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40. Jahr,««,. Sonntag, ven 17. Juli. Maate »erden bi« Bormittag I1 llhr angrnam» » UH FH M» men und beträgt da Prei« für die gespaltene Zeil« I »da dam Rau« 1b Hs. « iBergerM^^ und Tageblatt. Amtsblatt für die königlichen nnd städtischen Behörden zn Freiberg und Brand. Sermwortiichtt Redattem: I «lins Brann in Freiberg. -M /» ! Erschcmt,edm Wochmrag AachlMit. v.s Uhr stn dm MN I Tbä» andern Tag. Prei« vierteljährlich «Mari Ll Pf., j v»- ' zweimonatlich 1 M. SO Pf. undednu»natlrch 7b Pl. I Die Woche. Die sommerliche Hitze, welche diesmal später, aber plötz licher und intensiver als sonst eintrat, wirkt nun besonders drückend und entspricht nur zu sehr der politischen Tem peratur im deutschen Reiche, deren Schwüle etwas Be ängstigendes hat und der nicht Wenige selbst ein kurzes kriegerisches Gewitter vorziehen würden. Wie der gegen die russischen Werthe von den preußischen Regierungs blättern geführte scharfe Angriff und die Wahl eines ko burgischen Prinzen zum Fürsten von Bulgarien dazu bei getragen haben, den östlichen Horizont zu verdüstern, so sind seit dem Bekanntwerden der Einzelheiten der vor dem Leipziger Reichsgericht verhandelten Landesverrathsprozesse auch im Westen Wolken heraufzogen, die elektrische Ent ladungen voraussehen lassen. Die Schnaebele-Angelegen- heit und der damit zusammenhängende Prozeß Klein ent hüllten die traurige Thatsache, daß die französische Regierung Deutschland gegenüber seit Jahren das schmählichste Kund- schafterthum organisirte und durch ihre Beamten deutsche Staatsangehörige für schnöden Lohn zu dem Verbrechen des Landesverraths verlocken ließ. Der scharfe Ton, Wel cker seit dieser unerfreulichen Entdeckung in der deutschen Regierungspresse gegen Frankreich geführt wird, hat sich nach den von den Pariser Blättern aller Richtungen ver suchten Verherrlichungen des Berräthers Köchlin und des Spions Klein natürlich nicht gemildert. Mit Recht nennt cs die „Nordd Allg. Ztg." eine vollständige Perversion der sittlichen Grundsätze, wenn man jetzt dm mit 200 Franks monatlich besoldeten Spion Klein als Held und Märtyrer zu preisen wagt. Der von dem Schriftsteller Cooper ver herrlichte Spion aus dem amerikanischen Unabhängigkeits krieg habe sein trauriges Handwerk nur aus Vaterlands liebe, nicht sür Geld ausgeübt. Die am Sonnabend auf dem Lyoner Bahnhofe in Paris und am Sonntag und Montag in Clermont-Ferrand dem General Boulanger gezollten massenhaften stürmischen Huldigungen bekun deten eine Zunahme der deutschfeindlichen Stimmung in Frankreich, die gerechte Besorgnisse zu erregen geeignet ist. Den in Paris weilenden Deutschen wurde deshalb von vielen Seiten, auch von der „Nordd. Allg. Ztg." dringend anempfohlen, sich am Tage der französischen Nationalfeier, am 14. Juli nicht öffentlich zu zeigen und ihre Lokale an diesem Tage geschloffen zu halten. Das bekannte Pariser Blatt „France" war so liebenswürdig, den Deutschen die Versicherung zu geben, daß ihnen nichts geschehen werde, wenn sie sich ruhig verhielten, es forderte aber gleichzeitig die Patrioten auf, diejenigen Deutschen, welche eine freche Haltung hervorkehren würben, tüchtig durchzuprügeln. Die bei den Prozessen Köchlin und Klein gemachten Erfahrungen haben nicht nur die Beziehungen zu Frankreich verändert, sondern auch eine Verschärfung der leitenden Grundsätze der Verwaltung Elsaß-Lothringens bewirkt, wo nun rück sichtslos mit der Germanisirung vorgegangen werden dürfte. So sind jetzt