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Wöchentlich erscheine drei Nummcin PränumcraiicnS- Preis 22^ Sgr. 0 THIr.) vierteljährlich, Z Thlr. für das ganze Jahr, cd ne E-- hödung, in allen Theilen der Prcukischin Monarchie. für die Man pränumerin auf dieses Bciolatt der AUg. Pr. SmatS- Atilung in Berlin in der Expedition (Mohre»-Straße Nr. 34); in Ler Provinz so wie im Auslande Lei den WohMbl. Post - A-nn-rn. Literatur des Auslandes. 113. Berlin, Mittwoch den 20. September 1837. Portugal. Lissabon im Fluge gesehen. Wir waren am 17. Juli dieses Jahre« um 7 Uhr Morgens noch in dem Hafen von boruna, und am I8ien um Mitternacht warfen wir schon unter den Forts am Tajo Anker, nachdem wir in LS Stunden eine Entfernung von 120 Seemeilen oder 0 Breitengraden, welche diese beiden "Punkte von einander trennen, durchschifft halten. Der frische Nord-Ostwind, der fast unsere ganze Fahrt begünstigte, hatte uns, als wir noch einige Meilen vom Hafen entfernt waren, verlassen, und wir fürchteten, eine jener plötzlichen Windstillen cintreten zu sehen, die in warmen Gegenden ost ganz in der Nähe des Hafens den Laus der Schiffe mit einem Male hemmen und so den Bonheil der glück lichsten Uederfabrt wieder aufheben. Aber rin Portugiesischer Loolse, der auf einem der sonderbarsten Löte, die ich jemals gesehen, zu uns beranzeruderl und an Bord unseres Schiffes gekommen war, prophe zeite uns den günstigsten Wind, sobald wir ln den Tajo Anlaufen würden. Ich hatte große Lust, über diese Vorhersagung zu spotten; denn ich hielt mich für einen erfahrenen Seemann, da ich schon vier zehn Lage auf dem Wasser gelebt; aber kaum hatten wir, ungefähr eine Stunde später, das Kap de ia Roca umsegelt, so blies uns ein frischer Wind, der von der «ierra di Cintra herabwehlc, entgegen und trieb unser leichtes Fahrzeug mit fast unglaublicher Schnelle die breite Mün dung des Tajo hinauf. Die Nacht war während der Zeit hereingebrochen; aber an dem schönen Portuziesischen Himmel scheint der Mond sv hell und klar, die Luft ist so durchsichtig, daß wir fast deutlich wie am Tage die lange ununterbrochene Reihe von Landhäusern, Schanzen und Palästen sehen konnte», die sich am rechten Tajo-User vier Meilen lang hinzichl. Der Wind blies so heftig, daß der Hauptmast sich unter dcr Last des großen Segels beugte, und unsere Kanonen am Steuerbord lagen bis zur Hälfte unter der Oberfläche des Wassers, das an jenem Tage fast die Höhe unserer Verschanzungen erreichte. Endlich begrüßte uns die dort liegende Portugiesische Fregatte, die unsere Ankunft bemerkt hatte, mit einem Kanonenschuß. Wir batten zwar die größte Lust, unseren Weg ohne Unierbrechung sektznfctzen, mußten aber dennoch beilegen, um den Besuch eines Offiziers zu cmpsangen; denn wären wir ohne Weiteres davongescgclt, so hätten die Portugiesischen Kugeln vielleicht eine zu genaue Bekanntschaft mit den Seitentheilen unserer Brigg gemacht. UebrigenS ist jene Untersuchungs-Visite eigentlich nichts als eine leere Förmlichkeit, die für beide Theile gleich lästig ist und daher gewöhnlich so schnell wie möglich abgemacht wird. Als der Offizier sich entfernt batte, fuhren wir weiter; der frische Wind schwellte die Segel; das Fahrzeug glitt pfeilschnell aus der spiegelglatten Wasserfläche dahin; wir schifften durch eine enge kaum s Meile breite Durchfahrt, die dem Fort St. Zuliao gegenüber liegt, und ankerten endlich in dem herrlichen Bassin des Tajo, zwischen der „Drvade", einer schönen mit 20 Kanonen besetzten Französischen Fregatte, und einem Englischen Kriegsschiffe, das von dem Admiral Gage kommandirl wird. Man schläst auf dem Wasser im Ganze» sehr wenig, am Tage der Landung aber gewiß gar nicht. Den anderen Morgen war ich vor Tagesanbruch schon auf dem Verdeck, um Lissabon zu rckognoSziren und cS bei unserer Ankunft zuerst zu begrüßen. Zch mnß gestehen, daß der Anblick der Stadt eben keinen sehr günstigen Eindruck auf mich machte. Man stelle sich auf einer Ausdehnung "von ungefähr 2 Meile» ein wahres CbaoS von Manern, Dächern und Tbürmen, eine dunkle Masse von Häusern vor, die ohne Ordnung bunt durch einander stehen, ohne daß ein einziges großes, bobeS Gebäude die anderen überragt und dem Nugc