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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 14.08.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-08-14
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000814019
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900081401
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900081401
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-08
- Tag 1900-08-14
-
Monat
1900-08
-
Jahr
1900
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Auch in der deutschen Presse beginnt man Vorschläge zu machen, die, soweit sie die Unter drückung oder wenigstens Eindämmung der anarchi stischen Propaganda bezwecken, in zwei Kategorien zerfallen, die eine sehr verschiedene Beurtheilung erfordern. Man empfiehlt einerseits die Betheiligung und energische Unterstützung einer internationalen Anarchistengesetzgebuug, andererseits eine autonome Bekämpfung durch deutsche Reichszesetze. Was den letzteren Plan angeht, so muß er als gänzlich aussichtslos bezeichnet werden. Wir haben in Deutschland die Erfahrung gemacht, daß cs unmöglich ist, sich nach weiteren gesetzlichen Vorkehrungen gegen eine revolutionäre Propaganda, mag sie sich wie immer nennen, umzusehen, ohne auf den Weg der Gefährdung der unentbehrlichen und unveräußerlichen geistigen Bewegungsfreiheit gedrängt zu werden. Mag der Bundes rath mit einer noch so vorsichtigen, der anarchistischen Agitation mit voller Deutlichkeit als alleinigen Treff object beziehenden Vorlage an den Reichstag kommen, so lange dieser in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung be steht, wird das Cenlrum — und zwar mit Unterstützung der Conservativen — aus jedem Anarchistengesetz ein Gesetz zur Unterdrückung der nicht in den Bahnen des Ultra- montanismuü sich bewegenden Wissenschaft und ihrer Lehre zu machen versuchen. Die Spuren der sog. Umsturzvorlage und sogar die der lex Heinze schrecken genügend ab. Die Umsturzvorlage wollte in der Hauptsache die Religion, die Monarchie, die Familie und das Eigenthum gegen öffentliche beschimpfende Angriffe schützen und daS öffentliche Anpreisen von Verbrechen und Vergehen, sowie öffentliche Darlegung, wonach Verbrechen unter Umständen erlaubt seien, unter Strafe stellen. Das Centrum erweiterte mit seinen Verbündeten diese Be stimmungen in einer Weise, die eine wissenschaft liche Kritik religiöser Lehren und Vorstellungen so gut wie unmöglich gemacht hätte, und damit noch nicht genug, trat es später mit einem Antrag hervor, das Leugnen des Daseins Gottes oder der Unsterblichkeit der Seele als Vergehen zu erklären. Seine Anträge, die zum überwiegenden Theil sich schon zu Commissionsbeschlüssen verdichtet hatten, würden die Darstellung der Geschichte, der Neligionsgeschichte, der Geschichte der Literatur in einem anderen als streng kirchlichen Sinne unmöglich gemacht und das Wesen der deutschen Hochschulen von Grund aus zerstört haben. Bei dem Versuche, ein deutsches Anarchistengesetz zu Stande zu bringen, würde sich daS alles nur wiederholen und zwar im verschärften Grade. Hat die klerikale Presse doch — ganz ohne Rücksichtnahme auf die katholische Gläubigkeit und Kirchlichkeit der Caserio, Luccheni und Bresci — nicht nur den Liberalismus, sondern auch die Reformation für die Ermordung Carnot's, der Kaiserin Elisabeth und des Königs Humbert verantwortlich gemacht. Bei