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Amtsblatt für dir Umglichm städtischen Behörden zn Freiberg und Brand Verantwortlicher Redakteur: JttliuS Braun in Freiberg. illsl ^°277. reiliergerM;eiae M Tageolm. Tagesschau. Freiberg, den 29. November. Sonntag Nachmittag 2 Uhr empfing der deutsche Kaiser die drei Präsidenten des deutschen ReichtageS v. Wedell-PieSdors, Dr. Buhl und v. Unruhe-Bomst. Wie die Berliner „Post" berichtet, erschien Se. Majestät äußerst rüstig und frisch und bewegte sich in strammer Haltung während der ganzen Dauer der fast halbstündigen Audienz; die Stimme klang ein wenig rauh, aber durchaus nicht heiser. „Ich freue mich über die Wiederwahl der Herren und freue mich. Sie hier begrüße» zu können," mit diesen Worten etwa empfing der Kaiser das Präsidium. AIS Herr v. Wedell der Theilnahme deS Reichs tages wegen der Krankheit de- Kronprinzen Ausdruck verliehen hatte, erwiderte S«. Majestät: „Sie können sich wohl denken, wie lies eS mich in meinem Alter erschüttert, daß ein Mau», der köiPerlich und geistig die besten Garantien für die Zukunst des Reiche- zu gewähren schien, von einem Leiden ergriffe« ist, daS ihn zwischen Tod und Leben schweben läßt, sodaß dievöllige Wiederherstellung nach menschliche» Ermessen fast wie einWunder erscheinen muß." Aus die Eröffnung de- Reichstages eingehend, sagte der Kaiser: „ES hat mich recht tief geschmerzt, den Akt der Eröffnung nicht persönlich vornehmen zu können; Ich hätte gern namentlich Vie Schlußworte der Thronrede zu Ihnen gesprochen." Ge. Majestät trat eine» Schritt zurück und sprach darauf sich hoch aufrichtend und mit besonders kräftiger Betonung: „Ich hätteJhnen gern persönlich gesagt,daß ich den Frieden will, aber wenn ich angegriffen werde, dann l" — Se. Majestät gedachte auch der Finanzlage d«S Reiches. Wenn bezüglich derselben auch noch Manches zu wünsch« übrig bleib«, so seien die Schritte zum Besseren doch nicht zu ver kennen, und zwar beziehe sich da- nicht nwc auf da- Reich, sondern auch auf die Einzelstaaten, wobei Se. Majestät namentlich Sachsen erwähnte. Allerhöchstderselbe kam auf die auswärtige Lage zurück: „Warum sollten wir den Frieden nicht behalten? Keine Großmacht hat ein Interesse daran, ihn zu stören." Der Kaiser bezeichnete eS ferner als einen großen Fehler deS Reichstages, die erste Militärvorlage trotz der klaren Darlegung de- KriegSministerS abgelehnt zu haben: die Ansprüche seien wahrlich mäßig genug ge wesen, in Frankreich würde da kein Sou verweigert, und daß preußische Mitglieder hier aus der Seite der Opposition ge wesen seien, habe ihn besonders geschmerzt. Aber die Scharte sei ja nun ausgewetzt und der Reichstag werde hoffentlich auf "dem beschrittenen Wege fortfahren. Im Laufe der Unter haltung wieS der Kaiser auf die gegenwärtige Lage Frankreichs hin, dessen jetziger Präsident im redlichsten Sinne thätig ge wesen und so konservativ für die Republik eingetreten sei, wie wir eS für die Monarchie nur können. Die Zukunft er scheine da nicht ganz unbedenklich, da man nicht wissen könne, wer die Stelle des Herrn Grövy einnehmen werde. Der Kaiser wandte sich darauf persönlich an die Mitglieder deS Präsidiums. „Daß eS Ihnen gut geht, sieht man," sprach er, ich an Herrn von Unruhe-Bomst wendend, „wie ist auf Ihren Besitzungen die Ernte ausgefallen?" Herr von Unruhe er widerte: „Bis auf den Wein sei er zufrieden," und lächelnd erkundigte sich dann