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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 16.11.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-11-16
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19001116017
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900111601
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900111601
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-11
- Tag 1900-11-16
-
Monat
1900-11
-
Jahr
1900
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Htttisvlatt des Äöniglichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, -es Rathes und Notizei-Ärntes der Stadt Leipzig. Freitag den 16. November 1900. Anzeigen.Preis die 6gespaltene Petitzeile 25 H. Reklamen unter dem RedactionSstrich («gespalten) 75 H, vor den Familirnnach- richten (6 gespalten) 5V L,. Tabellarischer und Ziffernsatz entsprechend höher. — Gebühren für Nachweisungen und Offertenannahme 25 H (excl. Porto). Grtra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-AuSgabe, ohne Postbesörderung .se 60.—, mit Postbesörderung 70.—, Ännahmeschluß für Anzeigen: Abend-AuSgabe: Bormittag« 10 Uhr. Morgen-Au-gab«: NachmUtag« « Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stet« an di« Expedition zu richten. Die Expedition ist Wochentag« ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abend« 7 Uhr. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. 84. Jahrgang. Deutschland und Frankreich in China. SS Ein englisches Blatt hatte dieser Tage die Tendenznachricht gebracht, es habe sich gegen das deutsch-englische Abkommen eine Art Vierbund gebildet, bestehend aus den beiden Zweibundstaaten, den Vereinigten Staaten von Amerika und Japan. Da bei den chinesischen Wirren außer den sechs europäischen Großmächten noch Amerika und Japan betheiligt sind, so ist ja freilich für einen phantasiebegabten Politiker eine so gute Gelegenheit gegeben, Machtconstellationen zu combiniren, wie sie sich in absehbarer Zeit so leicht nicht finden dürfte. Selbstverständlich ist die phantastische Erfindung des englischen Blattes sehr schnell demen- tirt worden. Das gründliche Dementi — wenn auch diese officielle Ver öffentlichung keineswegs in der Absicht erfolgt ist, Zeitungsenten abzuschlachten, — hat der englischen Lügenmeldung das gleich zeitig erschienene französische Gelbbuch entgegengesetzt, wenigstens, soweit Frankreich bei der betreffenden Meldung in Frage kommen kann. Dieses Gelbbuch beweist nämlich eine sehr erfreuliche Uebereinstimmung zwischen der Leitung der auswär tigen Politik Deutschlands und Frankreichs in der chinesischen Frage. An zwei Stellen der officiellen Verlautbarung tritt dies besonders hervor: einmal, daß, wie der französische Botschafter in Berlin seiner Regierung berichtet, Graf Bülow in der ersten Hälfte des Octobers sich mit der bekannten Note Delcassö's ein verstanden erklärt, und zweitens, daß Delcasss seinerseits sich Ende October mit dem deutsch-englischen Abkommen einver standen erklärt. Thatsächlich befand sich Delcassö mit seiner Note, wenn auch nicht in allen ihren Punkten, so doch in der Hauptsache, daß er nämlich eine energische Sühne für die be gangenen Misiethaten verlangte — viel mehr im Einklänge mit Deutschland, als mit dem verbündeten Rußland, das ja in der Chinafrage überhaupt in mehreren Hinsichten Wege gewandelt ist, die der öffentlichen Meinung in Frankreich wenig zugesagt haben. Zwischen Deutschland und Frankreich aber bestand von vornherein in allen wesentlichen Fragen eine Uebereinstimmung, und ebenso hat bis jetzt im Gebiete der Wirren selbst zwischen den deutschen und den französischen Truppen ein