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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. Pränumeratwus- Prci« 22^ Sgr. <z Th!rä vierteljährlich^ » Thlr. für da« ganze Jabr, ohne Er höhung, in alle» Theilen der Preußischen Monarchie. M für die Man rriinumerirt auf dieser Beiblatt der Mg. Pr. Swack- Zeitung in Berlin in der Expedition (Mohren-Straße No. Z4j; in der Provinz fo wie >m Auslande bei den Wohttsbl. Post-Aemtern. Literatur des Auslandes. 0^^ 28. Berlin, Freitag den 6. Meir- 1833. Holland. Holländische Zustände. °) Der phlcgmalifchc Charakler der Holländer eignet sich mebr als der irgend eines andern Volkes sür die Formen der Repräsentativ - Negie rung. Spekulativen Ideen abgeneigt, hält er sich nur an s Positive, ist zufrieden, wenn cs ihm wohl geht, und läßt sich nicht aus aben teuerliche Bahnen verlocken. Lie Carriürc in Slaatsämlern führt nicht zu Vermögen und Reichlhum, und da sich die Gewichtigkeit, die sie verschafft, nicht auch aus die Börse erstreckt, so gilt sie nicht viel, Sv gerathen in einem Lande, wo das Geld Alles ist und äußerer Glanz Nichts, wenig Personen in Versuchung, die Carriürc zu ver lassen, die sic zum crstcrcn zu führen verspricht, um dem Schimmer äu ßerer Ehre nachzulausen. So betreibt man die Geschäfte des Landes wie seine eigenen. Man leitet sic so gelind und still als möglich, ohne Erschütterungen, mit Nnhc und Klugheit, ohne sich weiter Sorge zu machen, wclchergcstalt und unler wessen Führung sic gehen, wenn sic nur gut gehen. Es fallt hier jenes Mißtrauen weg, welches auf künst liche Weise gegen die Negierung in Schwung gebracht wird, alle die Umtriebe und Bearbeitungen der öffentlichen Meinung, all die Parlci- vcrbinduugcn gegen "die Einzelnen und die Systeme. Die Regierung mit einem König an der Spitze und einer Königlichen Familie, die im wahren Sinne des Wortes populair sind, rin Hof ohne Prunk und eitlen Aufwand, zwei gesetzgebende Kammern, die nicht schr zahlreich und ohne aücn Bezug auf Pami-Interessen zusammengesetzt sind, die Ver waltung mit dcn Munizipalformcn, die die Französische Herrschaft dem Lande gebracht, und die sich nach dem Holländischen Charakter modist- zwt haben, Allee dies bildet und begründet einen friedlich ruhigen Zu. stand, der nicht sowohl Schritt auf Schrill fortzuschrcitcn schcfnt, als vielmehr auf einer Fläche, wenn wir vergleichen sollten, wie auf dem Spiegel der Kanäle, die das Land durchschneiden, dahinglcitct. Nichte gebt schnell, aber Alles kommt an's Ziel. Nichts gerätst in Verwirrung oder Unordnung, weil alle heftigen und wildert Bewegungen ausgc- schloffcn sind. Holland ist noch ganz dasselbe, wie es sich vom Spani schen Joche befreit Hal. Und cs wird blciben, was cS ist, so lange cS sich mehl zu Verbindungen hinrcißcn läßr und zu einer Stellung, die ihm nicht angemessen wäre — vor denen cs sich auch nach scincr bessern Weisheit hüten wird. Man verfährt in Holland nach gewissen Administraliousweisen und polizeilichen Formen, gegen die sich die Fremden, die das Land bereisen, mit Fug und Rcch^ zu beschweren hätten. Nirgends verfährt die Polizei inquisitorischer, und die Ungeschicklichkcit, mit der sic sich bcmmml, cr- höbt dcn Vcrdruß noch, dcn sie dem Nciscndcn verursacht. Besonders bei Gelegenheit der Passe macht sie ihre Wichtigkeit aus eine höchst lächerliche Wcisc geilend. Sv wie man in