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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 18.04.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-04-18
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000418027
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900041802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900041802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-04
- Tag 1900-04-18
-
Monat
1900-04
-
Jahr
1900
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Graf von Kliuctow ström geht ihnen immer schärfer zu Leibe und beweist ihnen immer schlagender, daß sie flunkern, wenn sie die Zahl der ihnen nicht unbedingt beipslicktenden Conservativen und Bündlcr als eine verschwindend kleine hinstellen. So hatte die „Deutsche Tagesz." dieser Tage geschrieben: „Sollten die ostpreußischen Dclegirten des Bundes der Landwirthe sich ähnlich entschieden haben, wie der Vorstand der Landwirthschaftskammer und der Aus schuß des konservativen Vereins der Provinz Ostpreußen, so würde das dadurch zu erklären sein, daß es sich hier annähernd um dieselben Personen und sicher um denselben Einfluß handelt." Dazu erklärt nun Graf Klinckowström in der „Ostpr. Ztg.": „1) daß eS sich bei der bewußten Delegirtenvcrsammluug nicht um annähernd dieselben Personen gehandelt (von einigen 30 viel leicht 2—3) und daß 2) die „Deutsche Tageszeitung" den eigenen Willen deS Ostpreußen unterschätzt, wenn sie anuimmt, daß ich «denn nur meine Person meint sie) im Stande wäre, einige 30 Delegirte des Bundes, trotzdem ihnen die Ansicht der Bundes leitung vollkommen bekannt war, derartig umzuslimmen, daß sie einstimmig einen entgegengesetzten Beschluß fassen. Der Ost preuße hat aber keine Freude an einer fruchtlosen Agitation, dazu ist er zu praktisch; ein va. banguo-Tpiel macht er nicht mit, besonders wenn er genau vorher weiß, daß dies Spiel nur ver loren werden kann." Graf Klinkowstrvm kennt seine Ostpreußen, und wenn er in einer anderen Erklärung versichert, daß er „aus rein sach licher Rücksichtnahme und im Interesse der Landwirthschaft wie bisher alles thnn werde, was in seinen Kräften steht, um eine Verständigung mit den Verbündeten Negierungen zu ermöglichen", so ist er seines Erfolges bei diesen Ostpreußen zweifellos sicher. Die „Kreuzztg." freilich schlägt den Einfluß der Bundesfübrer auf die konservative ReichslagSfractiou noch immer ziemlich hoch au; sie schreibt nämlich heute: „Die Entscheidung über das Zustandekommen einer Verständigung uvegen des Fleischbeschaugejetzes) wird bei der konservativen Fraktion des Reichstages liegen. Ueber die Art der Entscheidung kann aus den Stimmungen, die in der letzten Sitzung der Fraktion vor der Lsterpause in die Erscheinung getreten sind, kein einigermaßen sicherer Schluß gezogen werde», da diese Sitzung nur schwach besucht gewesen ist. Außerdem sind inzwischen mit der Erklärung des Grafen Mirbach und deS Freiherrn v. Manteusfel, sowie mit dem Beschlüsse der konservativen Parteileitung «Les Elserausschusses) zwei Ereignisse eingetreten, die an den konservativen Mitgliedern des Reichstages nicht spur- WS vorübergehen werden. Wenngleich jener Beschluß an sich für den einzelnen Abgeordneten nicht bindend ist, o wird er doch jedem derselben die Verpflichtung auferlegen, die Lache nochmals eingehend zu prüfen. Es erscheint deshalb nicht ausgeschlossen — und nach unserer Kenntniß der Sachlage besteht sogar die nicht unbegründete Hoffnung —, daß, wenn der Reichstag wieder zusammentritt, eine erhebliche Anzahl con- servativer Mitglieder, vielleicht die Mehrzahl, zu einer Ver ständigung geneigt sein werden." Aber das „ führende" konservative Blatt unterschätzt augenscheinlich die Stärke der in Schlesien für eine Ver ständigung herrschenden und in der „Schles. Ztg." zum Aus drucke kommenden