durchaus be friedigendes kameradschaftliches Verhältnis bestanden. Selbst wenn aber da? sachliche Einverständniß Frankreichs mit dem Vorgehen Deutschlands nicht in dem Maße vorhanden gewesen wäre, wie es thatsächlich vorhanden ist, hätte Frankreich dennoch gerade jetzt Gründe genug, Jntriguen gegen Deutschland und Constellationen, die zu Reibungen mit Deutschland führen könnten, zu vermeiden. Da ist zunächst ein Grund auf dem Gebiete der inneren Politik: die unglaubliche Zerfahrenheit, die gleich bei dem Beginne der parlamentarischen Tagung hervorgetreten ist, und die ganz ehrlich von den fran zösischen Blättern aller Parteirichtungen zugegeben wird. Die Kammersihung vom letzten Donnerstag hat gezeigt, daß das Damoklesschwert über dem französischen Ministerium schwebt, und ein Ministerium, das heute nicht weiß, ob es morgen noch bestehen wird, würde leichtfertiger, als eS selbst bei französischen Ministerien der Brauch ist, handeln, wenn cs sich in unabsehbare Abenteuer und Jntriguen einließe. So kann es schon aus Gründen der inneren Politik für Frankreich nur erwünscht sein, wenn das chinesische Geschäft sich so rasch und glatt, als möglich abwickelt, was durch Quertreibereien zwischen den Mächten wahr lich nicht gefördert werden könnte. Neben diesem Grunde der inneren Politik besteht noch ein anderer, der auf dem Gebiete der äußeren liegt. Die car li st ischen Unruhen der letzten Wochen haben wieder einmal dargethan, daß es in Spanien jeden Augenblick drunter und drüber gehen kann. Je schwächer aber Spanien ist, desto weniger ist es in der Lage, den Rest seines colonialen Besitzes dauernd festzuhalten, und desto eher ist es dann möglich, daß es auch die von ihm beseht gehaltenen Puncte an der marokkanischen Küste aufgeben muß! Fällt die Rivalität Spaniens weg, so wird die Absicht Frankreichs, sich Marokkos zu bemächtigen, der Verwirk lichung immer näher gebracht, wenn auch freilich England immer noch ein energisches Wörtchen dazwischen reden würde. In jedem Falle ist die Frage der Consolidirung des französischen Besitz standes in Nord- und Nordwestafrika für Frankreich unvergleich lich bedeutsamer, als die chinesische Frage. Und deshalb wird Frankreich sich wohl hüten, in einem Augenblicke, wo die Mög lichkeit der Durchführung längst gehegter Pläne in Nordafrika nähergerückt erscheint, in China Zettelungen anzustellen, die doch vielleicht seine Kräfte mehr, als erwünscht, in Anspruch nehmen könnten. Die Wirren in China. Tic Haltnng -er Vereinigten Staaten. Den „Times" wird auS New Dork telegraphirt: Wa be, der Politik Mac Kinleh'S berauSgekommen ist, ist, vaß China und Europa überzeugt sind, in der zwischen China und der Christenheit schwebenden Frage ständen die Ver einigten Staaten auf Seiten Chinas oder stellten sich doch wenigstens abseits vom europäischen Concert. Die gegenwärtige Hartnäckigkeit CbinaS ist vielleicht zum Theil darauf zurückrufübre», daß China überzeugt ist, eS hätten sich die Vereinigten Staaten von dem cinmütbigen CivilisationSwerke losgelöst. Daß die amerikanische Regierung für den Frieden um jeden Preis wäre, ist nicht anzunebmen, aber die Opfer für die Interessen der Christenheit, die sie im Interesse China« oder der Vereinigten Staaten zu bringen bereit schien, sind zahlreich und groß gewesen. Sie hat die Sympathie der Chinesen gewonnen; daß sie auch die Europa- gewonnen hat, kann sie kaum erwarten. Dem scheint folgende Meldung zu widersprechen: * New Uork, 1b. November. (Telegramm.) Aus Peking wird unter dem 12. November berichtet: Heute hatten die Ge sandten eine längere Conferenz, nach deren Beendigung all- gemein Genugthuung über die