rkoäus, liia saltu! Boden die Hand zu reimen, so wäre oas ein «Jenicureup, seiner völlig würdig, der den Engländern natürlich höchst ge fährlich werden könnte, da De Wet noch über ein fest geschlossenes, gut organisirteS und hundertfach erprobtes EorpS verfügt. Die Wirren in China. Die Uederreichung der AriedenSbedingunge» ist nun in aller Form an Tsching und Li erfolgt, und Letzterer wird dem Hofe dringend anrathen, sie ohne Umschweife anzu nehmen. Man schließt, wie gemeldet, in Peking aus dieser Rathsertheilung, daß die Annahme der Bedingungen schon so gut wie sicher sei. Aber gesetzt den Fall, man täuscht sich nicht: wird mit der Unterzeichnung des Friedenspactes das Ende des Kriegs zustandes zusammenfallen? Wie die Dinge liegen, kaum. Von der Rückkehr normaler Verhältnisse kann erst die Rede sein, wenn der Kaiser wieder in Peking ist, Hof und Regierung sich dort wieder etablirt und ihre Functionen wieder ausgenommen haben. Es ist aber nach ziemlich allgemeiner Auffassung ausge schlossen, daß der Kaser eher nach Peking aufbricht, als bis die verbündeten Truppen sich aus der Reichshauptstadt zurückge zogen haben. Nun braucht man aber, schreibt der „Ostas. Lloyd" in seiner soeben hier eingetroffenen Nummer, nur einen Blick auf die militärischen Vorgänge in der Provinz Tschili zu werfen, um einzusehen, daß wenigstens in den nächsten Wochen und wahrscheinlich Monaten an einen Rückzug der verbündeten Truppen gar nicht zu denken ist. Ueberall wird noch gekämpft, überall sind theils organisirte, theils versprengte kaiserliche Contingentc, die eine große Gefahr für die Zukunft bilden. Zwar haben Prinz Tsching und Li-Hung-Tschang dem Grafen Waldersee die Räumung der Provinz von kaiserlichen Truppen zugesagt; indessen wird kein Mensch erwarten, daß die Ver bündeten sich heute mit Versprechungen zufrieden geben sollen. Auf der anderen Seite aber wird es sich empfehlen, daß auch die Verbündeten den Bogen nicht zu straff spannen. Wir meinen, auch in dieser Beziehung ließe sich ein vermittelnder Ausweg finden. Daß z. B. Gesandtschaftswachen dauernd in Peking bleiben müssen, darüber wird Jeder sich einig sein; auch chinesischerseits wird man das Recht zu ihrer Hal tung zugestehen. Würden aber unter Umständen nicht Ge sandtschaftswachen dasselbe in Peking leisten können, was heute ein Besatzungscorps leistet? Es käme doch wahrscheinlich nur auf die Stärke der Gesandtschaftswachc an. Der Höchstcommandirende hat seine Flagge über den gelben Dächern des Kaiserpalastes entfaltet; er hat, was wir für sehr wichtig erachten, den Chinesen bewiesen, daß es für den Sieger keine verbotene Stadt giebt. Sollte es aber heute nicht, ohne daß seinem Ansehen auch nur der geringste Abbruch geschähe, möglich sein, das Hauptquartier nach Paotingfu zu ver legen? Wir meinen durch das geringe Zugeständniß, das darin liegen würde, ließen sich möglicher Weise Vortheile erringen, die noch ganz andere Opfer Werth wären. Selbstverständlich bleibt auch dann, wenn man auf Seiten der Alliirten zu derartigen mehr formellen, als that- sächlichen Zugeständnissen bereit ist, immer noch abzuwarten, ob der Kaiser nach Peking zurllckkehren wird. Unserer Ansicht nach aber könnte der Versuch, ihn durch ein derartiges Mittel dazu zu bewegen, nicht schaden. Unter allen Umständen hätte es das Gute, daß der Kaiser und die Kaiserin-Wittwe offen Farbe bekennen müßten. Das allein aber würde schon von außerordentlichem Werthe sein. Es würde mit einem Schlage die Lage klären. Meint der Kaiser Kwanghsü, wie er es fortgesetzt jetzt dem deutschen Kaiser versichert und wie auch wir nach seinen letzten Erlassen glauben müssen, eS l wirklich mit seinen Erklärungen ehrlich, so würde ihm durch I * London, 2s. December. (Telegramm.) „Standard" berichtet aus