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01-Frühausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 28.02.1900
- Titel
- 01-Frühausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-02-28
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000228013
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900022801
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900022801
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-02
- Tag 1900-02-28
-
Monat
1900-02
-
Jahr
1900
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Größere Schriften laut unserem Preis» verzeichniß. Tabellarischer und Zissernjatz nach höherem Tarif. Extra-Beilagen (gefalzt), nur mit der Morgen - Ausgabe, ohne Postbeförderung SO.—, mit Postbeförderung 70.—. Annahmeschluß fir Anzeigen: Abeud»Ausgabe: Vormittag- 10 Uhr. Margeu-AuSgabe: Nachmittags 4Uhr. Bei den Filialen und Annahmestellen je eine halbe Stunde früher. Anzeigen sind stets an die Expedition zu richten. Druck und Verlag von E. Polz in Leipzig. Mittwoch den 28. Februar 1900. 94. Jahrgang. Die Loerenftaaten und Elsaß-Lothringen. B Die Erfolge, die Lord Robert- errungen hat, haben den noch vor wenigen Wochen so tief gesunkenen Muth der Engländer so gehoben, daß sie an einer baldigen völligen Niederwerfung der beiden Boerenstaaten gar nicht mehr zweifeln. Deshalb be schäftigt sich jetzt die englische Presse bereits eifrig mit der Frage, was nach errungenem endgiltigen Siege mit den beiden Staaten angefangen werden soll. Die „Time-" benutzt die Debatte des Reichstage- über Elsaß-Lothringen, um zu erklären, daß England die Boeren staaten in ähnlicher Weise behandeln wolle, wie Deutschland Elsaß-Lothringen behandelt habe und noch behandele. Man werde Ausnahmegesetze schaffen und diese so lange auf recht erhalten, bis die Pacisicirung völlig durchgeführt sei und die Boeren zu loyalen und getreuen Unterthanen geworden seien. Das englische Blatt übersieht vollkommen, daß ein Vergleich der Boerenrepubliken mit Elsaß-Lothringen aus den mannig fachsten Gründen völlig unzulässig ist. Zunächst liegt schon ein wesentlicher Unterschied in dem Anlasse der Eroberung. Eng land führt den Krieg gegen die südafrikanischen Republiken mit der von vornherein kundgethanen Absicht, diese Republiken zu unterwerfen. Deutschland aber hat den Krieg von 1870 nicht mit der Absicht geführt, Elsaß-Lothringen zurückzuerobern, sondern sich des französischen Angriffs zu erwehren. Deutschland hat ja auch nicht gegen Elsaß-Lothringen Krieg geführt, sondern gegen Frankreich, von dem Elsaß-Lothringen einen Theil bildete. Und da- führt zu einem Vergleiche zwischen der Vergangen heit des vor einem Menschenalter eroberten Elsaß-Lothringen einerseits und der noch zu erobernden Boerenstaaten andererseits. Elsaß-Lothringen war Jahrhunderte lang deutscher Besitz ge-' wesen, Deutsche waren es, die das Land cultivirt hatten und nur durch die Schwäche des Reichs war es in den Besitz Frank reichs gelangt. Die Boerenrepubliken aber waren von den Boeren, die von den Engländern aus der Capcolonic verdrängt worden waren, begründet worden, und es fehlt somit an jedem historischen Ansprüche Englands auf diese beiden Länder. Weil aber die Republiken von den Boeren begründet worden sind, so gehört auch der Kern der Bevölkerung — denn die so genannten UitlanderS setzen sich au- Angehörigen der ver schiedensten Nationen zusammen — dem Boerenstamme, d. h. der holländischen Rasse, an. Wenn also die Engländer wirklich Herren in beiden Staaten werden sollten, so würden sie dem eigentlichsten