z. B. über die Einführung der deutschen Sprache als alleinige Geschäftssprache auch sür den Bezirks tag in Lothringen ernste Erörterungen im Gange. Die unerwartete Ankunft des deutschen Reichskanzlers m Berlin soll keine politische Ursache gehabt haben; Fürst Bismarck ist am Donnerstag nach Varzin weitergereist, von wo er sich nach kurzem Aufenthalt nach Kissingen zu begeben ge denkt. Ob und wann dort die längst angekündigte Zusammen kunft mit dem Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns, dem Grafen Kalnoky, stattfinden wird, darüber schwanken die Angaben. Weit näher steht eine Begegnung der Kaiser von Deutschland und von Oester reich. Der greise deutsche Monarch, der Montag von Ems nach Koblenz, Mittwoch von dort nach der Insel Mainau reiste, am 18. d. M. in Lindau mit dem Prinz-Regmten von Baiern zusammentreffen wird, geht dann nach Bad Gastein, wo ihm das österreichische Karserpaar spätestens in den ersten Augusttagen einen Besuch abzustatten gedenkt. Sollte bis dahin der zum Fürsten von Bulgarien gewählte Prinz Ferdinand von Koburg-Kohary nicht freiwillig aus den Bulgarenthron verzichtet haben, so würde diese Ange legenheit sicher schon deshalb einen mündlichen Meinungs austausch zwischen den beiden Kaisern veranlassen, als die scheinbar doppelte Staatsangehörigkeit des Prinzen den selben daran verhindem muß, ohne Zustimmung der beiden Monarchen irgend einen ernsten Schritt zu thun, der Deutschland oder Oesterreich eine Verantwortung aufbürden könnte. Kronprinz Rudolph von Oesterreich hat am Montag seine Rundreise durch Galizien und Bukowina unter unaus- gesetzten sympathischen Kundgebungen der Bevölkerungen vollendet. Die österreichischen Blätter beschäftigen sich jetzt besonders lebhaft mit der in Wien eingetroffenen bulgarischen Deputation, welche bemüht ist, dm auf dem Schlosse Eben- thal verweilenden Prinz Ferdinand von Koburg zur raschen Abreise nach Sofia ^u bewegen. Nicht minder interessirt man sich in Wien für die Vorbereitungen der Wahlm zum böhmischen Landtag. Die liberale Presse beharrt dabei, daß es für die deutschen Wgeordneten keinen anderen Weg gebe, als einer Körperschaft fern zu bleiben, in welcher die Czechen keine Mäßigung mehr kennen. Das Prager Czechenblatt „Politik" erklärt demgegenüber, daß die Oppo sition das Königreich Böhmen für alle Zeiten nur als einen geographischen und administrativen Begriff gelten lassen wolle, während die Czechen ein warmes Gefühl für die große Vergangenheit dieses historischen Gebildes, für seine hervorragende Bedeutung in der Gegenwart und für seine entscheidende Wichtigkeit in der Zukunft hätten. Sobald die Jahreszeit günstiger sein wird, dürfte der Feldzug der Italiener gegm dm Negus von Abessinien seinen Anfang nehmen, da es dem italienischen Komman- direnden, General Saletta, gelungen ist, zahlreiche einge borene Stämme für sich zu gewinnen. ES wurden Ver träge mit den Assaortins, dem Stamm Debeb und den Hababs abgeschlossen, welche letzteren allein über 15000 wehr fähige Männer verfügen. Bei der Explosion des Pulver magazins in Taulud sind mehrere italienische Soldaten ge- tödtet und zahlreiche Mannschaften verwundet worden, doch sicht noch nicht fest, ob ein Zufall oder eine verbrecherische Hand die Ursache dieses Unglücks war. Das militärische Ehrengericht, welches mit der Prüfung der Anklage gegen den General Gens, den Vorgänger Salettas, betraut war, stellte diesem früheren Leiter der Massauah-Expedition das Zeugniß ehrenhaftester Pflichterfüllung aus. Nach