der Begehrlichkeit des Ultramontanismus und der Schwäche der Regierung ihm gegenüber müßte die Bcrathung eines Anarchisten gesetzes unvermeidlich unter dem Zeichen der „Bekämpfung des Anarchismus von oben", das heißt der Wissenschaft und ihrer Träger, stehen. Einen Erfolg dieser Bestrebungen braucht man allerdings nicht zu befürchten, aber wozu zu einem Schlage ausholen, der sicher ein Schlag ins Wasser wäre? Die Lust, einen Tag zu erleben, wie der letzte der „Umsturz"- Campagne im Reichstage gewesen, oder eine neue Auflage der Obstructiv», die der lex Heinze den Garaus gemacht, dürfte im deutschen Bürgerthum kaum verspürt werden, zumal man sich noch erinnert, daß die Nothwendigkeit, die „Umsturzvorlage", wie sie aus den Händen des Centrums hervorgegangen war, zu bekämpfen, der Socialdemokratie für geraume Zeit zu statten gekommen war. Bedenken dieser Art stehen einer international vereinbarten Anarchistengesetzgebuug nicht im Wege. Es ist ausgeschlossen, daß England, Frankreich, die Schweiz, Amerika und andere Staaten sich auf eine Anarchistengesetzgebung verpflichten, die nicht anarchistische Bestrebungen und Handlungen zu treffe» vermöchte, und auch das Ceutrum wird sich hüten, die Verantwortung für das Scheitern eines europäisch-amerikanischen Abkommens zur Bekämpfung der gemeinsamen Gefahr zu über nehmen. Der Weg zu einer solchen Vereinbarung, wenn er auch nicht mit Sicherheit zur Verhütung von Schand- thaten wie die Bresci's führt, ist gewiesen, und kein anarchistisches Blatt oder Buch brauchte geduldet, keine anar chistische Versammlung brauchte erlaubt zu werden, jeder als Anarchist bekannte Ausländer könnte nach seinem Hcimaths- staate abgeschoben werden. Kein Fortschritt -er Amerikaner auf -en Philippinen. Aus Manila schreibt man der „Welt-Corr.": Mit der Gefangennahme des Generals Pio del Pilar und der Uebergab« des Generäls Macabulos sind mit wenigen Aus nahmen (General Lucban, Alejanvrino, Tecson) di« Führer der philippinischen Freiheitsbewegung in Manila. Die meisten haben der amerikanischen Regierung Treue geschworen und befinden sich in Freiheit, andere, unter ihnen Mabini, haben diesen Schritt noch nicht gethan und werden bei guter Behandlung in Ge fangenschaft gehalten. Man sollte nun wohl glauben, daß der Verlust an Führern die Widerstandskraft der Philippiner schwächen würde. Das ist aber nicht der Fall. Es scheint, als ob bei der jetzigen Art der Kriegs führung in kleinen unabhängigen Banden, böi der eine einheitliche Leitung nicht erforderlich ist, der Mangel an Führern kaum empfunden wird. In dsn Provinzen Nord-Luzons, Benguet und Isabela, bei Angeles und San Juan del Monte (Provinz Bulacan) in Camarines und Albay (Süd-Luzon), auf Samar, Cebu, Leyte und Mindanao wird nach wie vor und nicht immer mit dem besten Erfolg für die Amerikaner gekämpft. Ein schlechtes Zeichen ist es z. B., wenn der kürzlich geöffnete Hafen Malitbog auf Leyte wieder hat geschloffen werden müssen, nachdem die Truppen zu rückgezogen sind. Auch bei Misamis auf Mindanao haben die Amerikaner sine Schlappe zu verzeichnen. Bei einem Angriff auf die Befestigungen der Philippiner wurden zwei Hauptleute verwundet, vierzehn Mann theils verwundet und theils getödtet, und di« Truppen haben wieder abziehen müssen, ohne ihren Zweck zu «rreichen. Noch bemerkenSwerither ist es aber, daß in der Nähe der Hauptstädte feindliche