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Erscheint sidrn Wochentag srüh »Uhr. Inserat«wer den bi» Nachmittag» z Uhr siir die nächst« erscheinende Nummer angenommen. Freiberger Anzeiger und Tageblatt. Preis vierteljährlich 15 Ngr, Inserate werden die gespaltene Zeile oder deren Raum mit S L berechnet. Amtsblatt -es König!. Bezirksgerichts zu Freiberg, sowie der König!. Gerichtsämter und -er Stadtriithe zu Freiberg, Say-a un- Kran-. 121. Montag, den 31. Mai. 1858. Tagesgeschichte. Dresden, 28. Mai. In der heutigen Sitzung der H. Kammer war Gegenstand der Tagesordnung die fortgesetzte Be- ralhung des Berichts der ersten Deputation (Nef. Abg. v. König) Wr den Gesetzentwurf, die Erfüllung der Militärpflicht betr. h. Lk wurde ohne Debatte angenommen. Bei §. 27: ,,die Stärke Leracliven Armee richtet sich nach den diesfallsigen Bestimmungen Leö Deutschen Bundes", suchte Abg. Berndt durch Vergleichung LeS physischen Zustandes der Einwohner Sachsens mit denen anderer deutschen Staaten nachzuweisen, daß Lie gegenwärtige Armee für den Stand der körperlichen Tüchtigkeit der Bevöl kerung zu zahlreich sei und beantragte: „die Staatöregierung zu ersuchen, dieselbe möge bei der Bundesregierung vermitteln, Laß wegen der bestehenden und im Zunehmen begriffenen un günstigen körperlichen Beschaffenheit der sächsischen Bevölkerung Lie nach Ler Bundesmatrikel festgesetzte Zahl von 1,200,000 Seelen verhältnißmäßig reducirt werde." Dagegen gab der Re ferent zu bedenken, daß nicht nur die Schilderung des Vorred ners gar zu sehr ins Schwarze gemalt erscheine, sondern auch LaS Verlangen, daß andere Staaten das angeblich von Sachsen nicht zu Leistende mit übertragen sollten, so unbillig erscheine, Laß man befürchten müßte, sich ganz vergeblich ein traurigeö Armuthszcugniß ausgestellt zu haben. Ein Volk, das an seiner Wehrhaftigkeit verzweifle, habe schon politisch zu ezistiren auf- gehört (zahlreiche Bravos). Bei der hierauf erfolgten Abstim mung wurde der Berndt'sche Antrag gegen 5 Stimmen abge lehnt, der Paragraph selbst aber einstimmig angenommen. Die hh. 28 bis 61 wurden mit den von der Deputation in Vorschlag gebrachten redactionellen Aenderungen ohne Debatte angenommen. Für h. 62 hatte die Deputation eine veränderte Fassung vorgrschlagen, wonach die Neclamationssrist bis Mittag des zum Reclamationstermine festgesetzten Tages, die Frist zur Recurseinwendung auf den Taz nach dem Reclamationstermine ausgedehnt wird. Dieselbe wnrde von der Kammer ohne De batte angenommen. Ein Gleiches geschah bei Len unverändert gebliebenen hh. 63 bis 66. Mit tz. 67 beginnt der Abschnitt über die Stellvertretung. Abg. Oehmichen-Choren nahm hierbei Gelegenheit zu erklären, daß er, wie vor 6 Jahren, gegen das Institut der Stellvertre tung stimmen werde, während der Referent dasselbe Lurch Hin weis auf die langjährige Gewöhnung Ler Bevölkerung an dasselbe, sowie auf die vorwiegend industrielle Thätigkeil der Bevölkerung zu rechtfertigen suchte. Hierauf wurde der Para graph gegen 6 Stimmen angenommen. Durch h. 68 wirb die Einstandssumme auf 400 Thlr. er höht. Die Minorität der Deputation, bestehend aus Lem Vor stande derselben und dem Referenten, hatte Lie Einstandssumme auf 300 Thlr., die Majorität, bestehend aus den übrigen fünf Deputationsmitgliedern, dieselbe auf 250 Thlr. zu erhöhen vor geschlagen. Zwei Vorschläge auf Beibehaltung der bisherigen Stcllvertretungösummc, ausgegangen von Polster und Genossen und von Lem Abg. Fahnauer (welcher Letztere, um den Ein- stchern etwas zulegen zu können, Jeden, der von der Stellver tretung Gebrauch mache, zur Bezahlung der Einstandssumme vor Untersuchung seiner körperlichen Tüchtigkeit genöthigt wissen will) hat die Deputation nicht für ausführbar zu erkennen vermocht. Bei der Debatte ergriff zunächst Abg. vr. Arnest für die Majorität das Wort, indem er einerseits die bei verdoppelter Einstandssumme für minderbemittelte Familienväter entstehende Schwierigkeit, ihre Söhne durch Stellvertretung ihrem Berufe zu erhalten, geltend machte, auch da nur der Einsteher nicht