Se. Majestät bei Herrn Or. Buhl nach dem Ausfall der Pfälzer Weinernte, über die Allerhöchstder selbe Erfreuliches ebenfalls nicht gehört habe. — Wie man dem „B. T." auS San Remo mittheilte, wird seit einigen Tagen bei dem deutschen Kronprinzen eine neue Kur angewendet; bei derselben ist die Diät derartig, daß der Patient fich deS Genusses des Zuckers gänzlich enthalten muß. ES soll dadurch hauptsächlich daS Wachsen deS Krebse- ver hindert werden. Obgleich eine wissenschaftlich begründete medi zinische Kur, soll dieselbe doch manchen ersten Autoritäten deS Faches fast unbekannt sein. — Rührend ist, wie sich die innige und weitgehende Theilnahme aller Schichten des Volke- an dem Leiden des deutschen Kronprinzen namentlich auch in dem Anerbieten von Geheimmitteln gegen die Krankheit kund giebt und keiner dieser Angebote als begleitende Bemerkung der Ausdruck zuversichtlicher Ueberzeugung von dem „untrüglichen Erfolge" gerade dieser „Heilmethode" fehlt. Natürlich fehlen auch die sogenannten „sympathischen" Mittel unter diesen Dar bietungen nicht; ja die Hofmarschallämter, sowie die dem kronprinzlichen Hause nahestehenden Persönlichkeiten werden mit Anerbieten derselben geradezu überschüttet. Leute auS den entferntesten Gegenden Deutschlands kommen nach Berlin und erklären sich bereit, aus eigene Kosten nach San Remo reisen zu wollen, fall- man ihnen den Zutritt zu dem er lauchten Patienten verstatten werde. So kum neulich ein armer Bergmann aus Dortmund in Berlin an. Er war 4. Klasse gereist; KLLWWZMW Mittwoch de» W November » Nachbestellungen Monat Dezember werde« zum Preise von 75 Pfg. vou alle« kaiserliche« Posta«statte«, sowie vo« de« be kannte« Ausgabestelle« rnrd der u«terzeichnete« Expedttia« a«ge»amme«. Expedition des Freiberger Anzeiger. Die Enthüllungen des „Pester Lloyd". Daß die Thronrede, mit welcher der deutsche Reichstag eröffnet wurde, das Reich gegen jeden Angriffsplan ver wahrte, dasselbe aber zur kräftigen Abwehr bereit erklärte, ist nicht so aufgefallen, als der Umstand, daß mit keiner Silbe der kurz vorher stattgefundene Besuch des Zaren in Berlin erwähnt worden ist. Das steht doch so aus, als ob der deutsche Reichskanzler diesem Besuch keine hohe po litische Bedeutung beilege und weit davon entfernt sei, in demselben eine Bürgschaft für den Frieden zu erblicken. Die unabhängigen russischen Blätter weisen sehr mißver gnügt auf diese bedeutsame Weglassung hin, bezweifeln, daß Fürst Bismarck von seiner Begegnung mit dem Zaren sehr befriedigt sei, und bestreiten durchaus die von der „Köln. Ztg." über diese Begegnung veröffentlichten auf- fallenden Mittheilungen. In gleicher Weise äußerten sich auch die meisten französischen Blätter. Das Pariser Blatt „National" bezeichnete die Darstellung der „Köln. Ztg." als ganz unzutreffend, well das Haupt der Familie Orleans, der Graf von Paris, daS bulgarische Abenteuer des mit ihm nahverwandten Prinzen Ferdinand von Koburg ernstlich mißbilligte. Wie die monarchistischen Blätter Frankreichs die Familie Orleans von dem Verdachte der Urheberschaft der dem Zaren gegenüber versuchten Täu schungen zu reinigen versuchten, bemühte sich die „Neue Preuß. Ztg." gewisse Berliner hohe Persönlichkeiten gegen die Verdächtigungen der „Köln. Ztg." in Schutz zu nehmen. In diesem Sinne sprechen sich auch die „Berl. Pol. Nach richten" aus. Nach diesem offiziösen Blatt galt es bei der Unterredung des Zaren mit dem