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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 27.02.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-27
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000227011
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900022701
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900022701
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-27
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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Die Morgeu-Lu-gabe erscheint um '/.7 Uhr, die Abend-Au-gabe Wochentag- um 5 Uhr. Nr-actio« ««- Lrpedition: - Ishannt-r-ffe 8. Die Expedition ist WocheutagS ununterbrocheu grvffurt von früh 8 bi» Abend» 7 Uhr. * Filiale«: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Eortim. UmversitätSstraße 3 (Panlinum), Laut» Lösche, Katharinenstr. 14, Part, uud Königsplatz 7. Bezugs-Preis in der Hauptexpedition oder den im Stadt« bezirk und den Vororten errichteten Aos« gabestrllen ab geholt: vierteljährlich 4ckO, vet zweimaliger täglicher Zustellung in» Hau» 5^0. Dwrch die Post bezogen für Drutschlaud uud Oesterreich: viertrstäbrlich 6.—. Direkte tägliche Kreuzbandseuvung in» Au-land: monatlich 7.50. 1V5. Morgen-Ausgabe. MpMer.TaMatt Anzeiger. NMsblatt des Äönigttchen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Mathes «nd Noüzei-Ämtes der Ltadt Leipzig. Dienstag den 27. Februar 1900. Anzeigeri-Preis die 6 gespaltene Petitzeile 20 Pfg. Reklamen unter dem Redactionsstrich (4 ge spalten) 50^, vor Len Familiennachrichlen (6 gespalten) 40^. Gröbere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Zissernmp nach höherem Tarif. vxtra-Beilagen (gesalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung VO.—, mit Postbesörderung 70.—. Innahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittag- 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. SL Jahrgang. Der „Fall Ärons". ü Der „Fall Arons" hat nach langer Dauer ein Ende gesunden. Dem der Socialdemokratie angehörigen Lehrer der Physik an der Berliner Universität ist in zweiter und letzter DiSciplinarinstanz die Eigenschaft als Privatdocent ab erkannt worden. Hinsichtlich der Begründung des UrtheilS ist man zur Zeit noch auf den „Vorwärts" angewiesen, der sie aber — vielleicht auS Gründen — nur im Auszug wieder- giebt. Nach dieser Zeitung heißt es im Erkenntniß: „Nach dem eigenen Zugeständniß deS Angrschuldigten steht fest, Latz er der focialdemokratischen Partei anzehört uud es sich angelegen sein läßt, ihre Bestrebungen zu unterstützen und öffentlich zu fördern. Die Disciplinarbehörd« erster Instanz nimmt an, daß der Angeschuldigte sich dadurch noch nicht in Widerspruch mit seiner Stellung gesetzt habe, so lange er in seiner Agitation gewisse Grenzen de» TacteS und Anstande» beobachtet und sich aller ungerechten, un wahren Behauptungen und gehässigen Angriffe enthalte. Dieser An sicht kann nicht betgetreten werden. Die socialdemokratische Partei erstrebt den Umsturz der gegenwärtigen Staats- und Rechtsord nung mit Hilfe der zur politischen Macht gelangten Arbeiterklasse. Die bewußte Förderung dieser Bestrebungen ist unvereinbar mit der Stellung eines Lehrer» an einer königlichen Universität und der sich daran» ergebenden Verpflichtung, die jungen Leute, welche sich dieser Anstalt anvertrauen, „zum Eintritt in die verschiedenen Zweige de» höheren Staat»« und Kirchendienstr» tüchtig zu machen" (§ 1 der Statuten der Berliner Universität). Ein akademischer Lehrer, der mit derartigen Gegnern der bestehenden Staat», und Rechtsordnung gemeinsame Sache macht, zeigt sich des Vertrauen», da» sein Beruf erfordert, unwürdig. Der Angeschuldigte hat sich hiernach eine» Disciplinarvergehen» im Sinne des 8 1 Nr. 2 des Gesetzes, betreffend die Disciplinarverhältnisse der Privatdocenten rc. vom 17. Juni 1898 (G.