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und TLMlM. Amtsblatt für die kömglicheu und städtischell Behörden zu Freiberg und Braud. Verantwortlicher Redakteur: Julius Braun iu Freiberg. Erscheint jeden Wochentag Nachmitt. -/.S llhr für den !I I Inserate werden dir VormtttagH. Lhrangenom- g 261. LLL NLSLLLLM! Donnerstag, de» 1«. November. «--- j 1M7 Die «ngarischen Roslassonge«. Wenn schon der telegraphische Auszug aus den am Sonnabend stattgefundenen Verhandlungen des ungarischen Delegations-Ausschusses über die äußeren Angelegenheiten wichtige Ausführungen über die gesammte europäische Lage brachte, ist deren Eindruck doch noch durch die inzwischen eingetroffenen ausführlicheren Berichte noch wesentlich ver stärkt worden. Als eine der wichtigsten Punkte der Dar legungen des Ministers Grafen Kalnoky erscheint dessen Andeutung, daß die bulgarische Frage durchaus nicht der wesentlichste Punkt der allgemeinen Unsicherheit und der alleinige Grund sei, der alle Staaten zu so außerordent lichen Anstrengungen zwingt. Die bulgari che Frage ent hält allerdings eine Bedrohung des Friedens; ausgeführt werden, so ließ Graf Kalnoky verstehen, kann diese Droh ung freilich nur durch Rußland. Aber die Beunruhigung Europas wird mehr noch durch das Bestreben FrankrÄchs verursacht, das unzufriedene Rußland im Interesse der französischen Revanche-Pläne zu einem Bündniß zu ver locken. Gleichzeitig deutete Kalnoky an, daß die Hoffnung, Rußland von der Umgarnung durch Frankreich sich wieder loSmachen zu sehen, noch nicht aufgegrben sei. Offen heraus gesagt hat der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns dies nicht, aber seme absichtlich etwas dunkel gehaltenen Aussprüche ließen sich kaum anders aus legen und sind auch so von der ungarischen Delegation verstanden worden. Bemerken swerth ist, daß sich auch Graf Andrassy, der im vorigen Jahre die bedächtige Staatskunst Kalnokys mit herben Worten tadelte, sich diesmal dem ein- müthigen Vertrauensvotum der Delegation rückhaltslos an schloß, gleichzeitig aber auch auf die europäische Bedeutung des unsicheren Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich hinwies und ebenso die Bedeutung der bulgari, schm Frage auf ein bescheidenes Maß zurückführte. Die Delegations-Rede Kalnokys hat schärfer als alle anderen bisherigen Kundgebungen dargethan, wie klar und bestimmt die Politik der Friedensmächte ist, daß Deutschland, Oester- reich-Ungarn und Italien zur Aufrechterhaltung der fried lichen Entwickelung auch im Orient fest geeint sind und dabei auch auf die Unterstützung Englands rechnen zu dürfen glauben. Seit der Turiner Banketrede Crispis ist die europäische Lage nicht so klar beleuchtet worden, wie durch die Erklärungen Kalnokys, welche noch durch die Auslassungen einzelner Mitglieder der ungarischen Dele gation in bedeutungsvoller Weise ergänzt wurden. Ueber die Einzelheiten jener wichtigen Verhandlungen geben wir deshalb noch folgenden ergänzenden Bericht: Zunächst betonte Ludwig Csernetony, daß die bulgarische Frage durch die Prägen Westen Europas in den Hinter grund gedrängt sei, weil die deutsch-französischen Beziehungen seit 1878 die ganze europäische Lage beherrschen. Er kon- statire mit Vergnügen, daß auch die österreichisch-ungarische Regierung vor Allem die Gesammtlage Europas vor Augen habe, was durch den beinahe demonstrativen Anschluß Italiens an die Zentralmächte den schärfsten Ausdruck ge funden habe. Von England erwarte er keine eigentliche Bundesgenossenschaft. Dieser Staat pflege sich durch ge schriebene Verträge nicht eher zu binden, als bis er auch zum Kriege entschlossen ist; aber es sei