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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 12.04.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-04-12
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000412029
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900041202
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900041202
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-04
- Tag 1900-04-12
-
Monat
1900-04
-
Jahr
1900
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Die Morgen-AuSgabe erscheint um '/,7 Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. Ue-action und Erpedition: Iohannisgafse 8. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. O. Men«,»'» Tortim. Universitätsstraße 3 (Paulinum„ Louis Lösche, -st- Io, purt. und KönigSpIcitz 7. VezugS-PreiS > der Hauptexpedition oder de« im Stadt» -ezirk und den Vororten errichteten Aus« «pbestellen abgeholt: vierteljährlich^ 4.50, Sri zweimaliger täglicher Zustellung ins Haus 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: vierteljährlich > 6.—. Directe tägliche Kreuzbandiendung inS Ausland: monatlich ./L 7.50. Abend -Ausgabe. MWiger TagMM Anzeiger. Ämtsklati des Königlichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Rathes und Notizei-Ämtes der Stadt Leipzig. Anzeigen.PreiS die 6 gespaltene Petitzeile 20 Pfg. Reclamen unter demRedactionSstrich (4gr- spalten) 50-Z, vor den Familicnuachrichten (6 gespalten) 40,iA. Größere Schriften laut unserem Preis, verzeichniß. Tabellarischer und Ziffcrnjag nach höherem Tarif. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mit Postbeförderung 70.—. ^nnahmeschluß für Ämeigen: Abend-Ausgabe: Vormittags 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je ei» halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig Jahrgang. 187 Donnerstag den 12. April 1900. Politische TagesschM * Leipzig 12. April. Der CentrumSabzeordnetc Gröber bat bekanntlich er klärt, ohne die Reichserbschastsstcuer sei an die Annahme der Flottenvorlage nickt zu denken. Dagegen bat der Reichs- schatzsekretär in der Budgetcommission darauf hingewiesen, daß gegen diese Steuer besonders der preußische Finanz minister Bedenken geltend mache. Heute wird nun in einem vfficiösen Artikel der „Berl. Polit. Nachr." dargelcgt, daß und warum diese Bedenken noch obwalten, daß sie aber nicht ausschlaggebend sein werden, wenn die Reichstagsmehrheit anderer Ansicht ist. In dem köstlichen Artikel, der von einem „starken Manne" nicht inspirirt ist, heißt cS. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Grundbesitz und namentlich der ländliche Grundbesitz von einer, auch die Erb- ansälle an Descendenten betreffenden Erbschaftssteuer ungleich schwerer getroffen werden würde, als das mobile Capital. Es kommt hinzu, daß eine Reichscrbschastssteuer auch in die Finanz- und Steuerverhältnisse der Bundesstaaten vielfach und in sehr verschiedenem Maße störend eingreifen würde. Im Reichslande und in einigen Bundesstaaten besteht bereits als Landcssteucr eine sämmtliche Erbschaften betreffende Erbschaftssteuer. In anderen Bundesstaaten werden wenigstens die Erbansälle an Scitenvenvandte oder auch an Seitenverwandte und Eltern besteuert. ES ist auf Len ersten Blick klar, daß eine Reichscrbschastssteuer aus die Landes steuereinrichtungen und die Finanzen aller dieser Staaten eine nicht unerhebliche Einwirkung ousüben müßte. Dasselbe würde aber auch betreffs derjenigen Bundesstaaten der Fall sein, welche wie Preußen bereits eine anderwcite, nach dem Vermögen bemessene und dasselbe nach seiner vollen Steucrkraft erfassende Steuer besitzen. In Preußen hat die Landesvertretung