Zusammenstöße stattfinden. Verschiedene Male haben diePhilippinosAngriffe auf Sta. Mesa, einen Vorort Manilas gemacht, und wenige Kilometer von Jloilo entfernt ist Pavia angegriffen und geplündert, der Präsident getödtet wor den. Mit vollem Rechte beklagen sich die philippinischen Zeitungen bei diesem Vorfälle heftig darüber, daß die amerikanische Regie rung trotz der schlechten Erfahrungen noch immer MuNizipalver- waltungen in Provinzialstädten einrichtet, ohne den Amerika freundlichen Philippinern durch eine Besatzung Schutz gegen ihre fanatischen Landsleute zu gewähren. Großen Jubel erregte in amerikanischen Kreisen die Nachricht, daß Aguinaldo endlich gefallen oder wenigstens schwer ver wundet sei. General Äsung hatte mit seinen Truppen eine lange ustd schwierige Expedition in die nördlichen Berge gemacht, um Azuinaldo zu fangen. Colonel March behauptet bei Saggt einen Kampf gegen 100 Philippiner unter einem sehr tapferen Officier bestanden zu haben, der während des Gefechtes verwundet oder todt vom Pferde fiel und von den Insurgenten in Sicherheit ge bracht wurde. Bei der Einnahme von Sagat fand sich das Pferd mit reichem amerikanischen Sattelzeug. In den Sattel taschen entdeckte man die ganze Documentation Azuinaldo's seit November vorigen Jahres. Bei der Verfolgung wurden im Röhricht an der Seite eines Baches Papiere von Aguinaldo's Arzt vr. Barcelona aufgefunden, so daß Alles darauf hindeutet-, daß der verwundete resp. getödtet« Officier Aguinaldo selbst war. Die Freude sollte nicht lange dauern. Ein von den Insur genten in Bulacan gefangen genommener Officier, Hauptmann Roberts, hat verschiedene Male Gelegenheit gehabt, ein Lebens zeichen von sich zu geben. So fand jüngst ein Macabebe ein von ihm mit Kohle beschriebenes Papier, welches sagt, Aguinaldo könne man in den Bergen von Corona finden. Ein daraufhin unternommener Angriff mußte wegen der Schlechtigkeit der Wege aufgegeben werden, so daß Aguinaldo sich noch immer lebend und in Freiheit befindet. Schwerlich wird «s jemals bekannt werden, wieviel Menschen- ldbon der Feldzug auf den Philippinen die Ame rikaner gekostet hat. Aus privaten Mittlheilungen er fährt man zuweilen von Verlusten, die in den officiellen Berichten der Zeitungen niemals erwähnt sind. Frankheiten fordern manches Opfer, vor allen Dingen Dys enterie und Fieber, aber auch die Pocken sind in einigen Com pagnien in zur Vorsicht mahnender Häufigkeit aufgetreten, auch einige Fälle von Pest sind zu verzeichnen gewesen. Auffallend ist es ferner, daß in den letzten vier Monaten an Of ferieren und Mannschaften 30 Mann sich selb st den Tod gegeben haben und 100 verrücktgewor den sind. Die Verkündigung der amerikanischen Regierung, daß sie für jedes Gewehr, das in gutem Zustande auSgeliesert wird, ?,0 Dollars bezahle, scheint viele Philippiner zu veranlassen, ihre Waffen auszuhändigen. Kaum vergeht ein Tag, an dem Nicht officiell Waffenauslieferungen bekannt gemacht werden. Außer dem haben die Amerikaner in der letzten Zeit viel Glück in der Auffindung von Lagerhäusern gehabt. So wurden in der Nähe von Porac beschlagnahmt: 100 Pfd. Pulver, 200 gewöhnliche Geschosse, 250 einzöllige Geschosse, 50 sechszöllige Geschosse, 100 Pfund Dynamit, 2000 Mauserpatronen, 50 Gallonen chemischer Stoffe und ein Mausergewehr. Bei einer anderen Gelegenheit ist eine ganze Einrichtung zur Pulverfabrikation aufgefunden