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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 13.12.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-12-13
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001213020
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900121302
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900121302
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-12
- Tag 1900-12-13
-
Monat
1900-12
-
Jahr
1900
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Bezugs.Preis di der Hauptexpedition oder den im Stadt« bezirk und den Bororten errichteten Vlus- gabestellrn abgeholt: vierteljährlich >6 4.50, bet zweimaliger täglicher Zustellung ins Hau- ^l 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland u. Oesterreich: vierteljährl. ./i 6. Man abonnirt ferner mit entsprechendem Postaufschlag bei den Postanstalten in der -chwel^, Italien, Belgien, Holland, Luxem bürg, Dänemark, Schweden und Norwegen, Rußland, den Donaustaaten, der Europäischen Türkei, Egnpten. Für alle übrigen Staaten ist der Bezug nur unter Kreuzband durch die Expedition dieses Blattes möglich. Die Morgen-Ausgabe erscheint um '/,7 Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. Nr-action und Expedition: ZohanniSgasse 8. Filialen: Alfred Hahn vorm. O. Klemm'- Sorttm. Umversitätsstraße 3 (Paulinum), LoutS Lösche, Katharinenstr. 14, Part, und König-Platz 7. ,1? «4 Abend-Ausgabe. WpWtr.TaMatt Anzeiger. Amts blatt des königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, des Rathes und Votizei-Ämtes -er Ltadt Leipzig. Donnerstag den 13. December 1900. Anzeigen-Prei- dle 6 gespaltene Peützeile 2S H. Reklamen unter dem Redactiou-strich (4 gespalten) 75 H, vor den Familirnnach- richten (S gespalten) 50 Lj. Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend böher. — Gebühren für Nachweisungen und Onertrnaanahm» 85 H (rxcl. Porto). Ertrn-lveilagrn (gesalzt), »ur mit der Morgru-AuSgabe, ohne Postbesürderung VO.—. mit Postbrsörderung ^l 70.—, Ännahmeschluß für Anzeigen: Ab end-Ausgabe: BormittagS 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4 Uhr. Bei deu Filialen und Annahmestelle« je eine halbe Stunde früher. Anzeigen find stets an die Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Druck und Berlag von E. Bolz in Leipzig. 8t. Jahrgang. Die Wirren in China. Die Schuldigen. Eine recht interessante Schilderung, welche er der Unter» redung mit einem Verwandten des Kaisers verdanke, giebt der Korrespondent der „Morning Post" in Peking. Gelegentlich einer Unterhaltung über die Schuld der verschiedenen hohen Würdenträger soll der Chinese etwa Folgendes gesagt haben: Die Kaiserin-Wittwe ist eine „Außenstehende", welche vor zwei Jahren die Autorität usu-rpirte und des Kaisers Würde zer störte. Sie verhindert jetzt den Kaiser an der Rückkehr und hat die ganze kaiserliche Familie ruinirt. Der Hauptschuldige ist nächst ihr Kang Ui, der ehemalige Cabinetsminister, dem noch nach seinem Tode, der chinesischen Sitte »gemäß, alle Titel und Würden aberkannt werden sollten. Sie sind ihm jedoch belassen worden, und das ist ein Zeichen, daß man seine Haltung gebilligt hat. Die Prinzen Tuan, Lien und Lan sind schwachköpfig, un wissend, eingebildet und anmaßend. Prinz Tuan, als Vater des Thronerben, hat die Zügel der Herrschaft an sich gerissen und den Zusammenstoß mit den fremden Mächten erzwungen. Die abergläubischen Boxer waren fest davon überzeugt, daß er seine Widersacher unschädlich gemacht habe. Seine Bestrafung ist keineswegs ausreichend. Uuhsien, der