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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 21.03.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-03-21
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000321028
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900032102
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900032102
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-03
- Tag 1900-03-21
-
Monat
1900-03
-
Jahr
1900
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Die Morgen-Au-gabe erscheint um '/,? Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentag- um 5 Uhr. NeLactiou und Expedition: JohanniSzafie 8. Die Expedition ist Wochentag- ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abend- 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Tortim. Universitätsstraße 3 (Paulinum„ LouiS Lösche, M»th«i»achr. In, »art. und KönigSplotz?. Vez»g--Vr-r- i' der Hauptexpeditto» oder des im Stadt» mztrk uud de» Bororteu errichteten Au«- «poestelleu abgeholt: vierteljährlich^ 4.50, «t zweimaliger täglicher Zustellung in» Hau» ^l 5L0. Durch die Post bezogen für Deutfchlaud und Oesterreich: viertrstährlich ^l 6.—. Direkte tägliche Kreuzbandsenduag t»A Ausland: monatlich 7.50. Abend-Ausgabe. riWger. TaMaü Anzeiger. Ämtsökatt -es Königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, des Mathes nnd Molizei-Äintes -er Lta-t Leipzig. Anzeigen'PretS die 6 gespaltene Petitzeile SO Pfg. Reklamen unter dem Redaction-strich (4go> spalten) 50/H, vor den Familiennachrichten (6 gespalten) 40^. Trübere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Extra-Beilage» (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbeförderung 70.—. ^nuahmeschlnß für Anzeigen: Ab end-Ausgabe: BormittagS 10 Uhr. Morge n-Ausgabe: Nachmittag- 4 Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je et» halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expeditto» zu richten. Druck und Verlag von E. P olz in Leipzig, 148. Mittwoch den 21. März 1900. 81. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 21. März. Da- Schauspiel der Obstruktion, das der deutsche Reichstag zum ersten Male zu genießen bekam, hält die Presse noch immer in Bewegung. Mit Ausnahme der Socialdemokratie ist eS den activen und den passiven ActeurS nicht Wohl zu Mutbe. Den Conservativen wird jetzt vvn der eigenen Presse zu Gemütbe geführt, daß die Rechte die Schuld an der Geschästsstörung trägt, und im Freisinn ist man nicht weniger als unbedenklich darüber, daß die Führer, im Schlepptau des Herrn Singer, an einen Punct gesegelt sind, wo, bei längerem Verweilen, die keineswegs tobten, nur etwas stiller gewordenen — Staatsstreichssreunde den Reichs tag, die Verfassung bedrohen können. Der „Post" gebührt das Verdienst, durch den Hinweis auf diese Seite des frei sinnigen Geniestreichs die bürgerliche Linke in einen Zustand nachdenklicher Katzenjämmerlichkeit versetzt zu haben. Es ist nicht zu widerlegen, was das Blatt des Frbrn. v. Stumm sagt, daß nämlich eine länger andauernde Obstruction die Handhabe für den Staatsstreich bietet. Die Gesetzgebungs maschine muß functivnircn. Stockt sie in Folge des Ver sagens eines FactorS, so wird die Existenz des Staates in Frage gestellt und die Erhaltung des Staates ist das oberste, über allen formalen Vorschriften stehende Gesetz. Wenn man sich aber hinter das bestehende Wahlrecht, auch wo es nicht gefährdet ist, aufspielt und wenn man für das parlamentarische Regierungssystem schwärmt oder zu schwärmen vorgiebt, so sollte man sich hüten, mit solchen Dingen zu spielen. Wird doch schon jetzt wegen der Vorgänge von Freitag uud Sonn abend auf der Rechten