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und Tageblatt. Amtsblatt für die königliche« und städtischen Behörden zn Freiberg nnd Brand. Verantwortlicher Redakteur: Juli»» Braun in Freiberg. Ersch^im jeden WochmlagNachmtrt. Uhr fttr dm!! >^brga»I Inserate »erdm bi» Bornntlag 11 Ubr cmgmom- I 14». s I Do««erstag, de« 3V. Jimi. 1887. Um die Lieferung vollständiger Exemplare ohne Mehrkosten bewirken zn können, ersuchen wir um gefällige rechtzeitige Erneuerung des Abonnements. Are GXpedMon des Ireiberger Anzeiger und Tagevtatt. Tagesschau Freiberg, den 29. Juni. Dir von den meisten Berliner Blättern gebrachte Nachricht, daß der deutsche Kaiser bereit« am nächsten Sonnabend, den L. Juli, zum Arrgrbrauch nach Bad EmS abreisen würde, und daß die für die Sommerreisen im Inland« vöthigeu Wa gen und Pferde au» dem kaiserlichen Stall bereit« in dies« Tag« von Berlin nach dort abgehen, bestätigt sich nicht, Se. Majestät hat vielmehr für seine diesjährig« Sommerreism überhaupt «dgiltige Bestimmung« bi« zur Stunde noch nicht getroffen. — Hrrzog Ernst von Sachfe«-K»H«rg- Gotha ist mihdeuüvermuthlichrn Thronerben de« HerzogthnmS, dem jugendlich« Sohn de« Herzog« vo« Edinburg, Montag Abend au« England in Koburg eingetroffm. — Wie der „Hamburger Korr." au« FriedrichSruh erfährt, hat die kräftig« Lust d«S Sachsenwaldes eine merkliche Besserung de« Gesundheitszustan des des deutschen Reichskanzlers herbeigefürt. Fürst Bismarck lebt in FriedrichSruh sehr zurückgezogen, unternimmt aber täglich Ausflüge in den Sachsenwald und auf seine um liegenden Güter, theilS zu Wagen, theilS zu Fuß. Dieselben dehnen sich Nachmittags oft bis zu fiinf Stunden auS. ' Ge legentlich dieser Ausflüge besucht der Reichskanzler auch seine Arbeiter in der« Wohnungen, in den gewerblich« Anlage» oder bei der Arbeit. Selten versäumt er, ihnen dabei ein« klingend« Zuschuß zu ihrem Arbeitslohn zu geben, und « wird daher auch immer mit Freuden begrüßt. Daß der Fürst auch in anderer Weise für das Wohl seiner Arbeiter besorgt ist, geht daraus hervor, daß er die Zuschüsse, welche die Ar beiter zur Krankenversicherungskaffe zu zahl« verpflichtet sind, an dieselben in Form von Sparkassenbüchern zurückzahlt und so auch den Sparsiim bei ihnen weckt. Der Reichskanzler hat vor einigen Tagen den Regierungen der deutschen Emzelstaat« Mittheilung gemacht, daß zu Melbourne (Australien) im näch sten Jahre eine inlernationale Ausstellung stattfind« werde.— In Baiern fanden gestern dir Landtagswahlen statt. Ge wählt sind: in München! Stauffenberg, Schauß, Hänle, Hüb ler, Maison (säanntlich liberal), in München II Ruppert (Cen trum) mit 35 gegm Vollmar (Soz.) mit 34 Stimmen, in Regensburg StobäuS (liberal), in Traunstein Or. Rittler, in Augsburg (Stadt) Bürgermeister Fischer und Kommerzienrath Brach (beide liberal), in Augsburg II Biehl (Zentrum), in Dil ling« vr. Jäger aus Speyer (Zentrum), in Nürnberg die Freisinnig« Craemer, Frankenburger, Aebler und der Natio nale Weigel, in Fürth die Freisinnigen Sartoris und Gunzen häuser, im Wahlkreise Kempt« Marquards« (nationalliberal), in Neustadt a. d. Saale Hauck (Zentrum), in Freising vo« Soden (Zentrum) und Orterer (Zentrum), in Grafenau Bucher (Passau), in A-Ebach 3 Liberale. In der Rheinpfalz sind sämmtliche 20 gewählte Abgeordnete Nationalliberale, in