bekanntlich Len ersten Vorschlag der Regierung, die besondere Steuerkraft des fundirten Einkommens durch eine auch die Descendenten umfassende Erbschaftssteuer zu treffen, abgelehnt und erst daraufhin ist zu dem gleichen Zwecke die Ergäuzungssteuer eingesührt worden, und zwar ist dabei die uach dem Vermögen bemessene Steuer so hoch augesetzt worden, daß sie der auf das Einkommen gelegten für völlig ent sprechend erachtet ist und demzufolge beide Steuern in untrennbaren Zusammenhang gebracht sind. Unter diesen Umständen würde die Einführung einer Reichserbschastsstcuer eine sehr tief einschneidende Aenderung des in sich geschlossenen, wohldnrchdachten preußischen Systems der directen Besteuerung bedingen. Endlich ergeben sich auch aus dem bundesstaatlichen Charakter des Reiches nicht unwesentliche staatsrechtliche Schwierigkeiten. Ohne einheitliche Conlrole durch daS Reich würde eine Reichserbschaftssteuer dec Gefahr einer Degeneration bei der Veranlagung ausgesetzt sein, wie sie bei der preußi- scheu Einkommensteuer vor Einführung der DeclarationSpslicht vielfach cingerissen war. Die Einrichtung einer solchen einheitlichen ReichS- controle ist aber nicht denkbar ohne Eingriffe in die Steuerhoheit der Bundesstaaten. Angesichts dieser Schwierigkeiten und Bedenken, welche der Durchführung einer Reichserbschastsstcuer entgegenstehen, erscheint es daher nur zu erklärlich, wenn sich ernsthafte Zweifel darüber ergeben, ob auf eine Mehrheit für diese Steuer im Reichs tage überhaupt zu rechnen ist, und wenn man sich lihr gegen- über demzufolge zunächst abwartend verhält. Daß, wenn gleich, wohl wider Erwarten im Reichstage sich eine Mehrheit für die Reichscrbschastssteuer erklären und wenn diese Frage eine ent-1 scheidende Bedeutung für die Beschlußfassung über die Flotten- Verstärkung gewinnen sollte, eine andere Beurtheilung deS Planes am Platze und eine veränderte Stellungnahme der Regierung zu demselben in ernste Erwägung zu ziehen sein würde, bedarf dec näheren Darlegung nicht." Herr Gröber wird auS Lieser langen Ausführung mit Genuglhuniig ersehen, baß Ceutrum Trumps ist und trotz aller Bedenken der verbündeten Regierungen die Neichserb- schaftsstcuer haben kann, sofern eS sie haben will. Ob durch diese Gefügigkeit der Regierungen das Ccntrum gefügiger gegen die Flotlenforderung wird, muß abgewartel werten. Weniger Untcrwcrsungswilligkeit als die Regierung dem Centrum gegenüber bekundet, zeigen die zu einem Comprvmiß in Sachen des FlcischbcschaugesetzcS bereiten Co nscrvalivcn dem engeren Borslande des Bundes der Landwirt he. Die Herren Frbr. v. Manteuffel und Graf Mirbach veröffentlichen nämlich in der „Cons. Correspondenz" folgende Erklärung: Die Stellungnahme, welche die Unterzeichneten hinsichtlich be stimmter Coniprvniißvvrschläge in der „Vorstandssitzuug des Bundes der Landwirthe" zum Ausdruck brachten, ist, wie wir mehrfachen Angriffen gegenüber festzustellen uns verpflichtet erachten, voll kommen übereinstimmend mit einem nahezu einheitlichen Beschlüsse deS gcjchäftssührcnden (Elfer-)AuSschusseS der deutschconservativen Partei, gefaßt am Tage voc jener Vorstandssitzung des Bundes der Landwirthe. Beiläufig ist noch zu bemerken, daß sowohl der Ausschuß Les confcrvativcn Vereins der Provinz Ostpreußen, wie auch die Ver sammlung der Dclegirten des Bundes der Landwirthe von Ostpreußen vom 19., bcz. 21. März — beide nahezu ein stimmig — in gleichem Sinne Stellung nahmen, endlich der Vor stand der Landwirlhschastskammer von Ostpreußen. Sofern das erforderlich, werden die Unterzeichneten zu Len Bor- gängcn auf diesem Gebiete weitere gemeinsame Erklärungen abgeben. Erschwert werden