Stimmung ebenso, wie sie den Einfluß der Bundesführer auf die sächsischen Conservativen über schätzt. Und jedenfalls wird bei der „nochmaligen eingehen den Prüfung", welche die „Kreuzztg." ihren Parteigenossen empfiehlt, auch eine Warnung nicht übersehen werden, die zweifellos von einer osficiösen Berliner Feder ausgeht und sich in der „Allgem. Ztg." findet. Es heißt in ihr: Ter schlechten Witterung des Bundes entspricht cs vollkommen, daß die Herren vollständig übersehen, wie man im Centrums lager um so offensichtlicher Miene macht, sich aus hauspolitischen Gründen der Landwirthschaft anzunehmen nnd die sogenannten „berufenen" Vertreter der agrarischen Inter essen aus ihren Co mm andost eilen zu ver drängen, je mehr diese in geradezu unbegreiflicher Verblendung bestrebt sind, kleine Fragen als große und große als kleine Fragen zu behandeln. Ebenso wie Lurch den Mangel an Ge- schlossenheit der Liberalen in den siebziger Jahren, ebenso wie damals dadurch, daß die Fractionsfexe und die Sonder bündler die gemäßigten Elemente unterzubekommen wußten, das Centrum eine erhebliche Stärkung erfuhr, würden auch jetzt wieder die Aktien des Centrums Lurch die von den Exaltados des Bundes auf der konservativen Seite angerichtete Verwüstung eine erhebliche Steigerung erfahren. Was dann aber aus dem „Bunde" werden würde, das brauchen wir wohl nicht erst auSeinaudcrzujetzeu. Er würde dahin schmelzen wie der Schnee an der Sonne und nichts würde schließlich von seiner Erdcntage Spur zeugen, als die That- jache, daß die scrupellose Agitation der Bundesführer in die Reihen der deutschen Landwirthe eine Denkweise hincingetragen hat, die alles eher ist als „wahrhaft staatserhaltend". In der Thal könnte den Conservativen nicht Schlimmeres widerfahren, als wenn sie sich aus Unterwürfigkeit gegen die Bundesführer vom Cenlrum an praktischer Fürsorge für die Landwirthschaft übertreffen ließen. Um daS zu verhüten, werden sie in ihrer großen Mehrheit lieber den BundeS- sührcrn cs überlassen, sich zu LiScreditiren, als sich von ihnen auf den todten Strang führen zu lassen. Eine Wittwen- und Waisenverfichcrung als Schluß stein der socialen Versichcrungsgesetze ist, wie bekannt, ein ein- müthiger Wunsch des Reichstags, dem unlängst wieder Aus druck gegeben worden ist. Tie Negierung hat die Lösung dieser gewiß nicht leichten Ausgabe einstweilen zurückgestcllt, um erst die bereits ungebahnten Reformen weiter durch zuführen und die Revision der vorhandenen socialen Gesetze zu beendigen. Einen beachtenSwerlh Beitrag zur Lösung der Frage liefert vr. Prinzing im neuesten Hefte der Zeitschrift für Socialwissenschaften, indem er annähe rungsweise die Zahl der in Betracht kommenden Wittwen und Waisen und die Kosten der Versicherung berechnet. In den Genuß einer Rente würden nach dem gegenwärtigen Stande jährlich nach Abzug der Wicderverheiratbeten rund 50 000 Arbeiterwittwen treten; rentenberechtigt wären also nach Einführung der Versicherung im ersten Jahre gegen 50 000, im zweiten lOOOOO Wittwen u. s. f. Der jährlichen Vermehrung um etwa 50 000 steht das Absterben der älteren Rentenberechtigten gegenüber, so daß die Zunahme von Jahr zu Jahr geringer und im Laufe der Zeit ein ziemlich gleichmäßiger Stand erreicht werden würde. Dies wäre etwa 60 Jahre nach Einführung der Versicherung der Fall, und cs betrüge dann die Zahl der rentenberechtigten Wittwen gegen N/z Millionen. In entsprechender Weise werden die zu versorgenden Waisen berechnet, die sich im ersten Jahre auf 93 000 und vom 14. Jahre nach Ein führung der Versicherung an gleichmäßig auf rund 740 000 belaufen würden, so daß späterhin zusammen gegen 2>/i Millionen Personen zu versorgen wären. Als Rente setzt Di. Prinzing für die Wittwe 80, für eine Waise 40 an, jedoch mit der Maßgabe, daß eine Familie zusammen nicht