Gouverneur von Schansie, ist ein verächtlicher Mörder und verdient den Tod. Prinz Chwang ist im Grunde seines Herzens nicht schlecht, aber daß er die Führung der Boxer übernommen hat, verdient Strafe. Unter der ganzen kaiserlichen Familie befinden sich nur drei wohl unterrichtete und befähigte Leute. Die Bestrafung Tung- fuhsiang'S wird allgemein als unzureichend betrachtet, ist aber für den Augenblick das Aeußerste, was durchzusetzen war. Die Anthätigkett Englands tn China. Von halbamtlicher Londoner Seite wird erklärt, das Zögern der britischen Regierung, den Beitritt zu der gemeinsamen Note betreffs Eröffnung der Friedensverhandlungen zu erklären, sei durch vertrauliche Mittheilungen sehr ernster Natur veranlaßt worden. Von verschiedenen Stellen seien Berichte eingelaufen, welche unzweifelhaft feststellen, daß China die Friedensverhand lungen nur dazu benutzen will, um Zeit zu gewinnen. Man versichert deshalb, das britische Cabinet sei in einen noch maligen Meinungsaustausch mit Nordamerika cingetreten, um von der Regierung der Vereinigten Staaten Garantien gegen eine etwaige geheime Begünstigung Chinas zu erlangen. Demnach scheint man in London verhindern zu wollen, daß Rußland noch fernerhin die diplomatische Unterstützung Nordamerikas erhalte. * Berlin, 12. December. Das Obercommando meldet am 11. d. M. aus Peking: Die Taku-Rheve ist eingefroren, der Oberbau der Eisenbahn Uangtsun—Peking srrtiggestellt. Der Krieg in Südafrika. Krüger in Holland. Am Sonntag machte Präsident Krüger im Haag den ersten öffentlichen Kirchgang, seitvem er Südafrika verlassen hat; die Sonderaesandten Fischer, WolmaranS und WesselS gingen zu Fuß, Krüger bediente sich eines Wagens. Auf seine ausdrückliche Bitte batte die Polizei das in dichten Sckaaren vor der Kirche versammelte Publicum ersucht, von jedweder Huldigung abzuseben, was denn auch gesckeben ist. Wie sich denken läßt, bildeten die Persönlichkeit Krü^er's und die Vorgänge in Südafrika den Mittelpunkt der Predigt. Der Besuch Krüger'S in Amsterdam ist nunmehr endgiltig auf den IS. December festgesetzt; auch von Rotterdam ist eine Einladung an ihn ergangen, die Stadt zu besuchen. Die Stellung Rußlands zu dem VerniittlungSansuchcn Krüger'S. AuS dem Haag, 12. December, wird unS berichtet: An gnt unterrichteter Stelle erfahre ich, daß in Paris ein Vertrauensmann des Grafen LambSdorf in besonderer Mission eingetroffen ist, und daß von hier aus ebenfalls ein Vertrauter des Präsidenten Krüger zur Besprechung nach Paris geben wird. Der Zweck der Conferenz sei, im Einverständniß mit der französischen Regierung die Form festzustellen, in welcher Präsident Krüger an den Zaren das Anstichen um Vermittelung stellen soll. Transvaal bezahlt die Kosten. In der gestrigen Sitzung des englischen Unterhauses sprach bei der Berathung des Berichts über die Resolution betreffend die Kriegsanleihe Sir Charles Dille den Wunsch aus, daß die Regierung Schritte thun solle, um ge wisse Activa der Transvaal-Regierung, wie den Antheil der Transvaal-Regierung an der Niederländisch-SUdafri- kanischen Eisenbahn und ihre Grubenrechte, dem Schatzamte zu unterstellen. Schatzkanzler Hicks-Beach erwiderte hierauf, er wünsche den ausgesprochenen Erwartungen gerecht zu werden, daß man einen beträchtlichen Theil der Kriegskosten aus dem Vermögen Transvaals wieder einbringe. Ein Theil der Frage sei durch die zur Prüfung der Con- cessionen in Transvaal eingesetzte Commission gründlich er wogen worden, eine fernere, vorläufige Maßregel sei die Entsendung von Sir David Barbour, einem