eine Sladl bincin- komml, muß man die Pässe abgcbcn, warten, bis sie gelest» und eingetragen sind, bst sogar, auch auf alberne Frage» Antwort geben, die auf Holländisch gclhan, und eben jo wie die Antworten, von dem ersten besten Vorübcrgcl'cndcn, der so dienstfertig scpn will, vcrdollmctscht werden. An dcr Thüre des Wirthshauscö beginnt diese Formalität von Neuem. Ehe man in sein Zmncr geführt wird, muß man nochmals seinen Paß vorzcigcn. Dcr Untcrkcllucr licst ihn durch, kcbrl ihn rechts und links um, vergleicht das Signalement, und steckt ibn in die Tasche. Kaum ist man in seinem Zimmer angclangt, so erscheint dcr Hcrr vom Haust, eine Fcdcr mit Tinte binlcrm Ohr, ein Papier mit liniirlcn Abthcilungcn in der Hand, auf dem eine Menge von Fragen in Hollän. bischer Sprache gedruckt stehen, auf die man Bescheid lhun muß. An die Stelle des Paffes empfängt man eine Marke, die man verpflichtet ist, auf das Polizci-Bürcau zu tragen, und dann die Aushändigung des Depositums zu gewärtigen hat. Dort aber wird nun die schon ziemlich ermüdete Geduld auf neue Proben gestellt; dcr Fragen werden immer mehr, sic verdoppeln, vwdrcifachcn sich nicht nur in Bezug aus die Person des Reisenden, sondern auch in Bezug aus Absicht und Zweck dcr Rcisc. Man muß sich hütcn z» sagen, man bereise das Land zu seinem Vergnügen. Man kommt mit diesem Grunde nicht durch, denn man weiß in Holland recht gut, daß man sich dort nicht amüsirt. Die Beamten lesen Alles durch, von dcr unbcdcutcndstcn immcr wiedcr- kehrcnken Formcl an bis aus das Datum des letzten Visa; und da sic sich's zum Geschäft machen, auch die unleserlichsten Schriftzüge zu ent ziffern, so nimmt die ganze Operation ungemein viel Zeil weg. Endlich ') Aus der bereits erwähnten „Reise eines Verbannten," vom Baron pon Hauffes. wird man entlassen, und Einem cingcschärst, den angenehmen Zeitver treib, mit dem man fo eben rcgalirt worden, ja nicht zu verabsäumen, und mit dem uns die Holländische Polizei überall auszuwarlen nicht verfehlen wird, wo mau auch sein Zelt für die Nacht atEckflagen wölkte. Die Holländer unterscheiden sich von dcn übrigen Völkern durch das Beharrliche und Stationairc ihrer Zustände, in Civilisation, Sitten und Einrichtungen. Wenn man das Kostüm dcr ersten Klaffen dcr Ge sellschaft ausnimml, so erkennt man noch heut zu Tage in den Städten, aus dem Lande, in dcn Gesellschaften, an den Fenstern, wo sic, ver mittelst doppelter Spiegel, Alles, was sich aus der Straße bewegt und vorgebt, vor dcn prüfenden Blick ihrer Betrachtung ziehen, erkennt man noch überall, sage ich, die Frauen wieder, die Van Dyk, Teniers, Rem. brandt und Ostäde einst zu Mustern gedient haben. Man findet sie noch dis auf die Slcllungcn wieder, bis ans die Gewohnheit, die man gelnde Thätigkcit der Einbildungskraft durch eine Neugier zu ersetzen, die sich aus alle Gegenstände erstreckt, die sie zu erregen geeignet sind. Die Schönheit dcr Holländerinnen besteht ausjchließlich in einer sehr weißen, schimmernden Haut: ihre Züge sind bestimmt aber ohne Schärfe, regelmäßig aber ohne Reiz; sie sind ohne allen bedeutenderen Ausdruck. Bei Erziehung dcr Frauen in dcn höheren Standcn spiele» die Deutsche, Französische und Englische Sprache eine bedeutende Rolle; sic sprechen diese Sprachen mit Leichtigkeit und sind in dcr Literatur der selben bewandert. Mit minderem Geschmacke oder