mehr als 200 ./ll erhalten solle. Nach Abzug der von Berufsgenossenschaften zu unterstützenden Hinterbliebenen wären unter diesen Voraussetzungen nach längerer Dauer der Versicherung jährlich insgesammt über 111 Mill. Mk. an Renten aufzubringen. Zur Deckung dieser Kosten sollen nach Prinzing in erster Linie di- Ueberschüsse der Alters- und Jnvaliditätsversicherungsanstalten herangezogen werden, ferner die Gem eind en,diedurchdieWittwen-undWaisenversicherung in ihren Armenlasten wesentlich entlastet und dadurch zu Aufwendungen in dieser Richtung befähigt würden. Da die durch eine solche Versicherung verursachten Kosten in der Thal zu einem erheblichen Theile bereits in Gestalt der Armenunterstützung ausgebracht werden müssen, so wäre die Mehrbelastung jedenfalls nickt so groß, daß aus finanziellen Rücksichten die Wittwen- und Waisenversicherung dauernd ein unerfüllter Wunsch bleiben müßte, zumal da dieser Wunsch von allen Parteien uud socialpolitischen Richtungen getheilt wird. Bei dem umfangreichen Programm, das der socialen Gesetz gebung für diese und die nächsten Sessionen bereits gestellt ist, Wird es freilich noch längere Zeit dauern, bis auch diese Pläne greifbare Gestalt annehmen. Die Herausgeber deutsch-amerikanischer Zeitungen in den Staaten Michigan, Wisconsin, Kentucky, Indiana, Ohio, Iowa, Minnesota, NebraSka, Missouri und Illinois haben kürzlich in Chicago eine Confercnz abgebalten, in welcher be schlossen wuroe,die WiederwahlMeKinlcy'S zu bekämpfen. Herr Doeder lein, der unter dem Präsidenten Cleveland amerikanischer Consul in Leipzig war, wurde dem nationalen demokratischen Wahllcituugsburean als Vorsteher der deut schen Abtheilung desselben empsohlen und von demselben angenommen. Auch in den nordwestlichen Staaten wird sich die deutsch-amerikanische Presse zur Bekämpfung McKinleys vereinigen. Und von noch größerer Bedeutung ist eS, daß die „New Docker Staatszeitung" die Nieder lage McKinley's in dem Grade für nothwendig hält, daß selbst ein Bryan als Präsident in Kauf genommen werden mußte. Angesichts des großen Gewichts der deutschen Stimmen sind die republikanischen Parteiführer wegen der ausgesprochen Mac Kinley feindlichen Haltung des bei Weitem größten Theiles der deutsch-amerikanischen Presse nickt wenig beunruhigt. Je näher die Präsidentenwahl rückt, desto mehr spitzt sich Alles auf das Gewinnen des „6orman votcr" zu. Die republikanischen Parteisübrer haben nun zu einem ganz neuen Mittel gegriffen. Neuerdings tragen die strammen republikanischen Parteiblätter Feindschaft gegen Deutschland zur Schau. Man behauptet, daß die von Deutschland beabsichtigte Flotkenverstärkung sich gegen die Vereinigten Staaten richte,und dicktetDeutschlandExpansionS- gelüste auf Brasilien und auf westindische Inseln an. Aehnlich wird die Fleischbeschauvorlage auSzubeuteu versucht. Der Zweck diese- WablmanöverS ist folgender: ES soll den deutsch amerikanischen Wählern zu Gemütbe geführt werden, daß sie in erster Linie amerikanische Bürger seien, welche die Pflicht hätten, ihr Adoptivvaterland gegen jeden Feind, und heiße er auch Deutschland, vertheidigen zu helfen. Mit diesem Wiederaufleben deutschfeindlicher Gesinnung in Amerika hat es aber weiter nichts auf sich. Ehe die Präsidentenwahl im Herbst zum Abschluß kommt, wird in den Vereinigten Staaten noch gar mancher Wahlunfug getrieben werden. Nach der Wahl wird daS Alles wie mit einem Schwamm ausgewischt. Der Krieg in Südafrika. —L>. Die Londoner Lügenberichte über die Aufgabe der Belagerung WepenerS durch die Boeren und deren Rückzug in verschiedenen Richtungen haben kurze Beine gehabt. Heute werden sie durch folgende amtliche Mittheilungen strikte dementirt: * London, 18. April. (Telegramm.) Lord Roberts telegraphirt auS Bloemfontein unter dem 17. d. M.: Di- Engländer in Wepener