Theile der Bevölkerung immer als Fremdlinge er scheinen. In Elsaß-Lothringen aber gehörte umgekehrt der größte Theil der Bevölkerung der germanischen Raffe an, so daß dort die Franzosen die eigentlichen Fremdlinge gewesen waren, nicht aber die Deutschen. Dazu kommt noch, daß Elsaß-Loth ringen an Gebiete angeschlossen wurde, die von einer durchaus deutschen Bevölkerung bewohnt sind, so daß ein starker Zuzug altdeutscher Bevölkerung in die Reichslande etwas Gegebenes war. Die Engländer aber wollen die Boerenstaaten an Colonien angliedern, in denen das holländische Element mindestens ebenso stark ist — in der Capcolonie sogar stärker — als das englische. Wenn also die Elsässer unzufrieden mit ihrem Loose sind, so haben sie keinen Anhalt an der übrigen Bevölkerung Deutsch lands, während die Mißstimmung und die Unruhe der Bevölke rung der beiden gegenwärtig noch unabhängigen Boerenstaaten kräftige Resonanz in Natal, noch mehr aber in der Capcolonie finden würde. Schließlich aber noch die Hauptsache. Als Elsaß-Lothringen an Deutschland gelangte, war eS vorher französische Provinz, also der unselbstständige Theil eines selbstständigen Staates, ge wesen. In Deutschland wurde Elsaß-Lothringen zum Reichs lande, das nahezu die Selbstständigkeit eines Bundesstaate- hat, und eS vielleicht sogar zum Bunde-staat gebracht hätte, wenn die Elsaß-Lothringer die Klugheit gehabt hätten, von vorn herein loyal die neugeschaffene Lage zu acceptiren. In jedem Falle hat Elsaß-Lothringen in einer gewissen Weise einen Schritt nach vorwärts gemacht, während die Boerenstaaten durch den Verlust ihrer Selbstständigkeit eine gewaltige Degradation er leiden würden. Bei den Elsaß-Lothringern also handelt eS sich nur darum, ob sie lieber dem deutschen Reiche oder Frankreich angehören wollten, bei den Boerenrepubliken handelt e- sich nicht nur um die Frage der Nationalität, sondern auch um die der Selbstständigkeit. Wir haben diesen Vergleich wesentlich deshalb so eingehend auSgeführt, weil er die Schwierigkeiten, denen England bei der Occupatio« der Boerenrepubliken begegnen muß, darlegt. Denn man muß sich sagen, daß, wenn Deutschland schon die größten Schwierigkeiten gehabt hat, um sich Elsaß-Lothringen auch innerlich anzugliedern, England bei den ganz anderen Verhält nissen noch unvergleichlich größere Schwierigkeiten haben muh, die Boerenrepubliken wirklich zu pacificiren. Deutschland ist nun nahezu ein Menschenalter im Besitze der Reichslande, und wenn auch Fortschr-tte zu constatiren sind, so fehlt doch noch immer sehr viel dazu, daß man völlig zufrieden sein könnte. Bedenkt man noch obendrein, daß die Engländer bet ihrem Hochmuth und ihrer Unduldsamkeit ganz und gar nicht dazu angethan sind, sich die Zuneigung eine- mit Recht stolzen und selbstbewußten Volke», da» zäh an seinen Eigenthümlichkeiten festhält, zu erwerben, so wird man sich darüber klar sein müssen, daß die gegenwärtige Generation jedenfalls nicht den Tag erleben wird, an dem die Boeren, wie die „Times" sich auSzudrückrn beliebt, „loyale britische Bürger" sind Deber „Seemacht und Landkrieg" bringt daS demnächst zur Ausgabe aelanaendr Marzheft der „Deutschen Rundschau" eine lehrreich« Abhandlung an der Feder eine- ersten Fachmannes auf militärischem Gebiete. Der durch seine hervorragenden Werk« über den deutsch französischen Krieg und sem« organisatorisch« Tätigkeit in der Türkei bekannt« General v.d. Goltz — gegenwärtig Ebef des Ingenieur- und Pioniercorps und des Festungs wesens — bat r« unternommen, dir Bedeutung der Seemacht für jeden