Fortschritt« ousgedrückt wurde, die im Interesse der radgiltigrn Regelung der Frage gemacht worden seien. Ueber die meisten Rebensragen sind, wie verlautet, Bestimmungen getroffen, über verschiedene wesent liche Puncte ist ein Einvernehmen erzielt worden. Ja der Versammlung trat zu Tage, daß über die wichtigen Punkte weniger Meinungsverschiedenheiten bestehen, als erwartet worden war, was größtenthril» auf di« eudgiltigeu In ¬ structionen zurückzuführea ist, die die Gesandten von ihren Regie rungen erhallen haben. Der amerikanische Gesandte Conger glaubt, di« Vorschläge würden früher zur Unterbreitung an die chinesische Regierung fertig werden, al« man gehofft habe. Morgen wird wieder eine Zusammenkunft der Gesandten stattfinden. Auch officio- wird in Washington versichert, daß die Ver einigten Staaten bereit seien, mitzuthun. So ist dem „Rculcr- schcn Bureau" zufolge auf eine Anfrage an zuständiger Stelle folgende Erklärung abgegeben worden: Die Erörterungen der Londoner P resse über dieHaltunz der Vereinigten Staaten bei den schwebenden Verhandlungen in China beruhen auf einen vollständigem Mißverständnisse. ES liegt der Negierung so fern, dem Einvernehmen der Mächte in Peking Hindernisse in den Weg zu legen, daß der Gesandte Conger wiederholt dringend angewiesen worden ist, alles nur Mögliche zu thun, um eine baldige Verständigung zu Wege zu bringen. Tie Negierung der Vereinigten Staaten hat nicht an der Expedition nach Paolingfu Theil genommen, sie hat aber keinen Einspruch dagegen erhoben und Hal auch anderen Mächten gegenüber nicht ihre Meinung über die Zweck mäßigkeit der Expedition zum AuSdrucke gebracht. Die Regierung der Vereinigten Staaten befindet sich im Einver ständnisse mit den Mächten hinsichtlich der Forderung einer entsprechenden ernsten Bestrafung der Hauptübelthäler und auch hinsichtlich der Sicherheit für die Zukunft, sie traut es sich jedoch auf die weite Entfernung nicht zu, zu entscheiden, wer am schuldigsten ist, welche Strafe in zedem besonderen Falle verhängt werden muß, und die Execution welcher Urtheile im Bereiche der Möglichkeit liegt. Tiefe Fragen, ebenso wie die Entschädigungsfrage sind den Unterhändlern überlassen. Man kann ohne Weiteres aunehmen, Laß diese keine Genugthuung, weder persönlicher, noch pecuniärer Natur, beanspruchen werden, die zu leisten Cbina nicht die Macht hat. Alle Bedenken zerstreut diese Erklärung nicht; c« klingt deutlich au« ihr daS Bestrebe» heraus, die chinesische Re gierung und den Hof zu schonen, und so bleibt die Haltung der Vereinigten Staaten, deren Urtheil über daS, was in der Macht China« steht, von dem der übrigen Mächte nicht unerheblich adweichen dürfte, nach wie vor zweifelhaft. Weitere Nachrichten. k. Shanghai, 15. November. (Privattelegramm.) Seit acht Tagen fehlt jegliche Nachricht über den Verbleib des deutschen Kabeldampfers „Pvdbielski". Derselbe ist am 8. von hier nach Hongkong in See gegangen, um Erkundigungen über den Verbleib eine- Dampfer« eiuznholrn. Der „Seeadler" ist auf die Suche ausgejchickt worden. * London, 1b. November. (Telegramm.) „Standard" be- richtet aus Tientsin unter dem 12. November: Der Taotai Schenz, der chinesische Generaldirektor der Eisenbahnen und Tele graphen, hat von Shanghai eine große Anzahl Arbeiter mit aus reichendem Material abgesandt, um den telegraphischen Dienst von Peking auS wieder aufzunehmen. * Bcrli«, 15. November. (Telegramm.) Der Dampfer „Prinz Heinrich" ist mit dem Fähnrichstransport für Las Kreuzer geschwader am 14. November in Aden angekommen und an dem selben Tage nach Colombo weiter gegangen. Der Panzer „Kur fürst Friedrich Wilhelm" ist am 