letztere dadurch, daß der unterzeichnete Freiherr v. Manteuffel zur Zeit eine Cur in Karlsbad gebraucht. Karlsbad und Sorquitten, am 11. April 1900. Freiherr v. Manteuffel-Crossen. Graf v. Mirbach. Wenn der geschäftsführende (Elfer-) Ausschuß der dcutsch- conservativcn Partei sich „nahezu einheitlich" auf den Stand- punct der beiden Herren gestellt hat, so ist wohl die Mög lichkeit ausgeschlossen, daß der größere Tbcil der Fraction unter das Joch der Herren v. Wangenhcim, vr. Rocsicke und vr. Hahn sich beugen werde. ES ist um so weniger zu besorgen, je zahlreicher die Stimmen in konservativen und ausgesprochen agrarisch gerichteten Eentrumsblättern werden, die nachdrücklich davor warnen, durch unsinnige Halsstarrig keit das Fleischbeschaugesetz zu Falle zu bringen und dadurch die großen Vortheile desselben für die Landwirthschaft in den Wind zu schlagen. Der gestern erwähnte Rath der „Berl. N. N.", den Berliner Eorrcspondcutcn Ser „Times" wegen seiner Hetz, artikel gegen die deutsche Regierung zu bedeuten, „baß er sich außerhalb der Grenzen Deutschlands ein neues Feld der Thätigkeit suchen möge", findet nicht den Beifall des „Hann. Eour.", der zu diesem Vorschläge bemerkt: „Die Berliner Telegramme der „Times" sind beständig feit Jahr und Tag ein wahrer Rattenkönig von Gehässigkeiten und Bosheiten, von Fälschungen, Entstellungen und Verdrehungen, lind diese Thatsache fällt um so schwerer ins Gewicht, als der Corcespondent seit anderthalb Jahrzehnten oder länger in Berlin lebt, also allmählich nicht mehr Anspruch darauf erheben kam:, daß seine Leistungen als Products der Unwissenheit ausgesaßt werden. Aber wenn man die Ausweisung des Correspoudenten aurcgen möchte, so muß dagegen Einspruch erhoben werden. Ter Herr betreibt seine Deutschenhetze in den Spalten der „Times" nämlich nur zu dem Zwecke, um seine Ausweisung zu provociren. Er sehnt sich nach Len Bergen seiner schottischen Hcimath, er möchte ferner in England politischeCarriöre machen, und La Lazu etwas mehr gehört als sinnloses Schimpfen auf Deutschland, wünscht Herr SauuderZ nichts sehnlicher, als daß die Berliner Polizei ihm die Märthrcrkroue Les Ausgcwirseneu aufs Haupt drücke. Wenn er, mit dieser angethau, nach England zurückkehrl, ist ihm alsbald ein Sitz im blute rhause sicher, und LaS Uebrige wird sich finden. Also nur nicht auSweisen! Hier bleiben lassen, das sei die Strafe." Eine seltsame Strafe! Als man in NordschlcSwig dänische, anderwärts tschechische Hetzer gegen das Deutschlhum aus wies, hat mau nicht danach gefragt, ob man Len Herren damit eine Märtyrcrkrone aufs Haupt drückte und den Weg zu Ehrenstellen in der Heimalb ebnete. Man hat mit Recht nur gefragt, ob die Ausweisung die angemessene Strafe für Las Vergehen sei. Sieht man dem Ber liner „ Times " - EorresponLenteu gegenüber von einer Maßregel ab, die man in Hunderten von anderen Fällen für gerecht und rathsam erachtet hat, so nährt man in England nur die längst verbreitete und großgezogene Meinung, daß englische Journalisten in Deutschland sich mehr heransuehmcn dürsten, als ihre College« anderer Nationalität, und einen Freibrief für alle möglichen Rüpeleien Kälten. Wäre diese Meinung nicht alt und cingenistet, so würde man sich jetzt über Herrn Saunders nicht zu entrüsten brauchen. Er ist sicherlich nickt weniger gelehrig, als so mancher eng lische Reisende, dem auf einem Rheindampser beigcbracht worden ist, daß man in Deutschland nickt mehr jede englische Anmaßung ruhig cinzusleckeu gewillt ist. UebrigenS hat der Herr an Hetzerei seit Jahren schon so viel geleistet und eine so klägliche Unkenntniß deutscher Verhältnisse so oft verrathen, daß ihm