sind noch von de» Boeren ein geschlossen, der Feind soll aber nicht recht energisch angreifen, da er wegen der Verbindungen besorgt sei. Die Engländer nähern sich zuin Entsatz Wepeners von zwei Seiten, über Reddersburg und Rouxville. — Bei der Wiedereinnahme von Rouxville am 15. d. M. zogen sich die Boeren zurück; General Brabant nahm wichtige Verhaftungen vor. Ueber die Kämpfe am Freitag, 13. April, wird nach träglich noch berichtet: " London, 18. April. (Telegramm.) Eine Meldung der „Times" vom 15. d. M. über Wepener aus Jammersberg be sagt: Am Freitag Morgen machte der Feind einen Vorstoß gege» unsere linke Front; ec mußte sich nach mehrstündigem Gefechte zurückziehen. Die Reiterei d«S Generals Brabant bereitete ihm einen warmen Empfang. Den ganzen Tag worden rund um unsere Stellung einzelne Schüsse abgegeben. Der Angriff läßt anscheinend nach, obwohl längs der feindlichen Stellungen eine Anzahl frisch aufgeworfener Schanzen sichtbar sind. Auch diese Telegramme lassen eS wieder zweifelhaft, wo General Brabant steht. Nach dem ersten wäre er noch in Rouxville, im Süden deS Freistaats, welches die Boeren räumten, da sie gegen Wepener commandirt wurden, nach dem zweiten operirt Brabant'S Reiterei vor Wepener, dem Be- lagerunzscorpS der Boeren gegenüber. Vielleicht löst sich das Räthsel durch die Annahme, daß Brabant sein Corps getheilt hat und er mit der einen Hälfte noch in Rouxville sich befindet, während die andere dem bedrängten Wepener zu Hilfe gekommen ist. Weshalb die Boeren sich vor diesem Platze mit seiner kaum noch 300 Mann zählenden Besatzung festbeißen, ist nickt recht verständlich. Als Belagerungstruppen haben sie überhaupt noch keine Lorbeeren geerntet und wie die Dinge jetzt liegen, wäre eine Concentrirung einiger starker CorpS und deren energischer Vorstoß gegen die Bahnverbindung im Rücken Lord Roberts' einzig und allein angezeigt. Vor Mafcking liegen die Boeren auch noch immer, ohne dem Flecken nach mehr als sechsmonatiger Belagerung etwa- anhaben zu können. FrirsHeton. Drei Theilhaber. Roman von Bret Harte. Nachdruck rcrdotc«. „Verzeihung, Sennor, nur auf kurze Zeit — nur ein Paesar nach dem nächsten Dorf. Es ist ein Heiligentag und er hat frei. Wir wollten dem guten Knaben ein kleines Vergnügen machen." „Ganz recht", sagte Steptoe so sanft, als bäte er um Ent schuldigung. „Daran habe ich nicht gedacht. Ist kürzlich Je mand hier gewesen, ihn zu besuchen — vielleicht eine Dame?" Pater Domenico warf ihm einen halb ängstlichen, halb tadelnden Blick zu. „Ein Dame — hier?" Steptoe fühlte sich so erleichtert, daß er vor Freude in ein lautes Gelächter ausbrach. „Ich meinte natürlich eine seiner Tanten oder sonst Jemand aus der weiblichen Verwandtschaft. Sonst war kein Besuch da?" „Rur einer. Wir wissen ja, was der Sennor für seinen Sohn wünscht." „Einer?" wiederholte Steptoe. „Wer denn?" „O, ein Hidalgo — ein alter Freund des Knaben; sehr höf lich und gebildet; er sprach fließend Spanisch und hatte ein vor nehmes Benehmen. Der Sennor Hornburg würde gewiß nichts gegen ihn einzuwenden haben. Pater Pedro war ganz entzückt von ihm. Ein Geschäftsmann und doch auch ein guter Katholik. Es war «in Sennor Van Loo, der liebe Eddy nannte ihn Don Paul, und sie sprachen von seinen Studien in alter Zeit. Wäre der Fremde nicht ein Caballero und ein so feiner Weltmann ge wesen, man hätte ihn für des Knaben früheren Lehrer halten können." Steptoe's Vatergefühle waren aufs Heftigste erregt; der für gewöhnlich so grobe und brutale Ausdruck wich aus seinen Zügen, und er starrte den Priester wie stumpfsinnig mit dunkel- rothem Gesicht und blutunterlaufenen Augen an. Endlich stammelte er mit schwerer Zunge: „Wann war der Mensch hier?" „Vor einigen Tagen." „Wohin ist Eddy gegangen?" „Nach Braun's Mühle, kaum eine Stunde weit. Er muß sitzt gleich