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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 17.02.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-17
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000217025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900021702
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900021702
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-17
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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Die Morgen-AuSgabe erscheint um '/,7 Uhr, die Abend-Ausgabe Wochentags um 5 Uhr. Redaction und Expedition: Iohannisgasse 8. Die Expedition ist Wochentags ununterbrochen geöffnet von früh 8 bis Abends 7 Uhr. Filialen: Alfred Hahn vorm. v. Klemm'» Sorttm. Universitätsstraße 3 (Paulinum,, Louis Lösche, Katharinens». 14, Part, und König-Platz 7. Bezugs-Preis / der Hauptexpedition oder den im Stadt- -ezirk und den Vorosten errichteten AuS- ^bestellen ab geholt: viertellährlich.^4.50, Sei zweimaliger täglicher Zustellung ins HauS 5.50. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: viertel>ährlich >l 6.—. Directe tägliche Kreuzbandsendung inS Ausland: monatlich 7.5V. Abend-Ausgabe. lchMr. Tagcblall Anzeiger. Amtsblatt des Königlichen Land- nnd Amtsgerichtes Leipzig, des Rattzes «nd Natizei-Amtes der Stadt Leipzig. Anzeigeu-PreiS die 6 gespaltene Petttzeile SO Pfg. Reelamen unter demRedactionSstrich (4ge spalten) ÜO^j, vor den Familienoachrichten (6 gespalten) 40 Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Ziffernsatz nach höherem Tarif. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen.Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mrt Posibeförderung 70.—. Auuahmeschluß für Anzeigen: Abend-Ausgabe: Vormittag- 10 Uhr. Morgen-Ausgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Pol» in Leipzig 88. Sonnabend den 17. Februar 1900. 81. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 17. Februar. Daß es in der gestrigen Sitzung des Reichstags, in dsr die zweite Beratbung des Reichseisenbahnetats fortgesetzt und beendet wurde, zu einer regelrechten Kohlennothdedatte kommen würoe, war vorauszusehe», denn die Budgeteommission hatte sich angesichts des in einigen Theilcn des Reiches be reits bestehenden, in anderen drohenden Kohlenmangels ans eine Resolution geeinigt, welche die Beseitigung der ermäßigten Ausfuhrtarife für Kohlen auf den reickSläudischen Bahnen verlangte, und diese Resolution mußte gestern im Plenum zur Berathung kommen. Da hatte man Wohl erwarten dürfen, daß das HauS ebenso gefüllt sein würde, wie an den Tagen, an denen das pikante Thema der lox Heinze zum soundsovielsten Male erörtert wurde. Aber was sind Erwartungen! Das Haus war so spärlich besetzt, als ob kürzlich Kohlen statt Schnee vom Himmel gefallen wären nnd auf die Tages ordnung der gleickgiltigste Berathungsgegcustand gefetzt gewesen wäre. Freilich mögen sich manche der Fehlenden gesagt haben, die Resolution werde, möge sie nun angenommen oder abgelehut werden, von geringem Einfluß auf die weitere Entwickelung der Kohlenangelegen heit bleiben; aber auch bei dieser Boraussicht würde es sich für manchen der durch Abwesenheit glänzenden Mandats inhaber empfohlen haben, wenigstens „dabei zu sein", als über die für so viele Wähler hochwichtige Angelegenheit ver handelt wurde. Die Mehrheit der Anwesenden that denn wenigstens, was zu tbnn war, um der Resolution zur An nahme zu verhelfen. Mau betonte, daß jene Ausnahmetarife die Wirkung haben, die ausländische Industrie gegenüber der inländischen zu begünstigen, und der nationalliberale Abgeordnete