künftig«» Krieg, in d«n Deutschland vrrwickrlt werden könnte, auch für einen continrntalen Entscheidungs kampf, darzulegen, und seine Schlüsse verdienen mit Rücksicht auf die militärische Autorität de« Verfasser- besondere Be achtung. Er wendet sich zunächst gegen die seit 1886 vielfach herrscbende Annahme, daß ein künftiger Krieg wahrscheinlich von kurzer Dauer sein und in einer oder einigen Haupt' schlachten entschieden werden würde. Zumal bei einem Ent- scheidungSkamps um die Existenz der kriegführenden Mächte wäre dies ausgeschlossen: „Ringen kräftige Völker miteinander, so wird selbst nach Be endigung de- Kampfe- zwischen den ursprünglich organisirten Heeren der Besiegte noch durch einen auf ihn geübten Druck zur Anerkennung des ihm ungünstigen Frieden- gezwungen werden müssen. Sei eS durch Beraubung seiner kriegerischen Hilfsmittel, sei eS durch Eroberung aller Stützpunkte für ferneren Widerstand oder gar durch Besetzung de» gejammten Staatsgebiete-, — immer wird den unterliegenden Theil der Stärker» erst noch durch besondere gewaltsame Mittel dahin zu bringen haben, daß ihm die Verluste im Friedensschlüsse weniger empfindlich erscheinen al- die Fortdauer des Kriegszustandes. Sieger wird künftig bei Kriegen zwifchen Culturstaaten derjenige bleiben, welcher jenen Zustand am längsten zu ertragen vermag." ES wird sodann nachgewiesen, wie Deutschland in einem gleichzeitigen Kriege gegen Frankreich und Rußland außer Stande wäre, einen derartigen nachhaltigen Druck auszuüben, wie eS vielmehr seinerseits auch nach siegreichen Kämpfe» schließlich bedrückt werden könnte, wenn eS nicht über eine hinlänglich starke Flotte verfügt, um sich die Ost- oder Nordsee sreizuhalten. Da- AuSharren, ohne da- ein günstiger Frieden nicht erzwungen werden kann, werde unS nur möglich sein, wenn wir die Verbindung zur See offen halten: „Aber auch abgesehen von der Nothwendigkeit, lange Dauer eine- solchen Krieges ouShalien zu können, sind Gründe genug da, den Besitz einer hinreichend starken Seemacht al- eine für den Sieg un- «läßliche Vorbedingung zu erweisen. Stehen unsere Heere im Osten an der russischen Grenze und im Westen an der Mosel dem Feinde gegenüber, so erhellt auf den ersten Blick, welchen Werth für rin der unbestrittene Besitz der Herrschaft im Baltischen Meer haben muß. Wir fürchten zwar im Allgemeinen Landungen deS Feindes an unseren Küsten nicht allzusehr Auch klriNtc,-'.Be ¬ unruhigungen unserer Küsten, Beschießung und Brandschatzung unserer Hafenplätze möchten kein bedeutendes Gewicht in der Waag» chale der Kriegsgeschicke bilden. Aber sie würden doch für die Dauer, wenn sie sich wiederholen und kein Abwehrmittel dagegen gefunden wird, herabdrückend auf die Stimmung im Lande wirken. Solche Vorgänge — und sie werden, wenn wir zur See schwach ind, nicht ausbleiben — müssen das Vertrauen des Volks zur Voraussicht der eigenen Regierung mit der Zeit untergraben und endlich die Zuversicht auf einen glücklichen AuSgang er chüttern. Vom festen Glauben der Massen an den Sieg hängt aber im Kriege Vieles ab. Daß die Aufgabe unserer im Osten l ämpfenden Armee durch den Besitz der Ostsee außerordentlich er leichtert werden würde, liegt klar zu Tage. Ihr Oberbefehlshaber hätte eine ungleich größere Freiheit der Action, wenn er jeden beliebigen Platz an der Küste als Basis für seine Unternehmungen ausehen könnte und, im Falle eine» Auswrichens vor über- legeuen Kräften, nicht gezwungen wäre, sich unter allen Um ständen zur Weichsel zu wenden. Ter Besitz von Königsberg und des von dort aus leicht