eine Aenderung der Geschäfts ordnung des Reichstags mehr oder minder ernstlich ventilirt. Als der Abg. Gröber mit einem derartigen Schritt im Reichstag drohte, konnte man eS mit einem VerlegenheitSacte des herzlich unbedeutenden und schwierigen Situationen durch aus nicht gewachsenen „Führers des Eentrnms" zu tbun zu haben glauben. Auch die Forderung der „Deutschen Tages zeitung", die Geschäftsordnung gleick an drei, vier Stellen abzuändern, wollte nichts besagen. Die Leiter des Bundes der Landwirthe sind bei den ihnen am nächsten Stehenden vielleicht niemals so wenig inS Gewicht gefallen, wie in diesem Augenblick, wo sie in der .Angelegen heit des Fleischbeschaugesetzes die Landwirthschaft in eine Sackgasse geführt haben. Aber cs giebt zu denken, daß die „Köjn. Volksztg.", die der ersten Anregung, zur Klinke der Hausgesetzgebung des Reichstages zu greifen, grundsätzlich entgegenzetreten war, vierundzwanzig Stunden später die Sache sehr erwägenswerth findet. Nach unserer Meinung würde eS ein schwerer, nur der Socialdcmokratie nützender Fehler sein, wollte man eine mit dem Reichstage geborene Freiheit, die der Discussion, einengen, ehe alle Versuche er schöpft sind, mit ihr sich nach wie vor zurecht zu finden. Gegen unsere erste Obstruction ist aber nickt einmal das erste, nächstliegende und selbstverständlichste Mittel, die Präsenz der Gegner der Obstruction, in Anwendung gebracht worden, eine Thatsache ^die den bürgerlichen Knappen der socialdemokratischen Helden vom Freitag und Sonnabend, denen, wie gesagt, bei der Erinnerung an ihren Sieg nicht mehr recht wohl ist, den willkommenen Anlaß zu der Behauptung giebt, da die Gegner das HauS hätten beschlußfähig erhalten können, dies aber unterlassen haben, so sei von einer eigentlichen Obstruction gar nicht zu reden. Von derselben Seite wird mit den parlamentarischen Vorgängen die Diäten frage in Zusammenhang gebracht und daS Gewissen der Rechten ist so schlecht, daß sich aus ihrem Lager Stimmen vernehmen lassen, die diesen Zusammenhang erörterungsfähig finden. Der Unsinn aber liegt auf der Hand. Wir sehen davon ab, daß die Conservativen und die Kleri kalen sich selbst schänden, wenn sie zugeben, für 12 oder 15 hätten sie am 17. März die Sittlichkeit des deutschen Volkes gerettet, aber „für umsonst" wäre ihnen das Gesckäft zu leidig gewesen: die logische Unmöglichkeit, die Diälenlosigkeit anzuzichen, besteht darin, daß am Sonnabend das Haus ursprünglich beschlußfähig gewesen und erst später es zu sein aufhörte. Mit einem um einige Stunden längeren Verweilen wären aber selbstverständlich für den einzelnen Abgeord neten Kosten nickt verbunden gewesen. Man kann also die Tagegelderlosigkeit für diesen Verlust des Reichstags an Ansehen nicht ins Feld führen. Es ist ja eine grausame Statistik, die die „Freis. Ztg." bei der Gelegenheit aufmacht und die ergiebt, daß der Reichstag vom 14. November bis zum 9. März nur an zwei Tagen beschluß fähig gewesen, aber sie beweist gerade für den 17. März nichts. Die Mitglieder des obstructionsfrvhen österreichischen NeichsrathS beziehen übrigens reichliche Diäten. Es bleibt also dabei, daß nur die gänzliche unverzeihliche Pflichtwivrigkeit einer im Reden sehr herausfordernde Mehrheit die beschämenden Erscheinungen verschuldet hat. Zu welcher Feststellung die Erinnerung gesellt wird, daß die Conservativen bei der dritten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuches für den Fall der Aufnahme der Vergütungspflicht für Hasenschadcn in daö neue Reckt mit der Absenlirung und sohin Aufhebung der Beschlußfähigkeit, also mit nichts Anderem gedroht haben, als was die Socialdemokrateu jetzt wahr