Münch-Ferber wies darauf hin, daß nicht nur die Saarkohle an sich schon für die Schweiz und Italien um 20 ./kl billiger ist, als für den deutschen Eonsum, sondern daß auch die Fracht von der Saar nach der Schweiz 40 für die gleiche Entfernung in Deutschland aber 70 kostet. Wir müssen also für unsere deutsche Kohle 185 .E zahlen, während das Ausland sie für 135 .L bekommen kann, in einer Zeit, in der die Kohlennoth bei uns immer bedenklicher zu werden droht. Daß das ein keineswegs empfehlenswerther Zustand sei, erkannte auch Minister v. Thielen an; er wiederholte auch, was er bereits in der Budgeteommission gesagt, daß er nämlich schon vor der Pier gegebenen Anregung eine Umfrage wegen der Wirkung der AuSnahme- tarise veranstaltet habe; er erklärte aber ferner, daß die Ab schaffung dieser alten, zum Theil aber für die KohleninLustrie heute noch wichtigen nnd, soweit die Seestädte in Betracht kommen, auch dem inländischen Berbrauche dienenden Tarife nicht einfach von beute auf morgen decretirt werden könne. Die Maßregel einseitig für die reichsläudischen Bahnen durchzuführen, sei durchaus unthunlich, weil eS lediglich die Wirkung haben würde, daß die Kohlen über die badischen Bahnen nach der Schweiz gingen. Durch die Einfügung der Kohlen in den Robstofftarif seien die Er mäßigungen des Ausfuhrtarifs ohnehin sehr reducirt worden. Der gegenwärtigen Kohlennoth, die übrigens nicht so be deutend sei und bald vorübcrgehe» werde, könne jedenfalls auf dem vorgeschlagenen Wege nicht mehr abgebolfcn werden, denn die Kohlen seien überall schon vergeben. Hoffentlich werde der Unverstand, der dazu geführt hat, daß die Streiks in einem solchen Umfange in Scene gesetzt worden sind, bald als solcher erkannt werden. Worauf diese Hoffnung sich gründet, ver-I schwieg der Minister. Anscheinend wurde sie auch von der an-1 wesenden Mehrheit des HauseS nicht aetbeilt, deren Redner sich j zumeist auf den Standpunct des Abg. Münch-Ferber stellten. Nur der Abg. Schrader und die elsässischen Abgeord neten der Linken theilten die Bedenken des Ministers, soweit sie sich spccicll auf die reichsländische Kohle beziehen; sie beautragteu daher, die Beschränkung der Resolution auf die Reichsbahnen fallen zu lasse». Ob dieser Antrag Aussicht auf Annahme bat oder die Resolution in der von der Commission beantragten Fassung beschlossen werden wird, läßt sich heute noch nicht übersehen. (Lestern beschloß das Haus über diesen Gegen stand gar nicktS, sondern setzte die Abstimmung bis zur dritten Lesung aus. Wann diese erfolgt, weiß natürlich kein Mensch. Man "kann nur wünschen, daß dann der Kohlenmangel vorüber ist. In der Wiener „Neuen Freien Presse" sind anscheinend englische Einflüsse geschäftig, der Politik dcS deutschen Reiches in Bezug auf die kriegführende« Mächte Schwierig keiten zu bereiten. Charakteristisch ist in dieser Beziehung eine Mitthciluuz des genannten österreichischen Blattes, welche angebliche Verhandlungen des Gesandten vr. Leyds mit leitenden Berliner Persönlichkeiten zum Gegenstand hat. „Wiener diplomatische Kreise" sollen von der Wichtigkeit jenerVerhandlungcu überzeugt sein; zweifellos habe fick Deutsch land für gewisse Möglichkeiten entsprechenden Einfluß in Süd afrika gesichert, zuvörderst handelspolitische Vortheile, dagegen werde bestritten, daß für den Eintritt bestimmter Ereignisse die Frage des deutschen Protektorats zur Erörterung gelangt sei. — Mau geht kaum fehl, wenn man den Zweck der vorstehenden Stilübung indem sucht, was sie bestreitet: es soll durch die Andeutung der Möglichkeit, daß Deutsch land das Protectorat über Transvaal erstrebe, die