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Amtsblatt für die königlichen und städtischen Behörden zu Freiberg und Braud. Verantwortlicher Rüiaktesr: Juli»» Brau» in Freiberg. Z5 Erscheint jeden Wochentag Nachmitt. V,S Uhr für den andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 Pf., zweimonatlich 1 M. bO Ps. und einmonatlich 7d Pf. 89. Jahrgang. Sonnabend, de» 8. Jaanar. Inserate werden bi» Bormittag 11 Ubr angenom- men und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile oder deren Raum 1S M. 1887. Der Dank des Kaisers. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht nachstehenden Erlaß des deutsche« Kaisers an den deutschen Kronprinzen: „Ew. kaiserliche und königliche Hoheit haben mir heute in der Eigenschaft als rangültester Generalfeldmarschall der Armee, umgeben von einer die einzelnen Theile derselben repräsentirenden hohen Generalität, die Glückwünsche der Armee zu meinem achtzigjährigen militärischen Dienst jubiläum ausgesprochen. Ich habe Ew. kaiserlichen und königlichen Hoheit und den Sie umgebenden Generalen auS warmem, tiesbewegtem Herzen gedankt, ich empfinde aber das Bedürsniß, meinen Dank auch an die ganze Armee weiter gehen zu lassen und am heutigen Tage auch an diese einige Worte zu richten. Die Armee weiß, wie nahe sie meinem Herzen immer gestanden hat, sie wird es ver stehen, welche Empfindungen mich heute in dem Gedanken bewegen, ihr nun 80 volle Jahre angehört zu haben. Es ist eine lange und wahrlich wechselvolle ereignißreiche Zeit, die heute an meiner Erinnerung vorbeigcht. Beginnend in den ernsten Tagen der schwersten Prüfung, habe ich wohl auch in ihrem weiteren Verlauf mancher Sorge, manches Tages, wo mir das Herz schwer war, zu gedenken, aber es sind derer doch nur sehr wenige gewesen im Vergleich zu den vielen des Glückes und der Freude, die mir zu er leben vergönnt war. Mein Blick kann sich nicht in die Vergangenheit richten, ohne mein tief bewegtes Herz von Dank für die Gnade des allmächtigen Gottes überströmen zu lassen, die wahrlich Großes an mir gethan, die mich so lange erhalten, die mir so viel des Glückes gegeben hat. Und welchen Wechsel hat die Armee in diesen 80 Jahren mit mir erlebt! Sie stand, als ich in dieselbe ein- trat, nach dem schwersten Schlage, den Preußen jemals getroffen hat, zurückgedrängt an den äußersten Grenzen des Reiches, aber der Soldatensinn, den meine glorreichen Vor fahren in sie gepflanzt, blieb ungebrochen, trieb bald neue Keime. Das bethätigten die schönste Erinnerung meiner Jugend, die Befreiungskriege, das erhielt sie sich in der treuen Arbeit einer langen Friedenszeit, und die Ruhmesthaten in neuester Zeit bezeugen wahrlich, daß dieser Sinn in voller Kraft erhalten und weiter gediehen ist. Ich habe viele Veränderungen mit der Armee erlebt, in ihrer äußeren Form, in ihrer Truppenzahl, ich habe die Vereinigung mit dm deutschen Kontingenten sich vollziehen, die Marine ent stehen sehen, es sind unter meinen Augen Generationen durch die Armee gegangen, aber innerlich in dem Herzen und dem Empfinden der Armee girbt es keine Veränderung. Der Sinn sür die Ehre, für die Pflicht über Mes hoch zu halten, jederzeit bereit zu sein, das Leben dafür zu lassen, das ist das Band, welches alle deutschen Stämme eng umschließt, welches Enkel und Urenkel jetzt ebenso fest wie flüher die Vorfahren vereinigt, und welches meine Re gierung mit Siegen geschmückt hat, deren ich heute als hell strahlende Stellen