eine Errungenschaft von hohem Werth, daß England nicht gegen Oesterreich- Ungarn sein wird, und daß dieser Staat auch in jedem Falle aus dem Wohlwollen Englands bedeutenden Nutzen ziehen kann. Sodann sprach der Führer der ungarischen Opposition, Graf Apponyi, seine Befriedigung darüber aus, daß die russenfreundliche Politik von Skierniewice hinfällig geworden sei. Die europäische Konstellation habe sich seit dem durch den Beitritt Italiens zum deutsch österreichisch ungarischen Bündnisse und die sympathische Haltung Eng lands günstig gestaltet, da Italien seit längerer Zeit in der Orientfrage einen den österreichisch-ungarischen Interessen entsprechenden Stanopunkt einnehme, wodurch hoffentlich auch die leider oft schwankende Haltung Deutschlands günstig beeinflußt werden könne. Das Hauptgewicht legte der Redner auf die selbständige Thätigkeit des Auswärtigen Amtes. In dieser Beziehung habe ihn die Haltung dessel ben dem Projekt Ernrots gegenüber, als Deutschland den entgegengesetzten Standpunkt unterstützte, überzeugt, daß es dem Minister mit der Durchführung des früher angeregten Programms ernst sei. Graf Andrassy erörterte nochmals eingehend die bulgarische Frage, deren Lösung namentlich im Interesse des guten Verhältnisses zu Rußland geboten ei. Der Berliner Kongreß habe Bulgarien in den Sattel etzen, dann aber es dem Fürsten und dem Lande überlassen wollen, weiter zu retten. Eine Beschrän ¬ kung der freien Wahl lag nicht in den Absichten I des Kongresses, und mehr ms eine Art Gegenzeichnung wollte derselbe den Mächten nicht zugestehen. Der Redner verwies auf die im Westen drohende Gefahr; die Annäherung zwischen Rußland und Frankreich sei besonders erst in Folge der bulgarischen Frage in den Vordergrund getreten. Wenn es mcht in der Macht Oesterreich-UngarnS liege, jene Hauvtgefahr abzuwrnden, so sei es doch seine Aufgabe und Pflicht, wenigstens diesen Anlaß derselben zu beseitigen und eine definitive Lösung der bulgarischen Frage anzustreben. Julius Horvath bemerkte, daß eine gute aus wärtige Politik sich nicht nur auf eine gute Armee, sondern auch auf gute sinanzielle und volkSwirthschaftliche Zustände stützen müsse. Er beklagte deshalb lebhaft, daß die Volks - wirthschaftlichen Beziehungen Oesterreich-Ungarns zu dem politisch so innigbefreundeten deutschen Reiche schlechter seien als mit solchen Staaten, mit denen die Gesammtmonarchce iu minder guten Beziehungen steht. Eine wettere Aeußerung des Ministers Kalnoky veranlaßte dann noch dm Grafen Apponyi zu der Erklärung, daß auch er als Friedensfreund ein gutes Verhältniß zu Rußland wünsche, vorausgesetzt, daß die eigenen Orient-Jntereffen dafür nicht preisgegebm werden müssm. Bekanntlich ist darauf von dem Delegations-Ausschuß der Anttag des Referentm vr. Falk, die Politik Kalnokys zu billigen und diesem selbst eine Anerkennung dafür aus zusprechen, einstimmig angenommen und der Etat des Ministeriums des Auswärtigen-mit dm Nachttags-Krediten unverändert genehmigt worixn. Nach dem vom Ausschüsse der ungarischen Delegatton genehmigten Bericht des Re ferenten wurdm die Erklärungen in der Thronrede, sowie des Ministers des Aeußern, Grafen Kalnoky, zur Kennt- niß genommen. Der Bericht schließt mit dem Anttage der Billigung der auswärtigen Politik und drückt die Aner kennung für den Minister des Aeußem aus. Im Budget- Ausschuß der österreichischen Delegation gab Graf Kalnoky Dimstag eine gleiche Erklärung ab wie in der ungarischen, und hob hervor, daß alle Kabinette, auch das russische, darin einig seien, daß aus der bulgarischen Frage kein Krieg entstehen solle. Der Minister hob ferner das De fensiv-Bündniß