und zerstört worden. Die Wirren in China. -p. „Neuter'S Bureau" berichtet aus Tientsin unter dem 6. d. M.: Zwei glaubwürdige Couriere, die Peking am 1. August verlassen haben, melden, die Kaiserin habe die Gesandtschaften auf einige Tage mit Lebensmitteln versehen. ES ist nicht unmöglich, daß die Nachricht sich bestätigt, und das wäre im hohen Maße erfreulich, zumal da daraus bervorginge, daß der Kaiserhof in Peking, wenn an seinem Fremdenhasse und daran, daß er die Erhebung gegen die Weißen mit aller Kraft unterstützt hat, kein Zweifel zulässig ist, Loch daS Allerschlimmste, die Massacrirung der Vertreter sämmtlicher Mächte abzuwenden bestrebt ist. Aber eS ist leider sehr fraglich, ob er die Geister, die er hat rufen helfen, nun zu bannen weiß. Man meldet unS: * Loudon, 18. August. (Telegramm.) Lt-Ping« Heng pflanzte nach seinem (sintreffcu zwei Batterien anf die Stadtmauer nahe bei den Gesandtschaften, die zwei Tage hindurch schwerem Geschütz- und Gewehr feuer ausgesetzt waren. Gn» Missionar, der mit einer Abtheiluug de» Versuch machte, Lebensmittel »» be sorgen, wurde getödtet. Feurlleton» Ein Ferienausflug auf Fluß- uud Küsten-ampfern. IV. (Im Fischerboot nach der Insel Marken. — An Bord der Dampfyacht „Maasnymph III." ins Zuyder Meer: Die Parade der holländischen Nordseefischerflotte vor den Königinnen.) Man hat zwei Wege, um von Rotterdam nach Amsterdam zu gelangen: mit den Zügen der Nöderlandsche Central-Sporrwey- Mätschappy, deren Schnellzüge über Gouda in Gouda in etwas mehr als einer Stunde die 600 000 Einwohner zählende größte Stadt Hollands erreichen, welche im 11. Jahrhundert noch ein einfaches Fischerdorf im Besitz der Herren von Amstel war, oder dem Dampfer der sogenannten „Mittelfahrt", welcher Abends 8 Uhr Rotterdam verläßt und die durch kurze Canalstrecken ver bundenen natürlichen Wasserwege zwischen den beiden Städten benützt. Dieser zweite Weg, auf welchem der Paffagepreis nur einen Gukbsn beträgt, wird meistens von dem unbemittelteren Publicum gewählt. Die Fahrt dauert etwa elf Stunden und wird erschwert durch die Unbequemlichkeit des Bootes, dessen Deck mit Stückgütern vollgestaut ist. Der geringe Reiz, den die Fahrt zumal bei Nacht und in den frühen Morgenstunden auf den Flüssen Gouw, Aar und Amstel und den verbindenden Canalstrecken bietet, wird vollständig aufgehoben durch die Länge der Fahrtdauer, und selbst der auf Wasserfahrten erpichte Reisende wird vorziehen, sich in Rotterdam auf den Maasbahnhos zu begSben, die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges sich mit dem Ausblick auf das unmittelbar vor der bequemen Vorhalle des Bahnhofs sich aus breitende Maas-Panorama zu vertreiben, und in eins der sehr bequemen Cvupss der zweiten Classe des holländischen Schnell zuges zu steigen. Auf dem Perron drängte sich, als wir abfuhren, die Menschenmenge um ein CoupS dritter Classe und sang mit den sieben Insassen desselben begeistert die Transvaal-Hymne. Es waren nach dem Mutterlande zurückgekehrte Boeren, die nach Atnsterdam weiterreisten. Die guten Leute waren leider bereits stark alkoholisch angehaucht, der Begeisterung der Rotter damer, die sie an den Zug brachten, that das weiter keinen Ab bruch. Uebrrgens waren die kampfesmüden Boeren, prächtige gebräunte Burschen im Alter von 25—30 Jahren, augenscheinlich froh, den unerquicklich werdenden Zuständen in der südafrika