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^76 Erscheint jeden Wochentag Abends y,7 Uhr für den andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 Pf., zweimonatlich l M. 50 Pj. und einmonatlich 75 Pf. 37. Jahrgang. Donnerstag, den 2. April. md Tagemall Amtsblatt für die königlichen mid städtischen Behörden zu Freiberg und Brand. Lerantwortlicher Redakteur: Julius Braun in Freiberg. Inserate werden bis Vormittag t 1 Uhr angenom- . 008^ men und beträgt der Preis sür die gespaltene Zeile > oder deren Raum lb Ps. Der Sturz Ferry s. Die Nachricht von dem gezwungenen Rücktritt des fran zösischen Staatsmannes, der so viel dazu beigetragen hat, trotz aller Demonstrationen der Revanchepolitiker "die Be ziehungen zwischen Frankreich und Deutschland so freund schaftlich zu gestalten, erregt auch im ganzen Deutschen Reiche ein sehr begreifliches Interesse. Dieser Sturz kam um so unerwarteter, als Ferry sich, nachdem er die von Gambetta vergebens verstrebte Wahlreform glücklich durch- gcsctzt hatte, anscheinend auf dem Gipfel des Ruhmes be fand. Die neuen nach dem kurzen Rest der Legislatur periode anzubcranmendcn Wahlen mußten bei der nun maß gebenden Listenwahl die radikalen Elemente der Kammer vermindern und die Regierungsmehrheit verstärken. Ein unglücklicher Zufall ist aber den radikalen Gegnern des Kabinets Ferch zu Hilfe gekommen, ehe es dem letzteren gelingen konnte, aus der mühsam erstrebten Wahlreform Nutzen zu ziehen. Ferry's Politik war wesentlich daraus berechnet, überseeische Erfolge zu erringen, während nicht nur seine radikalen Gegner, sondern auch viele seiner An hänger in der Entsendung größerer Truppenkörper nach fernen Weltgegcnden eine unzulässige Vertagung des von ihnen gewünschten Nachefcldzuges gegen Deutschland er blickten. Es waren nicht Wenige in Paris, die auf einen Mißerfolg in Tonkin warteten, um daraus eine Anklage gegen den leitenden Staatsmann zu schmieden, dessen Zu sammengehen mit dem deutschen Reichskanzler seit der Londoner egyptischen Konferenz ein offenkundiges war. Im Anfang ging Alles in dem Tonkingebiete recht gut; mit verhältnißmäßig geringen Streitkräften säuberten die fran zösischen Generäle das Delta des Rothen Flusses und den Norden Tonkins von den Feinden. Das Blatt mußte sich aber wenden, als immer neue Zuzüge wohlbewaffneter chine sischer Truppen stattfanden, denen die kleine und noch dazu unvorsichtig zersplitterte französische Macht nicht ge wachsen war. Noch vor drei Wochen hatte General Nögrier durch Wegnahme der nördlich von Langson errichteten chine sischen Befestigungen sogar einen Einbruch der französischen Truppen in die reiche chinesische Provinz Kuangsi möglich gemacht. Gleichzeitig zersprengte General Brisre de l'Jsle die Schaaren von chinesischen Regulären und Schwarzflaggen, welche Tuyenquan belagerten. Diese Waffenerfolge waren fo glänzend, daß der Krieg gegen China in Frankreich förmlich volksthümlich zu werden begann, aber daran dachte selbst Ferry nicht, daß es unmöglich sein werde, diese Er folge gegen immer neu anrückende chinesische Truppen fest zuhalten. Die erste Nachricht von den bei Dongdang und Bangbo erlittenen Schlappen Nogriers erregte bereits in Paris die größte Bestürzung, trotzdem gelang es Ferry am Freitag mit seiner, die Niederlage abschwächenden Darstellung der Situation in der französischen Kammer Glauben zu finden und ein neues Vertrauensvotum, wenn auch nur mit einer Mehrheit von 46 Stimmen, zu