gemacht. Nun, bas Eine wie das Andere gehört der Ver gangenheit an. Ob, wie ein Berliner Blatt hofft, die nothgedrungene Pause im Bundesrathe, der angeblich den „Wohnungsparagraphen" nicht missen und den „Theater paragraphen" nickt dulden möchte, die Aussichten des ganzen Gesetzes zn verschlechtern geeignet ist, mag dahin gestellt bleiben. Die Abstimmuugsliste über die Sonnabend sitzung deS Reichstages, deren Erzebniß der jähe Albruch der dritten Lesung der „lex Heinze" war, ergiebt, daß von den 206 Mitgliedern des Reichstags, die die Minderheit vor ihre in aller Stille formnlirten „Compromißbeschlüsse" gestellt hatte, nicht weniger als fünfundsieb enzig fehlten. Zieht man diese 75 von den 206 ab, dann waren 131 Interessenten der lox Heinze im Reichstag anwesend. Dem ist gegenüber zu stellen, daß 191 Mitglieder des Reichstags an dem sogenannten „Compromiß" nicht betheiligt und mit wenigen Ausnahmen Gegner des Kunst- und Tbeaterparagraphen waren. Bezeichnend war, daß von den 75 abwesenden Mitgliedern nur sechs krank waren, darunter der Ccntrumssührer vr. Lieber und der frei- conservativeAbg.v.Tiedemann-Bromberg. Beurlaubt hatten sich zehn, darunter der reichsparteiliche Abg. vr. Stock mann, der unter dem Compromißantrag neben den Abgg. Graf v. Bernstorff-Lauenburg, Himburg, ör. Oertel-Sacksen und Roeren als Vater deS CompromißantrageS steht. „Ent schuldigt" hatten sich sieben, ohne Entschuldigung aber fehlten von den Compromißlern zweiundfünfzig, darunter von bekannteren Conservativen Graf v. Kanitz, Graf zu Limburg-Stirum, v. Loebell, Lucke, v. Puttkamer- Plauth, Graf zu Stolberg-Wernigerode und der Abg. Stöcker, der noch am Tage zuvor sich in eifernden Reden kaum hatte genug thun können. Es fragt sich nun, ob bei der Fortsetzung der Debatte nach Ostern die Herren Compromißler sich vollzähliger einfinden. Sehr wahr scheinlicher ist das nicht, denn erstens hat die in unserem heutigen Morgenblatte mitgetheilte Verurtheilung des Photo graphen und Kunsthändlers Hamel in Altona zu 6 Wochen Gefängniß wegen Verkaufs vou Actstücken unzüchtigen Charakters ohne künstlerischen Werth und künstlerischer Art an Nichtkünstler den Beweis geliefert, daß der in Kraft stehende ß 184 deS N.-Str.-G.-B. vollständig auSreicht, ver derbliche Auswüchse zu beschneiden; und zweitens zeigt daS jetzt vorliegende Stenogramm der Ausführungen, mit denen der Abg. Gröber am Freitag den socialdemokratischen An trag, daß außer § 184 auch die als tzß 184 a und 184 b angenommenen sogenannten Kunst- und Theaterparagrapheu „keine Anwendung finden auf Productionen und Darstellungen, bei denen ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft obwaltet", bekämpfte, welche Auslegung der genannten Para graphen von Richtern seiner Art zu erwarten ist. Diese Ausführung lautet nach dem Stenogramm: „Gerade weil nach der Fassung dieser drei Paragraphen und in der Debatte klar zum Ausdruck gekommenen Absicht jeder Unterschied, den die Herren Gegner zu machen gesucht haben, ab gelehnt worden ist, gerade weil hier bestimmt wird, daß ohne jede weitere Unterscheidung jede Handlung, jedes Schrift stück, jedes Bildniß, gleichviel ob dasselbe als angeblich künstlerisch zu bezeichnen ist oder nicht — ohne Unterschied, ob das Product als ein angeblich künstlerisches oder nicht künst lerisches zu bezeichnen ist — unter die Strafbestimmung falle» soll, sobald die Handlung den Thatbestand der Strafbestimmung erfüllt, deshalb halte» wir es für unzulässig, diese» 8 184ck (den oben er wähnten Antrag) noch einmal zur Debatte und zur Ent scheidung zu stellen." Das wird sich besonders der Abg. Liebermann von Sonnenberg, einer der eifrigsten Verfechter der