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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 08.02.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-08
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000208025
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900020802
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900020802
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-08
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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BezugS-PreiS t» der Haupterpcditton oder Len im Stadt- bqirk und den Vororten errichteten Au«, nabeslellen abgeholt: vierteljährlich ^4.50, bei »weimaiiaer täglicher Zustellung in« Laut L.üO. Durch die Post bezogen für Deutschland und Oesterreich: vierteiiäbrlich S.—. Direkte tägliche Krruzbandlendung tn« Au-land: monatlich 7üO. Li« Morgenausgabe erscheint um '/,7 Uhr, di« tlbend-Au«gabe Wochentag« um k Uhr. Fittalen: Alfred -ahn norm. v. klemm'» Lorttm. UniversitSttstrahe 3 (Paulinum,, Loni» Lösche. Latharinenstr. 14, Part, und königSplatz 7. Lr-action «nd LrpeLitiou: Aahannt-gaPe 8. LieGxvedition ist Wochentag« ununterbrochen geöffnet von früh 8 bi« Abend« 7 Uhr. Abend-Ausgabe. WpMtr.TlMblM Anzeiger. Amtsblatt des Äöniglichen Land- und Amtsgerichtes Leipzig, des Nathes und Nakizei-Ämtes der Stadt Leipzig. AnzeigenPreiS die 6 gespaltene Petttzeile 20 Pfg. Reklamen unter dem RedactionSstrich (4ge- spalten) bO><z, vor den Famtltennachrichtea (6gespalten) 40^. Größere Schriften laut unserem Preis- verzeichniß. Tabellarischer und Zifferajatz nach höherem Tarif. Srtra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen-Ausgabe, ohne Postbeförderung 60.—, mtt Postbeförderung ^l 70.—. Annahmeschluß fir Ävzeizen: Ab end-Ausgabe: Bormittag« 10 Uhr. Morgen-Au-gabe: Nachmittag« 4Uhr. Lei den Filialen und Annahmestelle« je ein« halbe Stunde früher. Anzeigen sind stet« an die Expedition zu richten. Druck «ud Verlag von T. Polz in Leipzig. ^-71. Donnerstag den 8. Februar 1900. 81. Jahrgang. Politische Tagesschau. * Leipzig, 8. Februar. Der Reichstag, der gestern die zweite Lesung der lor Heinze beendet hat und abermals Beschlüssen seiner Com mission beigetreten ist, die da- Zustandekommen des Gesetze- ernstlich in Frage stellen, tritt deute unter ungünstigen Um ständen in die erste Lesung der Flatteuvorlage. Die schwere Erkrankung des Abg. vr. Lieber hat augenscheinlich den Gegnern der Flotienverstärkung im Cenlrum Oberwasser verschafft; denn im Namen dieser Fraktion wird der Führer deS bayerischen Flügel- vr. Schädlcr sprechen, der sicherlich sich und seiner Gefolgschaft die Hände zu Handelsgeschäften offen hält. So wird denn die erste Lesung der Vorlage enden, ohne Klarheit über ihr Schicksal zu bringen. Hoffent lich wirft sie wenigstens Helles Licht in das Dunkel, das noch über den konservativen Mitglieder deS Bundes der Land Wirth« schwebt, die nach der Versicherung der „Germania" an Mitglieder deS Centrums mit der Empfeh lung herangetreten sind, „gegenüber der Flottenvorlage fest zu bleiben und das Gesetz unter allen Umständen abzulebnen." Bis jetzt hat die „Deutsche TageSztg." zu dieser „Enthüllung" nur Folgende- bemerkt: „Ehe wir u»S mit dieser Darstellung ernstlich befassen, fordern Wik die „Germania" auf, di« Namen derjenigen konservativen Ab geordnete« zu neu«««, di« in den letzte« Tagen solche Besprechungen mit Mitgliedern de« CentrumS gehabt haben. Entzieht sich die „Germania" dieser Namensnennung, so würden wir