Manne von der höchsten Erfahrung in Finanzangelegenheiten, nach Transvaal; derselbe solle als Commissar der britischen Regierung einen umfassenden Bericht über den Gegenstand erstatten. Der Bericht über die Resolution betreffend die Kriegsanleihe wird hierauf angenommen; sodann wird die erste Lesung der Kriegsanleihe-Bill beschlossen. „Mildere" Bedingungen. Im weiteren Verlaufe der UnterbauS-Berathung des Be richts über die Nachtragsforderung für daS Heer verlangten Reid und Bryce, daß man den Boeren statt be dingungsloser Uebergabe mildere Bedingungen anbieten solle. Staatssekretär Brodrick verlas einen Auszug aus den Proclamationen deS Lord Roberts und erklärt, die Regierung wünsche daS Ende deS Guerillakrieges. Wenn im Geiste dieser Proclamationen Abmachungen getroffen werden könnten, die den zur Uebergabe anfgesorderten Boeren mehr Vertrauen einflößcn, so würde die Regierung gern die nöthigen Bestimmungen treffen; Vorbedingung hierfür sei aber, daß diese Abmachungen nickt als Beweis von Schwäche auSgelegt würden und dann eine Verlängerung deS Kampfes herbei führen. * Amsterdam, 12. December. Tas „Amtsblatt" bestätigt die von dem „Nier.we Rottcrdamsche Courant" veröffentlichte Meldung, daß der deutsche Consul in Lourenyo Marques mit der Wahrung der dortigen niederländischen Interessen beauf tragt ist. Politische Tagesschau. * Leipzig, 13. December. Es ist eine alte Erfahrung: bei der ersten Lesung des Etats im Reichstage wird am allerwenigsten vom Etat ge sprochen und man müßte Vie Leser eigentlich um Entschuldigung bitten, wenn man ihnen von diesem Brauch oder Nichtbrauck immer wieder erzählt. Aber die Cardinalfrage deS Lebens, daS „uusto vivere?" der Römer, das der Deutsche gelegentlich mit „Woher nehmen und nicht stehlen?" übersetzt, steht gerade hinter dieser EtaiSdebatte, die gestern noch nicht zu Ende ging, als Ge spenst. Die dröbnendeu Redensarten deS Herrn Bebel, die den „großen Kladderadatsch", weil er wegen des Gegensatzes zwischen Unternehmern und Arbeitern trotz der Versicherung dieses Zauberlehrlings nickt kommen wollte, nun als eine unvermeid liche Folge eines ReichSsinanzbankerottS an die Wand malten, er regten natürlich keine Kopfschmerzen. Der alternde Herr braucht einen Popanz und ist in Ermangelung eines anderen auf die Finanzen verfallen, die ihn als den Mann der geld- und schulden losen ZuknnftSstaatSwirthschaft im Grunde gar nichts angehen. Aber — die Geldsorge ist auch von sehr gegenwartsstaat lichen Politikern binter der glänzenden Rednererscheinung des Grafen Bülow erblickt worden und sie wird Wohl so rasch nicht sinken. Die Möglichkeit, daß die Einnahmen deS künftigen Haushaltsjahres hinter dem Ansatz zurück bleiben könnten, ist, wie wir hervorgeboben, von dem nationalliberalen Budgetredner vr. Sattler sehr scharf ins Auge gefaßt worben. Dazu kommt China. Kein Wunder, daß die Frage der Finanzreform wieder auftaucht. Diese ist vor Allem eine Frage der Einzelstaaten, da aber die Glieder des Reiches dieses unter allen Umständen finanziell stützen muffen, weswegen auch daS Reick der einzige Staat der Welt ist, der kein Deficit aufweisen kann, und weil auch für die Glieder die Fabel des Menenius Agrippa Wahrheit ist, so ist die Finanz reform ebenso Reichs- wie Particularangelegenheit. Es ist nickt hoffnungsreich, wenn ein Blatt sagt: „Die Einzelstaaten btfindcn sich noch (!) in recht guter finanzieller Lage." Dabei ist dieses Blatt ein Berliner, also ein preußisches, und Preußen ist vermöge seiner Eisenbahnüberschüsse, die nicht sobald ganz versiegen