dem westlichen „Wetterwinkel", wie man jetzt Frankreich häufig bezeichnet, war in den letzten Tagen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt gerichtet, der es fast ausnahmslos Befriedigung gewährte, daß sich das Kabinet Rouvier der Schwierigkeit der Lage gewachsen zeigte. Mit deutlichem Hinweis auf die letzten Boulanger-Skandale be zeichnete es der Unterrichtsminister Spuller am letzten Sonntag anläßlich der Preisvertheilung der Philotechnischen Gesellschaft als einer republikanischen Jugend unwürdig, sich unter die Räder eines Wagens zu werfen, der nur ein ein Götzenbild, nur einen Eintags-Triumphator trägt. Mit derselben Entschiedenheit trat am Tage darauf der Konseil präsident Rouvier in der Kammer dem Boulangismus er folgreich entgegen, so daß die ihren Liebling vertyeidigenden Radikalen Clemenceau und Laisant verstummen mußten und die Kammer dem Ministerium mit 357 gegen 111 Stimmen ein Vertrauensvotum ertheilte. Die Drohung der Rad.aleu, oaß das Pariser Volk der Kammermehrheit darauf bei dem Nationalfeste am Donnerstag eine scharfe Antwort ertheilen werde, erfüllte sich nicht, da die Regierung energische vorbeugende Maßregeln getroffen hatte, welche Rochefort rechtzeitig veranlaßten, seinen Anhängern von Ausschreitungen abzurathen. Der Zug der Patriotenliga nach dem Standbild der Stadt Straßburg auf dem Pariser Eintrachtsplatze erwies sich als eine harmlose Manifestation, die ohne besonderen Zwischenfall verlief. Ebensowenig kam es bei der Truppenschau in Longchamps zu erheblichen Ruhestörungen. Bei der Ankunft des Präsidenten Grsvy und der Minister auf dem Paradefeld wurde aus der Volksmenge, die in großer Masse dem militärischen Schau spiele beiwohnte, der Ruf: Hoch Boulanger! und einiges Pfeifen laut. Diese Kundgebung wurde aber durch die Hochrufe auf die Republik bei Weitem überwogen. Der Vorbeimarsch der Truppen begann um 4 Uhr 10 Min., er endete um 5 Uhr 40 Min. und fand den lebhaftesten Beifall der Volksmenge. Bei der Heimfahrt des Präsidenten wieder holten sich die Szenen wie bei der Hinfahrt; die Boulan- gisten durchzogen dann brüllend die elysöeischen Felder, doch als eine Bande versuchte, nach dem Elysöe einzubicgen, wurde dieselbe energisch zurückgewiesen. Im englischen Unterhause vollzog sich die Berathung der bereits vom Oberhause angenommenen irischen Boden gesetz-Vorlage unter fortwährenden heftigen Unterbrechungen der Parnelliten. Die warme Empfehlung, welche der Unionist Chamberlain am Montag der Vorlage im Unterhause ange« dechen ließ, kennzeichnete dagegen die freundliche Haltung, welche die liberalen Unionisten derselben gegenüber einnehmen. Das Oberhaus hat am Donnerstag die wische Strafrechts- bU in zweiter Lesung nach vierstündiger Debatte angenommen. In den englischen Regierungskreisen ist man von den neuesten aus Mittelasien eingegangenen Nachrichten sehr befriedigt und hält daran fest, daß der Aufstand der Ghilzai-Berg- stämme durch die Truppen des Emirs von Afghanistan bewältigt worden ist. Trotzdem der Sultan noch immer zögert, die englisch-türkische Konvention zu ratifiziren, giebt die englische Regierung auch das Spiel in Konstantinopel noch nicht verloren, da die Geldverlegenheit der Pforte stündlich beängstigender wird und dm Sultan sehr bald zur Nachgiebigkeit zwingen dürste. Uebereinstimmenden Meldungm ausRußland zufolge ist die Gesundheit des Panslavistenführers Katkow durch die üble Aufnahme, die er bei dem Zaren fand, ernstlich er schüttert worden. Der von ihm so tief