erlangen. Der vereinte Angriff der Monarchisten und der äußersten Linken war noch einmal erfolglos geblieben. Da traf am Sonntag eine neue Hiobspost in Paris ein, die auf die öffentliche Meinung einen erschütternden Eindruck machen mußte: der Rückzug des in und bei Langson konzen- trirten französischen Korps von 10000 Mann vor der chinesischen Uebermacht und die schwere Verwundung des Generals Nögrier. Wie ein Lausfeuer verbreitete sich die Nachricht in der Stadt, und es entstand jene sieberhafte Aufregung, in welche Paris in bewerten Zeiten so leicht versetzt wird, jenes wie mit einem Schlage hergestellte nationale Gefühl der Gemein samkeit, jener zu äußerster Energie gespannte nationale Wille, welcher sofort und mit unwiderstehlicher Macht die Konsequenzen der Sachlage zieht. Die Unglücksdepesche, welche die Negierung nicht zurückzuhalten wagte, war aus Hanoi am 28. März 11 Uhr 30 Minuten Abends datirt und hatte folgenden Wortlaut: „Ich melde Ihnen mit Schmerz, daß der schwerverwundete General Nsgrier ge zwungen war, Langson zu räumen. Die in großen Massen in drei Kolonnen hervorbrcchenden Chinesen haben mit Ungestüm unsere Positionen vor Kilua angegriffen. Der Oberst Herbinger meldet mir, daß er dieser großen Ucber- macht gegenüber, und da ihm die Munition ausgegangen, gezwungen sei, sich auf Dongson und Thanmoi zurückzu- zichen. Ich konzentrire alle meine Streitkräfte an den Pässen von Chu und von Kep. Der Feind wird auf dem Songkoi immer zahlreicher. Was auch kommen möge, ich l hoffe, das ganze Delta vertheidigen zu können. Ich er suche die Regierung, mir sobald als möglich neue Verstär kungen zu senden, gez. Brio re de l'Jsle." Eine Fluth von schlimmen Gerüchten ergoß sich nun über die französische Hauptstadt, wo man sich allgemein sagte, daß es mit der bisherigen Art der Kriegführung gegen China zu Ende sei, daß aber auch die Männer, welche jetzt in Frankreich das Staatsruder führten, nicht geeignet seien, den nationalen Willen zur Ausführung zu bringen. Die Minister hofften trotzdem noch den Sturm zu beschwören und beschlossen am Sonntag Abend unter dem Vorsitze Ferry's, von der Kammer einen neuen Kredit von 200 Millionen Franks zu fordern, um den Krieg gegen China in dem Umfange und mit derjenigen Energie zu führen, deren Mangel fo vielen braven Soldaten das Leben gekostet bat. Am Montag sprachen sich noch die meisten Pariser Morgenblättcr dahin aus, Thatkraft und Kalt blütigkeit in der Tonkinangelegenheit zu wahren und den Parteihader zu vergessen, um der bedrängten Armee rasche Hilfe zu senden. Das „Journal des Debats" schrieb: Frankreich müsse alles aufbieten, um seine Angehörigen in Tonkin möglichst schnell aus ihrer gefährdeten Lage zu befreien. Die Verstärkungen müßten nicht morgen, sondern womöglich heute abgesandt werden. „Siöele" verlangte energisch eine Expedition gegen Peking und suchte tue Möglichkeit einer solchen" nachzuweisen. Die unge heuer aufgeregte Volksstimmung, welche lebhaft an diejenige nach dem Bekanntwerden der Niederlage des Jahres 1870 erinnerte, hatte sich aber inzwischen bereits den Deputirtenkrcisen mitgetheilt, in der besonders Diejenigen am Lantesten gegen die Regierung zeterten, welche der letzteren vorher die rechtzeitige Absendung genügender Ver stärkungen nach Tonkin unmöglich gemacht hatten. Die Gegner Ferry's wußten den Schmerz aller Patrioten über die Niederlagen Nogriers und dem voraussichtlichen Miß erfolg der ganzen