zu behauptenden westlichen Sam» lande» bliebe eine dauernde Bedrohung sür die rechte Flanke »ingedrungener russischer Heere. Die Unsicherheit, in welcher sich diese befänden, wäre eine verhältnißmäßig große. Da» Alles kommt in Fortfall, wenn feindliche Geschwader an unseren Küsten erschienen und sich daselbst behaupteten. So würden dir Operationen z« Laude ganz unmittelbar durch eine stark» Flotte begünstigt und gefördert werden. Ein Krieg gegen LaS verbündete Frankreich und Rußland erfordert sür un» daher »ine Flotte, welche doch mindesten- jedem einzelnen dieser beiden Gegner um etwa» überlegen ist." Weiter wird die Lage im Falle eine« Krieges mit England erörtert und auf die schwachen Puncte England- hingewiesen, die im Ernstfälle dazu beitragen würden, daß Deutschland auch mit einer an Zahl der englischen wesentlich unterlegenen Flotte nicht wehrlos oder ohne jede Chance dastehen würde, wenn durch straffe- Zusammenhalten und gute Organi sation aller Kräfte ein gewisser Ersatz geboten wäre. Frei herr v. d. Goltz, der die tiefere» taktischen Erwägungen natürlich in einer derartigen Abhandlung kaum streifen kann, aber doch auch ohnedies manchen werthvollen Hinweis auf die eigentliche Art unserer militärischen Stellung gegenüber starken Gegnern giebt, kommt zu dem Schlüsse, daß die zur Zeit der Entscheidung harrende Flottenvorlage mit ihrer Organisation von zwei Doppelgeschwadern den unserer ganzen Lage nach nothwendigerr Schritt thue, um un- in den Stand zu setzen, im Nothsalle den Kampf mit unseren muthmaßlichen Feinden aufzunehmen. Don einer numerischen Ueberlegenheit wird und kann auch dann nicht die Rede sein, aber: „Wir sind doch stark, und den Starken läßt man in Ruhr. Wenn er trotzdem angegriffen wird, findet er Bundesgenossen. Da« ent spricht nnserrr Lage; denn wir gehen nicht auf Angriff und Er oberung au-, soudern wollen aor in der Lrrthridigung unseren Mann stehen. Diese» freilich ist unsere unabwei-lichr Pflicht; denn der Schwach« reizt den Mächtigeren zu Uebergrifsen, und unsere heutige Schwäche zur See würde, wenn st» sortdauert«, »ine bedenk lich» Krieg-gefahr bilden. Un» stärkend stützen wir de« Frieden." Der Krieg in Südafrika. —p. ES hat keinen Sinn, über die Unglücksbotschast von Vronje s vapttulation sich in Jeremiaden zu ergehen. Sie wären fruchtlos, denn einmal macken sie keine gefangenen Boeren wieoer frei, und sodann fehlen noch alle Nachrichten über den Umfang der Katastrophe und ihre Tragweite. Roberts selbst telegraphirt, der Effectivbestand der Truppen Cronje'S werde später mitgetheilt werden. Er scheint also noch nicht bekannt zu sein. Die Möglichkeit ist also nickt ausgeschlossen, daß bis jetzt nur das Hauptlager der Boeren mit Cronje die Waffen gestreckt bat, während die Lager der rasch herangezoyenen boerischen Hilfstruppen versuchen, sich weiter rückwärts nack Bloemfontein zu ziehen. Meldeten doch die „Daily News" unterm 23. d. MtS.: Die Boeren seien im Begriffe, sich in einer Entfernung von dreißig Meilen von Bloemfontein zu concentriren, und 5000 Boeren verließen Ladysmith, um nach dem Oranje freistaat zu geben. In einer leider verstümmelten Depesche meldet unser Londoner Correspondent, eS circulirten dort Gerüchte, auch Ladysmith hätte „capitulirt", was im Zu sammenhang nicht gut anders heißen kann als daS — Gegen- theil: auch Ladysmith sei „entsetzt". Nimmt man dazu noch eine am 26. auS Ladysmith nach Cbiveley Heliographirte Meldung, die Boeren seien in vollem Rückzug begriffen, so ergiebt sich vielleicht der naheliegende Schluß, daß auf