Shanghai unter dem 27. December, derKaiser Kwangsüh habe laut eines Telegramms aus Singanfu be stimmt, daß, wenn der Hof nach Peking ausbrech e, General Majuknn den Vortrab der den Hof escortirenden Leib wache befehlige. Militärische Operation«»!. * Tientsin, 27. December. (Meldung des „Reuter'schen Bureaus".) Heute und morgen gehen 1100 Mann englischer Truppen mit 2 Geschützen unter General Cummins nach Yangtsun ab, um gegen die Boxer zu operiren und die Eisenbahn zu schützen. Es handelt sich um dieselbe Boxerabthcilung, die bei Chochau von den Franzosen geschlagen wurde. Auch am Flusse zwischen Tientsin und Taku operiren Truppen der Ver bündeten gegen Boxer und Flutzpiraten. * Shanghai, 27. December. (Meldung des „Reuter'schen Bureaus".) Gcncralconsul Wa rren bcgicbt sich heute Abend nach Nanking, wie man vermuthct, um sich über die Lage am Pangtse zu informiren. — In Wusung sind zahlreiche, m i t Steinen beladene Kriegsdschunkcn vor Anker ge gangen, augenscheinlich in der Absicht, im gegebenen Falle den Canal zu sperren. « Nciv Port, 2s. December. (TelegraIN IN.) Nach einer Depesche aus Peking vom 27. December gehen die amerikani schen Truppen morgen aus Peking ab, um die Ver brennung christlicher Eingeborener zu bestrafen. Der Krieg in Südafrika. Bom Kriegsschauplätze. -p „Neuler'« Bureau" berichtet aus Bryburg unter dem 10. December: Eine Abtheilung Boeren überschritt mit 150 Wagen die Bahnlinie südlich von Bryburg, eine andere Abtheilung von 270 Mann überschritt mit einem Geschütze die Bahnlinie nördlich von Bryburg. Beide Ab- theilungen zogen nach Westen, wie man glaubt, um nach Damaraland zu trekken. Bryburg liegt ziemlich in der Mitte zwischen Kimberley und Mafeking, der letzteren Stadt etwas näher als ver ersteren. Wie weit die Meldung Kitchener'S, daß die östliche InvasionSabtheilung der Boeren in der Capcolonie ge schlagen sei und sich auf Bent erst« dt in der Nähe der Nord grenze der Capcolonie zurückgezogen hat, für baare Münze :n nehmen ist, bleibt abzuwarten, bis nähere Nachrichten vor liegen. Kitchener'S Telegramm ist so wortkarg, daß man vermuthen muß, er sage nicht Alles, oder daS Londoner KriegSaint habe eS zusammengestrichen. Es müßten doch erst heiße Kämpfe in den Zuursbergen, wohin die Boeren sich zurückgezogen hatten, staltgefunden haben, von solchen aber verlautet nichts. Sollte es De Wet glücke», sich nochmals nach dem Süden Englische Wortbrüchigkeit. Aus Pretoria, Ende November, schreibt man uns: Die Klagen über summarische Ausweisungen von Aus ländern dauern immer noch fort. Es muß zugegeben werden, daß mitunter für eine solche Ausweisung Grunv vorliegen mag; es wird immer Leuete geben, welche gar zu leicht vergessen, daß sie in fremdem Lande nur Gastfreundschaft genießen und sich dementsprechend betragen sollten. Aber im Großen Ganzen wiro mit sehr großer Härte und Grausamkeit verfahren, welche sich besonders darin äußert, daß die Leute ohne irgend welche vorherige Warnung verhaftet werden, oaß ihnen so mit keine Gelegenheit gegeben wird, ihre Geschäfte einigermaßen zu ordnen und für Schutz ihres Eigenthums Sorg: zu tragen. Oft wird den Leuten weder Zeit noch Ge legenheit gegeben, sich mit ihren Consuln in Verbindung zu setzen, und damit ist natürlich auch diesen die Möglichkeit genommen, vorstellig zu werden. In einer Proclamation, welche Lord Roberts von Johannes burg aus erließ, sagte er: „Persönliche Sicherheit und Gewähr gegen Belästigung wird der Bevölkerung zugosichert, welche am Kriege keinen Theil genommen hat", und weiter: „Jever Bürger, welcher keinen hervorragenden Antheil am Krieg genommmen Hai und welcher seine Waffen niederlegt, dabei Wen Eid der Neutra lität leistet, wird Erlaubniß erhalten, nach seinem Wohnort zu gehen, und wird nicht zum Kriegsgefangenen