-S. S. 125), schuldig gemacht". Die Ansichten über die Fähigkeit und Unfähigkeit des Herrn vr. AronS zum Amt eines Lehrers der Naturwissen schaften einer für geistig reife junge Leute bestimmten Hoch schule werden nach wie vor getheilt bleiben, dagegen muß bei allen Unbefangenen Uebereinstimmung darüber herrschen, daß, wie auch die „Nationalzeituug" bereits hervorhebt, die Freiheit der Wissenschaft durch das DiSciplinarerkenntniß nicht berührt werde. Wie sehr das gegentheilige Urtheil nicht zutrifft, erhellt am besten auS einer Auseinandersetzung des „Vorwärts", der bemüht ist, für seinen Parteigenossen als für ein Opfer oer Forschung-- und Lehrfreiheit einen akademischen Sturm zu erregen. Da» in diesem Falle offenbar von einer Herrn vr. Arons sehr nahestehenden Seite bediente Blatt schreibt: „Da» einzig Erfreuliche in diesem Unternehmen gegen die Wissenschaft war die Haltung des UlliversitätSkörpers. Die philoso phische Facultät hatte vr. Aron» freigesprochen und so die deutsche Wissenschaft von der Schmach der Selbstentweihung bewahrt. Wie aber werden sich di« Professoren zu dem Urtheil des Ministerium» stellen? Es handelt sich nicht um eine bloße Meinungsverschiedenheit der beiden Instanzen. Es handelt sich um »ine höchste Principienfrage, am die Unabhängigkeit der Wissen schafts lehre überhaupt in Preußen. Besäßen dieLehrer unserer Hochschulen rin wenig von jener Solidarität, welche die für ihre Ideale ringende Arbeiterklasse aus zeichnet, sie könnten nimmermehr die Herabwürdigung der Wissen- schäft zur gefügigen Magd der politischen Gewalt in stummer Ergebenheit ertragen." Wa» hier voraetragen wird, ist, mit Verlaub, Schwindel, vr. AronS hat Physik und Mathematik gelehrt, Fächer, die mit Politik uud Socialpolitik nicht- zu thun haben, und es ist niemals behauptet worden, daß er jenen Lehrauftrag zur politischen Propaganda mißbraucht habe. Die Unwahrhaftig keit deS „Vorwärts" bekundet sich eben vorzugsweise darin, daß er Herrn AronS einen solchen Mißbrauch implicite nach sagt durch die Behauptung, daS DiSciplinarurtheil habe den Zweck, AronS zu verhindern, seinen Hörern die Ergebnisse seiner Forschung zu vermitteln. Alle-, was das social- vemokratische Organ von Angst vor wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, von Geben und Empfangen wissen schaftlicher Wahrheit sagt, wird durch die Feststellung hinfällig, daß vr. AronS durch seine Lehrthätigkrit keinen Anstoß erregt hat. DaS Blatt ist sich der Schwäche seiner Beweisführung auch bewußt und denuncirt deshalb die Kathedersocialisteo, indem eS ihnen daS tus, re8 ngitar zuruft. Wie wenig der „Vorwärts" an eine Gleich heit oder auch nur Aehnlichkeit der Lage irgend eine» nicht social- oemokratischenUniversitätSlebrerSundinSbesondereSocialwifsen- 'chaftSlehrer» mit der de» vr. AronS glaubt, hat da» Partei organ — eS ist dies