Tonkin-Expedition so zu stacheln, daß selbst frühere Freunde Ferry's wie Spuller und Rane das Verbleiben des jetzigen Kabinets nicht mehr für möglich hielten. Der bedrängte französische Staatsmann, an dem die Vorstände der verschiedenen Fraktionen noch vor der Kammer sitzung das Ansinnen stellten, daß er gleich bei der Ein bringung der Kreditvorlage von 200 Millionen Franks die Absicht seines Rücktritts erklären fsolle, antwortete sehr würdig, seine Ehre erlaube es ihm nicht, sich in dieser Weise der Verantwortung zu entziehen. Er werde ohne ein Mißtrauensvotum der Kammer seinen Posten nicht verlassen. Als ein solches sah er aber mit Recht bei der Verhandlung selbst den mit großer Mehrheit gefaßten Be schluß an, sich erst mit der Ministerfraqe und erst dann mit der Kreditflage zu beschäftigen. Der Antrag der Monarchisten und der äußersten Linken, das Mini sterium in Anklagezustand zu versetzen, wurde von der Kammermehrheit abgelehnt. Inzwischen begab sich Ferry bereits nach dem Elysee-Palast und übergab dem Prä sidenten Grevy das Entlassungsgesuch des aesammten Kabinets, welches dieser sofort genehmigte. Bei Schluß der Sitzung fand sich eine enorme Menge vor der Kammer ein, welche ihre Kundgebungen auf die Ausrufe „Nieder mit Ferry!" beschränkte. Noch an demselben Abend konferirte der Präsident Grvvy mit dem Kammerpräsidenten Brisson, der ein Ministerium Freycinet empfohlen haben soll. Man versichert, der Kriegsminister Lewal und der Marineminister Peyron würden in dem neuen Kabinet bleiben, Freycinet das auswärtige Portefeuille übernehmen und Goblet das Innere erhalten. Das neue Ministerium würde China eine kurze Frist stellen, um Friedensbedingungen anzunehmen, andernfalls aber eine Expedition nach Peking ausrüsten. In jedem Falle beginnt nun ein neuer Abschnitt der ost asiatischen Operationen, der Kampf im großen Style. Ein Angriff auf Peking ist im Sommer weit eher zu bewerk stelligen, als ein Feldzug in dem heißen Tonkingcbiete. Jede Ausnahme des Kampfes gegen China in solchen Verhält nissen berührt aber die Interessen Englands und der andern seefahrenden Staaten in empfindlichster Weise. Die Rück wirkung, welche der Sturz Ferry's auf die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland haben wird, lassen sich aber zunächst noch gar nicht übersehen. Das überraschende Ereignis; hat jedenfalls eine große Tragweite und wird die europäische Diplomatie zu ernsten Erwägungen veranlassen. Tagesschau. Freiberg, den 1. April Die dem deutschen ReichskaIIzler zu seinem Doppel- jubiläum zugedachten Huldigungen haben gestern in der von Fremden überfüllten Reichshauptstadt einen glänzenden Awang genommen. Nachmittag 3 Uhr versammelten sich bei pracht vollem Wetter.4000 Mitglieder der Kriegervereine und bildeten einen Fcstzug, an dessen Spitze das älteste Veteranenkorps mit einer Fahne aus den Jahren 1813/14 marschirte. Vor dem Kaiserpalais machte der Zug Halt, brachte dem am Fenster stehenden greisen Monarchen ein begeistertes Hoch aus und sang die Nationalhymne. Bald nach 3^, Uhr marschirte der Zug vor dem Palais des Reichskanzlers auf und präsentirte; alsdann rückte der Fahnenzug mit siebenzig Fahnen in den Hof des Palastes. Der Vorsitzende des Verbandes, Gustav Müller, richtete an den Reichskanzler, der im Portal erschienen war, eine beglückwünschende Ansprache, die mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Reichskanzler schloß, worauf dieser in herzlichster Weise dankte. Alsdann