verletzte Minister von Giers begnügte sich damit, zu bestätigen, was dem er zürnten Zaren durch den Grafm Schuwalow über Katkows Umtriebe in Verbindung mit Tatischtschew und Bogdanowitsch berichtet worden war. Der in Tirnowa erfolgten Wahl des Prinzen von Koburg zum Fürsten von Bulgarien gegen über verhält sich das russische Kabinet entschieden ablchnmd und versucht dasselbe, diese Wahl als einen letzten Ver such der unhaltbar gewordenen bulgarischen Regentschaft hinzustellen. Die Königin Natalie von «erbten ist nach längerem Aufenthalte in Rußland, wo man sie mit Huldigungen überhäufte, am Dienstag mit dem Kronprinzen Alexander nach Belgrad zurückgekehrt, wo sie von ihrem anscheinend völlig versöhnten Gattm, dem König Milan, sehr herzlich empfangen wurde. Da das jetzige russenfreund liche Kabinet Ristics sich in Serbien befestigt, wird sich die ihrer russischen Heimath so sehr gewogene Fürstin wieder in Belgrad recht wohl fühlen, dort aber kaum dazu bei tragen, daß die Beziehungen Serbiens zu Oesterreich-Ungarn wieder die Gestalt annehmen, welche König Milan nach seinen kürzlich in Wien abgegebenen Versicherungen dringend wünscht. Tagesschau Freiberg, den 16. Juli. Der deutsche Kronprinz, dessen Gesundheitszustand wieder ein sehr befriedigender ist, wohnte gestern im Windsor-Parke der von der Königin Viktoria selbst vollzogenen Grundstein legung zu einem Reiterstandbild des Prinz-Gemahls bei. Dem Vernehmen nach wird demnächst unter dem Protektorat deS deutschen Kronprinzen ein „Verein zur Verbesserung der Arbeiterwohnungen" in Berlin in's Leben gerufen werden. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Zuckersteuergesetz sowie daS Gesetz über die Fürsorge für Beamte bei Betriebsunfällen. — Die freikonservative „Post" äußert sich bei Besprechung der angeblich von einem russischen Staatsmann verfaßten deutschfeindlichen Schrift: „Darm uttsnts äs la Zusrra": „Sollen wir für derartige Auslastungen die russische Regierung verantwortlich machen? Nur zu oft wird einer Privatperson als Trägheit oder böser Wille ausgelegt, Was eine Folge von Kraftlosigkeit oder gar organischen Leidens ist. Wir vermögen nicht, die Machtstellung der russischen Regierung nach innen zu ermessen, aber das letzen wir wieder an diesem Buche, daß die russische Regierung Elemente unbehindert schalten läßt, die mit einer Phantastik, für welche die Wahrheit bis auf die letzte Spur verschwindet, vor der jeder gegebene Rechtszustand wie in dem Märchen aus „Tausend und einer Nacht" entflieht, das Reich lieber heute wie morgen zur Katastrophe treiben möchten." — Wie bereits kurz gemeldet wurde, verstarb in Essen der bedeutendste unter den Großindustriellen Deutsch lands, der gleichzeitig einer der hervorragendsten, berühmtesten Großindustriellen der Welt überhaupt war, der Geheime Kommerzienrath Alfred Krupp. Hervorgegangen aus kleinen Anfängen, hat der Dahingeschiedene in den letzten De zennien seines arbeitsreichen Lebens eine beherrschende Stellung auf dem Gebiete der Gußstahlfabrikation, speziell der Geschütz fabrikation, eingenommen. Durch die Versorgung Tausender von Arbeitern in den Krupp'schen Werkstätten, durch die mannigfachen auf das leibliche und geistige Wohl der Arbeiter abzielenden Einrichtungen ist Krupps Wirken auch auf dem sozialpolitischen Gebiete von Bedeutung geworden. Alfred Krupp wurde geboren am 11. April 1812 in Essen, wo sein Vater 1810 eine kleine Gußstahlfabrik errichtet hatte. 1848 übernahm Alfred Krupp das Geschäft. Derselbe führte all-