ein fatales Zusammentreffen — vierund zwanzig Stunden früher verrathen, wo e» einen so radicalea Socialpolitiker wie Sombart für einen gefahrloseren Feind der Socialdemokratie, als die „Scharfmacher" von der Art de» Frhrn. v. Stumm seien, erklärte. Daß die Kathedersociälisten ungestört lehren können, waS sie gefunden zu haben glauben, beweist- eben, daß die Absichten, die zur di-cipliaarischen Ver folgung de« vr. Aron» geführt haben, nicht auf die Beschränkung ver Forschung-- und Lehrfreiheit gerichtet waren, also da» Gegeutheil von dem, wa» der „Vorwärts" geglaubt wissen möchte. DaS Urtheil — e» ist in diesem Puncte sehr deutlich — geht davon au», daß die Stellung deS vr. AronS mit der außeramtlichen Bekämpfung der bestehende» Staats- und Gesellschaftsordnung, die der Verurtbeilte nie geleugnet bat, unvereinbar sei, mit anderen Worte», daß eine LorauSsetzuag für die Bekleidung eine« Amte-, ia dessen Ausübung AronS sich auch nach der Ansicht der DiSciplinar- bebörde nicht verfehlt hat, nicht gegeben sei. Daß auch für Universitätslehrer solche Voraussetzungen — außer der der wissenschaftlichen Befähigung — gefordert werden müssen, versteht sich von selbst. Ob di« — wie Herrn vr. Aron» zu- geflaadea worden ist, ia der Form, „ia der Art und Weise", nicht ungehörige — Beiheiligung an der Vorbereitung eine» gewaltsamen Umstürze» de» Glaste» und der Gesellschaft di, Eignung zum Hochschullehrer, und noch dazu zum Lehrer eine- der Politik gänzlich fernliegenden Fache-, auSschließt, bleibt eine Frage. Die philosophische Facultät der Universität Berlin hat sie anders beantwortet, al- das in letzter Instanz erkennende Staatsministerium, daS in diesem Falle nach einem bedenklichen Gesetze Ankläger und Richter in einer Person ist, sich aber allerdings bei seiner Entscheidung auf ein vorschriftsmäßig eingeholteS Gutachten des DiSciplinargerichts- hofe- gestützt hat. Die „Nationalzeitung" nennt die Frage, die hier beantwortet ist, eine solche des Beamtenrechtes und gelangt zu der Ansicht, daß ein Unterschied gemacht werden müsse zwischen Beamten, die die Staatsgewalt der Bevölkerung gegenüber zu vertreten haben, und solchen, denen diese Pflicht nicht obliegt. ES muß zugegeben werden, daß die Beamten eigenschaft bei einem Hochschullehrer tatsächlich sehr weit zurücktritt und daß daS in dem wider vr. Aron s ergangenen Urtheile auS dem Statut der Berliner Universität heran gezogene Erforderniß gegenüber einem Lehrer der Natur wissenschaften nicht nothwendig gellend gemacht werden muß, jedenfalls nicht unter dem Gesichtspunkte des staat lichen Selbsterhaltungstriebes. Andererseits kann man sich vergegenwärtigen: die Thatsache, daß em Lehrer der Physik eine agitatorische Thätigkeit für die Socialdemotratie entsaftet, ist nicht allein für seine wissenschaftlich gebildeten Zuhörer, sondern für Jevermaun vorhanden, und es kann Verwirrung in den Köpfen anrichten, wenn der Staat keinen Anstand nimmt, einer Person, die ihn praktisch in seinen Grundlagen bekämpft, ein Amt anzuvertrauen. Niederland und Deutschland. Unter dieser Spitzmarke bringt der „Nieuwe Rottcrdamsche Courant", die angesehenste holländische Zeitung, nachfolgendes hochinteressante Eingesandt, das wir in der Uebersetzung der „Dtsch. Wochcnztg. i. d. Niederlanden" wiedergeben. Der Auf satz ist deshalb von hoher politischer Bedeutung, weil der „N. R. C." bisher Deutschland gegenüber eine äußerst reservirte, ans Feindliche grenzende Haltung beob achtet hat: Die Richtung unserer auswärtigen Politik ist ein Gegenstand, über den wir, wie es scheint, nicht gerne sprechen. Ich erinnere mich beispielsweise nicht, im Laufe der letzten Jahre in Ihrem Blatte hierüber je eine principielle Betrachtung gelesen zu haben; selbst in den Kammern kommt dieser Punkt nie zur Sprache. Es ist gerade, als ob man sich einigermaßen fürchte, diesen Gegenstand in der Öffentlichkeit zu behandeln. Man kann die Frage stellen: Besteht bei uns eine auswärtige Politik? Die Antwort hierauf würde, glaube ich, lauten müssen: „Allein in dem Sinne, daß man Gottes Wasser über Gottes Acker laufen läßt und abwartei, was geschieht, um seine Haltung danach richten zu können. Unsere auswärtige Politik wird durch die Principien von Sichfügen und Selbstverleugnung beherrscht. Wirklich nicht allein schöne, christliche Tugenden, sondern auch die einzigen praktischen Tugenden (wenn sie sich mit Würde paaren), welche wir in diesem Zusammenhang beherzigen können. Ein Schwacher, der seine Kraft nicht gelten lassen kann, darf allein Respectirung seines Rechtes verlangen. Aber das Recht führt nicht immer dkt Herrschaft, es giebt der Tage genug, da die Macht tonangebend ist. Diese Tage sind wieder angebrochen, wennschon sich erwiesen hat, daß die Macht sich selbst überschätzte und das Recht nicht allein seine eigene innerliche Kraft besaß. Aber häufig ist das Recht durch die Macht überwunden worden. Recht und Kraft an seiner Seite zu haben, danach strebe jedes Volk. Die Hauptaufgabe unserer auswärtigen Politik ist: zu wirken im Interesse der Erhaltung unserer Unabhängig keit und der Integrität unserer Colonien. Worauf nun beruht unsere Unabhängigkeit und der ruhige Besitz unserer Colonien? Nicht darauf, daß die Mächte sich gegenseitig unser Land oder unsere Colonien nicht gönnen. Vielleicht auf dem Respekt vor dem Stärkeren, auf Erwägungen sittlicher und Rechts ordnung. Dieses ideale Princip entbehrt nicht der Bedeutung, aber eine Bürgschaft ist es überhaupt nicht. Dann bleibt noch übrig: unsere eigene Kraft. Ich unterschätze diese Kraft nichts ich glaube, daß Niederland in Stunden der Gefahr dem Eindringling Mühe genug ver ursachen wird. Aber es dürften, gleich mir, Wenige ^ein, welche diese Kraft für ausreichend halten, um unsere Unabhängigkeit zu schützen. Nach menschlicher Berechnung kann Niederl-and sich nicht die Aufgabe stellen: ich will mich ebenso stark machen wie England oder Deutschland. Wenn nun die Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß wir uns die Aufgabe stellen, unsere eigenen Kräfte so zu vermehren, daß wir jedem Feinde widerstehen können, so liegt die Frage vor der Hand: können wir uns nicht mit anderen Nationen vereinigen, um die fehlenden Bürgschaften zu gewinnen? Ein Bündniß mit Deutschland, dem zufolge Niederland und da» benachbarte Reick sich in allen oder in speei eklen Fällen von Kriegs- gefahrHilfeleisten, verdient nach meiner Meinung ernste Erwägung als Mittel, um diesem Mangel abzuhelfen. Daß wir im Bunde mit Deutschland sehr stark sind, bedarf wohl keiner Erläuterung. Was jedoch einer näheren Erklärung bedarf, ist die Frage, warum Deutschland genannt wird und ob ein solcher Anschluß nicht mit Gefahren verbunden ist. Ein „TimeS"-Artikel (den auch wir erwähnt haben. D. Red.) eröffnet die Perspective, daß England für Nieder land in die Bresche springen will, fall» die Unabhängigkeit der Niederländer bedroht wird. Es ist möglich, daß England die» in Zukunft zu thun gewillt ist. Ziehen wir jedoch betreff» der Vergangenheit die Bilanz, dann wird eS schwierig sein, ein Creditsaldo zu Gunsten England» herauSzurechnen, und die Zu sage von Hilfe durch da» erste englische Organ an demselben Tage, da die Minister unter Jauchzen de» englischen Parlament» Beweise von wirklich teuflischer politischer Gewissenlosigkeit ab legten, bat für mich absolut keinen Werth. E» ist deutlich, daß England'nie daran denken wird, Nieder» land zu annectiren, aber an der Hand der Geschichte ist es schwierig, dieselbe Abwesenheit von Eigennutz betreffs der Colonien anzunehmen. Wir müssen uns einer Stütze gegen die Engländer versichern, um uns unsere Colonien für die Dauer zu erhalten. Können wir ohne Gefahr für die Unab hängigkeit des Mutterlandes Deutschlands Bundesgenosse werden? Ich glaube, j a. Eine Zeit lang bestand Furcht vor deutschen Anyezwnsgelüsten. Es ist mir unbekannt, daß diese Furcht je aus triftigen Gründen beruhte. Von östlicher Seite hat unserer Unabhängigkeit niemals Gefahr gedroht. Es ist wahr, daß der östliche Nachbar erst im Jahre 1870 stark genug geworden iss, um gefährlich zu sein. Aber ich kann mir denken, daß Deutsch land nur gezwungener Weise zu seinen Polen, Dänen und Elsässern noch 5 Millionen starrköpfige Holländer hinzufügen würde. Die Angliede rung gegen den Willen der Niederländer würde Deutschand bedeutend schwächen. Ein offensives und defensives Bündniß zwischen Deutschland und Niederland würde meines Erachtens für Deutschland von großem Werthe sein und für Niederla^ ebenfalls und zudem gefahrlos. Dieses Bündniß wurde natürlich nur auf dem Princip der vollkommenen Gleichberechtigung der beiden Staaten beruhen können; unsere Abhängigkeit müßte dabei völlig unangetastet bleiben, ohne den geringsten Schein von Verkürzung; anderen falls kann es nicht zu Stande kommen. Ich kann mich nicht mit der Befürchtung einverstanden er klären, daß ein für unsere Unabhängigkeit ursprünglich un schuldiges Verhältniß mit Deutschland zu einem mehr oder weniger abhängigen ausreifen sollte. Verlegte sich der deutsche Bundesgenosse trotzdem darauf, dann ziehe sich Niederland ein fach zurück; das Ziel ist dann verfehlt, man ist ebenso weit wie früher, aber die Schwierigkeit, Niederland zu zwingen, würde dann ebenso gut bestehen wie vorher. Und wollte nach Verlauf einiger Zeit Niederland selbst ein intimes Verhältniß gutfinden, dann sehe ich nicht ein, warum wir, um dieser Möglichkeit vor zubeugen, jetzt eine sicherere Bürgschaft für unsere Unabhängig keit scheuen müssen. In der gegenwärtigen Zeit verlange ich als erste Bedingung des Glückes unseres Volkes unsere vollkommene Unabhängigkeit; aber diese Unabhängigkeit stelle ich nur deshalb so hoch, weil sie für dieses Glück von Nöthen ist. Ich kann mir recht gut vorssellen, daß, gerade wie unsere Provinzen ihre frühere Souveränität nicht zurückwünschen, nach Verlauf einiger Jahr hunderte der Niederländer meinen wird, sich in einem größeren Staatsverbande glücklicher zu fühlen. Dem steht gegenüber, daß wir Niederländer von heute der Zukunft betreffs unserer Unabhängigkeit mit