öffentliche Meinung Englands gegen Deutschland aufgercizt werden. Die Jingo-Presse jenseits des Canals wird auf den ihr in negativer Form zugeworfcnen Köder jedenfalls bereitwillig anbeiß-u. Daß derartige Aspirationen in Wahrheit dem Berliner Cabinet durchaus fernliegcn, bedarf nicht erst einer besonderen Be- tonnng. Bei aller Freundlichkeit der Gesinnung, welche die Boeren für das deutsche Reich hegen, kann man billiger weise nicht von ihnen verlangen, daß sie ihren Unabhängig keitSkampf führen, um schließlich unter das Protectorat eines anderen Staates zu gelangen. Und was die Berliner Regierung anbetrifft, so hat sie die Politik strikter Neu tralität zu oft versichert, als daß sie von ihr in dem Um fange, wie eS daS Streben nach dem Protectorat über Transvaal bedeutete, abweichen könnte. Es darf als zweifel los gelten, daß der Londoner „Globc" vollkommen zutreffend unterrichtet ist, wenn er betont, die deutsche Regierung sei fest entschlossen, weder in diesem Kriege zu intervcniren, noch irgend welche Andeutungen über die Art der Friedens bedingungen an England zu machen. Diese völlige Zurück haltung Deutschlands nnd die Ablehnung jeder Friedens vermittlung wird heute auch von der „Deutschen Tageszeitung" befürwortet. DaS genannte agrarische Blatt begründet diesen Standpunct, der wohl nicht ganz der Beurtheilung entspricht, die gerade agrarische Kreise der deutschen Politik gegenüber den kriegführenden Mächten haben zu Theil werden lassen, u. A. folgcndcr- I maßen: Gelinge die Hauptarbeit des Bermittelungsgeschäftes, I beiden Kriegführenden von ihren Forderungen etwas ab- I zuhandeln, so lasse doch dieser Erfolg bei beiden Frieden schließenden eine gewisse Verstimmung zurück; gelinge eS aber nicht, so sei das allemal eine diplomatische Niederlage für die Vermittler, selbst wenn seine Vermittelung von beiden Theilen angerufen sein sollte. „Ist aber letzteres nicht einmal der Fall, so setzt sich der nur von einer oder von keiner Seite erbetene Friedensstifter der Gefahr eines ConflictS mit einem der kriegführenden Theile aus." — DaS ist ganz zu treffend. ES stehl aber nicht zu erwarten, daß das Berliner Cabinet die völlige Zurückhaltung gegenüber den kriegführenden Mächten im Sinne der obigen Mittbeilnug der „Neuen Freien Presse" aufgeben werde. Die englische Flottenliga (Navy League), welche bekannt lich mit großem Nachdruck den Grundsatz vertritt, daß Groß britanniens Stellung als Weltreich allein von dem stets zeitgemäßen Stande der Flotte abhänge, übt manchmal recht scharfe Kritik an den Bestrebungen der höchsten Marinebchörde und auch an Handlungen der Groß industrie. Das Gerücht, daß eine große Kohlenfirma in Cardiff, dem Hauptstapelplatz der besten, rauch losen Schiffsmaschinenkohle, einen Vertrag über Liefe rung von 100 000 Tvuneu bester Kohle mit einer fremden Negierung abgeschlossen haben soll, giebt z. B. jetzt dem Sekretär des Execulivcomites der Navy League, Mr. Trower, Gelegenheit zu einer Warnung vor dem Export der so Werth» vollen Waleskohle, obgleich Mr. Goschen, der ersteLord der Admi ralität, versickert hat, daß der Bedarf der britischen Flotte für- alle Fälle sicher gestellt sei. Mr. Trower sagt: „Rauch lose Kohle ist die Bedingung für den Athem des Reicks. Wir können sie nicht ersetzen. Ihr Gebrauch verleiht dem Admiral einer mit rauchloser Kohle versehenen Flotte denselben Vortheil über einen Gegner mit rauchender Kohle, wie ihn das rauchlose Pulver gegen über dem alten Schwarzpulver bietet. Außer dem Gebiet der amerikanischen Pocahontas - Kohle giebt eS außerhalb von Großbritannien keinen Ort zur Gewinnung solcher Kohle. Den