wieder hier sein. Wenn der Sennor indessen ins Re- ttctorium kommen wollte und ein Glas von dem alten Kloster wein aus katalanischen Trauben versuchen; der Weinstock ist vor hundertfünfzig Jahren gepflanzt worden. Ihr Sohn wird sich freuen, wenn er heimkommt." „Nein! Ich habe es sehr eilig! Ich will ihm entgegen gehen." Er nahm den Hut ab, trocknete sich das krause, nasse Haar mit dem Taschentuch und sagte, seine Wuth mühsam unter drückend, langsam und schwerfällig: „Hört, Pater! So lange mein Sohn hier im Kloster bleibt, darf jener Mensch, Van Loo, nie mehr Einlaß finden; er darf ihn weder sehen, noch mit ihm sprechen. Versteht Ihr mich? Sorgt dafür, Ihr und alle Anderen. Laßt es Euch gesagt sein — sonst —". Er brach plötzlich ab, stülpte den Hut über di« dick geschwollene Zornesader auf seiner Stirn, wandte sich rasch und schritt, ohne noch ein Wort zu sagen, durch den «Bogengang auf die Straße. Ehe der gute Priester sich noch bekreuzen und von seinem Schrecken er holen konnte, klang schon der Hufschlag des dawonsvrengenden Pferdes auf der staubigen Landstraße. Erst nach «vollen zehn Minuten bekam Steptoe's Gesicht wieder 'seine gewöhnliche Farbe. Es schien, als habe sich des Reiters Unruhe auch dem Pferde mitgctheilt, denn es zitterte vor Erschöpfung und Angst und war «wie in «Schweiß gebadet. Im Verlaufe dieser zehn Minuten hatte Steptoe aber auch in seiner jetzt so lebhaften Einbildungskraft, die ihn namenlos quälte, nicht nur Van Loo unv seinen eigenen Sohn umgebracht, sondern auch den verrätherischen Priestern das Refektorium über den Köpfen angezündct. «Eben erst war er einigermaßen zu sich ge kommen, als von dem Felsenpfade, der steil längs der Straße hinlief, der Ruf: „Vater!" zu ihm herabtönte. Mit freudigem Schrecken sah er «inen Knaben von etwa sechzehn Jahren berg unter in großen Sprüngen auf «sich zueilen. „Du bist an mir vorbeigcritten, und ich rief Dir zu, aber Du schienst mich nicht zu hören", keuchte er athemlos. „Da hin ich Dir nachgelanfen. Warst Du im Kloster?" Steptoe^rang auch nach Athem, aber aus innerer Bewegung. Wie sein Sohn jetzt dastand, erhitzt vom Lause, jung und «blühend, sah man auf den ersten Blick, wie hübsch er war'. Seine scharf geschnittenen Züge zeigten eine auffallende Achnlichteit mit der Mutter, während die breite Brust, die starken Schultern und das krause schwarze Lockenhaar an den Vater erinnerten. Ein wildes «Gefühl der Freude, des rein sinnlichen Vaterstolzcs durchzuckte ihn. Ja, das war sein eigen Fleisch und Blut, sein echter Sohn; «bei Gott, das konnte ihm Niemand «bestreiten! Mochte man noch so viel Pläne schmieden, lügen, heucheln und schmeicheln, um dem Vater «seine Liebe zu stehlen, er war und blieb doch sein Sohn, sein «Ebenbild. — Jeder, der Augen im Kopfe hatte, mußte das sehen! „Komm her", sagte er in oinem sonoerbaren, hakb müden, halb herausfordernden Ton, den der Knabe sofort als ven Aus druck seiner väterlichen Zärtlichleit erkannle. Doch zögerte er, dem Rufe zu folgen, denn zwischen ihm und dem Reiter lagen unergründliche Haufen rothen Staubes, auf die er vom Straßen rande, wo er stanv, mit neckischer Gebärde und scheinbarer Hilf losigkeit deutete. Steptoe sah jetzt, daß er seinen Feiertags anzug trug: «weiße Beinkleider, «Lacksticfel nnd schwarze Hand schuhe «von Glanzlcder nach spanischer Sitte; Edoy hatte wirklich etwas vom Srutzer an sich, das ließ sich nicht leugnen. Der «Vater wandte sein «Pferd und ritt mit strahlendem Gesichte zu oem Knaben hin, der die «Arme erwartungsvoll in die Höhe streckte; sie hatten schon oft zusammen auf einem Pferde gesessen. „Nein, heute giebt's «keinen Ritt, Eddy; Du «würdest Deinen Staat verderben", sagte er abweisend. „Warte, ich steige vom Pferd. Wir wollen uns irgendwo unter einen Baum setzen und mit einander plaudern. Ich habe «in