15. November von Shanghai nach Nanking abgegangen. Der Panzer „Hrla" geht am 17. November von Wusung nach Chinkiang, und der Kreuzer „Schwalbt" am 17. November von Chinkiang nach Wuhu ab. (Wdrhlt.) Berichte der deutsche» Gesandtschaft in Peking über die Ermordung u. Äetteler's. (Schluß.) Der Dolmetscher Cordes berichtet weiter: Von den unsere Sänften begleitenden Chinesen ist, wie der Vor retter Liu mir nachträglich erzählte, außer einem Sänften träger, der von einer Kugel wohl zufällig an der Schulter ge streift wurde, Niemand verletzt. Der hinter den Sänften befind liche Reitknecht Chou ist nach der Gesandtschaft zurückgekommen, und der Vorreiter Liu ist nach dem Tsung li Damen geritten und hat dort von der Mordthat Meldung erstattet. Er hat auf dem Damen «inen ihm von Gesicht bekannten Abtheilungsvirecto: (Sekretär) gesprochen, dessen Namen er nicht wußte. Ein Prinz oder Minister ist nach Liu's glaubhaften AngabenumdiefürunserenBesuchfestgesetzte Zeit nichtaufdemDamen gewesen. Liu ist von einem Beamten dis Damen nach der Gesandt schaft zurückgeleitet worden. An der Stelle, wo Herr v. Kettcler ermordet wurde, hat «ine zerfetzte Sänfte noch auf der Straße gestanden. Von der Leiche ist nichts zu sehen gewesen. Auf die Frage deS den Liu begleitenden chinesischen Beamten nach dem Verbleib« der Leiche haben die Leut« auf die der Tsung-pu- Hutung gegenüber bei der Polizeistation in die Hatamen-Straße mündende Quergasse gezeigt. Dort hinein sei die Leiche ge schleppt worden. Ich bin der Meinung, daß der Kaiserliche Gesandte Herr Freiherr von K«tteler von der Kugel des Bannersoldaten durch den Kopf geschossen, sofort lautlos todtauf seinem Sitz« zusammengesunken ist. Ob Herr v. Ketteler eine Schußwaffe bei sich führte, kann ich mit Sicherheit nicht an geben. Er pflegte auf Gängen außerhalb der Gesandtschaft einen kleinen Revolver am Riem«n über die Schulter gehängt zu tragen. Auf dem verhängnißvollen Gange habe ich den Re volver nicht gesehen. Herr v. Ketteler kann ihn aber untergeschnallt getragen oder in die Sänfte gelegt haben. Jeden falls weiß ich jedoch mit doller Bestimmtheit, daß der erste Schuß, welcher fiel, von dem Bann«rsoldaten gegen den Kopf des unglücklichen G«sandten gefeuert wurde, und daß weder Herr v. Ketteler, noch ich, noch irgend Jemand von unseren Leuten überhaupt geschossen ha». Daß durch Mitnahme der bewaffneten Escorte von 1 Unter- officier und 4 Mann unseres Detachements der Gesandtenmord hätte verhindert werden können, halte ich für unwahrscheinlich, glaube vielmehr, daß dadurch nur weitere fünf sür die Brr- theivigung der Stellung in Peking höchst werthvolle Leben ver loren gewesen wären. Ein unmittelbar nach dem Attentat von einer Officiers-Patrouill« unseres Detachements nach der Hatamen-Straße gemachter Vorstoß ist mit einem aus der Rich tung der Mordstelle kommenden starken Gewehrfeuer empfangen worden, so daß er aufgegeben werden mußte, lieber die Einzel heiten des Vorstoßes bin ich nicht unterrichtet. Ich halte die ruchlose Blutthat für einen sorgfältig vorbereitete.» Racheact eines oder mehrerer hoch stehender Vertreter der chinesischen Regie rung, die Herr v. Ketteler in seiner offenen, männlichen Art des doppelten Spieles und der Collusion mit den Faustleuten in letzter Zeit wiederholt und zum Theil ins Gesicht beschuldigt hatte. Dies waren hauptsächlich: Kang-yi, Dung-lu, Prinz Tuan.CH'ung- li,Herzog L an,Ding-nie n, T'ung-fu-hs lang und Ander«. Ich 'werde in dem oben angegebenen allgemeinen Eindruck bestärkt durch folgende Jndicien: 1) DaS Damen wußte durch die Note vom 19. Abends, daß der Gesandt« am 20. um 9 Uhr Morgens kommen würde, um die beiden Prinzen zu sprechen. Nach des Reitknechts Angaben war aber um die Zeit weder «in Prinz noch irgend einer der Minister auf dem Damen. Warum hatte man nicht abgeschrieben oder wenigstens einen reitenden Boten mit der Absage geschickt, wie das unter ähnlichen Umständen stets geschah? — Man hat dies unterlassen, um den Gesandten in den Hinterhalt zu locken. 