Alleinbesitz rauchloser Kohle mit seinen Vortheilen im Kriege könnte unsere Flotte haben, wenn ein Gesetz die Ausfuhr verböte. Die „Army and Navy Gazette" will nicht der Entscheidung der Regierung und der Admiralität vorgrcise», ob ein solches Ausfuhrverbot nöthig sei, hofft aber, daß mit seinem Erlaß nicht gezögert werde, sobald es die Sicherheit des Reiches erfordere. Unsere deutsche Marine brauchte vor wenigen Jahrzehnten auck fast nur englische Waleökohle, ist aber seitdem znr westfälischen Kohle übergegangen, die bei sonst guter Heizkraft leider nichts weniger als rauch schwach ist, waS englischen Seeosficieren beim Zusammentreffen mit deutschen Schiffen, die auS unseren Häfen kommen, stets viel Freude macht. Aus Gründen der Kriegsbereitschaft müssen wir unter Mitbenutzung von flüssigem Brennstoff aber bei heimischer Kohle bleiben und können nur hoffen, daß ein an Bord auch wirklich leistungs fähiger Rauchverzehrer bald erfunden werde. Der Krieg in Südafrika. --> Wir können zur Beruhigung ängstlicher Gemüther heute mit der Constatirung beginnen, daß Kimberley noch nicht entsetzt und der Krieg für die Bocrcu «och nicht verloren ist. Das wird aus dem Zusammenhalte unserer im Morgen blatte mitgctheiltcn, durch Extrablatt verbreiteten und der im Laufe deS Vormittags eingelaufenen Meldungen unzwei deutig ersichtlich. Wir lassen zunächst unsere Privat nachrichten folgen: b. London, 17. Februar. (Privattelegranun.) vsftcieü wird ans Iacobsdal gemeldet: Arench telegraphiere, gestern früh habe er den Feind von der Südseite Kimberleys, von Alexandersfontein bi- Llt- fan tsfontein, vertrieben, werde jetzt dessen Position besetzen und habe des Feindes Lager und Borrathsdepot mit Munition und Borrath genommen. Die Verluste betrügen 20 Mann. In Kimberley sei Alle» fröhlich und wohlauf. r. London, 17. Februar. (Privattelegrawm.) Lfsiciell wird gemeldet: Cronje scheint MagerSfoutein geräumt ru Haden. Frcnch klärt die Rordseite Kimber lcys anf. Eine Brigade Kcnun's verfolgt die grotzen »en Bloemfontein ziehenden Boeren-Couvot'S. Tie sechste Division erreichte am Donnerstag Abend die Rondeval FnrtU und hielt den Moddcr-Ucbergang, um Arench Sie ActionSfrcihcit zu sichern. Berittene Infanterie be suchte IacobSdal nnd sand nur Krauen und Kinder vor Englische verwundete wurden auf dem Rückzüge angegriffen nnd ein Major nnd 10 Mann gefangen genommen. Eine Eavallerie-Divisiou ging nordwärts vor und scheint die Pression der Boeren aus Kimberley zu vermindern, wenigstens signalisirt Kekewich, der Eommandant von Kimberley, der Feind räume seiuc Stellungen. Er (Kekewich) besetzte Alexandersfontein und Arench rückte mit leichten Verlusten bis AbondSdam vor. Roberts Latirt seine Depesche vom Freitag Mittag. Danach ist Kimberley noch nicht entsetzt und ein Ent- scheidungSkampf noch bevorstehend. Im Allgemeinen finden diese Nachrichten Bestätigung durch folgende amtliche Meldungen: * London, 16. Febrnar. Lord Roberts meldet vom 16. Febrnar: Arench theilte hente morgen Folgendes mit: „Ich habe den Feind au der Südseite Kimber- lcy's, sowie von Alexa« dersfoutein bis Oli- fantsfoutein gänzlich vertrieben und bin jetzt dabei, sein Terrain zu besetzen. Ich habe ein feindlichcSLagcr mit Lebensmittel- undMuui- tionsdepot eingenommen. Unser Gesammtverlust beträgt etwa 20 Mann. In Kimberley ist Alles wohl und munter." * Loudon, 16. Februar, vo» Lord Roberts ist eine Depesche ciugcgangc», die er vor der Meldung über die Ankunft des Generals Kreuch in Kimberley abgcsaudt hat. Tarin berichtet er: „Rach der ersten Rccog- «oscirung von IarobSdal wurde unsere berittene In fanterie aus