gemacht werden." Diese beiden V e r s p r e ch u n g en s r n d i n g e m e i n st e r Weise gebrochen worden, gebrochen unter den nichtig sten Vorwänden, wenn es überhaupt für nöthig gehalten wurde, einen Vorwand zu brauchen. Es sind eine ganze Reihe Ausländer ausgewiesen worden, welche sich in keiner Weise an dem Kriege betheiligt haben; andere Nicht - Combattan- ten sind ausgewiesen worden unter dem Vorwand, si: hätten P v l i z e i di e n st e gethan, während es den Behörden genau bekannt ist, daß solche Leute unter Zwang seitens der Boerenregierung handelten. Was nun die Combattanten anbetrifft, so waren di: Ausländer von der Boeren-Regierung als Bürger eingetragen und mit Bürgerbriefen versehen worden, um ihnen im Falle der Gefangennahme u. s. w. einen rechtlichen „Status" gegenüber den Engländern zu geben. Die Engländer erklären nun, daß sie di e s e L e u t e nicht als Bürger anerken - n e n und daß sich das erwähnte Versprechen des Lord Roberts auf si« nicht er st recke; will dann aber der betreffende Eonsul ein Wort für sie einlegen, so wird ihm be deutet, daß dies nicht angehe, da Wie Betreffenden Bürgerbriefe hätten und somit nicht mehr Unterthanen seines Landes seien. Die armen Leute, welche sich in vielen Fällen nur im Hinblick auf dieses Versprechen von Lord Roberts entschlossen haben, die Waffen niederzulegen, sind also in einer betrübenden Lage. Sie haben sich auf ein englisches Versprechen verlassen und sind ver lassen. Die vor dem Kriege von den Jingoes in Johannesburg beständig ausgestoßenen Nothschreie sprachen immer von ihren „srievances", wohl am besten zu übersetzen mit Beschwerdegründen. Vor Kurzem that ein bekannter hiesiger Engländer den Ausspruch: „Nehmt uns die Militärverwaltung und gebt uns unsere Beschwerdegründe wieder!" Wenn die Sachen so fort gehen, wie seither, so werden sich noch viele melden, welche derselben Meinung leise und laut Ausdruck geben. Mit dem Spaziergang der Truppen nach Johannesburg und Pretoria war es leider nichts; drei oder selbst sechs Monate wollte es sich der Jingo gerne ansehen, wie es den .unaussprechlichen" Boeren an den Kragen ging, aber nun geht es ihm selbst bedeutend an denGeldbeutel, und dies ist ein Zustand, bei welchem der Brite sehr unangenehm wird. Die Frage, was mit den vielen Tausenden von Flüchtlingen in Natal und der Capcolonie werden soll, drängt von Tag zu Tag mehr; an ein Zurückkommen der selben in größerer Anzahl ist gar nicht zu denken, da schon bei der gegenwärtigen Einwohnerzahl von Pretoria Nahrungsmittel wieder knapp sind. Die Lage ist somit recht ungemüthlich. Was die Militärverwaltung besonders verhaßt macht, auch unter den Engländern selbst, ist das unendliche Warten überall. Man denke nur, was «in hiesiger Großkauf- mann fühlen muß, der gewöhnt war, unter der Boerenregierung von den höchsten Beamten mit größter Höflichkeit und Promptheit empfangen zu werden, wenn er jetzt imVorzimmer eines Seconde- lrutnants Stunden, ja Tage lang herumstehen muß (Stühle scheinen nur durch Abwesenheit zu glänzen), um «inen Paß für «ine kleine, vielleicht sehr dringliche Geschäftsreise zu erhalten. Er ist nun endlich, endlich an der Reihe, vorgelassen zu werden, da erscheint eine „Dame", und sei sie nun hoch- oder niedrig stehend, weiß oder schwarz, nach englischem Regime hat sie den Vortritt! Ihr Geschäft besteht höchst wahrscheinlich darin, sich eine Steuermarke für ihren Hund zu holen, aber den Vortritt vor dem vielbeschäftigten Kaufmann hat sie auf alle Fälle. — Es ist nur wunderbar, wie geduldig die Engländer selbst diese verächtliche Behandlung des Publikums ertragen; hätten sie nur ein Zehntel dieser Lammesgeduld unter derBoerenregierungbewiesen.dasLandwäre heute noch im tiefsten Frieden. Politische Tagesschau. * Leipzig, 