Reichskanzler: 1. Auf klärung zu schaffen über die letzten Phasen der deutsch- russischen Beziehungen, wobei die gefälschten Aktenstücke zur Sprache kamen. Der 2. Punkt betraf die Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich, wobei der Reichskanzler dem Zaren reinen Wein über die Festigkeit des mitteleuropäischen Bündnisses einzuschenken suchte. Die der Hofkamarilla zu geschriebene Rolle ist nach den „Pol. Nachr." bei der Unter redung gar nicht berührt worden. Vvn der „Liberal. Korresp." wurde jene Meldung auf das Mißvergnügen des Fürsten Bismarcks über den Hofbeamten zurückgeführt, der ihn bei der kaiserlichen Galatafel so placirt hatte, daß er an der Unterhaltung mit dem Zaren nicht thellnehmen konnte. Der Kaiser von Rußland mußte thatsächlich den deutschen Reichskanzler, der sehr weit von ihm entfernt saß, erst durch seinen Diener benachrichtigen lassen, daß er mit ihm zu trinken wünsche. Die so vielfach angezweifelten Enthüllungen über die Umtriebe gegen den deutschen Reichskanzler fanden in den letzten Tagen durch den „Pester Lloyd" eine überraschende Bestätigung. Dem ungarischen Regierungsblatt ging näm lich von „sehr guter Seite" aus Berlin eine Mittheilung zu, die eine noch größere Tragweite hat, als die des rhei nischen Blattes. Darnach soll die Begegnung des Zaren mit dem Fürsten Bismarck einen geradezu dramatischen Verlauf genommen haben und hätten Beide dabei die größte Offenheit walten lassen. Als Kaiser Alexander die unbe rechtigten Klagen gegen die Politik des Fürsten Bismarck vorgebracht, habe es fast den Anschein gehabt, „als würde der Großmeister der europäischen Staatskunst seine Gemüthsruhe, ja seine Geduld verlieren." Der ungewohnte Ton, in welchem der Kanzler feststellte, daß man den Zaren durch Fälschungen systematisch hinler's Licht gesührt, legte Zeugniß von seiner Entrüstung über diese Frevelthat ab und blieb nicht ohne tiefen Einfluß auf den Zaren. Dieser Versicherte schließlich, daß ihm weder ein Angriff gegen Deutschland, noch die Theilnahme an einer gegen Deutschland gerichteten Koali tion in den Sinn komme. Darauf nahm Fürst Bismarck Veranlassung, den Kaiser zu bitten, daß er auch der von Deutschland abgeschlossenen Allianzen gedenken möge. Er machte kein Hehl daraus, oaß, wer mit Deutschland in Frieden leben wolle, auch dessen Verbündete nicht angreifen dürft. Er ließ sich hierüber so deutlich aus, daß Kaiser Alexander ausdrücklich erklärte, die Bemerkungen deS Fürsten in Bezug auf die Allianzen Deutschlands und auf den durch Verträge stipulirten oaouo koocksris enthielten für ihn nichts Ueberraschendes, aber er nehme Akt davon, daß Deutschland, woran er übrigens nie gezweifelt, seine vertragsmäßigen Verpflichtungen ernst auffasse. Es gelang auch dem Fürsten, die Besprechung derart zu senken, daß der Kaiser in der Folge äußerte, er ergänze seine frühere friedliche Versicherung bereitwillig dahin, daß ganz dasselbe auch mit Bezug aus Oesterreich-Ungarn seine Geltung habe unter der selbstver ständlichen Voraussetzung, daß von dieser Seite keinerlei Provokationen gegen Rußland erfolgen. Der Berliner Korrespondent des Pester Regierungsblattes streifte auch die angeblichen „Frictionen" am preußischen Hofe und schrieb u. A. darüber: „Insofern einflußreiche deutsche Persönlich keiten die Bemühungen des Reichskanzlers nach Außen hin zu durchkreuzen suchen, dürfte es sich um den sogenannten Tratsch handeln, der