dem Rückwege angegriffen, neun Mann nnd zwei Lfficiere wurden dabei verwundet, zehn Mann werden vermißt. French hat augen scheinlich Sic Bedrängung Kimberleys bereits gemildert. Ter Eommandant von Kimberley, Kekewich, meldet» da» der Feind Alexandersfontein geräumt hat, das Kekewich besetzte. French erlitt bisher nur leichte Berlnstc. Die berittene Infanterie hält die Posten in seinem Rücken besetzt. * London, 16. Februar. Lord Roberts meldet aus Iacobsdal uuter dem 16. d. M., er habe nutrn Grund, zn glauben, Satz die Boeren die Ver schanzungen bei MagerSfoutein aufgegcben haben nnd zu entkommen suchen. French säubert das Gebiet nördlich von Kimberley. Eine von Kelly Kennys Brlgadcn verfolgt einen sehr »rotzen Boerenzug, der > sich in der Richtung aus Bloemfontein bewegt. * Iacobsdal, 1s. Februar. („Reuter s Burcan".) Die Engländer besetzten heute Iacobsdal nach einer I Reihe von Lcharmntzeln mit kleinen Boercnabthci- FdttiHeton. Hans Eickstedt. Roman in zwei Bänden von Anna Maul (M. Gerhardt). Nachdruck dcrdvicu. Hans lachte herzlich. ,-Das ist ja üben das große Glück, daß Sie kein Professor der Aest'hekik sind, auch keiner der großen Sterne an unserem Dichter'hiMmel. Daß Sie nicht aus dem Dunstkreis vrr- dlichensn Ruhmes zopfiger, akademischer Weisheit heraus orakeln, sondern aus dem warmen, ursprünglichen Empfinden Ihres jungen Herzens urtheilen werden. Ich schreib« nicht für Äst hetiker, noch für literarische Autoritäten. Mit ihrer kurzen Elle will ich nicht gemessen werden. Ich schreibe für das deutsche Volk,'und dessen idealer Repräsentant sind Sie mir, Gertrud." Es klopfte. Die beiden jungen Leute, die ihre Umgebung vollkommen vergessen hatten, schraken zusammen. Gertrud lief an die Thür und öffnete eine Spalte. „Wir sind schön beim Dhee, Fräulein Pilgrim", meldete draußen eine Pensionärin. / „Danke, Fräulein Böhm, ich komme gleich." Eickstedt griff nach seinem Hut. „Bleiben Sie ruhig", bat Gertrud. „Ich komme schon zu meinem Recht. Es würde auch nicht angenehm für Sie sein, surch das Berliner Zimmer zu gehen, während das Pensionat bei Thee sitzt." „Ich fürchte mich vor keiner Dame zwischen achtzehn und achtzig", erklärte er höldenmüchig. „Nun, also, Gertrud — aber wir haben ja ganz vergessen, unseren Verwandtschaftsbund zu verfestigen — zwar ich nenne Sic schlechtweg Gertrud, als könne das gar nicht anders sein, aber Sie haben meinen Vornamen nicht ein einziges Mal über die Lippen gebracht." „Von jetzt ab also Hans." Er bot ihr seine Hand und fragte: „Wann darf ich wieder kommen?" Gertrud zögerte. „Soll ich lieber schreiben? — Gelesen habe ich das Stück natürlich morgen schon, aber ob ich so schnell mit mir darüber ins Reine komme —" „Geben Sie mir Ihr Urtheil nur frisch vom Faß, ohne langes Erwägen. Soll ich Ihnen das Ding vorlesen." „Nein, nein, lassen Sic mich lieber allein damit", lehnte Ger trud chne Besinnen ab. „Ein ander Mal — wenn Sie Lust hätten, sich hier mit mir einzusperren — die lauschenden Ohren draußen sollen uns nicht anfechten." Mckstedt gab ihr seine Adresse, die aber nur bis ersten April Giltigkeit habe. Seine Wirtihin gehöre zu den sehr wenigen Damen, mit denen er nicht auszukommen vermöge. Eine neue Wohnung hatte er noch nicht, aber es blieben ja noch volle drei Tage, sie zu suchen. „Also ich komme, so bald Sic mich rufen, und mache mich auf cm kritisches Sturzbad gefaßt. Nur keine mitleidige Scho nung! — Aber spannen Sie mich nicht zu lange aus die Folter." „Ich komme mir schon wie Rhadamantus vor", lachte Ger trud mit geheimem Bangen. Fürchterlich erhaben in meiner un fehlbaren Richterwürde. Wie nun, wenn mein Verdict