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reiveMM^^ und Tageblatt. 38. Jahrgang- Freitag, den 17. Juli. Amtsblatt für die königlichen und städtischen Behörden zu Freiberg und Brand. Verantwortlicher Redakteur: Iuliu» Brauu iu Freiberg. Inserate werden bis Bormittag 11 Uhr angenom- FU FH 8? men und beträgt der Preis für die gespaltene Zelle 1 FHFHMH oder deren Raum 1b Pf. - //L» ! Erscheint jedm Wochentag Abends ^/,7 Uhr für den «0 11bLU I andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 Pf., e^I- zweimonatlich 1 M. 50 Pf. und cinmonatlich 7b Pf. Der Mahdismus. Fast gleichzeitig mit dem Wiedereintreffen des englischen Oberbefehlshabers Gmeral Wolseley auf britischem Boden verbreitete sich das Gerücht von dem Tode des von ihm erfolglos bekämpften Usurpators des Sudans, des unter dem Namen des Mahdi bekannten falschen Propheten Mohammed Achmed aus Dongola. Bis jetzt harrt dieses in Kairo ernstlich geglaubte Gerücht der Bestätigung und ist dasselbe mit um so größerer Vorsicht aufzunehmen, als der Mahdi fchon zweimal todtgesagt worden ist und jedesmal kurz nach der Verbreitung seiner Todesnachricht seinen Gegnern sehr fühlbare Beweise feines Lebens gegeben hat. Die Anhänger des egyptischen Khedive Tewfik und die Eng länder schenken natürlich leicht einer Botschaft Glauben, die sie von mancher Sorge erlösen würde; aber nach den bis herigen Erfahrungen dürste ihre Freude auch diesmal wieder eine verfrühte gewesen sein. Der Mahdi scheint für einen Mann, in dessen nächste Umgebung die Goldpfunde Englands zu dringen vermögen, wirklich ein fehr zähes Leben zu haben. Auch die weitere Meldung, daß der Mahdi in letzter Zeit von feinen Anhängern verlassen, ja sogar bekämpft worden fei, ist schon häufig aufgetaucht, hat sich aber stets als trügerisch erwiesen. Wäre der Mahdi wirklich gestorben, so müßte dies sofort in den Verhältnissen des Sudans eine merkliche Umwälzung hervorgerufen Haven, denn der Nimbus, welcher den falschen Propheten umfloß, läßt sich nicht vererben und auch kaum durch das Feld- herrngenie semes Schwiegersohnes, des HalLsranzosen Osman Digma, ersetzen. Der Gedanke an eine Wiedergeburt des Islam, welcher die ganze mohammedanische Welt ergriffen hat, wird so leicht in keiner anderen Person verkörpert werden, wie in derjenigen des Fanatikers Mohammed Achmed aus Dongola, von dem erst in den letzten Tagen das englische Blatt „Daily News" erzählte, daß er sich stets nach Verrichtung seiner Gebete erhebe, gegen Norden sich wendend sein zweischneidiges Schwert ziehe und aus rufe: .Wehe Dir, Stambul, denn dieses Schwert ist gegen Dich!" Der Drang nach Abschüttelung des fremden Jochs ist bei den Asiaten wie den Afrikanern gleich stark; er richtet sich nicht gegen die Engländer allein, sondern gegen alle Europäer und bedroht auch den von europäischen Einflüssen umgebenen türkischen Sultan in einer Weise, daß derselbe nur noch dem Namen nach der Beherrscher aller Gläubigen ist. Der Mohammedanismus läßt sich von Konstantinopel aus nicht mehr leiten, seitdem sein Schwerpunkt nach Aster und Afrika verlegt wurde und der Pforte Provinz au Provinz auf der europäischen Balkan-Halbinsel verloren ging. Die Erhebung Arabis war nur das blutige Vorspiel einer tiefgehenden Bewegung, welche erst den jetzigen gefährlichen Charakter erhielt, als ihr statt des politischen der religiöse Stempel ausgeprägt wurde Der „Mahdismus" ist der gewaltige Verzweiflungskampf des sich dem Untergange nahe fühlenden