gezwungen sein, sie der Flunkerei zu zeihen. WaS sie auf diesem Gebiete zu leiste« vermag, hat sie ja bei der Erfindung des schönen Märchens Von der Friedenskonferenz gezeigt." TuS einer Auslassung der „Deutsch. Agr arcorr." geht aber unwiderleglich hervor, daß die äußerste Rechte deS BuudeS die Verwerfung der Vorlage wünscht und also auch auf eine ablehnend« Haltung deS CentrumS hofft. Die „D. Agrarcorr." schreibt nämlich: „Für die Vertreter der Landwirthfchaft wird rin Punkt ganz besondere Beachtung verdienen: würde die Vorlage bewilligt, ohne daß für entsprechende Kostendeckung gesorgt wird, dann ist 1803 »ine wirksame Erhöhung der Agrarschutzzölle direet ausgeschlossen, einfach deshalb, weil die Regierung daun genüthigt sein würde, den Agrarzöllen den Charakter al« Schutzzölle zu nehmen und sie aus die höchste Stufe der Lristuug«fShigkeit von Finanzzöllen zu bringen; sie sähe sich sonst sehr bald dem finanziellen Bankerott gegenüber. Finanzzoll und Schutzzoll erfordern logisch zur höchstmöglichen Erreichung ihre« Zweckt- «ine ganz verschiedene Normirung. Der Schutz, zoll muß» wenn er seinen Zweck erreichea soll, die Einfuhr ab- bringen und so die heimische Production steigern. Er soll also — und, wenn er eben wirksam hoch ist, wird er auch — die Zolleiuuahmen verschlechtern. Der Finanzzoll dagegen darf zweck« vollendeter Functionirung nur gerade so hoch sein, daß er die Einfuhr bestens besteuert, ohne ihre quantitative Zunahme zu hindern; er muß sich also auf eine für den Schutz zweck uuwirksame mäßige Mittelhöhe beschränken. Für uns leidet es kaum eiaea Zweifel, daß beispielsweise die ander- schon gar nicht mehr zu motivirende Verschleppung deS Fleischbeschau- gesetzt» bereit« einen der finanziellen Schatten darstellt, die der Marine- plan vorau-wirft. Ma« will und kann die Zolleinnahmen nicht missen, die auS der Einfuhr der Flrischwaaren sich «rgiebt, und mau wird den Vertretern der Landwirthschaft da« ganz deutlich erst dann sagen, wenn sie geholfen haben, die Marinevorlage unter Dach und Fach zu bringen. Und man wird denselben Vertretern der Landwirthschaft dann beim neuen Zolltarif anno 1903 ebenso kühl sagen: wir können der Flottenbaukosten wegen steine Zölle be willigen, die Eure Production zwar schützen, aber uns keine Ein nahmen liefern. Eine gelinde Erhöhu ng um einigeProcente: gewiß, daS ist auch uns recht, denn daS kann die Ein nahmen nur noch steigern, ohne doch die Einfuhr ab zudrängen. Aber damit: basta!" — Jedenfalls wird die „Enthüllung" der „Germania" bei der ersten Lesung zur Sprache kommen. Je weniger aber von dieser eine Klarheit über daS Schicksal der Vorlage zu er warten ist, um so dringender ist zu wünschen, daß wenigsten- vom BundeSrathStische auS Alles geschieht, was nur irgend geschehen kann, um den sich immer mehr häufenden Un geschicklichkeiten und Albernheiten, mit denen übereifrige Floltenfreunde der Sache schaden, ein Ende zu macken. Einen der bösesten Streiche hat dieser Tage daS in hohen Kreisen beliebte und mit würdelosem Byzantinismus nach einer größeren Beliebtheit strebende „Kleine Iourn." gespielt, indem es schrieb, schon mit Rücksicht auf die Empfindungen deS Kaisers für seine Großmutter, „die Fürstin im Silberbaar", die sechzig Jahre lang „in Treuen das gottverliehene Scepter" halte, müsse man sich artig gegen England verhalten. WaS Wunder, wenn nun die klerikale „Köln. VolkSztg.", die begierig nach Scheingründen gegen jede Flottenverstärkung hascht, sich der Auslassung des „Kl. Iourn." bemächtigt, um die Folgerung daran zu knüpfen: „DaS Blatt sollte jetzt auch feine Flottenbrgeisterung etwas mäßigen, denn wenn wir so zu England und der Königin Victoria stehen, bedürfen wir zweifellos keiner großen Flotte — dann wird uns in allen überseeifchen Wirre« des Kaisers Groß mutter schützen, die Fürstin im Silberhaar, die 60 Jahre lang In Treuen daS Scepter trägt und für Wilhelm II. die „innigste Mutter liebe" hegt". Diese Schlußfolgerung ist nun allerdings nicht ganz richtig, denn selbst wenn die Auffassung von dem innigen Verhäitmß zwischen Großmutter und Enkel richtig wäre, so bliebe doch noch zu erwägen, daß die englische auswärtige Politik keineswegs allein von dem Herrscher deS Landes ge macht wird, und zweitens, daß in absehbarer Zeit der eng lische Thron durch den ältesten Sohn der greisen Monarchin eingenommen werben dürfte und der Prinz von Wales eher Abneigung als Liebe gegen seinen kaiserlichen Neffen hegt. Und wann bat sich denn für uns eine gute Folge diese- verwandtschaftlichen Verhältnisse- gezeigt? Hat nicht di« englische Presse den deutschen Kaiser unvergleichlich deftiger angegriffen, als die deutsche Presse jemals Vie Königin Victoria angegriffen hat? Und entscheiden denn überhaupt verwandtschaftliche Beziehungen über Freundschaft und Feind schaft zwischen den Nationen? Hat nicht Friedrich der Große mit dem Könige von Schweden, dem Manne von Friedrich'« Schwester, Krieg führen müssen? Oder der österreichische Kaiser mit seinem Schwiegersöhne Napoleon I.? Oder, um rin Beispiel auS der neuesten deutschen Geschichte zu er wähnen, der gegenwärtige Großherzog von Baden mit seinem von ihm hochverehrten Schwiegervater? Aber werden sich bei einer stürmischen Wablbewegung die großen Massen de« höchst geringen Einflusses verwandtschaftlicher Beziehungen der Herrscherhäuser auf die Politik bewußt und wirkt ein zündendes Schlagwort nickt oft weit mehr, als der beweis kräftigste historiscke Nachweis? Wir sind überzeugt, daß die Erweckung des Anscheins, als ob man in den maßgebenden Kreisen auS verwandtschaftlichen Gründen glaube, Deutsch land habe von England nur Liebes und Gutes zu erwarten und schulde daher den lieben Vettern Rücksicht und Dankbar keit, die Begeisterung für die Flottenverstärkung ganz erheblich absckwäcken würde. Man bat daher am Tische deS Bundes- rathS allen Anlaß, gleich bei der ersten Lesung der Flotten- Vorlage nickt unbetont zu lassen, daß die Vorlage den Zweck bat, uns auch gegen solche Uebergriffe zu sichern, die wir erst unlängst von Unterthanen ihrer britischen Majestät zu er dulden batten. Der „Vorwärts" bringt es fertig, die bekannte Münchener Fahncn-Angclcgenheit böbnisch als einen Erfolg der „marinisliscken Weltpoiitik" zu bezeichnen, weil ein Ber liner Klatschblatt der Weitpolitik den Zweck untergeschoben bat, die Herzöge und Könige in dem einen Kaiser aufgeben zu lassen, und weil Höfe und Regierungen der Einzelstaaten über die neuen Flottenpläne erst unterichtet worden seien, als die Großindustriellen längst davon gewußt hätten. Die Sinnlosigkeit der letzteren Behauptung leuchtet ein, wenn man sich erinnert, daß der bayerische Bunde-bevollmächtigte Graf Lerch en selb in der ReichStagSsitzung vom 14. Dccember 1899 erklärt bat: „So bald es nach der Lage der Sacke überhaupt möglich war, haben die Regierungen von derAbsicht der Reichs leitung... nickt allein Kenntniß erhalten, sondern auch die nothigen Unterlagen empfangen, um fick ein eigenes Urtheil in der Sacke bilden zu