die Nachricht von der Capitulation Cronje'S oder in sicherer Er wartung derselben, Joubert es aufgegeben hat, Ladysmith weiter zu belagern und mit Zurücklassung genügender Deckung für die nach den Republiken führenden Pässe auf dem Wege nach Bloemfontein und darüber hinaus ist, um etwa am AaSvogelSkop sich der vordringenden englischen Armee entgegenzuwerfen und sie auf günstigerem Terrain zu stellen. Nicht ausgeschlossen ist, daß Cronje die Capitulation des halb so lange hiagezögert hat, um für diese neue Concentration Zeit zu gewinnen. DaS sind freilich alle- nur Conjecturen, aber daS sicher gemeldete Herannahen von Verstärkungen der Westarmee läßt eS als ziemlich sicher erscheinen, daß mit Capitulation Cronje'S nicht zugleich der gesammte Oranjefrei- staar -»'ich unterwirft, sondern, daß die Oranjer entschlossen sind, an der Seite der TranSvaaler Verbündeten den Helden kampf um die Freiheit der Republiken fortzusetzen und zwar zunächst auf freistaatlichem Gebiet. Damit, daß eS den Eng ländern gelingen würde, von Westen her in Feindesland eio- zudringen, haben die Boerenstrategen offenbar von vornherein gerechnet und für den Eintritt dieser Eventualität ihre Vor kehrungen getroffen. Auch wenn der Freistaat verloren ginge, bliebe immer nock Transvaal mit seiner für die Verthei- digung wie geschaffenen Bodenbeschaffenheit und die Haupt stadt Pretoria mit ihren für uneinnehmbar geltenden Festungs werken. Es soll ja für mindestens ein Jahr mit Munition und Proviant versehen sein. Den Engländern kann demnach noch manche Niederlage bevorstehen. Aber auch die andere, von unS von vornherein inS Auge gefaßte Möglichkeit ist nickt ausgeschloffen, daß England mit seinen unerschöpflichen Hilfsmitteln an Geld und Menschen material eS schließlich doch „am längsten auShält" und sein stärkster Bundesgenosse, die Zeit, den Boeren, die ihre Ge höfte und Felder nicht sehr lange im Stiche lassen können, die Büchse auS der Hand nimmt. Wir schließen nun noch die folgende Meldung unseres Londoner Berichterstatters an: k. London, 27. Februar. iPrivaltelegramm.) Aus Paarveberg, Dienstag früh, wird gemeldet: Tran je erschien heute bei Tagesanbruch unter der Pariamentärflaggc im Hanptqnartier, übergab seinen Degen, ca-itnlirte bedingungslos nnd blieb selbst sofort als tzlesangener, von Kitchcner mit allen Vhren empfangen und zu der heroischen Verthcidignng beglückwünscht. Die Zahl Ser ca-i- lultrte» Aoederirteu ist noch unbekannt. — Hier rief di« Nachricht des KrieaSamtS Aus brüche gr-ilter, ost fesselloser Begeisterung Hervor. Trotz strömenden Regens versammelten sich auf der Lith, vor dem Mansionhouse und der Börse große Masse», den Tieg bejubelnd. Die Börse feierte das Ereignttz mit einer arotzen Hausse und über stürzter ConrSftriaerung Die vrgeifternng ist doppelt groß, weil heute Majubatag ist. Am Majubaberge wurden im Jahre 1881 die Engländer bekanntlich derart aufs Haupt geschlagen, daß Gladstone sofort den Krieg beendete und Frieden mit Transvaal schloß. Ueber die Wendung im Kriege, die daS Eintreffen dcS Marschalls Roberts auf dem Kriegs schauplatz bedeutet, äußert sich Karl PeterS in der letzten Nummer der Londoner „Finanz-Chronik" wie folgt: „DaS Auftreten von Lord Roberts und Lord Kitchener auf dem Schauplatz hat dem Boerenkrieae mit einem Schlage die Wendung gegeben, die ich an dieser Stelle bereits Anfang Januar vorauSsagte. Dir Boeren, die politisch in der Defensive Warrn, hatten diese Bertheidiguog durch eine kühne und gewandte militärische Offensive begonnen. Dir Belagerungen von