ein Sitz im Unterhause längst sicher ist. Wenn er bei seiner Bewerbung sagt, Laß er als Schwieger sohn eines deutschen Bankiers in der bequemen Lage sei, als Parlamentsmitglied jede deutschfeindliche Politik seiner Regierung zu unterstützen, so wird er auch Wähler finden, die einem so charaktervollen und geschäftskundigen Manne gern ihre Stimme geben; Lurch die Vorentbaltung einer deutschen Märtyrer kröne straft man ihn also nicht. In Böhmen schreitet die „Los von Rom'-Bcwcgung rüstig weiter. In Langenau ist an Stelle des ausgewiescnen Vicars Lemmer Pastor Gaebciein, der bisher in Madrid war, als Vicar gewählt worden, in Hohenelbe Candidat Wirth aus Merseburg. Gabel wurde selbstständige Filial gemeinde zu Reickcnbcrg; die Zahl der Ueberlritte betrug dort bis Mitte Februar 70. Zur evangelischen Gemeinde Aussig, die sich nur auf einen Gerichtsbezirk erstreckt, sind voriges Jahr 112, im laufenden Jahre bis 20. März 92! also zusammen 534 Personen übergetreten. Die Mehr-1 zahl entfällt auf Krümmel - Obersedlitz, wo eine! evangelische Kirche im Bau ist. Der Bau einer evangelischen Kirche in Aussig ist zur Nothwendig- keit geworden, das BethauS der Gemeinde ist unzureichend. In Karbitz sand Sonntag, 25. März, wiederum eine Ueber- trittsfeier statt, bei der 8 Personen in die evangelische Kirche ausgenommen wurden. Auch ist mit dem Bau einer evangeliscken Kirche begonnen worden, der mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen batte. Das Ministerium zu Sachsen-Altenburg hat für die Karbitzer Kirche 500 gestiftet. In Graslitz soll am 1. Osterfeiertag der 1. evangelische Gottesdienst gehalten werden. In den letzten Monaten find über 30 Personen übergetreten. Graslitz war bis zum 30jährigen Kriege vollständig evangelisch. Für den Kirchenbau in Dux wurden vom Magdeburger Kohlenhändlerverein 350 gespendet. In Gablonz und Umgebung sind nach einer Mittheilung der „Ostdeutsch. Nundsch." seit Anfang des Jahres 106 Personen auS der katholischen Kirche ausgetreten. Hiervon meldeten 55 ihren Beitritt zur protestantischen Kirche beim Pfarramt in Gablonz an, während 51 zum AltkatholiciSmuS über traten. SeitBeginn derUebertrittSbewcgung sind 963 PersonenvonderrömischenKirchezuromsreien Bekenntnissen übergetreten, und zwar 325 zum Protestantismus und 638 zum AltkatholiciSmuS. In Landskron finden die evang. Gottesdienste unter wachsendem Zudrang der röm. Bevölkerung statt. Nach einem Bericht deS „Deutschen Volksboten" fand in Prag am 28. vor. M. im Adlersaal res deutschen Studentenheims eine Versamm lung statt. ES sprachen zwei bewährte Vorkämpfer der Uebertrittsbewegung. Stürmischer Beifall unterbrach wieder holt die Ausführungen der Redner und es meldeten noch an demselben Abend zahlreiche Theilnebmer ihren Ueber- tritt zur evangelischen Kirche an. Der Versammlung wohnten auch die Abgeordneten Wolf, Pacher und Stein bei. — Im östlichen Mähren ist die evangelische Be wegung erst im Entstehen begriffen. Neutitschein ist Filialgemeinde von Hotzendorf geworben und hat seinen eigenen Vicar erhalten. In Steiermark will Stainz diesen Sommer mit dem Bau eines BethauseS beginnen. — Ju der alten HerzogSstadt KärnthenS. St. Veith a d.Glau, regt sich auch evangelisches Leben. Die Stadt zählt jetzt etwa 100 evangelische Einwobner, vor 10 Jahren kaum 50. Im vorigen Jahre ist in St. Veith eine evangeliscke Predigt station errichtet worden, nachdem schon seit drei Jahren der evangelische Pfarrer von Klagenfurt zwei bis drei Gottes dienste jährlich im Saal eines Gasthofes gehalten halte. Heuer soll ein Vicar nach St. Veith kommen, der für eine bessere Pastorirung der evangelischen Glaubensgenossen in und