Islams gegen die vordringende christliche und abendländische Kultur. Einem „Gottgesandten" folgend, hatten die zahllosen vorher ganz zügellosen und zumeist schlecht bewaffneten Massen einen festen Mittelpunkt gewonnen, der die Disziplin ersetzte und ein kraftvolles Zusammenwirken für eine große Idee er möglichte. Es kommt sehr darauf an, ob dieser Gedanke so mächtig in den arabischen Massen nachwirkt, daß die Persönlichkeit entbehrlich wird, welche bisher der sichtbare Träger dieser Idee war. Als Verkörperung des Gedankens der Wiedergeburt des Mohammedanismus ohne die Sultans- wirthschaft in Konstantinopel wirkte der Mahdi weit mehr wie als Soldat und Feldherr. Außer in der Schlacht bei El Obeid, wo er persönlich am 4. November 1883 kämpfte und Hicks Pascha und dessen ganze Schaar vernichtete, ist er nirgend mehr thätig hervorgetreten, sondern überließ Osman Digma und den anderen Emiren die kriegerische Aktion. Der General wäre also leicht zu ersetzen; zum Propheten fehlt aber den nächsten Freunden des Mahdi der Glaube an sich selbst und wohl auch die seltsame Be redsamkeit, welche die Massen unwiderstehlich Hinriß. Wie sehr die von dem eigenartigen Fanatiker vertretene Idee von seinen Gegnern gefürchtet wird, das zeigte die Art, wie noch vor wenigen Tagen der englische Minister Salisbury im Oberhause von dem „Mahdismus" sprach, der nach der übereinstimmenden Ansicht aller Kenner des Sudans eine Macht ist, die bereits feste Wurzeln in der sudanesischen Bevölkerung geschlagen hat und deren Bedeutung und An ¬ ehen so rasch nicht schwinden wird. Unter den erst kürzlich )em englischen Unterhause vorgelegten Schriftstücken über )ie Räumung von Dongola befindet sich eine Depesche des Generals Wolseley an den englischen Kriegsminister Har tington, in welcher gesagt wird: „Wenn man bei der gegen wärtigen Politik des Rückzugs beharrt, wird der Mahdi mmer stärker und wir werden ihn schließlich zu bekämpfen haben, um uns in Egypten zu behaupten. Keine Streitkraft n der Grenze kann den Mahdismus von dort fernhalten. )er Mahdi muß früher oder später zertrümmert werden, oder er wird uns zertrümmern. Wenn wir seinen Angriff abwarten, werden wir ihn zweifellos besiegen, aber dies wird ihn nur zeitweise aufhalten. Die paar tausend Mann, welche wir tödten, sind nichts für ihn, denn sein Vorrath an Mannschaften ist unbegrenzt, während seine beständigen Angriffe unsere Armee und unsern Schatz aussaugen werden. Ein Feldzug im Herbst gegen Khartum und eine ernstliche Niederlage des Mahdi's auf seinem eigenen Grund und Boden würde ihm den Gnadenstoß geben. Die Operation önnte, wenn überlegt unternommen, eine einfache fein. Lhe dies nicht gethan ist, wird es in Egypten keinen Frieden geben, und Englands militärischen Ausgaben werden zroß sein und stetig wachsen. Mein Rath ist daher, die Herbst-Kampagne den Nil aufwärts auszuführen, wie dies ursprünglich beabsichtigt war." Der jubelnde Empfang, welcher vor wenigen Tagen dem General Wolseley bei seiner Rückkehr nach England zu Theil wurde, bewies deutlich, daß das englische Volk mit dieser Meinung einverstanden ist. Die „Times" ver öffentlicht den Bnef eines englischen Stabsoffiziers in Egypten, in welchem es heißt: „Ich bezweifle, daß die englische Nation überhaupt ein Gewissen hat. Soweit ich sehen kann, hat unsere Räumung nicht das mindeste Auf sehen in der Heimath verursacht. Das Publikum hat es mit Gleichgiltigkeit hingenommen, daß 12700 unglückliche Flüchtlinge Dongola