meines militärischen Lebens in hoch- gehobenster Empfindung gedenke. Es ist wahrlich eine hohe Freude für mich, an dem heutigen Tage in solcher Weise zur Armee sprechen zu dürfen und über diese achtzig Jahre sagen zu können, daß wir sicherlich, voll und ganz fest zu einander gehört haben. Ich mit meinem ganzen Herzen und Denken, die Armee mit vollster Treue, Hin gebung und Pflichterfüllung, für welche mein Dank, meine Anerkennuug die lebendigste Empfindung meines Herzens bis zu meinem letzten Athemzuge bleiben wird. Ew. kaiser liche und königliche Hoheit wollen diese meine Worte durc die hierher berufenen Generale zur Kenntniß der Armee dringen lassen. Berlin, 1. Januar 1887. Wilhelm." An den General-Feldmarschall, Kronprinzen des deut schen Reichs und Kronprinzen von Preußen, Kaiserliche und Königliche Hoheit. Tagesschau. Freiberg, den 7. Januar. Wenn auch der AuSgang der Verhandlungen in der Mili' tärkommifsion des deutsche« Reichstages für die schließlich* Entscheidung deS Plenums über die Militärvorlage nicht maß' gebend zu sein braucht, hat man doch allgemein der zweiten Lesung der Vorlage in der Kommission mit Spannung ent- gegengesehcn. Zunächst wurde in der Mittwoch Mittag statt- gefundenen KommissionSfitzung der erste Paragraph zur Be- rathung gestellt. Der drutschfreisinuige Abg. Rickert bean tragte, die FriedenSpräsrnzstärke, welche nach den Beschlüssen erster Lesung für die Zeit vom I. Avril 1887 bis 31. März 1890 aus 441200 Mann festgesetzt ist und auf ein Jahr bis auf 450 000 Mann erhöht werden kann, vermöge einer anderen Berechnung auf 454 402 Mann festzusetzrn. Dagegen stellte >er zum Zentrum gehörige Abgeordnete vonHuene den Antrag, die Regierungsvorlage (468409 Mann) wieder her- zustellrn, die Zeitdauer aber statt auf 7 auf 3 Jahre frstzu- etzen. Nach kurzer GeschästSordmmgSdebatte über die Reihen» olge der Abstimmungen wurden die von Rickert und von von Huene beantragten Ziffern abgelehnt. Bei der Ge- ammtabstimmung wurde § 1 der Vorlage voll- tändig abgelehnt. Zu 8 2 bemerkt« zunächst Abg. Or. Windthorst, daß das Zentrum nur deshalb eine kürzere Bewilligungsfrist v »«geschlagen habe, damit der nächste Reichs tag auch prüfen könne, ob eine derartige Aufrüstung noch nölhig sei. Eine spätere dauernd« Kontrole sei deshalb noth wendig, weil daS ärmere Volk die Hauptlasten zu tragen Haie, äbg. Richter wies darauf hin, daß zur Deckung der Mehr östen für die Militärvorlage vielfach eine Erhöhung der Branntweinsteuer in Vorschlag gebracht worden fei. Diese würde aber die niederen Klaffen noch mehr belasten. Einer Reichs-Einkommensteuer ständen keineswegs Verfassung»bedenken entgegen, wie man vielfach behauptete. Daß er für verschiedene Bataillone nur eine einjährige Bewilligung zugrstehe, sei gar nicht so auffallend, da die Regierung selbst in Betreff der Eismbahnlruppen keine längere Bewilligung fordere. Das Zentrum bewillige Alles, was auf militärischem Gebiete ge fordert werde, nur in Bezug auf BerfafsungSfrageu, d. h. die Zeitdauer, trenne es sich von der Regierung. Der Kriegs minister General Brvnsart erwiderte, daß die Vor lage lediglich aus militärischen Gründen eingebracht sei. Ueber die Deckung der Kosten wolle er sich nicht weiter äußern, das aber erklären, daß eS ganz unrichtig sei, wenn man glaube, die Vorlage solle dazu dienen, neue Steuern, ein Branntweinmonopol u. s. w. herauszupressen. Er bezweifle gar nicht, daß die Zeitdauer auch ein wesent liches politisches