Hof, Kaiserslautern, Bayreuth, Kitzing«, Landstuhl wurden auch nur Liberale gewählt. Nach den bisherigen Wahlresultaten find in Baiern 72 Liberale, 5 Katholisch-Konservative, 4 Prote stantisch-Konservative und 77 Angehörige der Zentcumspartei gewählt worden. Das Zentrum verlor 8 Sitze cm die Liberal«, 3 an die Katholisch-Konservativen und gewann 1 von dm Liberal«. Montag Abmd reiste daS österreichische Kronprinzen paar von Wien nach Krakau ab und wurde auf dieser Fahrt von fortwährenden Huldigungen der Bevölkerung begleitet. In Oswiecim und Trzebinja, wo je 8 Minuten Aufenthalt war, erfolgte die Vorstellung der Behörden, wobei huldigmde An sprachen gehaltm wurden, auf welche der Kronprinz dankend erwiderte. Geste« früh 7^ Uhr traf daS kronprinzlich« Paar auf dem reichgeschmückten Krakauer Bahnhof ein, vo» den zum Empfange Anwesenden begeistert begrüßt. Nachdem Königin Natalie bewogen hab« soll, die Heimreise nach Serbien anzutreten. Die große Entschiedenheit, mit der die „Nordd. Allg. Ztg." dm deutschen Gesandten in Belgrad, Grafen Bray, gegm die Behauptung in Schutz nimmt, zu der Berufung deS KabinetS Ristics beigetragen zu habm, zeigt klar gmug, daß die russischen Wege nicht mehr die unseren sind. Wmn Rußland in der eayptischen Frage französische Interessen vertritt und in der bulgarischen eine friedliche Lösung verhindert, wird die deutsche Politik sich hüten, in der serbischen Angelegenheit russische Interessen zu fördern. vention auf dm nächsten Montag festgesetzt werde; obschon eine so lange Verschiebung sonst nicht üblich sei, habe es die englische Regierung doch für angemessen gehaltm, dem Gesuche der Pforte zu entsprech«. Natürlich ist man in London wenig erfreut darüber, daß der Vollendung deS von Sir Drummond Wolff so mühsam aufgebautm Werkes solche Hemmnisse bereitet werden. Wie man der .Kölnisch« Heilung" aus London berichtet, bespricht man in den dor tig« diplomatischen Kreisen lebhaft die Thatsache, daß gleichzeitig sowohl die russische als die französische Regie rung durch amtliche Depeschen die Nachricht von der Ueber- gabe von Drohnoten in Konstantinopel bestreiten. Die offenkundige drohende Sprache, welche die beiden Botschafter tyatsächlich am Goldmm Hom geführt habm, um den Sultan von der Vollziehung des englisch-türkischen Ab kommens abzuhaltm, wird aber in jmen amtlichen Depeschen nicht bestritten. Man nimmt deshalb in London an, daß die Botschafter beider Mächte auf eigme Hand Wetter ge gangen sind, als ihre amtlichen Anweisungen gelautet habm. Ob die bis zum 3. Juli verschobene Unterzeichnung des Vertrages nun wirklich erfolgt, ^ist jedenfalls noch eine offene Frage. Es bleibt sich im Grunde gleich, ob der Pforte schriftlich oder mündlich die Hölle heiß gemacht worden ist, jedenfalls suchen Frankreich und Rußland gemeinsam den Sultan von der Genehmigung der von seinem Bevollmächtigten mit Sir Wolff getroffenen Verein barung zurückzuschrecken. Bei der bekannt« Aengstlichkett des Sultans ist deshalb das Scheitern der Konvention und in Folge dessen der Rücktritt des jetzig« türkischen Ministeriums noch im Laufe dieser Woche sehr wohl möglich. Um dieser Eventualität vorzubeugen und Rußland wo möglich umzustimmen, gab das Organ Salisburys, die Londoner „Moming-Post" nicht undeutlich zu verstehen, daß die russische