nm St. Veit zu sorgen haben wird. Auch an den Kirchenbau denkt die kleine Gemeinde, der im verflossenen Herbst durch die Großmuth einer evangelischen Frau ein schön gelegener Bauplatz geschenkt wurde. Für den Bau selbst konnten erst 1000 Kr. gesammelt werde»; auswärtige Unter stützung thut dringend nolh, soll dieses Werk innerhalb 10 Jahren, welche Frist di« Spenderin des Bauplatzes gesetzt hat, ausgeführt und vollendet werden. Der Kirckenbau ist auch deshalb von Wichtigkeit, weil erst mit der bestimmten Aussicht aus die Errichtung eines evangelischen Gotteshauses die Uebertrittsbewegung durchgreifen dürfte. Tie Fortschritte der französischen Expansions politik im Süden Algeriens werden von der Londoner Presse mit sehr mißgünstigen Blicken ' beobachtet, da man FeitiHetoii. Drei Theilhaber. Roman von Bret Harte. Nachdruck »erboten. Rasch warf er «inen Blick im Zimmer umher, als erwarte er, halb und halb, das Original in seiner Nähe auftauchen zu sehen; dann griff er hastig nach der Photographie und eilte damit ans Licht. Kein Zweifel — sie war es — so hatte sie seine Träume umschwebt, so hatte er sie lebendig im Gcdächtniß getragen! Er sah ihre holden Augen, aber die süße, zaghafte Befangenheit war daraus verschwunden. Die vornehme Er scheinung im Gesellschaftsanzug zeigte noch dieselbe reizvolle An- muth, doch war die Gestalt stärker und voller geworden. Sollte es nur eine wunderbare Aehnlichkeit sein, die seine allzu leicht gläubigen Sinne täuschte? Er drehte das Bild um. Nein, üort auf der Rückseite, in ihren eigenen kindlichen Schriftzügen, die ihm so lieb und vertraut waren, stand ihr Vor- und Zuname und das Datum. Sie war es ohne alle Frage. Wie kam das Bild hierher? Hatten die Van Loo's sic ge kannt? Es war in Venedig ausgenommen, die Adresse des Photographen stand darauf. Ihm fiel ein, daß die Van Loo's Ausländer 'waren und viele Reisen gemacht hatten; sie konnten 1858 mit ihr in Italien zusammengetroffen sein; das war die Jahreszahl, die in ihrer Handschrift darauf stand; sie war auch neben der Adresse "des Photographen gedruckt — 1858. Plötzlich legte er das Bild hin, zog mit zitternden Händen seine Brieftasche heraus, öffnete dieselbe und legte seinen letzten Brief an sie, der mit der grausamen Nachricht ihres Todes an ihn zurückgekommen war, vor sich auf den Tisch. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und faltete den Brief ausein ander — er trug die Jahreszahl 1856! — Die Photographie mußte zwei Jahre nach ihrem angeblichen Tode ausgenommen worden sein! Wieder und wieder betrachtete er sie mit unverwandten, angstvoll«» Blicken. Nur mühsam bezwang er ein heftiges Ver langen, auf der Stelle Barker oder Stacy herbeizurufcn; er unterließ es nur, weil er sich sagte, daß sie ihm voch nickt helfen könnten. Nun schioanktc er hin und her zwischen seiner Herzens freude und einer neuen Furcht, die jetzt zum ersten Male in ihm aufdämmerte. Wenn ihre Verwanoten ihm auch die Todesnach richt aus teuflischer Bosheit hatten zukommen lassen, warum hatte denn sie ihn niemals aufgesucht? Weder Krankheit, noch Furcht, noch ein zwingendes Verbot konnte sie daran gehindert haben, denn cs lag nichts als Jugendlust und Jugendkraft in diesen schönen Zügen, dieser herrlichen Gestalt. -Er war ja nicht aus der Welt verschwunden; viele Menschen kannten ihn, auch mußte sein wunderbares Glück ihr unfehlbar zu Ohren gekommen sein. War es denkbar, daß er alle die langen, kummer vollen Jahre Leid um sie getragen hatte, nur um schließlich zu entdecken, daß er von ihr verlassen, vergessen, vielleicht betrogen worden war? Zum ersten Mal fühlte er den Stachel der Eifer sucht in seiner