Compromiß- anträgc, uä uotum nehmen müssen. Der „Vorwärts" druckt aus den bei Theodor Fritsch in Leipzig erschienenen Gedichten dieses Abgeordneten einige ab, von denen wenigstens eines ganz zweifellos von Herrn Gröber zu den Schriftstücken gezählt werden würde, die unter die Strafbestimmungen dcrCompromiß- paragraphen 181 und 18 Irr fallen müßten. Und eS wäre für den Abg. Liebermann von Sonnenberg doch recht fatal, wenn ihm nach Ostern im Hause diese Gedichte vorgelesen würden. Die französische Kammer hat daS Marinebudget für das laufende Jahr auf den Betrag von 310 Millionen Franken festgestellt, 7 Millionen weniger als der Regierungsantrag, immerhin aber 6 Millionen mehr als für 1899. Vor zehn Jahren betrug daö Marinebndget nur 201 Millionen. Trotz dem beklagte der Commissionsbericht die Unzulänglichkeit der Wehrmacht zur See angesichts der gegenwärtigen Umstände und zählte eine ganze Reihe von Er fordernissen auf, denen die Mittel deS gegenwärtigen Budgets nicht entsprächen. Außerdem sind in dem Budget gewisse, sehr wichtige Posten, u. a. für Neubauten, Anlage von Stütz- puncten, Vertbeidigung der Häfen, einmal ungenügend bedackt, dann kann auch die Wirkung erst nach Jahren fühl bar werden, unterdeß mögen sich jedoch allerlei Möglichkeiten einstellen. Das „Journal des Dobat" beklagt daher die Vernachlässigung der Marine durch die maßgebenden Factoren, und nicht zum wenigsten durch das Parlament, dem die Marine bis vor wenigen Jahren als ein LuxuS galt, während von den Ministern keiner den Muth hatte, daS Flickwerk dahinzuwerfen und ein einheitliches System aufzustellen. Jetzt ist eS freilich besser geworden; in der Kammer herrschte Einstimmig keit bei der Bewilligung der Gelder, und daS HauS warauch einig darin, alle Principienfragen vorläufig unberührt zu lassen, bis der Flottenbau- und allgemeine VertheidigungSplan zur Erörterung kommen wird. Jndeß schloß sich die Kammer bereits den Ansichten an, welche die Commission im Hinblick auf diesen Plan vertreten hatte, und einzelne Aenderungen wurden am Budget gerade mit Rücksicht auf die geforderte Verstärkung vorgenommen. Dabei ergab sich auch schon das Einverständniß der Kammer mit der Regierung in Bezug auf die großen Schlachtschiffe, während die öffentliche Meinung nock Erörterungen über die verhältnißmäßige Nützlichkeit der verschiedenen Schiffstypen pflegt. DaS „Journal des Debats" hofft, daß, wenn einmal das Parlament die Zahl der Gc- schwaderschiffe um sechs erhöht hat, die Anhänger und Gegner dieser Schiffstypen eine gegenstandslose Polemik fallen lassen werden; denn was am meisten Noth thue, sei das Vertrauen auf die Ueberlegenheit der eigenen Marine, besonders ihrer Artillerie, gegenüber den fremdländischen. lieber die anglo indische Armee wird uns au- London unter dem 19. März geschrieben: Die Neubewaffuung der anglo-indischen Armee mit Lee-Enfield-Gewehren und die jetzt osficiell sanctionirte Verschiebung dcS Zahlenverhält nisses zwischen englischen eingebornen Soldaten bedeuten eine grundlegende und principielle Aenderung der Anschauungen, nach denen der Aufbau und die Organisation der anglo- indiscken Armee bis jetzt betrieben wurde. Bis jetzt war eS Grundsatz, erstens die eingeborenen Soldaten schlechter zu bewaffnen, als die englischen, zweiten- stets doppelt soviel europäische Mannschaften zu haben, als indische, und drittens die indischen Regimenter aus verschiedenen Kasten zusammenzusetzeu. Beim letzten Grenzfeldzugc waren die Gurkhas ausnahmsweise mit dem Lee-Metford- gewehr ausgerüstet, und da die SilhS, PathanS und Hindus sich ebenso wie die GurkhaS in der letzten Zeit besonders loyal gezeigt haben, sollen sie jetzt