28. December. Ueber den Zweck und den Erfolg der Rundreise des Reichskanzlers Grafen Bülow glaubt ein Gewährsmann de» „Sckwäb. Merkur" in Darmstadt das Folgende miltheilen zu können: Der Reichskanzler Graf Bülow ist von seiner Rnudreise an die süddeutschen Höfe über Dresden nach Berlin znrückgekehrt. Bon einer vertrauenswürdigen Seite geht uns die Mittheilung zu, daß der Kanzler von dem Erfolg seiner Reife hochbefriedigt ist. Der Empfang des leitenden Staats mannes ist überall ein äußerst freundlicher gewesen und die Wirkung der Reise dürfte sich auch bald bemerkbar machen. Für den Grafen Bülow war es ein persönliches Bedürsniß, sich nicht nur den süddeutschen BundeSsürsten vorzustellen, sondern auch mit ihren Ministern in engere Berührung zu treten und sich mit ihnen über die politische Lage und die Ziele der deutschen Politik auszusprechen. Der neue Reichskanzler hatte die Wahr nehmung gemacht, daß der Zusammenhang zwischen der R ei ch S v e r w a l t u n g und den süddeutschen Regierungen in letzter Zeit doch etwas gelockert war. FerriHetsn. 5) Nauhfrost. Novelle von I. Fichtner. Nachdruck virroten. Nun hatte der Gerichtsrath die Hand seines Sohnes erfaßt, wie, um ühn im Bannkreise seiner Gedanken festzuhalten. Nun beugte er sich zu ihm hinüber und fuhr fort: „Du kennst den kostspieligen und langsamen Gang einer CarriLre, wie die meinige. Ich war kein flotter Corpsbruder, und dennoch zehrte mein Studium die kleinen Ersparnisse meiner Eltern auf, die nun einmal mein Glück in der Erreichung eines hohen Amtes erzwingen wollten. Mein Vater, selbst ein kleiner Beamter, hegte einen ungeheuren Beamtenstolz. Ich machte seinem Hoffen, seinen Erwartungen keine Schande, strebte vor wärts und ertrug Entbehrungen, die er kaum verstand, und war trotzdem immer in Geldverlegenheit. Ich lernte die Macht des Geldes kennen in seiner negativen Bedeutung. Nun, mein Sohn, daS hast Du ja wohl auch an Dir selbst erfahren und kennen gelernt; auch ich konnte Dir das nicht so ganz ersparen." Ludwig drückte in stummer, aber dankbarer Anerkennung die Hand seines Vaters. „Trotzdem aber — ich war ja jung und voller Illusionen, wie Du — hing ich mein Herz an ein armes, aus guter Familie stammendes Mädchen; wir liebten uns ja, und das war genug, um zu warten und uns die Zukunft auf s Rosigste aus zumalen — in der Ferne winkte ja ein sicheres Amt und ein kolossales Gehalt — wir waren Beide einfach gewöhnt, wir er hofften ein ParadieSleben, und endlich waren wir am Ziel." „ES war auch Zeit, die höchste, denn die Leistungsfähigkeit meiner Eltern war auf's Aeußerste erschöpft. Sie konnten zu meiner ersten Anstellung nichts mehr beitragen und ich mußte die Einrichtung zum größten Theil selbst beschaffen, da meine Braut nur ihre Aussteuer an Wäsche liefern konnte. So kam es, daß wir unseren Haushalt mit — Schulden begründen mußten, und das war der Anfang eines glänzenden — Elends." „Vater — Du übertreibst!" fiel Ludwig heftig erschrocken ein. „Es mag Dir allerdings so erscheinen, aber nichtsdesto weniger ist es wahr!" fuhr der Rath fort, und ein tiefernstes Gesicht bestätigte seine trüben Erinnerungen. „DaS kleine Pro vinzstädtchen, in welchem ich meine amtliche Thätigkeit begann, dünkte mich für den ersten Augenblick ganz geeignet, unsere Verpflichtungen zu bewältigen und uns eine feste gesellschaftliche Position zu schaffen. Aber tritt erst einmal in's Leben mit der endlichen Erfüllung jahrelang gehegter Wünsche und Hoffnungen und stehe mitten in einem Kreise — so ziemlich als Erster — zum Theil harmlos bewundernder, zum Theil anmaßend arro ganter, jede Bewegung belauernder Menschen und fühle Dich nicht versucht, nach einer Seite hin Dir den wohlverdienten Nimbus zu wahren, nach der anderen das durch die geringste