Moment sei; in der Hauptsache aber sei diese Frage für ihn auch nur eine militärische. Man habe aus die Marine und die jährliche Bewilligung für dieselbe hingewiesen. Die deutsche Marine sei auch in ihrer Organi sation noch unvollkommen und sei deshalb die jährliche Be willigung eine zutreffende, anders stehe es mit dem Heere, welche- längst ein abgeschlossenes Ganzes bilde. Abg. von Huene verlheidigte seinen Antrag auf dreijährige Dauer vom Standpunkte des Reichstagsabgeordnrten aus, der aller dings ein anderer fein müsse, als der eines Kricgsministers. Abg. v. Stauffenberg bemerkte, daß die 16 Bataillone ebenso wie die Marme noch eine unvollkommene Organisation bildeten, und deshalb eine einjährige Bewilligung auch hier am Platze sei. Er beklagte dm ganze» Verlauf der Kommissions verhandlungen. Im Jntereste des Heeres und deS Vater landes wünsche er, daß auS der Kommission ein positives Resultat herauskomme. Darauf erklärte der Kriegsmmister von Bron fort, daß er und die Kommissarien der ver bündeten Regierungen an dem Verlauf der Verhandlungen keinerlei Schuld trügen. Er gebe aber die Hoffnung nicht aus, daß doch noch eine Verständigung zu Stande kommen werde. Abg. Windthorst hob hervor, daß es für einen ordentlichen Wirth nothwendig sei. wenn er große Ausgaben mache, er auch erst die Einnahmequellen seststellen müsse. Das habe die Regierung nicht gethan, dieselbe wolle das dem Reichstage überlassen; das sei unrichtig. Für tue Ausar beitung derartiger Finanzpläne habe man bezahlte Männer, und diese hätten brauchbare Vorlagen zu machen. Verlange die Regierung unbedingtes Vertrauen vom Reichstage, so müsse sie auch dem Reichstage Vertrauen entgegen bringen. Eine Verständigung liege auch in der Absicht des Zentrums. Abg. Richter benierkte, daß die Regierung selbst nicht einmal das bestehende Septennat respeklire und davon durch die Militärvorlage ein Jahr abzwacke. Das überzeuge ihn, daß eine kürzere Frist keine Schädigung der Armee involvire, aber. die Belastung des Volkes wenigstens nicht dauernd feststelle. I Der sogenannte Entrüstung-sturm sei ihm ganz gleichgiltig, da ja die betreffenden Herren schon bei den Wahlen über die Wahl derjenigen Abgeordneten entrüstet gewesen seien, welche der Opposition angehörten. Der Kriegsminister meinte sodann, daß er allerdings noch immer die Verständigung, vo» der er gesprochen, auf Grundlage der Regierungsvorlage er hoffe. Aus Grund der Verfassung suchte der Kriegsmmister nochzuweisen, daß daS Srptennat vollständig gesetzlich sei. Wenn die Regierung gewußt hätte, daß eine Verständigung nur durch ein Nachgrben der Regierung zu Stande komme» könnte, so würde sie «ine größere Zahl von Jahren gefordert und dann sich mit dem Reichstag auf 7 Jahre.verständigt" habe». Abg. Reichensperger erklärte, daß er früher sür das Septennot gewesen sei, nunmehr aber eingesehen habe, daß dasselbe unheilvoll auf die Besteuerung de- Volke- einwirke. Er glaube, daß die Regierungen das Septennat von dies«« Reichstage nicht erhalten werden. Abg. v. Huene erwiderte auf eine Aeußerung de- ReichsschatzfekretärS Jakobi, er wundere sich, daß der Herr Schatzsrkretär vo» der Deckung der Aus gaben gar nicht gesprochen habe. Zum mindesten hätte er doch auSeinandersrtzen müssen, wie er sich die Deckung für di« Zu kunft dmke. Abg. Windthorst bedauerte, daß man über di« politische Lage Europa'S noch immer im Dunkeln sei. Rmc aus Zeitungsnachrichten könne man darüber feine Weisheit