zu beschaffen gewesen sei, die Erhöhung der Einstandssumme um 25«/, für ausreichend halten zu müssen erklärte. Zur Recht ¬ fertigung der von der Negierung beantragten Erhöhung der ! Einstandssumme theilce Staatsminister v. Rabenhorst aus ihm i erst jetzt vollständig vorliegenden Uebersichtcn mit, daß der Stell- j! Vertretungsfond inclusive 12,000 Thlr. an deponirten gegen- wärtig 904,800 Thaler betrage. An Einsteher angewiesen sei ! davon eine Summe von 609,100 Thlr., zu fernerer Gestellung disponibel 223,600 Thlr., also das Einstandsgeld für 1118 Mann. Dann sei aber noch das äußerst häufige Zurücktreten der Einstehcr in die Kriegsreserve und in Privatdienst (bei einem Monatsgehalte von 18 bis 24 Thlr.), welches das Kriegs- ' Ministerium aus Billigkeits- und Klugheitsrücksichten nicht ver- bindern könne, mit in Anschlag zu bringen. Auch vor dem j Jahre 1848 und schon kurze Zeit nach Einführung des Stell vertretungsinstituts habe sich die Einstandssumme von 200 Thlr. j als ungenügend gezeigt. Wolle man dieselbe nicht erhöhen, so ! werde man das Eingehen des ganzen Instituts nur beschleunigen. Abg. Riedel will, um nicht den Minderbemittelten die Stell- > Vertretung ganz zu entziehen, gegen die bedeutende Erhöhung ! stimmen. Bei Rcducirung der Armee auf die bundesmäßige > Zahl würde man auch ohne dieselbe auskommen. Mit 250 Thlr. ! werde cs noch nicht sein Bewenden haben. Abg. Wunderlich ! möchte auch den Gebrauch der Stellvertretung nicht zu sehr ein- ! geschränkt sehen. Abg. v. Criegern findet es zwar schwer, eine , principiell unhaltbare Sache, wie die Stellvertretung, praktisch zu vertheidigen, hält aber, um die Fortdauer derselben zu er möglichen (La man sich doch nicht durch Vacanzen helfen könne), eine Erhöhung der Einstandssumme auf 300 Thlr. einerseits für nöthig, andererseits für ausreichend, da dieselbe, die Nach frage vermindernd und das Angebot vermehrend, nach zwei Seiten ! wirke. Nach einigen Bemerkungen der Abgg. Dr. Arnest und Riedel und des Slaatsministers v. Nabenhorst erklärte sich Abg. Oehmichen-Choren, nachdem h. 67 angenommen worden sei, für > den Majoritätsvorschlag, hinzufiigend, daß bei einer Reduktion Lcr Armee auf 20,000 Mann 856 Necruten jährlich weniger erfordet würden und schon dadurch Lie Verlegenheit wegen Be schaffung Ler nölhigen Mannschaft bedeutend gemindert wer den müßte. Abg. Sachße meint, man könne ja so lange mit allmählich j steigenden Einstandssummcn experimentiren, bis man zu der Ueberzcugung komme, daß etwas theoretisch Verwerfliches auch i praktisch unhaltbar sei. Abg. Fahnauer erklärt sich ebenfalls ! principiell gegen Lie Stellvertretung, da sie dazu beitrage, Len i Militärdienst als eine drückende Last erscheinen zu lassen. Er ? will indessen jetzt mit der Majorität stimmen, um wenigstens ! den Unterschied in der Behandlung der Reichen und Armen nicht drückender zu machen. Abg. Seiler hält eine Erhöhung der Einstandssumme auf 300 Thlr. für nöthig. Die Stellvertretung i sei aus praktischen Gründen, wenn auch in verschiedenen Formen, in allen europäischen Ländern, nur Rußland ausgenommen, ein- gesührt. Vielleicht würde man in 10 Jahren mit der gegen wärtigen Armeeverfassung überhaupt nicht auskommen und zu einem Landwehrsysteme schreiten müssen, dann würde sich aber das Kriegsbudget nur noch höher steigern. Abg. v. Schönberg will ebenfalls für die Minorität stimmen und bemerkt hinsicht- ! lich der behaupteten Benachtheiligung der Armen, daß gerade Liese die Einstandsgelder verdienten- Nach einigen Bemerkungen des Abg. Fahnauer und nach dem Ler Referent für die Minorität, Abg. 0r. Arnest für die Majorität zum Schluß gesprochen, wobei sich Staatsminister v. Rabenhorst zu einer kurzen Berichtigung veranlaßt sah, wurde zur Abstimmung vorgeschritten und die Erhöhung der Einstands- summe auf 400 Thlr. gegen 4 Stimmen, die Erhöhung auf 300 Thlr. gegen 14 Stimmen abgelehnt, dagegen die Erhöhung auf 250 Thlr. und mit dieser der Paragraph einstimmig ange nommen, die Fortsetzung der Berathung aber wegen vorgerück ter Zeit auf morgen vertagt.