Kimberley, Ladysmith und Mafeking kennzeichnen di« Grenzen dieser Offensive. Der große Fehler der englischen KriegSfübrunq, bis Roberts die Leitung übernahm, war folgender: Sie glaubte, der Boeren-Offensive an der ganzen Peripherie vertheivigenv gegenüber auftreten zu müssen, und e» lag doch klar zu Tage, daß eia selbstständiger Angriff von Süden auS, unbekümmert um das Vorgehen der Boeren. die allerbeste Vertheidigung auch der bedrohten Grenzen im Osten und Westen war. Der englische Natal-Feldzug wird unter keinen Umständen ein Ruhmesblatt in der britischen Kriegs geschichte sein. Die dortigen Trnppenkörper werden voraus sichtlich die Pässe der Drakensberge nicht überschreiten können und bedeuten demnach vom strategischen Stand punkte aus immer eine Verzettelung der disponiblen Kräfte. Di« Ladysmith-Episod« aber stellt daneben «inen ganz nnnöthigen Verlust an Menschenleben, Geld und Zeit dar, und damit einen Verlust am militärischen Pre stige Großbritanniens, wie immer die letzte Entscheidung ausfallen mag. Wenn sich Sir RedverS Buller im November, anstatt nach Natal, zum Süden deS Oranje-Frei- slaates gewendet hätte, so hätten die Engländer im Deceniber strategisch da sein müssen, wo sie sich jetzt im Februar be finden. Und wo sind sie denn beute? Der Ring der Boeren- Offensive ist durchbrochen, und die beiden Republiken sind damit ihrerseits auch militärisch in die Defensive zurück gedrängt. Der Kriegsschauplatz ist von englischem auf hollän disches Gebiet hinübergespielt. Dies ist ein großer militärischer Erfolg der Operationen des Marschalls Roberts, und daö Ende deS Krieges tritt nunmebr in berechenbare Fernen. Wir haben das zweite Stadium der Entwickelung vor unS. In diesem Stadium befinden sich die Boeren in dem selben taktischen Nachtheil, in dem die Engländer sich im ersten befanden, nämlich einer zu großen Ausdehnung ihrer Peripherie. Lord Roberts steht in concentrirter Stellung da, und die Boeren haben von allen Seiten ihre Truppcn- corpS zurückzunehmen, um seinem Vormarsch zu begegnen. Ob ihnen dies gelingen wird, bevor einzelne ihrer Truppen körper, z. B. das Cronje'sche CorpS, vernichtet sind, das läßt sich im Augenblick, wo ick dies schreibe (am 22. Februar-, noch nicht übersehen. Aber die Gefahr besteht, daß sie einzeln gefaßt und zersprengt werden. Auf alle Fälle ist der Ent satz von Kimberley nicht nur ein moralischer, sondern auch ein höchst realer militärischer Erfolg der britiscken Armee. Daß die Diamanten und Mr. Rhodes den Händen der Boeren entgangen sind, stellt die moralische Seite des Er folges dar. Daß Kimberley jetzt wieder in Eisenbahn verbindung mit Capstadt ist und damit zur Basis des Angriffes gegen den Freistaat gemacht werden kann, ist von rein technisch-militärischen Gesichtspunkten aus von der größesten Tragweite. Lord Roberts steht beute am Paardeberg, also 30 Meilen östlich von Kimberley und 50 Meilen westlich von Bloemfontein. Wenn er mit der Aufrolluna der Boerenkräfte so sortsckreircl wie bisher, steht seinem Vormarsch nach Bloemfonkain, ja bis i::S Transvaal, nichts im Wege. Natürlich wird es sich um eine große siegreiche Feldschlacht handeln, die wahrscheinlich in der Gegend von Vereenigung, im Norden vom Vaalflnß, ge schlagen werden wird. Aber dort ist Alles offener Grund und Boden, die beiden Gegner haben gleiche Terrainchancen und die europäische Tactik muß entscheiden. Ich glaube, daß Lord Roberts mit seinem Stab dieser Aufgabe gewachsen fein wird. Dann wird die Belagerung von Pretoria und der kleine Krieg über das Transvaal hin VaS