daS moderne Gewehr er halten. Das Princip, daß immer erst auf je zwei englische Soldaten ein Eingeborener kommen sollte, wurde »ach dem großen indischen Aufstande von 1856 aufgestellt, aber im Laufe der Jahre hat sich dies Verhältniß allmählich ver schoben und die anglo-indische Heeresverwaltung hat sich jetzt entschlossen, dasselbe vollständig aufzugebeu, da mit Eisenbahn und Telegraph über das ganze Land die Unterdrückung eines Aufstandes der Eingeborenen heute im Verhältniß zu 1856 eine Kleinigkeit ist. Auch hat die weiße Bevölkerung seit der Zeit ganz außerordentlich zu genommen und eS kann infolge dessen in kurzer Zeit eme stattliche Zahl Volunteers im Lande selbst auSgehoben werden. Aehnliche Gründe haben zur Lockerung der Grundsätze bezüg lich der Zusammensetzung einzelner Truppen auS verschiedenen Kasten geführt. Es scheint nicht, als ob eine durchgreifende Heeresrcform für das indische Reich jetzt schon in Erwägung gezogen sei; die Neubewaffnung und die Normirung des Stärkeverhältnisses zwischen englischen und eingeborenen Truppen auf einen niedrigeren Grad ist vielmehr eine Maß regel, die der Zeitlauf mit sich bringt, womit übrigens nicht gesagt werden soll, daß die anglo-indische Armee eine Reform entbehren könne. » Fetirlletsn. Hans Eickstedt. Roman in zwei Bänden von Anna Maul (M. Gerhardt), Nachdruck verton». In den Salon traten Gratulanten ein, bald erschien auch Frau Vera, di« draußen eilig abgelegt hatte, und khat ihr Bestes, den Gästen die Honneurs zu machen unld ihren Gatten zn ent schuldigen, dessen Verschwinden nnd Fortbleiben zu einer Stunde, wo man Besuch erwartete, ihr bei «seiner gesellschaftlichen Pflicht treue räthselhaft war. Aber sie wagte nicht, sich zurückzuziehen und nach ihm zu sehen, da wieder neue Gaste kamen und ihr ganz besonders daran lag, keine Verlogenheit blicken zu lassen und keine Höflichkeit zu «versäumen. Sie 'lachte und scherzte mit den Herren in übertriebener nervöser Munterkeit. — Di« Aus fahrt heute Morgen hatte keinem Mckdsmagazin gegolten — sondern dem verwundeten Freunde, der sein Leben ebenso rück sichtslos aufs Spiel gesetzt, wie vorher ihre Ruhe, ihren Ruf. Sie hatte ihn fieberns, reizbar, unduldsam gefunden, ihre ge heime Angst und Noth hatte sich in Vorwürfen, in Thränen Luft gemacht. Sie hatten sich gegenseitig toll gemacht, die ganze Scala leidenschaftlicher Erregungen zwischen Liebe und Haß hinauf und hinab gestürmt. Ein Kampf auf Tod und Leben, auf Niemehrscheiden und Nimmerwiedersehen war es gewesen — und nach welcher Seite das Zünglein der Waage den Ausschlag gegeben, war ihr nicht klar. Schön wie immer in ihrem eleganten Straßencostüm war Vera doch auffallend blaß und müde um di« Augen. Endlich vermochte sic ihre läppische Rolle kaum noch weiter zu spielen. Die letzten Gäste verabschiedeten sich zum Glück ziemlich rasch. Dann eilte Vera, ihren Gatten aufgusuchen. In seinem Studir- zimmer war er nicht, das Schlafzimmer war leer, das Mädchen wußte nicht, ob der Herr ausgegangen sei. Zusammeuschreckend lief'Vera auf die Thür ihres Ankleide zimmers zu. Sie war verschlossen. Sic wich keinem Drücken nnd Rütteln. Der Schlüssel stak innen. Der Geheimrath hatte sich drinnen eingeschloffen und öffnete nicht. Alle schlimmsten Befürchtungen bestürmten und bedrängten Vera. In ihrem Schreibtischchen, das in diesem Zimmer stand, bewahrte sic ihre kleinen Geheimnisse, es fi«l ihrem Gatten nie mals ein, ihrem Thun und Treiben nachzuspähcn, sic konnte sich auf seine vertrauensvolle Ritterlichkeit verlassen. Hätte sic wenigstens zugefchlvssen! Aber der Schlüssel sand sich nicht in ihrer Tasche, er mußte im Schreibtisch stecken oder irgendwo