Regierung die Sorge für die Interessen Frankreichs in Egypten gegen die Zustimmung Englands zur Wahl des Prinzen von Mingrelien für den bulgarischen Thron aufaeben, außerdem in der Richtung von Erzerum eine kleine Entschädigung suchen solle. Der als Mundstück des russischen Ministers von Giers geltende Brüsseler .Nord" beeilte sich aber darauf zu erwidern, Rußland treibe Politik, nicht Handel; es wahre vor Allem seine durch die englisch-türkische Konvention verletzten inter nationalen Verpflichtungen und kümmere sich wenig um eine etwaige Zustimmung des britischen Kabinets zu der Kandidatur des Prinzen von Mingrelien. Das Letztere ist um so glaublicher, als die russische Regierung auch in Konstantinopel wiederholt erklären ließ, daß die bulgarische Frage für sie alles Interesse verloren habe. Der von der Pforte zur Berathung der bulgarischen Angelegenheit ein gesetzte Ausschuß, den der Großvezier und die Minister Aanfi, Said und Dschewdet bilden, hielt es deshalb für gerathen, ruhig' abzuwarten, was die in den nächsten Tagen in Timowa zusammentretende bulgarische Sobranje beschließen wird. Sollte die bulgarische Regentschaft die von dem Lande dringend gewünschte Fürstenwahl zulassen, so würde es sich sehr bald zeigen, ob Rußland auf jede Einmischung in Bulgarien wirklich endgiltig ver zichtet hat. Höchst eigenthümlich sind die Folgen, welche die russische Einmischung in dem bisher stark von Oesterreich-Ungam be einflußten Königreich Serbien bewirken. Während die an- ! geblich von ihrem Gemahl in Unfrieden geschiedene Königin Natalie mit dem serbisch« Thronfolger auf russischem Boden ' die lebhaftesten Sympathie-Bezeugungen erhält, erfreut sich ! der nach Wien gereiste König von Serbien am Hofe des , Kaisers von Oesterreich ganz besonderer Auszeichnungen, i Entweder will man in Wien damit bekunden, daß man an , dem jüngst« Ministerwechsel in Belgrad keinen Anstoß l nimmt und von dem Kabinet Ristics keine Feindseligkeiten > befürchtet, oder man beabsichtigt damit, das etwas gesunkene - Selbstvertrauen Milans wieder zu heben, und sein Ansehen wieder zu befestigen. Der serbische Monarch scheint sich . übrigens nicht sehr nach Belgrad zurückzusehnen; wenigstens , verlautet, daß er längere Zeit in Baden bei Wien Aufent- . halt nehmen will, trotzdem sein neuer Minister Ristics im - Verein mit dem russischen Ministerresidenten Persiany die Kalte Strömungen. Wie jetzt beständig ein eisiger Nordwind über die I Fluren streicht, das Reifen der Fruchte unliebsam verzögert l und die nach wärmenden Sonnenstrahlen begierige Mensch- i heit um die so lang ersehnten Sommerfreuden bringt, so ist ! auch in der Politik ein scharfer nordischer Hauch zu spür«, s der auf weite Kreise verstimmend wirst. Dieser Nordwind . hat bereits in dem Familiengartm des Königs von I Serbien die schönsten Blüth« herabgeweht; er hindert die , Bulgaren beständig, ihr FeL zu bestellen und einzuzäunen; : er läßt die Pflanzungen Englands weder in Egypten noch , in Mittelasien zur Reise komm«. Gegm die Wirkung« i des massenhaft losgelöst« Polareises läßt sich die Vege- i tation freilich nicht schütz«, aber geg« kalt« nordisch« l Strom, der so nachtheilig auf das politische Leben wirst, I werden sich die europäisch« Mächte schließlich durch ein i gemeinsames Vorgehen wärmend« Schutz