Schlußcapitel dieser Katastrophe auSmacken. Pretoria ist sehr gut verproviantirt und stark befestigt, und es ist schwer zu berechnen, wie lange eS einem großen englischen Belagerungsheer wird Stand halten können. Man nennt Namen wie Paris oder Plcwna in Vergleich mit Pretoria. Unrichtiger Weise, wie ich meine, denn bei Pretoria wird die Complication großer Entsayarmeen von draußen, wie sie bei Paris und Plewna bestand, fehlen. Wie diese weitere Entwickelung sich auch gestalten möge, jedenfalls sind wir vorige Woche von der ersten Entwiche- lunzSstufe in die zweite deS südafrikanischen Krieges über gegangen; und von dieser zweiten muß eine große Felo- fchlacht in die dritte binüberführen. Bevor sie nickl ge schlagen ist, hat eS kaum ein praktisches Interesse, über den dritten Abschnitt zu calculiren. Und erst, wenn er sich be rechnen läßt, werden wir Betrachtungen über die zukünftige politische Gestaltung von Südafrika anstellcn können." Tie englische ÄarSc, von der mehrere Bataillone in einer Brigade unter Lord Metbuen am Modderfluß stehen, bat eine Vergangenheit von großer Bedeutung, da die Garde-Regimenter der Kern sind, aus dem das jetzige stehende Heer entstanden ist. Die Garde, die mit der Houjehold-Reiterei den Schutz der Person des Monarchen, der Paläste und öffentlichen Gebäude übernommen bat, besteht auS drei Regimentern und wurde 1600 nach der Rückkehr de» Königs Karl II. auf den Thron der Stuarts gebildet. Da- Regiment der Grenadier-Gardisten, die aber diese Bezeichnung erst seit 1815 führen, besteht auS drei Bataillonen, die von den anderen Garde-Regimentern sich ui der Uniform unterscheiden. Alle Gardisten tragen die be kannten Scharlachröcke mit blauen Aufschlägen und die riesigen Bärenmützen; aber die Grenadiere haben außer der Granaic als besondere» Abzeichen eine weiße Feder auf der linken Seile der Mütze, und die Mützen der Halbuoiform haben scharlachrote Bänder. DaS zweite Regiment der Coldstreamaarde wuirc von General Monk gebildet, und ist nach dem Dorfe Cott - stream in Schottland genannt. Es diente im Heere Croin- well'S, wurde aber, als bei der Rückkehr der Sluart'S d c parlamentarischen Streitkräfte ausgelöst wurden, beibehaltcu und in den Dienst König Karl'S II. genommen. Tic Coldstream-Gardisten tragen als Abzeichen das Wappen des Hosenbandorden- nnd eine rothe Feder auf der rechten Seite der Bärenmütze; die Mützen der Halbuniforni baden ein Weiße« Baud. DaS Regiment besteht auS drei Bataillonen. Nur zwei Bataillone hat daS dritte Garde- Regiment, das früher schottische Füsiliergarde genannt wurde, aber seit 1831 einfach al« ScottSgarde bekannt ist. Als Ab zeichen tragen die schottischen Gardisten de» Wappenschild des DistelordenS; die Bärenmützen haben keine Federn und die Mützen der Halbuniform sind mit einem gewürfelten blan- weißrothen Band verziert. Di« drei Regimenter haben ibrc Casernen in London, doch steht ein Bataillon in Windfor und eine» in Dublin. Die historischen ReminiScenzen ergänzt die „Frkf. Ztg." durch eine Aufzählung der ausländischen Kriege, an denen die Gardisten Tdeil genommen haben; s.c haben unter Marlborough in den Niederlanden gefochten, sich bei Dettingen und Foatenoy ausgezeichnet, den siebenjährigen Krieg mitgemacht, und in Amerika gegen dir aufrührerisch n Eolvnisten gestritten. 2m IS. Jahrhundert sind sie ebenfalls wiederholt außerhalb des Lande» verwendet worden unicr Wellington in Spanirn, und wiederum 1815 bei Ouatrebras und d« Waterloo. Rach einer vierzigjährigen
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