2) Die Leute, welche die Mordthat ausführten, waren nicht etwa Marodeure oder Angehörige der gewaltthätigen, wegen ihres Fremdenhasses und der Freundschaft zu den Faustleuten bekannten irregulären Corps, sondern in voller Uniform befind- I liche, augenscheinlich mandschurische Bannertruppen. 3) Dieses Executions-Commando hatte unmittelbar neben einer Polizeistation Stellung genommen, welche dem Polizei- Präsidenten Ch'ung-li (s. obige Namen) unterstand. Die deutsche Gesandtschaft besaß gewisse für Ch'ung-li und andere Beamte des Polizei-Präsidiums com promi ttirende Schrift stücke. Dieselben stammten aus einem von unseren Soldaten ausgenommenen Neste der Faustleutc, und es ging aus den Papieren hervor, daß Ch'ung-li u. s. w. in Verbindung mit der Secte standen. Die Mordgesellen müssen sich, um die Ankunft des Gesandten abzuwarten, in und bei der Polizeistation aufgehaltsn haben. Sobald die Sänften in Sicht kamen, haben die Mannschaften der Polizeistation, denen unser Vorreiter — ich bin von dec Station aus bei jedem Vorüberkommen stets sichtlich beobachtet worden — läng st genau bekannt war, uns als „Deutsche Ge sandtschaft" identificirt und die Henkersknechte haben sich an de: Station mit aller Muße ausgestellt. Sie müssen die Gewehre schußbereit auf der uns abgewandten (linken) Seite gehalten uno lautlos in Anschlag gebracht haben, bis wir heran waren. —- Die Aufstellung des Kommandos war so, daß die Sänfte des Ge sandten bereits bei dem äußer st en Po st en derselben angekommen war, als der verhängnißvolle erste Schuß fiel. Durch diese Aufstellung wurde uns ein Entkommen nach rückwärts unmöglich gemacht. 4) Es war auf den Kaiserlichen Gesandten, nicht auf einen Fremdenmord überhaupt abgesehen; sonst hätte man nicht mich, wenn auch aus mehreren Wunden stark blutend, ent rinnen lassen. Mit Gewehren bewaffnete Soldaten, die mich noch weiter hätten verfolgen können und die mich unter anderen Umständen gewiß auch noch weiter verfolgt hätten, um mir den Garaus zu machen, waren genug vorhanden. Aber der Auf trag lautete auf den Kopf des Gesandten. Der Auftrag war erledigt und die Leiche des Ministers hatte für die Schurken mehr Interesse als mein« Person. 5) Der Ueberfall ist nicht von den Faustleuten aus gegangen, denn eine unter dem Einflüsse der Secte stehende Sol dateska würde auch die chinesischen Gefolgsleute der Fremden nicht haben entrinnen lassen. Es ist aber von unseren 11 Leuten nur Einer, und zwar offenbar zufällig, durch einen Streifschuß verletzt worden. Den Reitknecht Liu sah ich, als ich die Ecke der Shih Tajen Hutung nahezu erreicht hatte, auf dem Pferde in geringer Entfernung vor den Sänften hallen und rückwärts schauen.*) Man hat den uns begleitenden Chinesen kein Leid anthun wollen. Das widerspricht strikt den Gepflogenheiten der Faustleute, deren Wuth sich gleichmäßig gegen Fremde, Christen und alle solche Chinesen richtet, welche „der Fremden Reis essen". Obige Angaben sind an beiden auf das Attentat folgenden Tagen zunächst in Form von Bleistiftnotizen im Hospital niedergeschrieben, und sobald ich im Bette aufsitzen konnte, mit Tinte zu Papier gebracht. Peking, Britische Gesandtschaft, den 4. Jul! 1900. gez. Heinrich Cordes. Bericht des GesandtschaftSrcitkncchtS Liu-yn-cht-üg. Bor