Bangen ent- gcgensehen. Alles, deutet auf «inen zukünftigen Krieg zwischen Deutschland und England hin. Ent wickeln sich die europäischen Verhältnisse auf der gegenwärtigen Basis weiter, dann ist dieser Krieg unausbleiblich. Er würde nur dadurch aufgehoben werden können, daß eine der Parteien in auffälliger Weise sich zur stärkeren auswüchse. England wird im Augenblick sehr geschwächt. Deutsch land fühlt das Gewicht des Augenblickes und bereitet sich vor, seine Wehrkräfte außerordentlich auszubreiten. Kommt die Hilfe von Niederland hinzu, dann wird England Schwierigkeiten haben, die vereinigten Mächte zu besiegen. Eine nicht aus aggressiven Neigungen entstandene deutsch niederländische Allianz wird ihrerseits dem Krieg so viel wie möglich Vorbeugen. Kommt dieses Bündniß nicht zu Stande, welches Loos harrt dann der Niederlande nach einem wahrscheinlichen Krieg zwischen Deutschland und England? Es ist nicht anzunehmen, daß in einem solchen Falb« unsere Neutralität unver letzt erhaltest bleibt, da wir zwischen den streitenden Parteien liegen. Werden wir zu einer Wahl ge zwungen, dann laufen wir Gefahr, unsere Colonien zu verlieren, wenn wir uns an Seite der Deutschen schaaren, und unsere Unabhängigkeit, falls wir England zur Seite stehen. An schlüßen Deutschland auf der Basis völliger Gleichberechtigung, ohne die geringste Ein buße unserer Souveränität halte ich für ein der Er wägung werthes Thema. Die Zeit der Verwirklichung dieser Idee ist günstig. Der in diesem Sommer geführte, übrigens nutzlose, Streit über die Möglichkeit eines Zollbllndnisses mit Deutschland hat bewiesen, wie freundschaftlich im Allgemeinen die Stimmung in unserem Lande gegenüber Deutschland ist. Die beiden fürstlichen Familien hegen gegenseitig die meist freundschaftlichen Gefühle. Ein Element von.Annäherung ist die Sympathie der beiden Völker für die streitenden Stammverwandten in Südafrika. Ein deutsch-niederländisches Bündniß scheint mir der einzig richtige Weg zu sein, auf welchem dem Nordwest-Europck drohenden Unglück vorgebeugt werden kann, und sollte trotzdem ein Krieg ausbrechen, so erblicke ich in diesem Bündniß die sicherste Bürgschaft dafür, daß Niederland durch diesen Krieg weder an seiner Unabhängigkeit, noch an seinen Colonien Ein buße erleidet. Der Krieg in Südafrika. —p. Da- alte Spiel beginnt von Neuem. Beide Gegner schreiben sm Moptzerflusse, wo jetzt täglich heiß gekämpft wird, sich den Sieg zu. Nach unsere» Meldungen haben die vereinigten boeriscken Hilfs- commando- unter Botba Robert»' Vorposten zurückgetrieben und diesen in die Defensive gedrängt. Ander» lautet die folgende Mittheilung: * London, 26. Februar. (Telegramm.) „Reuter'-Bureau" meldet vom Modder River vom 25. d. M. Abend»: Zwei englische Regimenter scklugen »inen neuen Angriff der Boeren zurück, dergp Berlust» beträchtlich find. Aber auch diese Nachricht giebt za, daß di« Boeren zur Offensiv« übergegange» find, also nicht mehr „im Schraub stock" festsitzen. DaS ist schon etwa». Mindestens ist Cronj« noch nicht „rettungslos verloren". Er rührt und wehrt sich noch sehr kräftig. Wäre er von vornherein mit seiner Armee der Vernichtung geweiht, warum macht denn Roderts nicht kurzen Proceff und rennt ihn mit Artillerie und Eavallerie über den Haufen? DaS „gefürchtete" Bajonnet der englischen Infanterie könnte dann ja leicht das Seinige