Seele. Sollten etwa die seltsamen, wechselnden Gefühle, die ihn den Tag über bestürmt hatten, die Vorboten einer Krisis in seinem Geistesleben gewesen sein? Jedenfalls hatte der plötzliche Umschwung ihn aus seiner Apathie aufgerüttelt; seine Thatkraft war wieder erwacht, wenn auch unter Schmerzen. Es galt jetzt, ein Räthsel zu lösen, ein Geheimniß aufzudecken, ein altes Vergehen ans Licht zu bringen, einen Feind, ja viel leicht eine treulose Geliebte, zur Rechenschaft zu ziehen. Er durfte nicht den Verstand verlieren, wenn er auch seine Liebe opfern mußte. Rasch steckte er die Photographie in den Fächer auf dem Kaminsims zurück und verwahrte den Brief wieder sorgfältig tn der Brieftasche — dies Andenken aus der Vergangenheit war zu einem Beweis der Treulosigkeit geworden. Mechanisch begann er, sich auszukleiden; er fühlte sich jetzt ganz ruhig, es war wie eine seltsame Erleichterung über ihn gekommen. So ging er zu Bett und schlief fest und traumlos, wie er seit seiner Kinderzeit nicht mehr geschlafen hatte. Das ganze Hotel lag jetzt im Schlummer, und wie all nächtlich, begann die Natur langsam und ohne Widerstand davon Besitz zu nehmen. Der Bergwind kam von den fernen Gipfeln hcrangesaust auf den schwachen Bau, rüttelte an den großen Glasscheiben und ließ seinen Kiefern- und Tannenduft durch alle Ritzen und Spalten wehen. Die Teppiche in den Corri- dorcn und der großen Halle wogten auf dem Boden hin und her, vom Winde bewegt; auf Treppen und Gängen tönte es wie das Rauschen der Fichten, und ein feuchter Laubgeruch durch zog den Spcisesaal. Zwischen den plumpen Gipsstatuen auf den Terrassen und der großen Veranda schlängelte sich allerlei Ge- thier. Oben in der knarrenden Kuppel kreischten die Nacht vögel, aber sie schossen mit dunkeln Fittigen an den Schlaf- stubcnfenstern vorbei. Schwieg der Wind, so hauchte der Wald überall seine balsamischen Wohlgerllche aus; selbst die ge- spenstischen Baumstümpfe auf dem entwaldeten Abhang hinter dem Hotel schienen sich neu zu beleben — der scharfe Duft ihres schwellenden Saftes prickelte den Schläfern drinnen in Augen und Nase. Vielleicht war dies auch die Ursache, weshalb Barker plötz lich erwachte und das Kind neben sich im Bettchen: „Mama, Mama!" rufen hörte. Er nahm den Kleinen in seine Arme, be ruhigte ihn mit dem Versprechen, daß die Mama am Morgen wiederkommen würde, und zeigte ihm den schwachen Dämmer schein, welcher die geisterblcichen Sierras schon rosig umfluthete. Ec fiel nicht senkrecht herab, sondern glitt secundenlang an den Hängen des Kieferbcrges dahin und schimmerte durch die Bäume, gleich einem feurigen Wagen. Der Kleine sagte, es wäre das Licht von Mainas Kutsche, in der sie nach Hause käme, und freute sich darüber mit dein Vater, dec ihn in dieser -Vorstellung bestärkte. Unter traulichem Geflüster schlummerten Beide wieder ein, während der Vater — in so vielen Dingen selbst noch ein Kind — das kleine, zarte Händchen fest umschlossen hielt. Sie ahnten nicht, daß draußen in der Nacht, jeirscits der Zweigbahn, die Frau und Mutter schreckensbleich und zagend neben dem Genossen ihrer Schuld saß, mit dem sie weiter und weiter hinabfuhr in den Abgrund des Verderbens. Ebensowenig wußten sie, daß, während die Vögel ihr Morgenlied anstimmten, ein Reitersmann sorglos den Bergpfad herabgetrabt kam. Er sah dem staubbedeckten Wagen, der an ihm vorbcisauste, mit ver wunderten Blicken nach und stieß vor Ueberraschung einen lang gezogenen Pfiff aus. Dann wandte er sein Pferd auf dec Stelle um und galoppirte lustig hinter dem Fuhrwerk drein. Fünftes Capitel. Die ganze Nacht hindurch hatte Jack Hamlin in der Magnolia- Schenke gesessen, die