Blöße gefährdete Ansehen zu behaupten und zu vertheidigen. Damit aber geht Hand in Hand, ja — er ist gewissermaßen unzertrennlich davon, ein gewisser Aufwand nach außen hin, das sogenannte Repräsentationsbedürfn'iß, das den Mittellosen — so auch mir — unsagbar schwere, verborgene Kämpfe be reitet, als deren Resultat Du mein frühzeitiges Alter — meinen, ich gestehe, oft bis zur Unerträglichkeit verbitterten Charakter betrachten kannst!" Der Amtsgerichtsrath strich sich mit der Hand über Stirn und Augen; Ludwig dünkte es, als weine der Vater über ein verlorenes Leben, cs drängte ihn, ein tröstliches Wort in diese trüben Reflexionen hineinzuwerfen. „Du warst aber doch glücklich — glücklich in Deiner Ehe? Und dies wiegt doch schwer in der Waagschale des Lebens." „Glücklich?! Wir hofften es zu werden mit dem Recht unserer langerprobten Liebe und den vielen Fähigkeiten, die uns zu Gebote standen. Eine verschwindend kurze Zeit glaubten wir, es auch zu sein. Dann aber, während mich Deine Mutter arbeiten und kämpfen sah, sah ich sie leiden, dulden, entsagen und er tragen. Das anfängliche Elternglück steigerte sich in höchste Elternsorgen, sie verbitterten uns die Liebe, die Freude an unseren Kindern. Wenn auch mein Gehalt im Laufe der Jahre stieg, so stand dies doch nicht im Verhältniß zu den riesig wachsenden Bedürfnissen, denn, obwohl ich tauscnd Mal die Idee meines Vaters verwünscht, mich in eine Laufbahn zu drängen, die den gebrachten Opfern keineswegs entspricht, so fand ich doch selbst nicht den Muth, meine Söhne aus der Beamten sphäre hinauszudrängen in die Wogen des industriellen Lebens, das den Einen erhebt, den Anderen zermalmt, je nach Glück und Laune des Schicksals und dem geistigen und körperlichen Befunde der Widerstandsfähigkeit. So schleppten wir also die Kette iveiter, die jeden Aufschwung der Gefühle hinderte, und wohl schon mehr als einmal hätte sie mich zu Boden gerissen, für immer und ewig, wenn nicht mein Freund Grüning mir stützend und helfend zur Seite gewesen, ihm danke ich mehr, als mein Leben, ihm danke ich meine Ehre." Mit schnellem Ruck wollte Ludwig seine Hand zurückzieheu, doch der Vater hielt sie wie mit eiserner Klammer fest, während er mit bitterem Lächeln sagte: „Das empört Dich, weil Du es noch nicht verstehen und fassen kannst! Vielleicht hast aber Du nun doch eine Ahnung von der Größe des Liebesglückes Deiner Eltern; sieh, ob Du bei Deiner Mutter noch Spuren davon findest — es wäre ja mög. lich, das Weib mißt mit anderem Maßstabe. Jedenfalls aber wirst Du in ihrem Auge die feste Zuversicht und Erwartung finden, daß unser ältester und begabtester, von der Natur auch körperlich bevorzugter Sohn der Bahnbrecher sein wird zu einem freieren und froheren Leben für seine armen Ge schwister, denen wir Eltern nicht mehr lange die helfende Hand bieten können! Ich wenigstens erachte dies als seine Pflicht!" Wie ermahnend drückte der Vater fest und dringend die Hand seines Sohnes, dann ließ er sie fallen. Alles Blut war aus dem Gesicht des Zuhörenden gewichen; er starrte hinaus, ohne etwas zu sehen. Vor seinem geistigen Auge verrann wie eine liebliche Vision das Zukunftsbild, das er in seinem großen, liebevollen Herzen sich auferbaut. War denn Alles wirklich nur ein Traum gewesen? „Auf der einen Seite winkt Dir Glanz und Reichthum, steht breit und unbehindert der Weg zu Ehren und Ansehen offen — auf der anderen, dem Dornenpfade, der Armuth, stehen tausend Sorgen — Polypenarmen gleich, um den strebenden Fuß, die wirkende Hand zu hemmen und zu lähmen, die Thatkraft des Gehirns zu zermalmen und Dich sammt dem, was Du liebst, in's Verderben zu reißen!" Wie dumpfes Schicksalsgrollen klang es an das Ohr des jungen Mannes. „Halt ein, Vater!" rief er qualvoll, sich beide Ohren zu