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Erscheint jeden Wochentag früh »Uhr. Inserate wer te» bi« Nachmittag« » Uhr für die nächst, erscheinende Nummer angenommen. Freiberger Anzeiger -L- . und . . - »lylwu Z-U- °d« TageSlatt. I47 Dienstag, den 8«. Juni. si,lÄ 1857. .1 I. .Ill , l II > , >t I „V, Vertliches. Die RathhauSdachfrage betreffend. (Eingesandt.) Die verschiedenen Urtheile, welche sich in dieser Angelegen heit im Publikum kund geben, werden eine nochmalige Beleuch tung nicht als überflüssig erscheinen lassen. Vielleicht gelingt dem hohen Dache sein Recht in architektonischer und historischer Hinsicht zu wahren. DaS RathhauS in seiner gegenwärtigen Grundgestalt, ist, wie die Fenstergerüste deS ersten Stockwerkes und zum Theil daS Parterre nachweisen, nach dem dritten großen Brande der Stadt im Jahre 1471 wieder aufgeführt worden. Die Jahres zahl seiner Erbauung 1510 ist auch über dem Eingänge am Markte auf einer Tafel mit dem Stadtwappen angebracht. In diese Zeit fällt natürlich auch die Errichtung des Daches in seiner gegenwärtigen Construction, was ein Alter von 347 Jahren nachweist. Der Thurm ist erst später durch Nicol Wellern erbaut und 1618 um 13 Ellen erhöht worden. Der Baustyl desselben gehört daher einer viel späteren Zeit als der des Hauptgebäudes an. Ebenso ist der jetzt noch auf der Markt seite befindliche Erker (1578 erbaue) und der thurmartige Anbau an der Ostseite späteren Ursprung«-, und verschiedenen Zeiten angehörig. .u.- Die östliche Seite hinter dem Rathhause mit seiner Muster karte von Fenstern unter dem ersten Stockwerk ist eine Folge der Nutzbarmachung des inner« Raumes, der in früherer Zeit eine ganz andere Eintheilung gehabt haben mag. Das Mißverhältniß der Höhe zur Länge und Tiefe in den Umfassungsmauern dieses Gebäudes (waS ohne den dazwischen stehenden Thurm auf der Marktseite noch mehr hervortreten würde) wird durch das hohe Dach wieder ausgeglichen, so daß das Gebäude, obschon nur ein Stockwerk boch, dennoch die meisten der übrigen fGebäude des Marktes von drei Stockwerken Höhe überragt. Da der Haupttheil de8Rathhausgebäudes,wie schon erwähnt, im spät gothischen Styl doch schmucklos ausgeführt,wurde und dieser Baustyl im Norden Europas stets mit hohem Gibel auf tritt, so sehen wir natürlich dieser Anforderung auch hier Genüge geleistet. Die Einförmigkeit der großen Ziegeldachfläche mag früher durch viele Dachfenster, wie wir sie z. B. an den meisten alten Häusern in Nürnberg u. a. O. noch sehen, gemildert worden sein, auch ist es möglich daß das Dach im Anfänge mit Dachpfannen oder Hohlziegeln gedeckt war. Sonderbar ist cs aber, daß man auf das Aeußere des Gibel so wenig Aufmerksamkeit gewendet hat! — Da es indeß nach der Erbauung des Gebäudes Sitte war, die Häuser äußerlich reich mit Bildern zu bemalen, so ist jedenfalls diese Einfachheit am Gibel absichtlich eingehalten worden, um Wandflächen für die Malereien herzustellen. Daß aber das Rathhaus äußerlich reich bemalt gewesen ist, erzählt Moller in seiner Chronik Seite 136. An der Marktseite sieht man auch jetzt noch bei langer feuchter Witterung an derjenigen Stelle, wo Ler frühere Erker sich befand, Spuren von solcher Malerei, die nicht zu der schlechtesten gehört. Wichtiger als das architektonische ist das geschichtliche In teresse dieses Gebäudes. Die meisten Fürsten unseres Landes,^ namentlich der früheren Zelt, haben bei ihrem öfteren und län geren Aufenthalte in Freiberg viel.n Festen 'in diesem Gebäude beigewohnt, oder solche selbst gegeben und freuGdlichen Verkehr mit den Bürgern der Stadt gepflogen, wie die- durch viele Dokumente aus jener Zeit nachgewiesen wird. Aber auch auS ernster Zeit rufen sich Erinnerungen wach, die unS das Rath» hauS als ein Heiligthum erscheinen lassen. Die schwedische* Belagerungen, vorzüglich die im Jahre 1642/43, giebt uNS Be weise von Muth und Treue, welche sich in diesem Gebäude ent faltete, wie die neuere Zeit kein Beispiel kennt! Knüpfen sich also so wichtige historische Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Noth seine uns lieb gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht! Diese dringende Noth, wie sie den städtischen Behörden er scheint oder bezeichnet worden ist, liegt aber nicht vor, da, wie schon einmal in diesem Blatte erwähnt worden ist, faule Balten- köpfe und aus den Verbindungen gegangene Holzstückt noch keine Ursachen sind, ein Dach gänzlich abzutragen. Dann werden auch die übrigen communlichen, ja fast alle Gebäude der Stadt sehr bald diesem Schicksale unterliegen müssen. ES ist auch durch daS Abträgen des Gibel« dem Publikum «in Blick in daS Innere des RathhauSdächeS geöffnef worden, welcher Zeugniß ablegt, Laß daS alte Dach, gründlich reparirt, sicher noch länger stehen wird als ein ueueS, selbst wenn man es ebenso hoch baut, da die jetzigen Holzpreise die Anwendung so starken Holzes als Verschwendung erklären müßten. Das alte Holz deS Daches hat seine Güte und Dauer er wiesen, das neue und schwache Holz kann aber sehr bald irr Schwamm verwandelt werden. Gewiß kein Baumeister von wissenschaftlicher und künstlerischer Ausbildung würde sich ent schließen, dem Verlangen nach einem flachen Dache auf diesem Gebäude nachzugeben und seine Kunst und Kenntnisse zum Diener der Willkür zu machen! — Ist das Dach durch Reparatur nicht zu retten, nun so weiche es einem neuen, doch trage man dabei dem Styl, der Würde und der Umgebung des Gebäude- Rechnung. Leider sind diese Anforderungen an die Kunst schon früher bei diesem Gebäude nicht beachtet worden, darum sehen wir auch den Thurm, den Erker, den Anbau an der Ostseite rc. in so verschiedener Gestalt und Disharmonie; allein darüber läßt sich jetzt nicht mehr richten, da der jedesmalige Zeitgeschmack die Form bestimmte und man es nicht verstand, im vorgefundenen Baustyle fortzubauen. Glücklicherweise sind jene Zeiten längst vorüber und sehen wir jetzt überall mit vollem Bewußtsein, waS dem Bauwerke, wenn es unserer Nachhilfe bedarf, nothwendig ist. Dieses klare Erkennen setzt uns dann auch in den Stand, wo es nöthig, zu veredlen und auszuschmücken ohne den Ge- sammtausdruck zu stören. Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeister- nur darin, „das Rathhaus würdig zu restauriren,V aber nicht den ohnedies schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen' Baustylen noch neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Roccocogibel und dergleichen mehr gehören und die Physionomte des Gebäudes so verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathhaus wieder erkennen wird. Allerdings giebt eS auch viele Bewohner unserer Stadt, denen eS entweder ganz einerlei ist, was für ein Dach auf dem Rathhause steht, ob ein hohe« oder niederes, oder sie finden ihr Ideal nur in einem neuen flachen