ersolgte der Ab marsch nach dem Denkmal auf dem Kreuzberge, wo die Feier mit Absingung der Volkshymne und einem begeisterten Hoch auf den Kaiser schloß. Am Abend gestaltete sich der glänzend verlaufene Fackelzug zu einer großartigen nationalen Huldigung. An dem Zuge nahmen etwa 20 000 Fackelträger Theil und Hunderttausende füllten die Straßen, durch welche sich der selbe in einer von der hauptstädtischen Polizei durch treffliche Vorkehrungen gesicherten Ordnung programmmäßig bewegte. Mit dem Schlage 7 Uhr rollte sich die Feucrschlange aus einander, und begann der Festzug vom Schloßplatz aus, an dem kronprinzlichen Palais vorüber, auf besten Balkon der deutsche Kronprinz mit Gemahlin stand. Ihm zu Ehren er klang der Hohenfriedberger Marsch und ertönten stür mische Hurrahs. Die Begeisterung, welche vor dem Palais des Kaisers herrschte, war unbeschreiblich. Es war ein unver geßlicher Augenblick, als der Kaiser aus den Balkon trat und die jauchzende Huldigung ungezählter Tausende entgegennahm, während die Musik „Heil Dir im Siegerkranz" spielte. Die Kaiserin wurde wiederholt am Fenster gesehen. In der Mitte der großartigen Triumphstraße „Unter den Linden" wälztesich die feurige Lohe, immer über ihr die Rauchwolken, die ein leiser Wind dahinjagte zwischen die Fackelträger, die Gala-Equipagen, die Chargirten der Studenten und die Marschälle zu Pferde. Dazu kamen die Pracht der wehenden Fahnen und Banner, die schmetternden Weisen der Trompeterchöre und der fortwährenden Hurrahrufen. Den großartigsten Eindruck empfing man aber vor dem Palais des Reichskanzlers Fürsten Bismarck, der von seiner Familie umgeben, am offenen Fenster stand. Die Sänger nahmen nun in dem Palasthofe Aufstellung; der Festausschuß hatte die Wagen verlassen und die Studenten standen um den selben in dicht gedrängten Reihen. Nunmehr gelangte die von Rudolf v. Gottschall gedichtete und vom Lehrer Zander, dem Dirigenten der Berliner Liedertafel, in Musik gesetzte „Bis marck-Hymne" zum Vortrag. Die schwungvollen Strophen wurden von der herrlichen Musik feierlich getragen; die Schluß worte lauteten: Du hältst an dieses Reiches Thoren Die Fahnenwache treu und kühn; Im Kricgcsseuer ward's geboren, Im Friedenslicht soll cs erbliih'n. Bon Alpcnhöh'n zum Meere Ruft laut das Vaterland: Der Hort der deutschen Ehre Ruht fest in Deiner Hand! Nachdem der Vorsitzende des Festausschusses eine kurze Ansprache mit einem Hoch ans den Kanzler geschlossen hatte, erscholl ein vieltausendstimmiger Jubelruf, wie er in Berlin seit dem 17. März 1871, als der Kaiser aus Versailles zu rückkehrte, nicht wieder gehört wurde. Immer von Neuem erfolgten Ausbrüche von höchstem Enthusiasmus und wie eine Woge pflanzte sich der Jubel fort bis zu den Linden. Der von io vieler Verehrung sichtlich gerührte Kanzler entbot die Herren des Festausschusses in sein Palais, um ihnen dort Worte herzlichen Dankes zu sagen und ließ alsdann den ge jammten Zug defiliren, was eine volle Stunde in Anspruch nahm. Heute wird unser Kaiser mit den Prinzen des preu ßischen Königshauses dem Fürsten Bismarck persönlich Glück wünsche bringen und, wie es heißt, dem Kanzler eine nach den Zeichnungen des Heroldsamts gefertigte goldene Fürsten krone als persönliche Gabe widmen. Der deutsche Bundes- rath und das preußische Staatsministerium gratulirten dem Fürsten Bismarck heute Vormittag 11 Uhr. Namens der ersteren Körperschaft sollte der bairische Staatsminister v. Lutz das A