ganz ver nichtend ausfällt?" „Dann steigt der Jurist als Phönix aus der Asche — zur allgemeinen großen AUferbauung!" erwiderte Eickstedt und rückte den Kopf mit festem Selbstbewußtem in den Schultern höher. „Söien Sie ganz ruhig, liebe Gertrud, ich bin kein Schwächling. An einer vernichteten Hoffnung geht man nicht zu Grunde. Lieber Holzhacker als Dichter invitrr Hlinorvn." Siebentes Capitel. An einem regnerischen Vormittag bewerkstelligte Hans Eick stedt seine Uebersiedelung von der Gartenstraße nach der Flott wellstraße, wo er ein freundliches Zimmer im dritten Stock entdeckt hatte, mit Ausblick auf die vielfach sich schneidenden Schienengleise, die vom Potsdamer Bahnhof herunterkommen. Das fortwährende Donnern der aus- und einlaufenden Züge, die Rauch- und Dampfwolken, die an seinem Fenster vorbei flogen, fochten ihn nicht an. Der Lärm draußen würde die viel störenderen Geräusche in den Nebenräumen der Wohnung über- täuben, meinte er. Er würde auch am Tage arbeiten können, und das würde gut sein. Seit er an die Ausführung größerer poetischer Entwürfe gegangen, die absolute innere und äußere Ruhe und Vertiefung erforderte, hatte er sich gewöhnt, in den Nachtstunden zu arbeiten, und litt in Folge dessen häufig an nervösem Kopfschmerz. Außerdem aber war der Miethpreis des Zimmers ein mäßiger, denn es fanden sich nicht viele Liebhaber für die Vorzüge seiner b-sonderen Lage. Das war von Wichtigkeit. Hans lebte von dem kleinen, aus dem Ruin geretteten Rest des Vermögens, das seine Mutter einst in die Ehe gebracht. Er mußte und wollte sich damit einrichten. Es mußte vorhalten, bis er eigene Einnahmen batt'. Aber das war kein leichtes Ding. Rechnen gelernt hatte er erst nach seines Vaters Tode, und er verrechnete sich noch oft. Aus den Provinzstädten, wo er in den besten Kreisen verkehrt und als Gerichtsreferendar und Reservcleutnant standesgemäßen Luxus zu treiben gehabt, hatte er vielerlei kostspielige Bedürf nisse und Gewohnheiten nach Berlin mitgebracht, von denen allmählich eine und wieder eine als zweckwidrig und überflüssig abgeschafft wurde. Aber was half das? Was half es, daß er sich am ersten jeden Monats Sparsamkeit predigte und sich vorhielt, es käme nichts darauf an, wenn man ihn für schäbig hielt. Was half es, daß er in den zweiten — ja, den dritten Rang des Theaters emporstieg, ohne Glacehandschuhe ausging, zuweilen sogar mit Verleugnung aller ererbten und anerzogenen Anstandsgefühle dem Pferdebahnschaffner den üblichen Obolus vorenthielt? Was half sein Hinabsteigen in die Sphäre der Enterbten? — Seine Caste befand sich nicht besser dabei. Eher im Gegentheil. Es war ein Räthsel. Sein Capital schmolz sichtlich zusammen. Er brauchte durchschnittlich das Doppelte von dem, womit er hätte leben können und sollen. Verdrießlich über die unverschämte Rechnung seiner früheren Wirthin, über den Regen, über die frostige Unbehaglichkeit seiner neuen Wohnung starrte Hans nach den Schienengleisen und den farbigen Signalen jenseits der Straße hinüber. Er muhte wohl Gertrud seine neue Adresse mittheilen — weshalb sie nur immer noch nicht geschrieben hatte? Natürlich mißfiel ihr das Stück. Warum war er auch der Narr gewesen, das Urtheil eines jungen und selbstverständlich prüden Mädchens über ein Stück dieses Kalibers anzurufen? Verdrießlich machte er sich auf den Weg, sein Mittagessen auf zusuchen. Der Saal in der Victoriabrauerei war voll abge standenen Tabaksqualms, der Fußboden unsauber, die Speisen unschmackhaft. Hans hatte zuweilen ein ganz thörichtes Ver langen nach vornehmen Räumen, einer festlich geschmückten Tafel, einer Reihe fein zubereiteter