können." — Der Glaube, daß die Stilübungen eine- Blatte- vom Schlage desjenigen, auf welches der „Vorwärts" hinzielt, in München auch nur den geringsten Eindruck machen könnten, wird selbst in bayerischen Centrumskreisen keinen Boden finden. In diesen wird viel mehr die Fahnen-Angelegenbeit, wie eine Auslassung deS Organ- der bayerischen CentrumSpartei, der „Neuen Bayerischen Zeitung", lehrt, lediglich auf bureau- kratische« Zopfthum zurückgefübrt. Da da- genannte Blatt selbst verlangt, die bayerische Regierung möge in „Formsachen" von der Art der Fahnen-Angelegenheit nach geben, und da es daS Verfahren, eine schon herauSgebängte Flagge einzuzieben, für eine „direkte Beleidigung" erklärt, auch nickt begreift, warum die Militärgebäude und die Civil- staatSgebäude einem verschiedenen Brauche folgen, so bleibt in Bayern die Socialdemokratie al- einzige Partei übrig, der die Fahnen-Angelegenbeit Vergnügen bereitet hat. Das Ministerium Crailsheim müßte nicht so patriotisch sein, wie eS ist, wollte eS auS diesem Thatbestande für die Zukunft nicht die nothwendigen Folgerungen ziehen. Mit welcher Klugheit die Kaiserin-Mutter in China zu Werke gebt, ergiebt sich auch auS einem neueren Vorgänge wieder mit großer Deutlichkeit. Ein wesentlicher Grundzug in früheren chinesifchen Aufständen war der darin zu Tage tretende Haß gegen die fremde Mandschu - Dy « astie und der Wider stand gegen die Bevorzugung der Mandschu-Krieger vor dem eingeborenen Altchinesenthum. Die Kaiserin sucht nun auch diesem Grund zur Unzufriedenheit in dem chinesischen Reiche eutgegenzutrkten. Der „Ostasiat. Lloyd" berichtet darüber: „Llu-Kung-Yi, der Genrralgouverneur der L'angkiang-Pro- vinzen, ist durch kaiserlichen Erlaß nach Peking beordert worden." Zuerst glaubte man in chinesischen Kreisen darin ein Zeichen der Mißbilligung seiner Politik sehen zu sollen und nannte bereit- als seinen Nachfolger Li-Ping-Heng, den Commissar der Aangtsevertheidigung. In den letzten Tagen aber ist auS Peking eine Kundgebung bekannt geworden, die die Berufung Liu-Kuntz-yis nach Peking in einem ganz anderen Lichte erscheinen laßt. Diese lautet: „Es ist zur Kenntniß der Kaiserin-Wittwe gekommen, baß unter den Civilbeamten und Ofsicieren sowohl, wie in den breiten Massen deS Volkes, die chinesischen Stammes zu sein be haupten, eine tiefe Unzufriedenbeit herrscht, weil man kürzlich alle amtliche und militärische Gewalt in die Hande von Manchus gelegt bat. Ihre Majestät bat deshalb den General gouverneur Liu-Kung-yi von Nanking rufen lassen, al- den mei st» bekannten und Höch st geachteten Beamten chine sischer Abstammung im ganzen Land, der auch Kenntniß von militärischen Dingen hat. Er soll schleunigst nach Peking kommen, damit die Kaiserin aus seinem Munde hört, wie die Dinge sieben und ob eS mit der allgemeinen Unzufriedenheit seine Richtigkeit hat oder nicht. Sollte nach der Ansicht des GeneralgouvcrneurS Liu eine solche thatsächlich bestehen, so wird er möglicherweise als Coadjutor des Gene ralissimus der großen Nordarmee im Norden bleiben. Durch diese Maßregel wird hoffentlich der Gedanke der Chinesen im ganzen Lande, daß die Kaiserin-Wittwe die ManchuS zum Nacktheit der Chinesen bevorzugt, ver schwinden. Die Kaiserin-Wittwe unterläßt eS bei keiner Gelegenheit, zu erklären: ManchuS und Chinesen — alle sind gleicher Weise meine Unterthanen; sie haben gleicher Weise meine Liebe und mein Vertrauen." Der Krieg in Südafrika. —t>. Endlich! London und ganz Albion athme« — für einen Augenblick wenigstens — erleichtert auf. WaS ver frühte Meldungen bereits am Freitag hatten geschehen lassen: Bullcr'S zweiter Tugclaübergang ist jetzt zur amtlich beglaubigten Tbat fache geworden. Im Großen Ganzen ist der Leser sckon durch die im heutige« Morgenblatte enthaltenen Telegramme unterrichtet; im Einzelnen wird uns noch Folgende- durch den Draht über mittelt: * Loudon, 7. Februar. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus -em Boerenlager bet Ladysmith vom «. Februar gemeldet: Seit gestern haben die Briten die Stellungen der Boere» am oberen Tugela mit Marinegeschützen und anderen Kanonen beschossen. Die britischen Truppen überschritten den Kluft bei Pont Trift und Molen Drift» um die Stellungen der Bocren im Sturmangriff zu uehmen. Bei Pont Drift schlug General Burgher die britischen Truppen zurück, die in grofter Verwirrung wieder über den Tugela zurück gingen. Bei Molen Tritt dauert das Gefecht noch mit den Bocren ans Ttanderton und Johannesburg fort. Die Bocren hatten keine Bcrlufte. Tie Kanonade wurde mit mehr Kanonen, als bisher, au-gcsührt und war die heftigste, die bis jetzt erfolgt ist. Ta« Donnern der Kanonen hielt den ganzen Tag an und die Be schießung wurde heute früh mtt noch mehr Kanonen wieder anfgcnomme». * London, 7. Februar. Das „Renter'sche Bureau" meldet aus dem voerenlager bet Ladysmith vom 6. Februar Mittags 11 Uhr: In dem gestrigen Kampfe 2m Wüftensande. Novellette von v. Osten. Nachdruck verboten. „Fräd! also doch, also wirklich. Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich freue!" Frisch und fröhlich klang«n die deutschen Worte durch den eleganten Raum des Genueser Hotel-, das dem Hafenplatze gegen über lag, wo der Jerusalemdampfer in wenig Stunden die Anker lichten wollte. Der Eintretende wandte dem ihn so lebhaft Begrüßenden langsam sein schmales, blasses Gesicht zu, und wenn diese müden Züge überhaupt noch den Ausdruck der Freude widerspiegeln konnten, so dhckten sie'- in diesem Moment. In den verschleierten Augen, die so gleichgültig über die sonnenfunkelnde Pracht dieses köstlichen italienischen Herbsttages hinweggesehen, leuchtete eS wirklich noch einmal hell auf, als sie den jungen, blonden Mann bemerkten, der sich hastig durch den dichten KreiS von Herren und Damen bis zu ihm hindurchdrängte. Mit leichtem Druck umschloß Graf Lary die Hände des Freunde-, die sich ihm mit so warmer Herzlichkeit entgegen streckten, während dessen Mund wohl zwanzig Fragen zugleich aufgeregt hervorsprudelte. Lary hatte daS Monocle inS Auge geklemmt und minuten lang wie suchend den Blick über den menschengesüllten Saal gleiten lassen. Jetzt zeigke er auf ein« erkerartige Nische, die durch rothe Damastvorhänge vollständig von dem übrigen Saale abgeschlossen wurde. „Dort werde ich Dir Rede und Antwort stehen", sagt« er. „Du weißt, ich liebe es nicht, die Zielscheibe von hundert neu gierigen Blicken zu sein." Wilm Bornstedt ging bereitwillig auf den von dem Frounde bezeichneten Platz zu. Er war eS seit seinen Kinderjahren ge wöhnt, jeder Intention, des Freunde« blind zu folgen. Der Junker vom Schloß hatte stet- eine größere Autorität für Pastor- Willy bedeutet, al- Vater, Mutter und alle LSHrer der Welt. „Also, ich komme auS Paris", berichtete Graf Lary, als sic den sicheren Hasen erreicht hatten. „Eigentlich wollte ich den Winter an der Riviera zubvingen, aber al- Du wir schriebst, daß Du zur Mission nach Jerusalem gehen würdest, entschloß ich mich kurz, Dich zu begleiten. Wer weiß, wann Du