schöpfen. Da- Auswärtige Amt, habe die Kommission voll ständig im Dunkeln gelassen. DaS sei unrecht und erschwere die Berathungen sehr. Der Redner erklärte sich mit Ent schiedenheit gegen da» Srptennat. Bei der Abstimmung über 8 2 wurde ei» Antrag des Abg. v. Köller, der dir Regi«- rungSvorlage wieder Herstellen wollte, mit 12 gegen 16 Trim men abgelehnt. Dirauf wurde der 8 2 in der Fas sung der Beschlüsse erster Lesung gegen die Stimmen der Nationalliberalen und der Ko»- servativen angenommen. Diesen Verhandlungen hatte» zahlrrich« Abgeordnete als Zuhörer brigewohnt. Um 1*/, Uhr trat eine Pause ein. Nach derselben genehmigte die Kom mission den § 3 der Vorlage (Aufhebung aller der Vorlage entgrgenstehmden früheren Bestimmungen de- Reich-Militär« gesetzeS), sowie den 8 5 (Bestimmung über die Ausfüh rung der Vorlage in Baiern und Württemberg), dagegen wurde 8 4, zu welchem Abg. Huene die Befreiung der Theologen vom Militärdienste beantragt hatte, abgelehnt. Die durch die Beschlüsse der zweiten Lesung abgeänderte Vorlage wurde sodann bei der Schlußabstimmung mit 14 gegen 12 Stimmen angenommen. Die Feststellung des Berichts soll i» der auf Freitag anberaumten Sitzung erfolgen. — Mit Aus nahme der deutsch-freisinnigen Organe bezeichnen fast alle größeren Blätter die Arbeit der Militärkommission als eine völlig vergebliche und erwarten eine völlig andere Entscheidung von dem Plenum des Reichstages. Die .Post" meint, daß oie Debatten nicht unrühmlicher hätten verlaufen können;, weder Majorität, noch Minorität seien durch diesen Beschluß befriedigt worden, der nur ein Nothbehelf sei, um nicht mit leeren Händen vor das Plenum zu treten. — Die Berliner .National-Zcitung" sagt: .Die Frage: .Was nun?" wird m der Bevölkerung durchweg mit der anderen Frage verbunden, wann der Reichskanzler in Berlin eintrifft. Wir dürfen nicht verschweigen, daß sein Fortbleiben von dieser hochwichtige« Verhandlung anfängt, in den sür die Vorlage cintreteudeu Partei« eine gewisse Unsicherheit zu erzeugen, weil es der forlichrittlich-klerikalen Ausstreuung, daß die Austastung deS Fürsten Bismarck nicht durchaus die des Kriegsministers sei, zu Hilfe kommt. Der letztere hat auf ein ZustimmungStele- gramm aus Nordhausen telegraphisch wie folgt erwiedert: .Euer Wohlgeboren und allen mit Ihnen versammelt gewese nen Herren spreche ich für das Telegramm meinen ergebensten Dank aus mit dem Hinzufügen, daß ich an der von den ver bündeten Regierungen cingebrachten Gesetzesvorlage über die Heeresverstärkung unbedingt festhallcn werde. Der Krieg-« Minister Bronsart von Schellendorff". — Wir sehen unserer seits keinen Anhalt für die Vermuthung, daß der Standpunkt des Reichskanzlers ein anderer sei. Aber wir finden eS bv« greiflich, daß man ün Reichstag das Bedürsniß hat, über den selben nun, nachdem das nur verzögerliche Stadium der Kom- missionsberathung überwunden ist, unmittelbar unterrichtet zu werden." — Die Ausschüsse des deutschen Bunde S- rathes haben den Gesetzentwurf, betreffend die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die bei Privatbauten u. s. w. be schäftigten Bauhandwerker und Arbeiter, berathen. Das Ple num des Bundesrathes wird sich vermuthlich bereits in seiner nächsten Sitzung mit der Vorlage beschäftigen, so daß dieselbe in ca. 8 bis 10 Tagen dem Reichstage würde zugehen können. — Dem Vernehmen nach liegt es in der Absicht, dem Bun- desrathe und Reichstage zugleich mit dem zwischen Deutsch-