dem unterzeichneten Dolmetscher bei der Kaiserlichen Gesandtschaft erscheint der Gesandtschafts-Reitknecht Liu-yu- cheüg und giebt, über seine Kenntniß von dem Ueberfall auf den kaiserlichen Gesandten Freiherrn von Ketteler vernommen, folgende in Uebersetzung wievergegebene Erklärung ab: Gestern (21. August) Vormittag gegen 9 Uhr, als der Herr Gesandte sich mit dem Dolmetscher Cordes auf das Tsung li Damen begab, ritt ich, wie gewöhnlich, den Sänften vorauf. Als wir auf der Hatamenstraße bis vor den Eingang der Tsungpu-H'tung (Gasse) gekommen waren, fielen von der linken Seit« der Straße, wo sich eine Polizeiwache befindet, plötzlich Schüsse, uno einige chinesische Soldaten drangen, mit Gewehren bewaffnet, auf die Sänften ein. Die Sänftenträger, wohl durch das Schießen erschreckt, ließen die Sänften niederfallen. Ich sah noch, als ich mich umdrehte, wie der Herr Gesandte in die Sänfte zurückgesunken regungslos dalag, und wie der Dol metscher Cordes, anscheinend verwundet, davoneilte, so schnell ich konnte, ritt ich darauf zum Tsung li Damen, wo nur ein Sekre tär anwesend war. Diesem erstattete ich Anzeige von dem Vor *) Von dieser Stellung aus hat Liu in die Sänfte des Ge sandten hincinsehen können. Herr von Ketteler hat nach seiner nachträglichen Angabe „todt auf seinem Sitze gesessen. Der Oberkörper ist gegen die Rücklehne gefallen und der Kopf hat Veit nach hinten ühergehangen." fall, und er schickte darauf einen Beamten mit mir an die von mir bezeichnete Stelle. Dort sah ich nur noch das Gerüst einer Sänfte stehen. Vorübergehende Leute sagten, daß man den Leichnam des Herrn Gesandten in eine anliegende Gasse geschleppt habe; der Name oer Gasse ist mir entfallen. Ich wurve darauf in die chinesische Wachtstube am Hatamen Thore geführt, von wo ich in die kaiserliche Gesandtschaft zurückgelangte. Die vorstehende Verhandlung ist dem Zeugen in chinesischer Sprache vorgelesen, von ihm genehmigt und, da er des Schreibens unkundig, mit seinem Handzeichen an Stelle der Unterschrift versehen worden. gez. gez. vr. M e r k l i n g h a u s. Tie JSenttficirung der Leiche. Peking, den 16. August 1900. Auf die am heutigen Tage von chinesischen Anwohnern der Hatamenstraße erstattete Anzeige, daß die Leich« des am 20. Juni dieses Jahres ermordeten kaiserlichen Gesandten Freiherrn von Ketteler in einer Seitengasse der Hatamenstraße begraben sei, begab sich der unterzeichnete kaiserliche Geschäftsträger mit den nachbenannten Personen: 1) Stabs- und Äesandtschaftsarzt Or. Velde, 2) Oberleutnant Graf von Soden, Detachements führer, 3) Leutnant von Loesch, commandirt zur kaiserlichen Ge sandtschaft, 4) Referendar vr. Mertlinghaus, Dolmetscher bei der kaiserlichen Gesandtschaft, 5) Kanzleischreiber Pifrement, zur Feststellung des Lhatbestanoes an Ort uno Stelle. Es wurde Folgendes festgestellt: In der „Shuai-fu Hutung" genannten Seitengasse der Hatamen-Straße, wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo nach Angabe des Dolmetschers Cordes die Ermordung stattgefunden hatte, war an die Außen mauer eines auf der nördlichen Seite der Gasse gelegenen Hauses ein Erdhügel aufgehäuft, unter welchem ein großer chinesischer Holzsarg vorgefunden wurde. Nach Oeffnung des äußeren massiven und eines inneren leichten Deckels fand sich eine schon stark in Verwesung übergegangene Leiche vor. Dieselbe wurde von sämmtlichen Erschienenen: 1) an der Farbe und Länge des Haupthaars, 2) an -der Farbe und Form des Schnurrbarts, 3) an der Größe und Gestalt des Körpers, 4) an den bei der Leiche vorgefundenen Kleidungsstücken, als diejenige des kaiserlichen Gesandten Frciherrn von Ketteler an