Schüsseln und edler Weine — nach rer Gesellschaft schöner, eleganter, in Seide, Sammet und Spitzen gekleideter Damen. — Er hätte ja wohl öfters Gast an fremden Tafeln sein können. Sich Einlaß in angesehene Häuser zu verschaffen, wäre ihm nicht schwer gefallen. Jndeß — es hatte ihm eben nicht beliebt. . . . Was sein Stück werth war, wußte er übrigens bereits ganz genau. Gertrud hatte recht gehabt: sein Urtheil hatte sich ge klärt, sobald er das Manuskript aus den Händen gegeben. Das Stück hatte große Qualitäten, aber es paßte nicht für die Bühne — wenigstens, wie diese zur Zeit beschaffen war. — Es war zu herb, zu düster, zu sehr grau in grau gemalt. Der Schaulust des Publicums war zu wenig Rechnung getragen. Vielleicht war auch die Technik mangelhaft. Das war Nebensache. Aber ein Anderes war von höchster Wichtigkeit. Es fehlte dasjenige, was die Phantasie gefangen nimmt, hinreißt, sie in den Bann gewisser Gefühle, gewisser Anschauungen zwingt. Es fehlte die Leidenschaft, der warme, lebendige Pulsschlag der Sinnlichkeit — All' das fehlte, was nur der Einfluß dcS Weibes in der Seele des Mannes zur Reife bringt. An Liebeleien hatte es in Eickstedt's früherem Leben nicht gefehlt. Ebenso wenig neuerdings an Berührungen mit der hauptstädtischen Dirnenwelt. Aber er hatte einen eklen Geschmack und keine Lust, dem Abschaum des weiblichen Geschlechts Einfluß auf sein Ich einzuräumen. Einer großen Leidenschaft war er ängstlich aus dem Wege gegangen. Er durfte sich nicht verlieren, er gehörte nicht sich selbst an. So oft er seine Brieftasche öffnete, kam ihm ein leiser, süßer, Welter Duf: entgegen — der sterbende Hauch der Veilchen, die Dera in ihrer Hand getragen und beim Abschied in die seine hatte gleiten lassen. Ein Glück, ein wahres großes Glück, daß sie ab gereist war. Ein Wiedersehen war nicht wahrscheinlich, wenigstens wollte Hans es nach Möglichkeit vermeiden. Aber Vera sollte die Heldin seines neuen Stückes sein. Während er derlei Gedanken durch seinen Kopf gehen ließ, überflog Hans die Spalten der Zeitung, die der Kellner ihm ge reicht hatte. Bei einem Abschnitt stutzte er, las noch einmal sorgfältig und versank in Sinnen. Da hatt: er vielleicht, was er brauchte, die Fabel seines neuen Stückes. Unter den Mittheilungen aus der Provinz und dem Reich war über das Ende eines hervorragenden Großindustriellen berichtet. Er hatte seinen Wirkungskreis seit Jahren ausgedehnt, immer weiter ausgedehnt, hatte Bergwerke, Fabriken, Hüttenwerke in seinen Besch gebracht. Er war das Sprichwort seiner Provinz geworden, es schien keine Schranken für sein Wollen und Können zu geben. Schließlich war er nicht im Stande gewesen, diesen immer anwachsenden Besitz, diese inS Zehnfache, Hundert- und Tausendfache vergrößerte Macht und Wirkungssphäre zu über sehen. Seine Combinationen hatten sich verwirrt, seine Rech nungen stimmten nicht mehr. Eine ungeheure Angst hatte ibn ge packt vor einem Erliegen, das nur erst in seiner Phantasie vor handen war Er hatte im Wahnsinn geendet. Dieses Hinauswachsen, Hinausdrängen der Menschenkraft über die von Natur und Tradition ihr gezogenen Schranken, das den Kampf mit den ewigen Schicksalsmächten aufnimmt, ihnen siegreich Trotz bietet oder von ihrem ehernen Fuß zertreten wird, hochdramatisch im Obsiegen und im Unterliegen, ist es nicht typisch für unsere Zeit? — Die großen Gestalten eines Bismarck, eines Richard Wagner stiegen vor Eickstedt's innerem Auge auf. Andererseits die eines Max vo» Mexiko, eines Lassalle, eines Ludwig Napoleon. Zuletzt die geliebte, unselige seines eigenen
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