werden, unter allen Bundesstaaten am besten daran. Freilich wird in demselben Blatte ziffernmäßig zu» treffend bemerkt, daß der ReickSetat von 1001 die Einzel- st raten noch um 13 Millionen Mark günstiger stelle als der linsende Etat. Aber ehrlicher Weise wirv hinzugefügt, daß diese Rechnung nur stimme, weil China sein eigenes Conto erhalten habe. Aber trotz der 13 Millionen nnd ungeachtet CbinaS wird unverkennbar über die Schwelle einer Zeitperiode geschritten, die eine Finanz reform mit sich bringen muß. Wir haben einer solchen schon früher das Wort geredet, werden nun aber von der Richtigkeit deS Satzes überfübrt, daß bei der menschlichen Schwäche eine ordentliche Finanzreform — schlechte Finanzen zur Voraussetzung hat. Wir sind sogar soweit bekehrt, daß wir eine gehörige Negulirung des Verhältnisses der Reichs- und Einzelstaatswirtbsckast auch noch nicht einmal für daS nächste Jahr erwarten, sondern erst, wenn die Wasser bis zum Halse gestiegen sind, was auch rh ie China nickt ausbleiben würde. Diese Gewißheit im Auge, muß ein Finanzreformfreund es als Trost empfinden, Wenn selbst ein Freisinniger nicht mit den» Zugeständnisse zurückhält: „Unsere Steuerkraft ist noch lange nicht er schöpft!" Dieses gestern erklärt zu haben, ist ein Verdienst deS Abg. Rickert. — Nachdem wir dies, weil nun einmal der Etat zur Berathung steht, vorauSgeschickt, dürfen wir zur gestrigen Sitzung feststellen, daß der Abg. vr. Hasse die Revision im Processe Bülow contra Krüger betrieben und mit so vollem Erfolg erwirkt bat, daß heute alle Berliner, Kölner und sonstigen Officiösen über den Leipziger Ab geordneten — witzeln werden. Darüber aber wirb sich Herr vr. Hasse zu trösten wissen; ist er doch abgehärtet, nachdem man ibn zwei Tage lang in der im Schlepptau der Officiösen schwimmenden Presse, weil er nicht geredet — bekannt lich befand sich Herr Haffe in Holland — in der geschmack losesten Weise verspottet hat. Um in geflissentlicher Kürze — denn wenn nicht Alles täuscht, ist die Krüger-Nichtempfangs- Affäre noch nicht „aus" — die Ausführungen deS Vertreters von Leipzig zu berühren, so stellen wir fest, daß er den Protest herauSforeerte mit der seinerseits versuchten Fest stellung: „Ich befinde mich in Uebereinstimmung mit fast allen Rednern dieses HauseS." DaS gilt vielleicht von dem Urtheile, aber ganz und gar nicht von der Tonart. Diese war bei Herrn Di-. Haffe eine andere als bei allen vorausgegangenen Kritikern der Krüger-Angelegenheit und trotz einer vorher nicht von Jedermann beobachteten Rübe eine frischere. Der Ton aber ist eS, der in einem Falle dieser Art die Musik macht, und so glauben wir Herrn vr. Hasse dabin berichtigen zu dürfen, daß er sich zwar nicht in Ueber- einstimmunz mit den meisten Rednern „dieseSHauseS" befindet, dafür aber, so weit wir eS zu beurtheilen vermögen, begleitet ist von dem Beifall der großen Mehrheit des deutschen Volkes, „von dem getragen" er nach seinem Berichte den Präsidenten Krüger im Haag begrüßt bat — mit vollster Legitimation, w.e die gestrige Rede nochmals darthat. Sein Erfolg beim Grafen Bülow bestand darin, daß ersichtlich nicht dem ganzen Hause, aber jedem nicht voreingenommenen Leser des Sitzungsberichtes — vollständig klar wurde, der Herr Reichs kanzler wolle oder könne über die letzten Gründe deS Richtempfangs Krüger'S keinen vollen Aufschluß geben. Er theilte mit, wie Krüger abqcwinkt worden ist, rücksichtsvoll und höflich; zweimal sogar, weil die erste Abweisung nichts fruchtete; er versicherte, daß Rücksichten auf England für die Abweisung nicht