verschaff«. ! Wenn auch die Vorgänge in Belgrad zunächst nur die > österreichisch-ungarischen Interessen berühr«, die absichtliche ! Verschleppung der bulgarisch« Frage außer d« betheiligt« Völkerschaft« nur der Pforte peinlich sein kann, die Störung der englisch-türkisch« Vereinbarung über Egypten nur die Engländer stänkt, wird es der Aufmerksamkeit der deutschen Reichsregierung doch nicht mtgehen, daß in sehr wichtige« politischen Frag« Rußland und Frankeich jetzt immer Hand in Hand geh«. Obgleich von allen Groß- ' möchten Rußland derjenige Staat ist, dem daS Schicksal > Egyptens am Gleichgllttgsten sein könnte, Kat die russische ! Regierung mit wahrem Feuereifer gegm die eigentlich nur für Frankreich nachtheilige englisch-türkische Konventton ein. Ein solches Verhaft« wird durch d« alten Groll gegen England nicht hinreichend erklärt, sondem läßt vielmehr ' annehmen, daß man in Petersburg Gegendienste Fransteichs erwartet. Kein Staat nimmt ohne irgend ein eigenes In- ' Kresse so entschieden Stellung in einer ihm scheinbar so fern liegenden Angelegenheit. Daß in Konstantinopel der französische Botschafter, Graf Montebello, und der Ver- Keter Rußlands, Herr von Nelidow, in neuester Zeit ge meinsam dahin gearbeitet haben, die Vereinbarung der Pforte mit England zu hinterkeiben, steht fest, dagegen wird sowohl von Paris wie von Petersburg aus entschieden bestritt«, daß beide Botschafter der Pforte förmliche Droh noten überreichten, wie dies von dm verschiedensten Seiten übereinstimmend gemeldet wurde. Den Demmtis des „Journal de St. Pstersbourg" und des .Journal des Dsbats" steht aber nicht nur die Behauptung des „Bureau Reuter", sondem auch eine gleichlautende Mittheilung der offiziösen österreichischen „Politischen Korrespondenz" völlig unvermittelt entgegen. Nach einer sehr glaubwürdigen Schilderung der Vor gänge in Konstantinopel stattete Der englische-Unterhändler, Sir Drummond Wolff, am 19. d. M. den ihm entgegen arbeitenden Botschaftern Frankreichs und Rußlands, Monte bello und Nelidow, ein« Besuch ab. Am Tage darauf hatte Sir Wolff eine zweistündige Besprechung mit den türkischen Kommissären über die gegm die Konventton er hobenen Einwände, wobei ihm besonders daran lag, zu er fahr«, welchen Eindruck die von den beidm Botschaftern ge- than« Schritte auf die Pforte gemacht haben. Die türki- schen Kommissare zeigten sich sehr besorgt, weil Herr von Nelidow und Graf Montebello sogar die Türkei mit Krieg bedrohten, falls der Sultan die Konventton mit England unterzeichnen würde. Trotzdem verlangte in dem türkisch« Ministerrath, dem Sir Wolff bald darauf beiwohnte, der Letztere die sofortige Ratifikation des Vertrages, erklärte sich dennoch später damit einverstand«, daß die Unterzeichnung bis nach dem Beiramfeste verschob« werde. Wahrscheinlich willigte der englische Unterhändler in diese Verzögerung nicht eigenmächtig mit Rücksicht auf die gespannte Lage in Konstantinopel, sondem erhielt eine darauf bezügliche Wei sung seiner von dem türkisch« Botschafter in London be arbeitet« Regiemng. Darauf deutet wenigstens die am Montag im englischen Unterhause von dem Unterstaats sekretär des Auswärtigen, Fergusson, abgegebene Erklärung, die ottomanische Regiemng habe dm lebhaften Wunsch aus- gedrückt, daß die Ratifikation der englisch-türkischen Kon-