Geschäft «vor, das Eile hat, und kann keine Zeit verlieren." „Ein Geschäft wie in alter Zeit, Vater? Ich dachte, das hättest Du ganz aufgegeben?" Er sagte di« Worte leichthin, ohne Vorwurf oder Verwunde rung, doch antwortete Steptoe ihm ausweichend, während er ab stieg und das Pferd anband. „Es handelt sich um wichtige Dinge, mein Sohn; vielleicht werd- ich mit einem «Schlage ein gemachter Mann; dann wollen wir diesem elenden Loch den Rücken kehren und uns anderswo gütlich thnn. Na, jetzt komm!" Kräftig faßte er des Knaben behandschuhte Recht- und klettert- mit ihm den steilen Abhang hinauf bis zu einem Felsen vorsprung, auf den eine Kiefer vom Gipfel herabgcstürzt war; di« vertrocknete Krone hing halb über dem Abgrund, während der geborstene Stamm noch auf dem Felsen ruhte. Hier nahmen sie Platz unv schauten auf die Straße hinab, wo das Pferd ange bunden stand; «in leiser Windhauch spielte in «den Baumwipfeln über ihrem Haupte, und Sonnenfleckchen hüpften bald hier, bald da zwischen den wechselnden Schatten. Der Knabe beobachtete rasch und lebhaft Alles, was uni ihn her vorging, aber ohne Nach denken. Des Vaters Miene war düster, nur seine Augen glänzten nnd hingen unverwandt an seinem Sohne. „Ich höre, daß Van Loo im Kloster gewesen ist", sagte er plötzlich. „Ja", erwiderte der Knabe mit leuchtendem Blicke, der wie ein funkelnder Dolch des Vaters Herz traf. „Hat der Padre cs Dir gesagt?" „Wie erfuhr er, daß Du hier bist?" fragte Steptoe. „Ich weiß nicht", lautete die ruhige «Antwort; „er hat etwas davon gesagt, aber ich habe es vergessen. Es war s«hr gut von ihm, mich zu besuchen; die ganze Zeit habe ich mir immer ein gebildet, er hätte uns links liegen lassen und wollte nichts mehr von mir wissen, seit wir vom Kleferberg fort sind." „Was hat er Dir gesagt?" forschte Steptoe weiter. „Hat er von mir oder von Deiner Mutter gesprochen?" „Nein", erwiderte der Knabe ohne irgend ein Zeichen von besonderem Interesse; „wir haben meist von alten Zeiten ge redet." „Erzähle mir etwas davon, Eddy; Du hast es damals nie gethan." Dem Knaben fiel der bittende Ton seines Vaters auf, der ihm fremd war. ,,2", sagte er lachend, „wir sprachen nur von den Dingen, die wir mit einander trieben, als ich ganz klein war und er mich sein «Brüderchen nannte, weißt Du noch, lange vor dem großen Goldfund am Kieferberg. Das waren lustige Zeiten." „Du meinst wohl damals, als er Dich lehrte, anderer Leute Handschriften nachzumachen?" „Wie kommst Du «darauf?" fragte dec Knabe verwundert. „Gerade das war es ja, wovon wir gesprochen haben." „Aber seitdem hast Du es doch nicht wieder gethan? Nicht wahr, Du tbust es nicht mehr?" fragte Steptoe rasch. „Bewahre", sagte der Knabe verächtlich; „wo hätte ich jetzt die Gelegenheit — und es wäre ja auch kein Spaß dab«i. Da mals war «das anders, als wir Beide allein waren; da schrieben wir Briefe an alle Jungens, di« ringsum am Kiefcrberg und unten auf dem Damme wohnten; manchmal bis nach Boomville, als ob sie «von anderen Leuten herrührten, und sagten ihnen dies oder das, was sie thun sollten. Und «sie thaten's auch, weil sie die Briefe für echt hielten. Da gab es nachher großen Spectakel, aber Niemand «hat je erfahren, von wem die Briefe kamen." Steptoe fiel eine Last vom Herzen, doch starrte er den Jungen theils erschreckt, theils bewundernd an. Dwser saß rittlings auf dem Stamm, stützte seine runden Wangen mit den behandschuhten Händen und die Ellenbogen auf die Knie, während ein Ausdruck von koboldartigem Muthwillen in seinem hübschen Gesichte aufblitzte. Mit lachenden Augen fuhr er fort: „Van Loo war hergekommen, um über einen unserer lustigen Streiche aus jener Zeit mit wir zu reden; ich soll nichts davon ausplaudern, iveil die Leute, denen er übel mitgespielt hat, jetzt
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