maßgebend gewesen seien, und bestritt überhaupt auf das Nachdrücklichste, daß verwandtschaftliche Rücksichten des Trägers der Krone aus die deutsche Politik von Einfluß seien. DaS zu hören, war sehr erfreulich; aber nachdem man dies erfahren und zugleich gehört, welchen Werth Krüger auf einen Empfang in Berlin gelegt, forscht man — außerhalb des hohen Hauses — um so befremdeter nach dem Grunde, welche Rücksichten auf Deutschland selbst die Abweisung de- schwer geprüften Mannes und den kalten Wasserstrahl auf die warmen, vom berechtigtsten Mitgefühl erfüllten deutschen Herzen nöthig machten. Daß man sich vom alten Krüger oder den Veran lassern seiner angeblichen Sinnesänderung nicht habe „über rumpeln" lassen dürfen, konnte doch kaum ernst gemeint sein. Eine politische Ueberrumpelung hat doch eia Bülow bei einer Unterredung mit Krüger nicht zu besorgen und würde eS mit Reckt gewaltig übelnehmen, wenn man lbm von anderer Seite unterstellen wollte, er hätte sich vor der UeberredungSgabe Krüger'S gefürchtet. Und daß man eine lediglich persönliche „Ueberrumpelung" hätte abwehren und auf Krüger'S Drängen mit einem „Nun gerade nicht" batte antworten müsien, wird Herr v. Bülow doch auch nickt im Ernste behaupten wollen. Warum gerade der Passus seiner Rede über die „Ueberrumpelung" so stürmisch begrüßt wurde, geht über unfern Horizont. Nock befremdender aber FaniHeton. UI Lucie. Original-Roman von Ferd. Gruner. Nachdruck «erboten. ES War gegen I9 Uhr, als Lucie, geleitet von Frau vr- Bollant, im Salon erschien, in welchen fast gleichzeitig der Bräutigam eintrat. Sie war herrlich schön in dem weißen, keuschen Kleide, mit den Myrtenzweigen im dichten Haar, die hohe Stirn mit einem leuchtenden Diadem geschmückt, in dem langen, wallenden Schleier, der von ihrem Haupte über den Rücken bis zum Boden floß und ihr etwas Hoheitsvolles verlieh. Ein feuchter Schimmer lag noch um ihre ein wenig gerötheten Wangen, als sie auf vr. Bollant zutrat und ihm die schmale, weiße Hand reichte. Sie bebte ein wenig, als der greise Arzt, sich tief über sie beugend, einen ehrfurchtsvollen Kuß auf ihre Fingerspitzen drückte. Uebrr das schöne, bleiche Gesicht flog eine kleine Blutwelle, als nun auch ihr Bräutigam sich näherte und sie auf die Wange küßte. Die hagere, hohe, ein wenig vorgebeugte Gestalt des Herrn von Eichentreu machte in dem tadellosen Anzuge einen guten Eindruck. Aber er war fast bleicher als seine Braut und un zählige Male zwirbelte er nervös an dem schon leicht ergrauten Schnurrbärtchen. Sie unterhielt sich freundlich einige Minuten lang mit ihm, bis der alte Johann, der die mit breiten Silberborden gezierte Gala-LivrSe angelegt hatte, die Thür öffnete und mit etwas rauher Stimme meldete, daß die Zeit zur Abfahrt nach der Kirche dränge. Lucie bebte unmerklich zusammen, aber schon trat die alte Frau des Arztes, der immer die Thronen in den Augen standen, auf sie zu und strich ihr kosend über die Hände. „Muth, liebes Fräulein." Und mit leichtem, elastischem Schritte ging die Braut an Vr. Bollant'» Arme zum Wogen. Böllerschüsse donnerten in diesem Augenblicke vom Brett grunde herüber, daß die Pferde unruhig wurden. „Vorwärts", rief etwas ungeduldig Eichentreu den Kutschern zu, und fort rollten die Wagen, hinunter zur Dorfkirche. Eine Viertelstunde später legte «in Priestergrei» di« Hände der Beiden in einander und flehte den Segen des Himmels herab auf diesen Bund. . . . Mit heißen, brennenden Augen kniete die junge Frau neben ihrem Gatten auf dem Betstühle, als längst der schmale, schlichte Goldreif an