thun, und die Tragödie wäre zu Ende. Die „Köln Ztg." schreibt: „Unerklärlich erscheint nur, wie die Boeren, mit ihrem Fuhrpark, ihren Zugthieren und Pferden auf einen engen Raum zusammengedrängt, dem Feuer aus einem halben Hundert britischer Geschütze, die seil Dienstag einen todtbringenden Geschoßhagel über sie aus schütten, so lange zu trotzen vermochten, zumal da, wie zwei Berichterstatter übereinstimmend melden, schon am DienStaz oder Mittwoch ihr Lager einem einzigen Flammenmeer glich. Zur Lösung dieses Räthsels werden allerlei Vcrmuthungen zu Hilfe genommen. Man nimmt an, daß den Engländern die Munition ausgegangen sei; wir wissen aber, daß in zwischen Munition sowie Lebensmittel am Paardeberg ein getroffen sind; Andere meinen, Lord Roberts habe aus Menschenfreundlichkeit von der weiteren Beschießung abgelassen, und wieder Andere möchten glauben, Lord Roberts sei keineswegs bestrebt, Cronje möglichst bald zur Uebergabe zu bringen, da seine am Modder eingeschlossene Streitmacht ein Magnet sei, der die Boeren von allen Seiten anziehe und somit dem britischen Oberbefehlshaber die Möglichkeit gebe, sie einzeln zu schlagen und durch Vernichtung einer großen Boerenmacht den AuSgang der Kämpfe im Westen des Freistaates entscheidend zu gestalten. Näher als alles das liegt — die Richtigkeit der Meldung, Cronje sei immer noch eingeschlossen, vorausgesetzt — die Annahme, daß uns dieser eigenartige Feldzug hier bei Koodoosrand wieder eine neue Ueberraschung gebracht hat, daß wir uns sowohl in Bezug auf die Wirkung des britischen Artilleriefeucrs wie über die Widerstandskrast der Boeren insofern getäuscht haben, alö jene nicht so furchtbar ist, wie man bisher an nahm, und diese größer, als man selbst bei den höchsten militärischen Ansprüchen erwarten konnte. Indessen müssen die nächsten Tage die Lösung dieses Räthsels bringen." Wir deuteten schon «ine andere Lösung deS Räthsels an. Die Boeren haben bedeutende Verstärkungen hcrangezogen, sind den Engländern numerisch mindestens gewachsen und stehen ihnen nicht in einem, sondern vielleicht in fünf gur verschanzten Lagern in vortrefflich ihnen zu Statten kommendem Gelände gegenüber und nöthigcn Roberts so, seine Streitkräfte zu zersplittern, ihn dadurch zur Ohnmacht verdammend. Cronje. Der „Central News"-Correspondent Alfred Kinnear giebt in seinem soeben erschienenen Buche „Zum Moddersluß mit Methuen" folgende Beschreibung von Cronje'S Persönlichkeit: „Er ist von kleiner Statur und etwas delikaten Aussehens. Sein Gesicht, welches von dem nationalen Bart der Boeren in Len Republiken verschönert ist, ist angenehm im Ausdruck. Es ist nicht das Gesicht eines Kriegers oder Menschentödtcrs, vielmehr bringt es friedliche Häuslichkeit und Abmahnung gegen jegliche Art von Gewalt zum Ausdruck. Wenn man sich an gewisse Heiligenbilder, wie sie aus dem Continente gemalt werden, erinnert, könnte man Cronje'S Physiognomie als eine Christus ähnliche Physiognomie be zeichnen. Es liegt vornehmlich der Ausdruck vorsorgendcr Güte, der rücksichtsvolle Wunsch, mit der Welt nn Frieden zu leben, darin, und er erscheint als ein Mann, der eine geordnete Existenz führt, seine Schulden bezahlt uud nicht nach Mitternacht, sondern vor Mitternacht zu Bett zu gehen Pflegt. Während der Schlacht am Moddersluß war unser Held eine merkwürdige Mischung von Milde und