drinnen liegen geblieben sein. Sie rüttelte, klopfte, rief. Großer Gott, hörte denn der Mann wicht? Hatte «r sich etwa durch den zweiten Ausgang entfernt? Aber nein, dieser war von innen verschlossen wie der erste. Was geschah drinnen, was war geschehen? — In wahrer Todesangst verdoppelte Vera ihr Klopfen und Rufen. — Endlich holt« das Dienstmädchen ein Hackmesser und einen Hammer aus der Küche und schlug vor, das Schloß zu sprengen. Es mußte doch dem Herrn Geheimvath drinnen etwas zugepoßen sein. Die Thür wich 'ihren kräftig«» Schlägen, und Vera konnte «intreten. Das Bild, das sich ihr 'darbot, entsprach ihren schlimmsten Befürchtungen. Alle Schiebladen ihres Schreib tisches waren aufgerissen, Blätter, Briefe, Karten, trockene Blumen, Photographien über di« Platt« und den Fußboden ver streut. Der kleine Sessel umgeworfen. Zwischen ihm und dem Schreibtisch rücklings hingostürzt, die Rechte krampfhaft ge schlossen, die Linke mit gespreizten Fingern, die nach einem Halt zu greifen schienen, ausgestreckt, mit bläulichem, entstelltem Ge sicht, lag Geheimrath Martini) auf dem Teppich, leblos, wie es schien. Mit einem verzweiflungsvoll«n Aufschrei warf sich Vera neben ihm nieder. Ihre erste Bewegung war, zu untersuchen, was er in den zusammenqekrampftcn Fingern hielt. Es war ein Blättchen — aber nicht möglich, es aus seinem Griff zu lösen. Das Dienstmädchen lief, den Portier zu holen, der Ohn mächtig« wurde auf sein Bett getragen, entkleidet, mit heißen Tüchern gerieben. Während das Mädchen mit Belebungs versuchen fortfuhr, kehrte Vera in ihr Ankliidczimmer zurück, raffte alle Briefe und Blätter vom Fußbcden und Tisch zu sammen, stopfte Alles eiligst in die Schiebladen zurück, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich. Was hatte denn Martiny ge- funlden, gelesen? Sie war doch meistens vorsichtig, vernichtete Alles, was ihr nicht besonders theuer war oder etwa später wichtig werden konnte. Die ominöse Nummer der Montagspost mit der roth angestrichenen Stelle fiel ihr in die Hände. Sie kannte 'das Blatt, es war ihr in verschlossenem Umschlag anonym zugesandt worden, wahrscheinlich von dem boshaften Äffen, dem Maler Roth selbst — der doch zu anständig gewesen war, es ihrem Gatten mitzutheilen. Hatte er es nachträglich gethan? Oder hatte ein Anderer ihr und ihm diesen Liebesdienst erwiesen? Vergebens hatte sie angeordnet, alle Postsachen ihr zuerst vor» zulcgen — cs gab ja auch andere Wege. Den Bemühungen des Arztes, der alsbald kam, gelang eS, den Geiheimrath ins Bewußtsein zurückzurufen. Langsam und unvollkommen fanden sich Gedächtniß, Sprachvermögcn, Be wegungsfähigkeit der Glieder wieder ein. Trotzdem war die Ge fahr für das Leben keineswegs «beseitigt, die Zunge stammelte, die Schwäche war sehr groß. Es wurde eine Pflegeschwestcr angenommen, «der Arzt kam täglich zweimal. Dera litt schrecklich unter diesem angstvollen, nicderdrückenden Zustande, sie mußte ihren ganzen Muth zu- sammenraffcn, um an das Bett des Sckwerkranken zu treten, es war ihr fast eine Erleichterung, daß rr ihr winkte, nicht näher zu kommen. Er flüsterte etwas von: „Armes Ding — trauriger Eindruck — später—", aber es blieb dabei. Vera blieb aus dem Krankenzimmer verbannt. Um sie zu schonen, wie der Arzt ihr rücksichtsvoll sagte. Er aber wußte, daß der Kranke schon bei dem Getdanken an seine Gattin, bei der Nennung ihres Namens in eine qualvolle Aufregung gerieth, und er sorgte dafür, ihm ihre Person fernzuhalten. Stundenlang lag der Kranke ganz still, ohne ein Wort, ohne eine Bewegung, zuweilen in leichtem Schlummer, öfters in grübelndem, mühseligem Sichbesinnen auf Das, was gewesen, was seiner Ohnmacht unmittelbar