ihrem Finger stak. Aber sofort erhob sie sich, als er mit freundlichem Worte sie zum Gehen mahnte. Die Sonne hatte die Nebel zertheilt und eine breite Licht welle lag auf dem Schlöffe, als die Wagen wieder einfuhren in den Hof Lächelnd nahm die junge Frau die Glückwünsche der Diener schaft entgegen. Für Alle hatte sie ein freundliches Wort, nur als der alte Johann herantrat und seinen weißen Kopf demüthig vor ihr neigte, wölbten ihre Lippen sich strenge: „Wer hatte das Schießen anbefohlen?" „Ich, gnädige Frau." „Du wußtest, daß ich das nicht wünschte. Gehorche rin ander Mal!" Der Diener schwieg. Aber etwas wie Trotz lag um seine eingefallenen Mundwinkel. Das Diner, welches folgte, war klein, aber exquisit. Anfangs zwar etwas frostig, wurde die Stimmung dank den vorzüglichen Weinen allmählich eine ungezwungenere. Lucie vor Allem war die taktvollste, liebenswürdigste Wirthin. Wie freundlich sie zu lächeln verstand, wie köstlich sie plauderte. vr. Bollant warf seiner Frau im Geheimen ein Paar Mal verwunderte Blicke zu. Sie schien so unbefangen, als wenn nie ein Schmerz ihr Dasein getrübt. Das Helle Roth, das in ihren Wangen flammte, stach merkwürdig von der wächsernen Bläffe, die ihr Gesicht in der letzten Zeit meist zeigte, ab. Hatte nicht der greise Dorfpfarrer Recht, der durch das köstliche Reben blut in eine etwas rührselige Stimmung gekommen, von dem jungen Glücke sprach, das unter dem gastlichen Dache nun herrschen werde? Es war wohl nur rin tückischer Zufall, daß aus ihrem Kelchglose der funkelnde Wein auf das weiße Linnen floß, als der Pater ein wenig zitternd ihr das seine bot, damit im Hellen Zusammentlang der schwungvolle Wunsch zur Wahr heit werde. . . . Eichentreu war in sehr guter Laune. Er trank viel, sprach ober eigentlich nur wenig. Seine Frau umgab er mit der zartesten Aufmerksamkeit, und wenn sie ihm dankend zunickte, blitzten die tiefliegenden, furchenumzogenen Augen vergnügt. vr. Bollant und seine Frau brachen zuerst auf, denn der pflichttreue Arzt wollte die Schwerkranken, die seiner warteten, trotz des Festtage» besuchen. Er ließ sich davon auch durch die dringenden Bitten Lucie's, zu bleiben, nicht abhalten. Die junge Frau begleitete die beiden Men bis zum Wagen. „Und, daß Sie, Herr Doctor, sich nicht gar so selten bei uns machen", sagte sie beim Abschied. „O", lächelte er, „junge Ehepaare sehen gewöhnlich Dritte und Vierte nicht gerne." Lucie schwieg. Es schien, als ob ein leiser Schauer durch ihre Glieder ginge. „Trotzdem, trotzdem, Herr Doctor, ich bitte!" sagte sie dann ein wenig hastig. „Gerne, gnädige Frau, wenn wir nicht stören." „O, gar nicht." — Dann trat sie zurück in das Portal. Ihr Gesicht war bleich, aber bald richtete sie die zusammengesunkene Gestalt auf und lächelnd kehrte sie zu der Gesellschaft zurück. „Ich muß gestehen", wandte sich der Arzt an seine Frau, während die Gäule hurtig dahintrabten, „daß ich diese Heirath heute ebensowenig begreife, als damals, als mir Lucie die erste Mittheilung darüber machte." „Nun, zu verstehen ist sie schon", war die Antwort, „Lucie ist ein junges Mädchen und braucht, wie resolut sie auch sonst ist, Jemanden, der das Gut in Ordnung hält. So viele Lasten kann nun einmal ein junges Mädchen nicht allein auf seine Schultern nehmen. Dazu ist die Mutter nicht normal und Max lebenslänglich eingekerkert. Ich finde, eine Heirath war da schließlich der einzige AuSweg." vr. Bollant schüttelte den Kopf. „Was Du da sagst, Anna, betreffs des Heirathens, mag ja richtig sein. Aber gerade diese Heirath, das heißt nämlich