nischen Republik entronnen zu sein, denn sie fangen die ganze Fahrt hindurch ihre nationalen Weisen, um auf dem Wesper Poort-Bahnhof in Amsterdam mit neuem Halloh empfangen zu werden, dem uns der zum Centralbahnhof weiterfahrende Zug endlich entzog. Amsterdam ist eine mächtige, zum Theil sehr schöne Stadt mit einer wahren Fülle von Sehenswürdigkeiten aller Art, welche Leute, die in der angenehmen Lage sind, über viel Zeit zu ver fügen, lang« Wochen in der Stadt Rembrandt's und Spinoza's sestzuhalten vermögen. Wer, wie Schreiber diüser Zeilen, seine kurzen Ferientage benutzt, um seine Sehnsucht nach dem „Wasser" zu stillen, der wird sich mit einigen aus der schier unendlichen Fülle des Schenswerthem begnügen. Er wird im Rijksmuseum eine Stunde stiller Bewunderung im Rembrandtsaal vor des Meisters berühmtestem und größtem Werk, seiner „Nachtwache" verbringen, einen langen Blick auf das schöne Palais voor Volksflijt mit seiner Victoria-gekrönten hohen Kuppel werfen, in dessen schönem Saal über 6000 Personen Platz finden, und sinnend an dem „Metalen Kruis" stehen bleiben, jener Denksäule, welches Hol land seinen 1830 im Kampfe gegen die Belgier gefallenen Söhnen auf dem Dam vor dem keinen besonders großartigen Eindruck er weckenden königlichen Palais errichtet hat. Aber er wird nicht versäumen, die interessante alte Prins Hendrik-Kade hinabzu- wandern, Admiral de Ruyter's schlichtes Wohnhaus dort anzu sehen und die gegenüberliegenden großen Kriegsmarine-Docks in Augenschein zu nehmen. Und ganz gewiß wird er es sich nicht nehmen lassen, Abends im fröhlichen Volksgewühl durch die Kalwerstraat zu flaniren, die von Abends 7 Uhr ab keine Wagen mehr durchlassen darf, über den Rembrandtsplain und den Sofiaplain, durch die Vijzahls- und Reguliers Bree-Straat, um sich an dem munteren Durcheinander, das hier in den Abend stunden herrscht, zu erfreuen. Wer ein tieferes Interesse für die Seöhelden älterer und neuerer Zeit empfindet, der wird auch gleich uns in der Nieuwe Kerk das Grabmal Michi«! de Ruyter's — immonsi tremor oceLnigden Schrecken des unendlichen Meeres — ansehen, der 1676 an den in der Seeschlacht von Syracus em pfangenen Wunden starb, und in der Oüde Kerk dasjenige des Admirals Jacob van Hemskerk, der 1607 in der siiogreichen See schlacht bei Gibraltar seinen ruhmreichen Tod fand. Niederlands stolze Seevevgangenheit tritt dem Fremden an allen Ecken und Enden entgegen — tompi pa88ati! Heute ist der Seeberus des Niederländers ein friedlicherer. Das zeigt uns ein Blick auf die zahllos« Menge der Handels schiffe an der D« Ruyter-Kade, der Westindi«- und Handels- Kade, ein Blick auf die zahllosen Fischerboote, die, vom Zuyder- Mcer kommend, in das Het ij hinemsegeln. Die letzteren wecken schnell den Wunsch nach einem Besuch der Insel Marken im Zuyder Meer, die ausschließlich Fischerbevölkerung besitzt, welche noch fest, wie übrigens die meisten der holländischen Nordsee- ftscher, an ihrer alten malerischen Tracht festhalten. Also — hin über zu der Anlageftelle des kleinen Fährdampfers, der uns über das Het ij zu dem Bahnhof der Kleinbahn hinüberfährt, mit welcher wir in einer knappen halben Stunde über Znuderdorf und Broek das kleine Monikendaum mit seinen freundlichen alten Häusern erreichen. Wir gönnen uns in dem blitzblank sauberen „Posthoorn" eine nationale Hrrzstärkung und steigen über die Deiche an den