Oesterreichs, Deutschlands und Italiens, unterstützt von England, hervor, und schloß, er könne nicht ür den Frieden unter allen Umständen einstehen, denn üeser hänge von unberechenbaren Faktoren ab, er hoffe aber zuversichtlich, daß die vereinten fortgesetzten Be mühungen von ganz Europa den ersehnten Erfolg erringen werden. Die Tragweite der in beiden Delegations - Ausschüssen stattgehabtm Verhandlungen ist unberechenbar, denn die Auslassungen der Grasen Kalnoky, Andrassy und Apponyi waren ganz dazu angethan, in Petersburg und Paris die tiefste Miß stimmung hervorzurufen. Der ausgesprochene Wunsch, Rußland von einer Umgarnung der französischen Politik loszulösen, muß die Franzosen tief verletzen. Nicht minder verblüfft es die Russen, daß die ungarischen Staats männer so offen ihre Absicht bekunden, Bulgarien seiner eigenen Entwickelung überlassen zu sehen und jede fremde Einmischung in die bulgarischen Händel zu rückzuweisen. Die „Nowoje Wremja" erklärte deshalb be reits, daß Rußland darauf eine entschiedene Antwort geben müsse. Die mißmuthigen Aeußerungen des „Journals de St. Potersbourg" werden von den Wiener Blättern als unlogisch bezeichnet und als Beweis dafür, daß Ruß land sich noch immer in einer Sackgasse bezüglich Bulgariens befindet. Wenn die Petersburger Regierungsblätter mit ihrem Unmuth noch etwas zurückhalten, hängt dies wohl mit der nahe bevorstehenden Reise des Zaren nach Berlin zusammen, wobei es doch noch zu einer Begegnung zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Minister von Giers kommen soll, falls der Gesundheitszustand des deut schen Reichskanzlers dies irgend erlaubt. Es liegt nahe, daß der Kaiser von Rußland und sein erster Rathgeber sich vor Allem in Berlin zu vergewissern suchen werden, ob man dort dieselbe Auffassung von der bulgarischen Frage hegt wie in Wien, Pest und Rom. Für jetzt ist das immer noch zweifelhaft; sicher ist aber, daß alle Friedensmächte den dringenden Wunsch hegen, jeden Schein einer russisch- französischen Allianz schwinden zu sehen, die nur zu Kriegs zwecken nützen könnte. Hoffentlich dienen die Auslassungen der ungarischen Staatsmänner nur dazu, den Zaren und seinen Minister von Giers von der Nothwendigkeit zu über zeugen, den österreichisch-ungarischen Interessen im Orient Rechnung zu tragen, gleichzeitig aber auch Alles zu ver meiden, was die Revanche-Plane Frankreichs zum Nach theile Deutschlands ermuthigt. Tagesschau. Freiberg, den 9. November So unendlich traurig das ist, läßt sich doch nicht länger daran zweifeln, daß das Befinden das deutsche« Kron prinzen zu ernsten Besorgnissen Veranlassung giebt und daß es doch zu dem operativen Eingriff kommen wird, den vr. Mackenzies Heilmethode unnöthig machen sollte. Wie man auS London meldet, bestätigte Sir Morell Mackenzie selbst der Königin Viktoria telegraphisch die neuesten ungünstigen Nach richten über daS Befinden des Kronprinzen. Der englische Spezialarzt theilte gleichzeitig mit, daß sich die Wucherung nach unten verbreitet habe. ES braucht wohl kaum der Ver sicherung, daß die meisten Nachrichten über daS Befinden de» Kronprinzen allerorten eine hohe Bestürzung Hervorgernseu haben, umsomehr, als man die Hoffnung nährte, den hohen Herrn vollständig gesund bald wieder in der Heimath zu be grüßen. Mehr aber als die Meldungen über da» Befinden selbst gab die von dem Kaiser Wilhelm selbst dringend gewünschte und so schnell erfolgte Abreise des Prinzen Wil helm nach San Remo Anlaß zu Befürchtungen, daß sich da» Leiden bei dem hohen Patienten wesentlich zu Ungunsteu wen dete. Es hat sich herauSgestellt, daß die Reise vr. Mackenzie» nach San Remo mehrere