den Rücken gewendet haben, von denen die meisten Hunger leiden werden, denn wenn man diese Leute von ihrem kleinen Flecken Landes am Flußufer, mit ihrem Sakeljah und ihrer Kuh wegführt, besitzen sie keine andern Existenzmittel. Als wir vorigen Herbst nach Dongola gingen, befand sich die ganze Provinz in leid lichem Wohlstände. Unsere Okkupation hat dieselbe völlig ruinirt." In Kairo nimmt man neuerdings an, daß die treu- aebltebenen flüchtigen Dongolanen den Engländern und Egyptern im Kampfe zur Seite stehen werden, wenn es demnächst mit den Anhängem des Mahdis zu einem Zu sammenstoß in Oberegypten kommen sollte. Wie der „Voss. Ztg." aus Kairo berichtet wird, sollen sich die Mahdisten auf den Oafenwegen der Lybischen Wüste in der Richtung nach der Stadt Sint befinden und von den Engländern that- sächlich hier erwartet werden. Sint ist die Hauptstadt Oberegyptens, der südliche Punkt des Eisenbahnnetzes und ein durch seinen früheren Handel mit dem Sudan wohl bekannter Ort. Bereits in den früheren Zeiten bildeten die von den Mahdisten besetzten Oasen die vielbesuchte Handels straße, auf welcher die Sklaven- und Handelskarawanen von Kordofan und Dongola nach Egypten sich bewegten. Für den Rückzug aus Dongola ist das Kabinet nicht allein verantwortlich, denn General Wolseley versuchte auch ver geblich von dem jetzigen Minister Salisbury einen Widerruf der anbefohlenen Räumung von Dongola zu erlangen. Wahrscheinlich wollte der jetzige leitende Staatsmann Eng lands seinen Vorgänger nicht von der Verantwortung für die im Sudan geschaffene traurige Lage entbinden, wahr scheinlicher noch erachtete er aber die geringe von dem riesigen Elf-Millionen-Kredit noch vorhandene Summe für unzureichend, um den Kampf gegen den Mahdi erfolgreich fortzusetzen. Die heiße Jahreszeit macht ohnehin jede größere Operation unmöglich. Für den Herbst ist aber ein neuer Feldzug gegen die Rebellen des Sudans mit Sicherheit zu erwarten und wird das englische Parlament dann mit der Bewilligung neuer Mittel nicht geizen. Lebt der Mahdi, so ist es zur Sicherheit Egyptens hohe Zeit, seinen Anhängern die Ueberzeugung von der Unbesieglichkeit des Propheten zu rauben. Ist der Mahdi aber todt, dann muß erst recht ein Hauptschlag geführt werden, um einem etwaigen Nachfolger des Propheten die Lust und die Mög lichkeit .zu benehmen, die Nolle eines Vorkämpfers des Islams gründlich einzustudiren. Tagesschau. Freiberg, den 16. Juli. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des deut schen Kaisers an den preußischen Kultusminister, in welchem der Monarch auf Wunsch des Senats der Berliner Akademie der Künste anläßlich der Säkularfeier das Protektorat über die für den Mai 1886 beabsichtigte Jubiläums-Kunstausstellung übernimmt und gestattet, daß der deutsche Kronprinz zum Präsidenten des zu konstituirenden Ehrenkomitees ernannt werde. — Der Kaiser wurde vorgestern am Koblenzer Schlöffe nur von den höchsten Spitzen der Behörden empfangen und unternahm von 7 bis 8 Uhr Abends mit der Kaiserin eine Spazierfahrt auf dem Glacis. Gestern fand eine einstündige Spazierfahrt der Majestäten durch die Rheinanlagen statt. Zum Diner um 5 Uhr warm die Spitzen der Behördm be fohlen. Morgen früh 8 Uhr trifft der Kaiser von Koblmz kommend in Konstanz ein und fährt mit dem bereitgehaltenen Dampfschiffe sofort nach der Insel Mainau. Dort dürfte der Kaiser voraussichtlich bis zum 20. Juli verbleiben, bevor er nach Gastein weiterreist. Gegenüber verschiedenen