erkannt. Hierauf wurde der Sarg geschlossen und nach der Gesandt schaft übergeführt. Die vorstehende Verhandlung wurde den Erschienenen vor gelesen, von denselben genehmigt und unterschrieben, gez.: Velde, Graf von Soden, von Loesch, vr. Merklinghaus, Pifrement. Der kaiserliche Geschäftsträger, gez. vonBelow^ Der Krieg in Südafrika. Feuer und Lchwert. Nachstehend geben wir zwei Privatbriefe wieder, welche in krassester Weise klarlegen, wie die Engländer in Südafrika Hausen und Mordbrennerei eu xcrns betreiben. Ein junger schottischer Doctor, der als Freiwilliger in's Feld gezogen ist, schreibt Folgendes: „Unser Marschziel war eine große, schöne Farm, wo wir von den weiblichen Bewohnern, die keine Ahnung von unseren Ab sichten hatten, freundlich empfangen und ohne Aufforderung mit Speise und Trank bewirthet wurden. Wäbrcnd wir einem alten Großvater, dem einzigen männlichen Bewohner der Farm, aus einandersetzten, daß die Farm niederzubrennen sei, spielte ein junges Mädchen im Nebenzimmer auf einem sehr guten Clavier das alte Lied: „Heimath, süße Heimath". — Den alten Mann mußten wir vor den General führen, der ihn nach Ceylon schickte, und als der Abend anbrach, lag das ganze schöne Farmwesen in Schutt und Asche." Ein Sergeant in der Deomanry schreibt, wie folgt, an seinen Vater in Sussex: „Wir machen zwei- bis dreimal in der Woche kleine Märsche von unserem Quartier aus, wechseln ein paar Schüsse mit den Boeren, brennen einige Farmen nieder und nehmen Alles, was wir an Schlachtvieh, Geflügel, Korn u. s. w., finden können, mit uns zurück. In der vorigen Woche waren wir drei Tage unter General Barton unterwegs; das Wetter war Tags und Nachts einfach herrlich. Wir haben während dieser Zeit ungefähr zwanzig Farmen niedergebrannt, viele mit sehr schöner Ausrüstung an Möbeln u. s. w., mit herr lichen Pianos und Orgeln, so daß es uns oft in der Seele weh that, so die Mordbrenner spielen zu müssen. Es war oft mehr, als wir ertragen konnten, wenn wir diearmen Mütter mitzuckendenGesichternvor ihren brennenden Heimstätten stehen sahen, wobei sie manchmal ihre kleinen Söhne, die sich ganz wild und tapfer gegen uns betrugen, mit ein paar Worten beruhigten. Von Botha's Farm nahmen wir für über 100 000 r« Werth mit uns fort, d. h. an Vieh, Getreide, Fourage, Wagen u. s. w. Später am Tage führte ich den Befehl über eine kleine Abtheilung, die eine andere Farm in der Nähe zu besuchen und — zu vernichten hatte. Wir fanden dort eine reizende alte Dame mit schneeweißem Haar, 3 allerliebste junge Mädchen, die jeder englischen Gesellschaft Ehre gemacht hätten, und einen blond köpfigen kleinen Buben, der trotzig sein Fäustchen gegen uns ballte, als die armen Frauen uns thatsächlich auf den Knien baten, von unserem grausamen Beginnen abzustehen. Aber was konnte das helfen; ich muß bekennen, daß mir selbst die dicken Thränen die Backen herunterliefen, als ich sah, wie meine Kerle, wenn auch nur sehr widerwillig, das ganze prächtige Mobiliar, einschließlich eines schönen Flügels, vorschriftsmäßig mit Aexten in Stücke schlugen und dann Feuer an das ver wüstete Haus legten. Das ist keine ehrliche Sol datcnarbeit, und ich werde im Leben nicht vergessen, wie die alte Dame mit den drei jungen Mädchen weinend sich in das Unvermeidliche schickte und schließlich in ihrer Bibel Trost suchte. Man hat ja doch schließlich auch Mutter und Schwester zu Hause." Ein Commentar hierzu ist wohl überflüssig. Präsident Krüger. * Port 2aid, l5. November. („Reuter'S Bureau") Tas Kriegsichiff „Gelderland" ist heute früh kurz nach 6 Uhr hier eingetrossen. (Wiederholt.)
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