haltend; das sollte nun heute ein glücklicher Tag sein! So schwer hatte er sich den Weg nicht gedacht, der zu dem ersehnten Liebesglück führte, und doch — er konnte die grausame Logik seines Vaters nicht Hinwegleugnen. Rettungslos sah er das leichte, buntbewimpelte Schifflcin seiner Illusionen im rauschen- den, stürmischen Weltgetriebe sinken und vor ihm breitete sich di« kalte, farblose, glänzende Perspective seiner Zukunft — Rauh frost. — Aufstöhnend legte er die Hand über die heiß und feucht werdenden Augen, kein Wort wurde mehr gewechselt, die Beiden verstanden sich stumm, und doch so beredt trug einer des Andern Leid wie ein Mann. Ein stiller, ernster Mann war es auch, der einige Stunden später, sie Hand der Mutter in der seinen haltend, dieser gegen über faß. Das feine, schmale Gesicht war seltsam freudig er regt, man merkte es sofort, daß die Freude in diesen Zügen rin seltener Gast war. Die matten Augen glänzten in verhaltenen Thränen, und die -zart: Gestalt bebte vor innerer Aufregung. „Ich hielt es beinahe für unmöglich, diesen Tag zu erleben und doch, endlich ist das Glück mit Dir bei uns eingekehrt. Nun wir allein sind, mein theurer Sohn, kann ich Dir's ja sagen. Der Vater hat mir's vorhin verrathen, in welches Verhältniß Du bald zu Grüning's treten wirst; er wollte mir wohl bald alle bangen Zweifel nehmen, denn ich muß Dir's nur sagen, daß mich schon längst der Gedanke quält, daß Du anders gewählt vielleicht gar «in armes Mädchen." Sie suchte prüfend in seine Augen zu sehen. Ludwig zog sie an sich. Sollte er die Gute betrüben? „Gräme Dich darum nicht, liebe Mutter, ich hab« das Recht« erkannt und mein Weg liegt klar vor mir." „Du bringst also kein Opfer damit?" Wit tief doch ein Mutterherz sieht, mußte er denken. „Hast Du keine für mich gebracht?" lautete die ausweichende Gegenfrage. „O, das ist -etwas Anderes, dazu ist ja nur di« Mutter da." So einfach und tief herzbewegend klang es, daß er nur mit einem heißen Kuß auf die sorgende Mutterhand antworten konnte. „Ist es «in Opfer, so wird es sich Dir tausendfach lohnen, glaube «s mir, wenn es Dir auch unmöglich scheint; Du weißt, der Eltern Segen baut den Kindern das Glück. Und mit edlen, achtungswerthen Menschen in Verbindung treten, -das wirkt er hebend und bietet Schutz und Anhalt — Grüning ist ein Ehren« mann." „Ich 'weiß es." „Er will nur das Glück seiner Tochter und Du — wirst sie glücklich machen?" Sie sah ihn wieder mit ihren sanften» bitten den Augen an, wie scrupulös ist doch «in edles Mutterherz! „Ich — lvill es versuchen." Welch schwere Pein verursachte ihm diese Versicherung, mit der er sich nun thatsächlich für ver pflichtet erachtete. Die Mutter stand auf, nahm den schönen Kopf ihres Sohnes zwischen beide Hände und küßte ihn aus die Stirn. Er fühlte, wie sie zitterte, sah, wie schwach und zart sie ihm gegenüber stand, und um ihretwillen vergaß er jener Stunden,» wo er sich über die Hand einer anderen Mutter gebeugt und — beinahe sein Wort verpfändet hatte. „Komm zu Deinen Geschwistern." Sie nahm ihn bei dec Hand und führte ihn in den lauten, fröhlichen Krei», von wel chem er wie ein Halbgott betrachtet und verehrt wurde. Besonders die Schwestern, obwohl sie schon so viel um ihn hatten darben und entbehren müssen an Jugendfrruden und Ge niissen, sic zeigten ihm die Opferfähigkeit de» weiblichen Herzens durch tausend kleine Beweise im reinsten Licht. Nun der Vater ihm die Binse von den Augen genommen, die er ihm in liebe - voller Täuschung bisher belassen, damit sein innerer Blick irach dem erwählten hohen Ziele nicht getrübt werde, sah er Alles mit anderen Augen und erkannte Vieles, was ihm sonst verborgen geblieben. Die sorglos vertrauenden Ansichten de» Kinde» dem,
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