Strand, um alsbald mit dem Ngner eines Fischerbootes zur Fahrt nach der Insel Marken Handels eins zu werden. Ein prächtiger Kerl, dieser Fischer mit seinem vom Knie an zu mächtigen Pumphosen sich bauschenden Unter gewand, mit seiner handbreit darüber sichtbar werdenden rothen Weste und der kurzen blauen Schifferjacke darüber, den breiten Filzhut weit aus der Stirn des wetterharten Gesichtes in den stämmigen Nacken geschoben. Der Südwind treibt die Fluth des Meeres zu kurzen Wellen auf, die sich schaumfpritzend brechen und ab und zu höchst vorwitzig über den Bug unseres vor dem Winde segelnden Bootes schlagen. Schon grüßt uns der Leuchtthurm der kleinen Insel, die unser Ziel ist, und nach kaum drSiviertelstündiger Segelfahrt legen wir in dem kleinen Fischer hafen bei, um ein Stündchen die mit ihrem „)IH" und der Bootsnummer auf den braunen Segeln als hier beheimathet erkenntlichen Fischerboote, die niedrigen, einfachen Fischerhäuser und die Bewohner in ihrer bunten Tracht, die schon bei den Kindern die nämlich« ist wie bei den Großen, anzufehen. Die Bewohner dieses Eilandes sind im klebrigen das Angesehen werden gewöhnt. Im Sommer vergeht nicht ein Tag, an dem nicht ein kleiner, von Amsterdam regelmäßig verkehrender Dampfer eine Menge Besucher bringt, die hier einen ganz eigen artigen Einblick in das Leben und Treiben eines holländischen Fischers erhalten. Ein glücklicher Zufall ließ mich in Amsterdam an jenem Frei tag anwesend sein, an welchem seit langen Jahrzehnten zum ersten Male wieder die gesummte Flotille der holländischen Zuyder-Meer- und Nordsee-Fischer sich zu einer Revue auf dem ersteren vereinigte. Das war «in Ereigniß, das aus ganz Hol land Schaaren von Schaulustigen nach Amsterdam brachte, wollte doch die junge Königin Wilhelmina selbst an der Seite ihrer königlichen Mutter diese eigenartige Meer-Parade abnehmen. Alle verfügbaren Personcndampfer waren gechartert, um der Revue beizuwohnen, und einem glücklichen Ungefähr nur dankte ich noch eine Theilnshmerkarte an Bord der hübschen, ca. 300 Passagier« fassenden Dampfyacht „Maasnymph III", die, wie alle anderen Dampfer, festlich bewimpelt war, und am Steiger 2 der Ruyterkade fahrbereit lag. Ein festfrohes Leben herrschte hier schon um die zehnte Vormittagsstunde. Dampfer auf Dampfer, gefüllt mit Schaulustigen, alle reich beflaggt und be wimpelt, viele mit Musikcapellen an Bord, dampften das Het ij hinauf, dem großartigen Schleußenwerke zu, welches das ij von dem Zuyder-Meer abschließt, und dessen Beamte wohl noch nie eine solche Unzahl von Schiffen an einem Tage in den drei weiten Schleußenbafsins durchzuschleußen hatten, wie an dem heutigen. War das ein Gewimmel von großen und kleinen Dampfern, von Fischerbooten und Segelyachten erst vor, dann i n den Schlvußen, bis sich endlich die mächtigen eisernen Wasser- thore nach dem Pampus zu, wie dieser Theil des Zuyder-Meeres genannt wird, öffneten und nun auf der weiten, offenen, wogen den Wasserfläche jedes der Schiffe in schneller Fahrt das Ziel, die Aufstellung der Fischerboote hinter dem Seefort Pampus, bis hinunter zu der Strandbefestigung hinter Muiden, zu er reichen suchte. Das Bild, das sich hier bot, wiod jedem Zu schauer sicher für immer unvergeßlich sein. Mitten im Meere, als Hintergrund allein der graue Horizont, den die Sonne erst am Nachmittag zeitweilig goldig überstrahlte, lagen, wie die