auf dem Wege nach der Zweigbahn lag, und sich seinem anstrengenden Beruf gewidmet. Um zu Bett zu gehen, war es noch zu früh am Tage, und so reckte und streckte er denn seine Glieder nach dem langen Sitzen und suchte sich mit einem wilden Ritt durch den Wald auf Den Schlaf vorzubereiten, wie das seine Gewohnheit war. Ueberdies hatten die Karten ihm Glück gebracht, und in solchen Fällen pflegte er sich aus der Ge sellschaft der Kameraden in die Einsamkeit zurückzuziehen, um alle thörichten Streitigkeiten mit den im Spiel unerfahrenen Neulingen zu vermeiden. Selbst bei Raufereien war Jack sehr wählerisch und ließ sich nicht gern durch allerlei klein« Schar mützel den Appetit auf einen richtigen Faustkampf verderben. Er galoppirte gerade auS dem Wald aus die Landstraße hinaus, als ein Wagen rasch an ihm vorbeirolltc, in dem ein Mann und eine Frau saßen. Die Frau war zwar dicht ver schleiert und der Mann über und über mit Staub bedeckt, aber die Abneigung hat scharfe Augen, und Hamlin bedurfte nur dieses flüchtigen Moments, um Van Loo zu erkennen. Der Sachverhalt ließ sich leicht durchschauen: der aufgewirbelte Staub, die rasende Eile, die frühe Stunde, welche vermuthen ließ, daß die Fahrt schon die ganze Nacht hindurch gedauert habe. Dazu die beiden gesenkten Häupter, die abgewandten Gesichter — kein Zweifel, es handelte sich um eine Entführungsgeschichte. Moralische Bedenken hatte Jack Hamlin nicht, aber als Sport liebhaber hielt er auf die Ehre der Profession. Er war über zeugt, daß der feige Van Loo eine Niederträchtigkeit beging, mochte nun die Entführte eine Schauspielerin oder ein unschul diges Mädchen sein. Zu Abenteuern fühlte sich Jack immer aufgelegt, und Van Loo einen Possen zu spielen, war ganz nach seinem Sinn, die Frau kam dabei nicht in Betracht. Mit wahrer Herzensfreude wandte er daher sein Pferd und trabte hinter den Flüchtlingen drein. Das Ziel ihrer Fahrt war offenbar die Magnolia-Schenke, wo sie entweder die Pferde wechseln oder auf die Postkutsche warten wollten, die in einer Stunde abfuhr. Dies zu ver hindern, lag zunächst -in Hamlin's Absicht, und somit konnte er nichts Besseres thun, als umzukehren. Von Zeit zu Zeit brachte ihn sein schnellfüßiges Roß Immer wieder dicht in ihre Nähe, wodurch sie jedesmal zu noch rasenderer Eile angctricben wurden. Dann zog er plötzlich die Zügel an, bevor -man ihn noch er kennen konnte, lachte leise -vor sich hin und ließ den Hufschlag seines flüchtigen Thieres verhallen. So trieb er seine Kurzweil, bis die ersten Häuser der Stadt auftauchten, "worauf er dem Pferde wieder die Sporen gab und mit so wilder Hast dahinflog, als könne er es nicht mehr regieren. Zweimal sprengte er vor dem Wagen auf der Landstraße vorüber, so daß dieser langsamer fahren mußte. Als es zum zweiten Mal geschah, verlor Van Loo die Geduld und holte so kräftig mit der Peitsche aus, daß die Schnur den Hals von Hamlin's Pferd leicht berührte. Sofort lüftete Hamlin den Hut mit ernster Miene und trabte auf die Sch«nte zu, wo er sich gerade in dem Augenblick aus dem Sattel schwang, als der Wagen vorfuhr. Mit der ihm eigen«» Dreistigkeit hals er sogar der bestürzten und aufgeregten Frau beim Aussteigen und öffnete ihr die Thür zum Wirtbshaus. Bei dieser Gelegenheit verschob sich ihr Schleier zufällig, und Jack er kannte die schöne Dame, welche man ihm in -san Francisco als die Gattin Georg Barker's bezeichnet hatte, eines der drei Theilhaber, an deren glücklichen Goldfnnd er vor fünf Jahren so regen Antheil genommen. Ein Grund mehr, wie ihm schien, um Barkers willen bei dieser Angelegenheit ein Wort mit-
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