wieder nach Deutschland zurück kommst, und eine „Saison in Jerusalem" ist ja außerdem etwas ganz AparteS. Deine Samariterin, die Du zu dem Aussätzigen-Hospital geleiten sollst, wird uns hoffentlich nicht belästigen." „Wie mir die Dame geschildert ist, haben wir keine Aufdring lichkeit zu befürchten", antwortete Wilm etwas unmuthig, denn die Art des Grafen verletzte sein feines Empfinden. „Es ist eine deutsche Gräfin"^ fügte er kurz hinzu, „den Namen vergaß mein Amtsbruder mir zu schreiben. Ich soll ihr auch nur bei der Durchquerung der Wüste meinen Schutz angedeihen lassen und mich sonst so fern wie irgend möglich halten, da die Gräfin, die mein Amtsbruder sehr zu verehren scheint, in Folge eines traurigen Schicksals alle Menschen fliehen soll." „Gott sei Dank", athmeie Lary auf. „Weltflüchtige Samariterinnen find mir nämlich bei Weitem lieber al- männer freundliche, die den Auszug nach Jerusalem so quasi als „letzten Versuch" betrachten." „Aber Fred", rief der Geistliche unwillig dazwischen, „wie kannst Du in diesem Tone von einer frommen, vornehmen Frau sprechen?" Der Graf lachte. „Schwärmen wir noch immer, Willy?" Die etwas spöttisch klingenden Worte trieben dunkle Röthe auf di« Stirn des Predigers. Lary bemerkte es und schnell fügte er deshalb hinzu: „Du wirst Dich doch Deiner Begeisterungsfähigkeit nicht schämen, Wilm? Meiner Meinung nach kannst Du nur stolz darauf sein. Ich wenigstens beneide Dich leidenschaftlich um diese köstliche Gabe." Wie ein Seufzer kamen die Worte von des Grafen Lippen. Den dunklen Kopf müde gegen das Fensterkreuz gelehnt, die schlanke Gestalt lässig zusammengesunken, stand er vor dem Ge fährten seiner Kindheit und wie wehmüthig sah er auf dessen be wegliche, ausdrucksvolle Züge. „Es muß herrlich sein, mit Deinen Augen in das Leben zu schauen", begann er noch einmal. „Du entdeckst doch sicher nur Licht und Sonnenglanz, wo mich graue Oede erbarmungslos anstarrt. Schon als Knabe thaten sich Dir ja bei jedem Spazier gang die wonnigsten Wunder auf. Jeder Morgen auf thau- frischem Felde dünkte Dich, glaube ich, eine göttliche Offenbarung. Weißt Du noch, wie strahlend Du immer von unseren Ausflügen nach L. zurückkehrtest, diesem armseligen Krähwinkel, der sich frech dm Namen „Kreisstadt" anmaßte und in dem ich vor Langeweile stets beinahe umkam? Es ist eigentlich sonderbar, daß Du an mir griesgrämigem, unzufriedenem Gesellen Gefallen finden koantest." „Und doch habe ich keinen Men schm je so geliebt", ries Mm. „Da- weiß ich." Einem plötzlichen Impuls folgend, halte der Graf beide Hände seines einstigen Spielkameraden ergriffen und drückte sie fest. „,ES ist doch wohlthuend, zu wissen, daß noch ein Mensch auf der Welt an Einem hängt." „Das werden Biele thun", wandte Wilm ein. Ueber Lary's Stirn senkte sich ein Schatten. Er löste seine Hände auS denen Bornstedt's und drehte sich von ihm fort. Finster sah er in das Sonnengeflimmer des Genuesischen Mittags. Wilm beobachtete ihn mit heimlicher Sorge, aber er wagte nicht, an die Wunden des Freundes zu rühren. Draußen am Landungsplätze begann sich lebhafte Unruhe geltend zu machen. Man rüstete sich zur Abfahrt. Als Letzte von Allen betraten Lary und Bornstedt den Dampfer. Sie waren sich Beide so vollständig genug, daß sie für keinen der übrigen Reisegefährten auch nur einen Blick hatten. Wenige Minuten später löste die „Aria" ihre Anker. Mit Volldampf strebte sie hinaus in die blaue, nöbelnde Ferne. ES war Abend. Blaß stand der Mond am Himmel. In den Wassern