von einem gewissen Kreise allerdings stark kultivirt wird, und unter Umständen sehr wohl eine bedenkliche Wirkung auSzuübcn vermöchte. Jedenfalls ist Fürst Bismarck ganz der Mann dazu, einem derartigen lichtscheuen Treiben, wenn es unbequem oder gar gefährlich werden sollte, energisch zu steuern. Die Schuldigen mögen sich hüten; auch wenn sie hoch stehen, wird sie der Arm des eisernen Kanzlers treffen. Er hat sie großmüthig ge warnt; nützt dies nichts, so wird er sie erbarmungslos unschädlich machen." Wenn aber auch die Enthüllungen der „Köln. Ztg." und des „Pester Lloyd" darin übereinstimmen, daß es dem deutschen Reichskanzler bei der persönlichen Begegnung mit dem Zaren gelang, den letzteren für das deutsch-österrei chische Bündniß günstig zu stimmen, ist dennoch jetzt keine Vertrauensseligkeit am Platze. Die Gefahr, die in dem Anwachsen der panslavistifchen Strömung liegt, ist damit noch keineswegs beseitigt und sicher wird die Umgebung des Zaren Alles daran setzen, den Eindruck wieder zu ver wischen, den die schroffe ehrliche Gradheit des deutschen Kanzlers auf ihn gemacht hat. Wenn man nicht in Berlin etwas Aehnliches fürchtete, dann wäre es unverständlich, daß nach der rückhaltlosen Erklärung Bismarcks für das Festhalten an dem Bündniß mit Oesterreich die freikonser vative Berliner „Post" einen sensationellen Artikel brachte, indem dieses Blatt „die Morgensonne eines russisch-öster reichischen Krieges" anbrechen ließ. Als die einzigen greif baren Beweise für diese Auffassung führte die „Post" die bedrohlichen Truppenanhäufungen im südwestlichen Rußland an. Die verhältnißmäßig starke Bilegung der Militärgou vernements Wilna und Warschau ist eme Thatsache und sicher ist von deutscher Seite dieser Umstand einer russischer- seits gegen Westen durchgeführten Verdichtung seiner Streit kräfte nicht übersehen worden, aber daraus eine akute Kriegsgefahr herleiten zu wollen, dazu ist gar keine Ver anlassung vorhanden. Deutschland und Oesterreich beanspruchen, daß ihre um fassenden militärischen Maßregeln im Friedensinteresse ge deutet werden; so kann es auch Rußland nicht verwehrt sein, im Frieden auf den Krieg zu rüsten. Von militärischen Vorkehrungen bis zum Kriege ist glücklicherweise ein weiter Schritt, wenn man die Geschichte der letzten fünfzehn Jahre zu Rathe rieht. Alles kommt jetzt nur darauf an, daß der nach Rußland hcimgekehrte Zar, wenn er auf Her stellung guter Beziehungen zu Deutschland bedacht ist, diese Arbeit auch auf Oesterreich ausdehnen muß. In fast un glaublicher Weise haben die Panslavisten in Rußland alle Gemüther gegen Oesterreich-Ungarn aufgestachelt. Will der Zar ehrlich den Frieden mit Oesterreich und mit Deutsch land, so muß er jene Hetzer an die Kette legen, welche den treuen Verbündeten des deutschen Reiches fälschlich nach sagen, daß sie nach Salonichi marschiren, den Katholizismus auf der Balkan-Halbinsel austreiben und die dort vor handenen Interessen Rußlands beeinträchtigen wollen. Ist nicht Alles, was die „Köln. Ztg." und der „Pester Lloyd" mittheilten, leere Kombination, dann weiß der Zar jetzt, daß Rußland von Deutschland und Oesterreich-Ungarn nichts zu fürchten hat, aber auch nicht hoffen kann, durch Trennung der Freundschaftsbande diefer beiden Reiche Geschäfte im Orient zu machen. Inserate werden bi« Bormittag 11 Uhr angenom- men und beträgt der Preis für die gespaltene Zelle H OO G. oder deren Raum 18 Pf. M