Auslassungen des klerikalm Berliner Blattes „Germania" äußert sich die „Nordd. Allg. Zeitung" offiziös: „Uns ist der Plan nicht unbekannt, den die Führer der Welfenpartei an die Wiederherstellung ihrer Herrschaft in Braunfchweig knüpfen. Sie glauben im Besitz dieses archi medischen Punktes der preußischen Regierung und dem deutschen Bundesrathe das Leben so sauer zu machen, daß die preußische Regierung schließlich zu irgmd einer Zeit, wo sie durch innere und äußere Krisen sich gefährdet fände und von schwacher Hand geleitet wäre, sich zu einer Theilung Hannovers ver stehen würde, in Folge deren der Osttheilprovinz mit der Hauptstadt, vielleicht mit Ausnahme des Bremer und Stader Landes an Braunschweig überlassen würde. In dieser Welse haben namhafte Mitglieder der Welfenpartei dasjenige ange- dcutet, was sie sich unter dem Heimfall Hannovers an das Welfenhaus ganz auf friedlichem Wege dmken; sie wollen sich von Braunschweig aus möglichst unbequem machen und müffen zu diesem Behufe auf Gefährdung der preußischen Mo narchie durch innere und äußere Vorgänge rechnen, wmn ihre Pression wirksam werden soll. Diese Rechnung als friedliche, die erstrebte Folge der Pression als freie Th»t be zeichnet zu sehen, kann allerdings in einem Jesuitenblatt nicht Wunder nehmm. Die Gelegenheit, Hannover wieder zu er halten (wofür dem Welfenhause der Rechtstitel gewahrt bleiben soll) durch alle Mittel der Agitation und Jntrigue im Inlands und Auslande nach Möglichkeit herbeizuführen, das würde dann zweifellos die Aufgabe des Jesuitenordens und der ihm affiliirten Welfenpartei bilden. Daß die „Ger mania" dieses System als unverfänglich und ehrlich ansieht, überrascht uns nicht; verwunderlich ist uns nur die Behauptung daß bei der erstrebten eventuellen Loslösung Hannovers von Preußen nur das Welsenhaus in Frage kommen könnte. Unsere Ansicht ist die umgekehrte; jedes andere Fürstenhaus könnte, wenn es überhaupt möglich wäre, daß Preußen frei willig in die Wiederherstellung Hannovers willige, für dessen Regierung leichter in Frage kommen, als gerade das Welfen haus. Noch zweifelloser aber findet dieser Satz auf Braun schweig Anwendung, dessen Herzöge, wenn sie Welfen sind, immer Prätendenten auf Hannover bleiben und im Sinne dieses Prätendententhums Bundesgenossen jedes FeindeS Preußens im Jnlande und Auslande sein würden. Für die „Germania" mögen derartige Herzöge Braunschweigs nützliche Bundesgenossen für ihre Endziele sein, für das Deutsche Reich und Preußen bleiben sie unannehmbar." Dem Auswärtigen Amte in Berlin ist ein (von uns gestern bereits unter Depeschen mitgetheiltes) Telegramm des deutschen General-Konsulates in Alexandrien zugegangen, wonach die Afrikareisenden vr. Emil Juncker und Casati sich in Lado bei vr. Schnitzler in Sicherheit befinden. Seit längerer Zeit fehlte von dem deutschen Afrikareisenden vr. Juncker jegliche Nachricht und man fürchtete bereits, daß demselben durch den Aufstand des Mahdi der Rückweg aus dem Innern Afrikas abgeschnitten sei. Die sämmtlichen geographischen Gesellschaften Deutschlands wandten sich deshalb mit der Bitte an den Reichskanzler, auf diplomatischem Wege Nachforschungen über das Schicksal des kühnen Reisenden vr. Juncker anordnen zu wollen. Diese Nachforschungen hatten einen raschen und gün stigen Erfolg. Lado, seinerzeit von Gordon als Hauptstadt des äquatorialen Egypten gegründet, liegt am Bahr el Djebel, einem der Hauptzuflüsse des Nils. vr. Juncker, welcher seine