Bataillon« und Regimenter einer paradirenden Landtruppe aus gerichtet, nicht weniger denn zweitausend Fischerboote in einer großen Anzahl von „Treffen" verankert; immer 20—30 Bord an Bord in einer Linie nebeneinander, und in Zwischen räumen von ca. 100 in in der gleichen Front immer neue solcher Linien bildend. Zwanzig und mehr solcher unabsehbarer Linien hintereinander gaben eine symmetrische Aufstellung, die freilich bei dem aufspringenden starken Süd und dem dadurch herbeige führten langsamen „Abdriften" nicht eine „haarscharfe" Rich tung wahren konnte, die aber in ihrer Massigkeit ein« geradezu überwältigende Wirkung hervorbrachte. Vom Maste jedes dieser zweitausend Fischerfahrzeuge flatterte eine neue roth-wriß-blaue Fahne, viele der Boote, die Fischereigescllschaften gehörten, trugen dazu die bunte sogenannte „Contorflagge", die den Besitzer an zeigt, jedes aber hatte an Bord außer den Fischern auch deren Familien in eigenartigen, je nach dem Heimathort verschiedenen Festgewändern. Und nun denke man sich diese einen gewaltigen Flächenraum des Meeres einnehmende maritime Parädeauf- sicllung umschwärmt von Hunderten von Dampfern voller schauensfroher Zuschauer, und man kann sich von dem Gesammt- eindruck ein Bild entwerfen. Die den Polizeidienst ausübenden Torpedoboote der Niederländischen Kriegsmarine hatten genug zu thun, um kecke Personendampfer, die namentlich, als die Aacht der Königinnen sich näherte, in die Aufstellung hineinzusahren versuchten, zurückzutroiben. Von der Strandbatterie donnerte fern Schuß auf Schuß des Saluts herüber, als sich di« fchwanweiße Dampfyacht der Königin, von welcher sich nur der gelbe Schornstein, die Königsflagge im Vortop und die nationale Tricolore am Heck farbig abhoben, der Aufstellung näherte und «die einzelnen Reihen derselben in stundenlanger Fahrt abfuhr. Auf dem über dachten obersten Deck stand die Königin Wilhelmina im mode farbenen Costüm, neben ihr in dunklerer Toilette die Königin- Mutter Emma, umgeben von einigen höheren Seroffioieren und den Herren und Damen vom Dienst. Es war ein seltsam zu Herzen gehender Anblick, wk jedes der Fischerboote durch Senken und Wiederhissen der Flagge die Königin grüßte, und wie von all' den Schiffen ringsum aus Zehntausenden von Kehlen die Volkshymne „Wien Neerlands Bloed door d'Aders vloct" — oder das alte Lied „Wilhelmus von Nassouwen" er klang, und immer neue begeisterte Hurrahrufe, an das Ohr der jungen, jungfräulichen Königin dort schlugen, die wohl stolz sein durfte beim Anblick dieser Tausende von einfachen Fischern, von denen jeder Einzelne sein Leben für sie freudig wagen und geben würde. Xaviparo noc688S ost — nie ist mir dies Wort, das die Jetzt zeit ja so entschieden und kräftig wieder unterstreicht, — so in's Bewußtsein gedrungen, wie bei dieser denkwürdigen Fischerboots- Parade auf dem Zuyder-Meer. Seefahren ist nöthig — wer die See nicht erreichen kann oder mag, der hat, wie die vorstehen den schmucklosen Reisebericht« zeigen, auch Fluß- und Küsten fahrten in nicht zu großer Ferne. Sie haben noch das Gute, daß sie den müden Großstädter erquicken und neuer freundlicher Ein« drücke voll zu seiner Tagesarbeit zurückkehren lassen, und daß sie weniger Ansprüche an seine Reisecaffe stellen, als alle die ge wohnten und bekannten Touristenfahrten. C. Crome-Schwiening.
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