Tage verschwiegen worden ist. Wäh rend die ersten Nachrichten darüber seine Ankunft erst für gestern in Aussicht stellten, hat er Paris schon am Freitag Abend passirt und war bereits seit Sonnabend in San Remo. Im Lause de» Sonntags trafen die Meldungen über daS Er gebniß der angestellten Untersuchung iu Berlin ein; in Folg« dessen suchte Prinz Wilhelm im Auftrage deS Kaisers Herrn Professor Bergmann auf, mit dem er eine längere Konferenz hatte. Professor Schröter ist vorgestern von Wien und der Privatdocentvr. Krause von Berlin nach San Remo abgrreist. Gleichzeitig verlautet, daß sich auch Prof. v. Bergmann in Berlin zur Abreise rüstet Da aber die bisher genannte» deutschen Aerzte nicht eigentlich als Operateure hinzugezogen wurden und Professor v. Bergmann gestern Berlin noch nicht verlassen hatte, scheint über die Operation selbst wie über deren eventl. Zeitpunkt noch kein endgiltiger Beschluß gefaßt zu sein. An der Berliner Börse kursirte trotzdem gestern da« Ge rücht, daß auch Prinz Heinrich nach San Remo abreisen werde und daß ein operativer Eingriff in allernächster Zeit stattfinden solle. Prinz Wilhelm verließ Montag Abend, nach dem er noch vorher im Stadtschlosse zu Charlottenburg den Prinzen Heinrich, den Großherzog von Hessen und der Erb prinzessin von Sachsen-Meiningen einen Besuch gemacht hatte, mit seinem persönlichen Adjutanten und in Begleitung de» vr. Krause nebst drei anderen Aerzten Berlin, um sich über Kreiensen und Basel zu seinen erlauchten Eltern nach Sa« Remo zu begeben. In Darmstadt schloß sich gestern noch der Frankfurter Arzt vr. Schmidt dem Gefolge an. — Wie eS heißt, genehmigte der Kaiser die Grundzüge zu der AlterS- und Jnvalidenversorgung der Arbeiter. Die Vorlage soll daran festhalten, daß die Alters- und Jnvalidenversorgung zu gleich für alle Arbeiter, deren Zahl man auf 12 Millionen schätzt, in Kraft gesetzt werde. — Das preußische StaatS- ministerium wird über den Zusammentritt des Bolkswirth« schaftSrathes beschließen, der voraussichtlich nächste Woche er folgen dürfte. — Zunächst tagt in Berlin noch da» Landes- Oekonomie-Kollegium, dessen erste Session der 4. Sitzungsperiode am Montag Vormittag im AbtheilungSzimmer V des Reichs tages unter Vorsitz des Unterstaatssrkretärs Wirkt. Geh. Rath Marcard ihren Anfang nahm. Den ersten Punkt der Tages ordnung betraf emeBorlage überdaSländlicheGenossenschafSwesen. DaS LandeS-Oekonomie-Kollegium erklärte schließlich, daß eS in der Ausbreitung deS deutschen Genossenschaftswesens eine wesentliche Förderung der landwirthschastlicher Kultur und des Wohlstandes erblickt, und ersuchte, 1) den Herrn Minister für Landwirthschaft und Forsten, die landwirthschaftlichen Genossenschaften in Preußen nach Möglichkeit zu fördern und zu diesem Zwecke dahin wirken zu wollen, daß durch die Revision deS Genossenschaftsgesetzes vom 4. Juli 1868 die Begründung von Genossenschaften mit beschränkter Haftbarkeit ermöglicht und für die Genossenschaften mit unbeschränkter Haftbarkeit eine der Bestimmung des 8 24 deS preußischen Gesetze«, bett, die Bildung von Wassergenoffenschaften, ähn liche Bestimmung getroffen werde, und 2) den Vorsitzenden, die Frage deS landwirthschaftlichen Genossenschaftswesen« nach gehöriger. Vorbereitung auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen zu setzen. Hierauf folgte die Vorlage des LandwirthschaftS-Ministers über den Antrag deS Vereins der Züchter edler Merinowollen, betr. die Konzentration de» Wollhandel» in Berlin. Konsul Offermann, Direktor der Wollkämmerei in Leipzig, legte die Vortheile dar, welche auS einer solchen Zentralisation deS Wollmarktes sowohl sür die