dieser Bräutigam, das macht mich kopfscheu. Ich kann Dir nur wiederholen, daß Lucie ihren jetzigen Gatten nie vertragen mochte, so lange ihr Vater noch lebte. Das weiß ebensogut jeder Andere, der nur einmal zu jener Zeit auf dem Gute verkehrte." „Das ist ja wirklich etwas verblüffend, aber schließlich, Du, Alterchen, die Mädchen ändern ja über ihre Freier öfters die An schauungen. UebrigcnS muß sie ja am Besten wissen, was sie thut", schloß Frau Doctor mit echt weiblicher Logik. „Bezweifeln kann man das zwar, besonders wenn man darüber nachdenkt, daß sie vor einem Jahre den unglücklichen Bildhauer, wie Ihr sagt, nur alein zu lieben schien. M kineru: Man wird ja sehen, wie diese Heirath ausschlägt", be endigte der Doctor dos Gespräch und zündete sich eine Cigarre an. Siebentes Lapitel. Die drei Herren, welche schließlich allein an der Tafel zurück blieben, der Bräutigam, der Pfarrer und Herr Gerson, tranken einander fröhlich zu, so daß ihre Stimmen allmählich stockender wurden. Gegen zehn Uhr erst endete das Diner.- 'Der alte Johann brachte den etwas unsicher gewordenen Priester mit einem Wagen nach dem Pfarrhause, während Eichentreu Arm in Arm mit seinem Verwandten die angewiesenen Zimmer im Schloff« auf suchte. Da die Ausstattung jener Räume, welch« für daS junge Ehepaar bestimmt waren, noch nicht ganz vollendet worden, bezog Eichentreu sein bisheriges Gastzimmer, während Lucie in ihrem Mädchenzimmer wohnte. Gluthübergoffen, mit einem leisen Schauer, fühlte die junge Frau den heißen Kuß des Gatten. Sein schwerer, von Wein dunst erfüllter Athem strich unangenehm um ihre Wangen. Ein unfreundliches Lächeln kräuselte ihren Mund, als sie ihm nach sah, wie er mit polternden, unbeholfenen Schritten die Stiegen hinaufsiolperte und sich vergeblich bemühte, aufrecht zu gehen, während seine mageren Hände immer wieder das Geländer suchten. Und als sic dann allein war in ihrem stillen Zimmer, das ringsum angefüllt war mit den köstlichsten Erinnerungen der Jugend, der Mädchenjahre, da lief wiederum ein starte- Beben durch ihren jungen Körper. Das Roth der Wangen erlosch, aus einem bleichen, leidenden Gesichte glühten die großen Augen. Der Mund öffnete sich zu einem Schrei, der in ein Schluchzen ausklang, das aus dem Herzen kam, aus einem tapferen, muthigen Herzen, das nur in der stillen Einsamkeit, in nächtlicher Zeit sich einzugestehen wagt, daß es leidet. Den Kopf in die Hände gepreßt, weinte sie. Ein brennendes Weinen, welches keine Linderung schafft. Denn was sie in langen Nächten beschlossen, da» sollte sie erst ausführen; die furchtbaren Martern begannen erst. Al» sie endlich den Kopf erhob und aufsah, blickte sie in die treuen warmen Augen des Vaters, der von Meisterhand im Bilde verewigt an der gegenüberliegenden Wand hing. Das leichte Lächeln um die stark gewölbten kraftvollen Lippen erschütterte sie. So hatte sie ihn immer gekannt, einen ernsten, aber milden Mann; ein klarer, goldener Charakter. Dazu ein Vater, den man anbeten mußte. Dann sah sie ein anderes Bild — einen leblosen blutbefleckten Körper, ein erdgraues Gesicht mit erloschenen Augen, die Hand auf die Brust gepreßt, vom Herzblut gerothet. Brennend stieg es in ihrer Kehle auf, hämmerte e» tn ihrem Kopfe. Ein drohendes Feuer lag in den Augen. Und langsam füllten sich die Wangen mit Blut. „Ich will Dir eine Rächerin sein, ja, Vater, ich werd' e» sein! Wenn nur die Kraft nicht vrrsagt, ich werde den Mörder finden!" Da löste sich ein Myrtenzweiglein, da» sich noch unter den
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