der Adria rauschte es auf, flüsternd, leis. Es klang fast wie das Seufzen eines Schläfers in tiefem Traum. Nebelbildern gleich zogen die Gestade der fernen Küste an dem wandernden Schiff vorüber. Graf Lary stand auf dem Verdeck allein, seinem kalten, un bewegten Gesicht konnte man es nicht ansehen, ob die Schönheit dieser Meernacht zu seinem Herzen sprach oder nicht. DaS leise Knistern eines Frauenkleides hatte ihn sich um wenden lassen. Er bemerkte eine Dcune, die langsam die Stufen der Cajütentreppe emporstieg. Seine Augen schienen sich zu erweitern, so angestrengt suchten sie die Dunkelheit zu durchdringen, um sich zu überzeugen, daß es.kein Traum, sondern daß sie ihm wirklich gegenüberstand, so nah«, daß sein auSgestreckter Arm die Falten ihres schwarzen Kleides berühren konnte. Ihm selbst fast unbewußt entschlüpfte seinen Lippen der Name „Marm". Bei dem Ton seiner Stimme zuckte die Frau zusammen. Irr, verständnißlos sah sie zu ihm puf, während sie, wie nach einer Stütze suchend, daS Treppengeländer umklammerte. „Gott, ist Deine Welt denn so klein, daß sie zwei armselige Menschen nicht zu trennen vermag?" murmelte sie, und heiße Thränen zitterten in ihrer Stimme, als sie aufgeregt forffuhr: „Einzig, um Dir zu entfliehen, Alfred, gebe ich in diesen fernen Erdtheil, und der erste Mensch, der mir an Bord des Schiffes be gegnet, bist Du! Soll ich denn nie wieder Ruhe finden?" Leidenschaftlichste Angst und Qual spiegelte sich in ihren schönen, blassen Zügen. Lary sah diese Angst, und ein Zug grenzenloser Bitterkeit zuckte um seinen Mund. „Du wirst bald genug für immer vor mir Ruhe haben, Maria", sagte er herb. „Die Aevzte geben miir nicht mehr lange Zeit, und daß ich Dir auf dieser Reise so wenig wie irgend möglich lästig fallen werde, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, ebenso wenig, daß weder W'lm noch ich ahnten, wer die barmherzige Schwester war, die er beschützen sollte; denn ich täusche mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß Du diese Dame bist." Ohne ihre Antwort abzuwarten, mit kurzem, knappem Gruß wandte er sich von ihr fort und ging in seine Cabine. Dort warf er sich auf sein Lager. Gegen die Planken des Schiffes klopfte der Ocean. Alfred Lary hörte seine raunende Stimme wohl. Ihm war's, als ob sie ihn riefe. Einen Moment wandelte ihn leidenschaftlich das Verlangen an, diesem Rufe zu folgen, aber noch war er stark genug, es niederzuzwingen. Nicht zum zweiten Male sollte dec Name „Lary" dem neu gierigen Publicum Stoff zu Sensationsgeschichten geben. AlS Graf Lary am nächsten Morgen an die lange, zum Früh stück gedeckte Tafel im Speisezimmer trat, trug sein feines Gesicht wieder denselben Ausdruck unnahbar gleichgültiger Kühle, den die Menschen gewohnt waren, darauf zu finden. Nur einen Schein blässer war es vielleicht geworden. Wilm Bornstedt's liebegeschärftem Blick aber entging eS nicht, daß der Freund litt. „Thut Deine Wunde Dir wieder weher?" fragte er besorgt, als er bemerkte, daß Lary das Zeitungsblatt, in dem er zu lesen vorgab, verkehrt in der Hand hielt und daß sein« Augen mit selt sam gequältem Ausdruck immer wieder die Thür suchten, durch welche di« Mitreisenden eintreten mußten. 'Lary schüttelt« den Kopf. Er liebte es nicht, über sich und sein Befinden zu reden. Deshalb stand er auf und ging an Deck. ,)Jch werde mir einen guten Platz für die Morgenandacht aus- suchen", sagfe er, sich in der Thür noch einmal zurückwendend.
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