vorausgegangen, und wie und warum ihn dieser plötzliche grausame, zerstörende Schlag ge troffen, der sein Leben, sollte es erhalten bleiben, werthlos zu einer schweren Last und harten Pein machte. Wie hatte er doch in früheren guten Tagen an dem traurigen Heldemthum eines König Marke, eines Risler ssu. und anderer dichterischer Verkörperungen des tragikomischen Begriffs „Betrogener Ehemann" sein still-lächelndes Behagen ge habt. Und jetzt gehörte er selber zu jener dem Mitleid, dem Spott und Hohn alter und neuer Zeittn anheimgefallenen Schaar von Narren und Märtyrern ihrer verspäteten Herz«nstriebe, ihrer vertrauensseligen Blindheit. Di« Lähmungserscheinungen traten in den nächsten Tagen mehr und mehr zurück, ober andere gefährliche Symptome machten sich bemerklich, vor Allem eine langsam zunehmende Er schlaffung der Herzthätigkeit. Der Arzt wünschte, eine Autorität zu Rathe zu ziehen. Der Besuch des berühmten Mediciners klärte den Geheimrath, der ohnehin ahnte, wie es um ihn stand, über söinen Zustand aus. Ec hielt den Mcdicinalrath, den er gut kannte, mit dem er oft genug bei heiteren Symposien den schäumende» Rand des Eham- pagnerkelches hatte zusammcnklingen lassen, zurück, bat ihn um ein Wort unter vier Augen und fragt« il» Hut- er seinem Ende entgegengehe. Da er gekosten !Me ein Philosoph das allgemeine Menschenschicksal ins Auge faßte, fo gestand skpn der Mcdicinalrath in herzlicher Betrübniß, daß seine Daye ge zählt seien, und rieth ihm, sein Haus zu bestellen. Der Kranke nickte dazu mit geisterhaftem Lächeln und flüsterte: „Es ist am besten so." Noch am nämlichen Tage beauftragte er seine Pflegerin, Jemand zu Dr. Eickstedt zu schicken und ihn um eine 'Unter redung zu ersuchen. Seit dem Erscheinen des Pamphlets hatte Eickstedt das Martiny'sche Haus gemieden. Als er jetzt in das Krankenzimmer trat, bleich, hohläugig, den Arm in der Schlinge, er selber kaum vom Krankenlager erstanden, und mit allen Zeichen körperlicher Abspannung und seelischer Verdüsterung kn seinem Aoußeren, da lächelte Martiny wieder, ein trauriges, fast mitleidiges Er winkte Eickstedt, die Thür zu verschließen und am Bette Platz zu nähmen. Das Sprechen wurde ihm sauer, aber er hatte seine Worte oft und oft überlegt, und brachte sie, stockend und gebrochen, aber zusammenhängend und für seinen Zuhörer deut lich genug — mit niederschmetternder Deutlichkeit hervor. „Ich habe sie herzcbeten, um eines Vermächtnisses willen. Ich sterbe, das ist Ihnen wohl bekannt?" Hans hob sein gesenktes Auge — sein Blick gab Antwort auf die Frage, um seine Lippen zuckte es, si« blieben stumm. „Sie wissen", nahm Martiny wieder auf, „welche schmach vollen Gerüchte über Sie und — meine Frau — auSgesprengt sind?" „Ich weiß", erwiderte Hans mit heiserer Stimme. „Sie haben — sich geschlagen?" Hans zuckte verächtlich die Achsel. „Es ist ja in unserer hochgebildeten Gesellschaft nicht Mick, ein giftiges Jnsect einfach zu zertreten — einen Schuft von Verleumder niederzuknall«n wie einen tollen Hund." „Eickstedt", — die Augen des Kranken bohrten sich mit fieber hafter Spannung in die seines Gegenüber, „i st es Verleumdung — ist es Verleumdung?" „Das Märchen in lser Montagspost?" Der Geheimrath nickte. Er winkte Eickstedt, sich zu ihm niederzu-beugen, sein Ohr seinem Mund« zu nähern. „Schwören Sie, daß es ein Märchen ist, Eickstedt — daß e» Lüge ist und Verleumdung — schwören Sie!" Hans richtete sich aus, bis ins Innerste erschüttert, bleich Wi tin Todter. Einen Sterbenden belügen —? Oder ihm den LhdWtoß geben — ? „Schwören Sie!" wiederholte der Gebeümrath. „Geben Sir mir Ihre Hand —"
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