Wildheit, die letztere jedoch war in geringerem Maße vertreten. Der Geschäftsführer des Mont-Modder-Hotel», eS heißt, wenn ich mich recht erinnere, „Königin und Krone", der tapfer auShielt, während der Besitzer und seine Familie in den Kellern steckten, sagte mir an dem Tage, als die Engländer den Fluß überschritten hatten, daß, als der Kampf am heißesten war, Cron;e lächelnd im Hofe de» Hotels umhergtng. Er sagte mit mildem Ausdrucke, er bedauere, daß die Engländer den Geschäfts- sichrer und seine Angestellten gestört hätten, und dann bückte er sich zu einer brütenden Henne hinab, nahm ein 18tägiges Ei, brach die Schale auf und ließ den Inhalt mit sichtlichem Wohlgefallen in seinen HalS hinabgletten. Dann kehrte er zur Landstraße zurück und »rmuthigte die Kanoniere mit ihrem „Long Tom", damit sie unserem „Joe Chamberlain" schneidig antworteten. Cronje'S Charakter ist vollendet in jeder Beziehung. Der Main ist absolut furchtlos und so voll von Ideen, wie die Moltkes in Pall Mall alle zusammen. Er ist ein Cyniker in seiner Art, und er entfaltete etwa» Humor, als er in einer parthtscheu Art nach der Schlacht am Modderflusse Lord Methuen vor der Falle warnte, in die er gerathen würde, wenn er ihm folge, uud wie er dann hinter seinen Einzäunungen von Stacheldraht, der, wie man mir glaubwürdig versichert, in Birmingham gemacht ist, ihn erwarte: . Cronje ist «in sehr lebendiger kleiner Mann, der buchstäblich aus seinen Schlachtfeldern umhrrtanzt. Er ist schlau, phlegmatisch, vo'l von häuslichen Tugenden und voll Güte. Der Oberstcommandirend? der westlichen Armee der Boerenrepubliken «utspricht in seine i Manieren und in seiner Wildheit kaum dem Bild«, das man sich in England an« Kaminfeuer von Cronje mackt. Ju einer englische i Häuslichkeit würde er einfach al» ein Herr mit «in«m Bart erscheinen, in Exeter Hall (wo die christlichen Vereine ihre religiösen Ver sammlungen abzuhalteu pflegen) würde er für «inen Lehrer in einer SonntagSschule gelten, aber keineswegs al» ein Mann, drc mit dem Werkzeug und den Methoden der Kriegführung genau bc- könnt ist. Cronje scheint da» Lebe» eine- Irrlicht» zu führen, und solche Ansprüche macht man au ihn iu Pretoria, und so schnell sind seine Bewegungen, daß er nach dem zweifellosen Siege bei MagerS- fontein mit einem Lheile seiner Truppe westwärts eilte, um zu Helsen, Buller'» Versuch, Ladysmith zu entsetzen, abzuschlagen. Seine Abwesenheit wurde im britischen Lager nicht geahnt, ehe nicht die Nachricht von seiner Rückkehr eingetroffeu war. So groß ist die Energie von General Cronje." Der „Standard" urthrilt folgendermaßen: General Cronje ist offenbar ein Feind, der unseres Stahle» würdig ist. Der Borren-Commandsnt hat den Ruf al» erster „Kampf-General", de» er bei seinen Lance- lruten seit dem Tod« Smit», de» Sieger» von Majuba, genießt, durchaus gerechtfertigt. Die Traa»vaaler waren schon lange der Ansicht, daß, wa» Schlauheit und unerschöpsliche Hilfsquellen, sowie olle Feinheiten der „Veidt"-Krirgführung betrifft, Niemand den, alten, schlauen Taktiker alrichtommen könne, der im Jahre I88l dir Garnison von Potchesstrom »ur Uebergabe brachte, der dir er- müdeten Krieger Jameioa'» nach Doornkop gelockt hotte, vielleicht ist Crouj, nicht all,« gewiss,»hast, aber er ist offenbar »tu tüchtiger General.
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