Ersolg kultivier» sic die schönen Künste, die übrigens auch wcnig am Orte sehn und sich nicht sonderlich lohnend beweisen würden, in einem Lande, wo man nur das schätzt und sucht, was cincn positiven Zweck hat. Sic zeigen guten Willen, sich mit dcn Ansichten dcr Fremden zu besreunden, gehen dar auf ein und suchen sic gcltcnd zu machen; ohne Zweifel in der Absicht, ihre Landsleute dafür zu gcwinncn und nach jenen Mustern ein wenig umznmodcln. Bisher aber sind noch alle ibrc Bemühungen vergeblich gebiiebcn, trotz ihrer Beharrlichkeit, ja, man kann wohl sagen, trotz aller Hartnäckigkeit, mit der sic ans eine Berändcrung in gewissen Sitten hiuarbcilrn, über die sie sich, wie man nicht anders sagen kann, mit Recht zu beklagen haben. Die Mclhodc, nach dcr die Erziehung der Franc» gegenwärtig ge leitet wird, bat vicl Achnlichkeit mit der! die in England an der Ta gesordnung ist; nur ist die Holländische bei weitem vernünftiger und gebt nicht dahm, sic durch cincn Strudcl von Zerstreuungen sür ein zurückgezpgems Leben zu bearbcitc»; denn die Holländerinnen genießen einer ziemlich großen Freiheit. Die Volks-Erziehung zweckt daraus ab, jeder Klasse die Versuchung und die Mittel abznschncldcn, zum Höheren aufzustrcbc», wenigstens in ungcmcffcncr, dic gejellschastliche Ordnung gefährdender Weise. Es gicbt keinen einzigen Handwerker, dcr nicht schreiben, lcsc» und rechnen könnte. Dic Erwerbung dieser Kenntnisse beschäftigt das Kind bis zu dcr Zeit, wo cs in dic Lehre tritt und cin Handwerk erlernt. Alles ist ruhig in Holland, und Alles ladet zur Ruhe cin. Ei» cbcncr Boden, langsame Flüsse, Aussichten, die sich dcn Augen wie ent faltete Blätter präsentsten, ohne dcr Einbildungskraft was übrig zu lassen, alles dies muß seinen Einfluß auf den National - Charakter aus- übcn und übt ihn auch aus. Dic Wirkung davon kann man in Allem und Jedem bemerken. Es mag gesprochen werden, cs mag etwas gesche hen oder etwas gelban werden, immer geschieht es mit Phlegma, mit Ge duld, mit Gleichgültigkeit für eine Menge von Empfindungen, die über all sonst in dcr Well unfeblbar cine lebhafte Bewegung bcrvorbringen würdem Eine sehr energische Leidenschaft bei dem Holländer ist das Znicrcffe! Und doch gehl er mit Bedacht und Ucbcrlegung zu Werke, ohne sich zu übereilen. Die Zeit, die er durch den Mangel an Schnel ligkeit verliert, gewinnt er durch Beharrlichkeit wieder. Er geht seine» Gang, ohne sich je von seinem Ziele abbringcn zu lassen, ohne auch nur Geringes und Kleines, was sonst so leicht und unversehens unter dcn Händen zerstiebt, in Gefahr zu setzen. Ein Mäßiges, was aber bestimmt ist und sicher, gilt ihm mehr, als aller Zufall und große, aber schwaii- kcnde Verheißungen. Nichts verschwenden, ist die erste Richtschnur sür ihn; überall und an Alles wird sic angelegt; sie ist der Hauptealcul im ganzen Lande. Die Kleider, und dies gilt für alle Stände, sinh von gröberen Stoffen in Vergleich zu anderen Länder». Auch dic Em- richtungc» der Häuser find minder kostbar; das Ameublement nicht so erlesen und luxuriös. Eine bis in's Kleinliche und Ueberlriebene ge bende Reinlichkeit ersetzt, was an Pracht und Aufwand mangelt. Dio öffentlichen Wagen wie dic Privat-Equipagen haben noch die Form, die sie im I7tcn Jahrhundert halten. Es ist eine Art von Ehrenpnnlt für einen reichen Mann, und ein Zeichen der Vornehmheit bei einem