zum Ruhe- und Stützpunkte dient. Das südöstliche Ende der Stadt, das un« gegenüber lag, ist unstreitig ter schönste Theil der selben; cs besteht ans dem Palaste der Königin, von dem wir jedoch nichts als das Dach bemerken konnten, und noch vielen anderen großen Häusern, die sich rund um das Schloß gruppircn. Obgleich sie alle ziemlich gttchmacttos und in schlechtem Style erbaut sind, so geben sie doch durch ihre Sauberkeit, ihre Große, vorzüglich aber durch ihre ter- raffensörnug angelegten Gärten, deren dunkles Laubwerk grell mit der weißen Farbe der Häuser keulrastirt, dem ganzen Viertel ein gewisses aristokratisches Ansehen. Aber hart am Ufer des Tajo liegen große mit schmalen Luken versehene Magazine, die ihm wieder ein gewerbliches Ansehen geben und gleichjam de» Ucberaang von dem adeligen Sladl- tbeil zu dem HandelSviertel bilden. Dieses gränzl mit seinen hoben, schmalen Häusern, zwischen denen das Auge vergebens »ach einem Baume oder einige» Grashalmen späht, an das Arsenal: es nimmt eine» unermeßlich großen Raum ein und zieht sich dann ganz amphitbealra- lisch bis zum Gipfel de» Hügels in die Höhe, auf dessen Abhang Lissabon erbaut ist. Aus dem höchsten Punkte dieses Hügels liegt das Schloß mit seinen Umgebungrn und Nebengebäuden; eine verwirrte Häuscrmasse, die ohne Symmetrie und Schönheit gebaut ist und sich von dcn anderen Häusern der Stadt nur durch ihre höheren Dächer unterscheidet. Kurz, Lissabon giebt beim ersten Anblick dem Fremden wohl die Idee einer mächtigen und reichen, keincSwegeS aber einer schönen oder doch wenigstens freundlichen Hauptstadt. ES ist Neapel im Häßlichen, Neapel, aber ohne sein herrliches Grün, ohne den Vesuv, die Insel» Capri und Ischia, ohne jene lachenden Dörfer, von denen cs umgcbc» ist, und die fo groß und schön sind, daß man sie fast Städte nennen kann. Dec einzige Punkt der ganzen Landschaft von Lissabon, aus dcni das Auge mit Vergnügen ruht, ist der neue Palast von Avuda, eine Viertelmeiie südwestlich von der Stadt. Dieses Schloß würde vollkommen schön scvn und könnte mit dem in Madrid rivalisircn, wenn cs ganz vollen det wäre. Aber auch selbst in seiner jetzigen Gestalt ist cs ein edles, großartiges Gebäude, und man muß den leichten, hübschen Stvl, in dem es ansgcsührt ist, um so mehr bewundern, als die Portugiesischen Architekten sich sonst gewöhnlich durch ihren bizarren, schlechten Ge schmack auSzuzcichncu pflegen. Das Palais ist viereckig und crinnerl rin wenig, trotz seiner bedeutend kleineren Verhältnisse und seiner blen dend weißen Farbe, an das finstere, gigantische Eskurial. Am Fuße des Schlosses liegt die Burg Ayuda, und von dort aus dehnen sich nach allen Seilen hin jene Hellen, monotonen Hügel aus, die ganz Lissabon umgeben und die fast bis zum Gipfel mit Gclraide bedeckt sind; aber auch hier bringt kein Baum, kein Strauch Abwechselung in die traurige Einförmigkeit dcr ganzen Gegend. — Das der Stadl gegen überliegende Tajo-Ufer ist ebenfalls ein steiles, trauriges Gestade, auf dem man jedoch hier und dort einzelne graziöse Dörfer mit weißen Landhäusern ausiauchen siebt, die hinter Schluchten und Hohlwegen, wie die Spanierinnen hinter ihrer Ventana, halb verborgen sind. Süd westlich von der Stadt bildet der Tajo eine große Biegung; sein flachcS sandiges User erhebt sich hier kaum über die Meeresfläche und ver schmilzt an einem ferne» bleiche» Horizonte mit Wasser und Himmel. Die ganze Ebene gewährt eine» prosaisch einförmigen Anblick, und nur die wunderbare Klarheit des dunkeln südliche» Himmels verleibt dieser monotonen Landschaft einiges Interesse. Trotz der großen Bevölkerung Lissabons, ist diese so geräuschvolle, belebte Stadt doch bei weitem nicht mehr so glänzend und wohlhabend wie früher. Sie Hal mit Brasilien alle Elemente dcS NcichlbumS und Lebens, die der überseeische Handel ihr bot, verloren, und das schöne Tajo- Bassin, wo noch im Jahre 1828 fünfhundert große Kauffahrteischiffe vor Anker lagen, zahlt jctzl kaum dreißig solcher Fahrzeuge. In diesem Augenblick steht man dort die Englische Flagge auf zwci Korvetten, einer Fregatte und mehreren Dampf- und Pakelbölen weben; Frank reich wird durch die „Drvade", ein schönes, neues, mit 00 Kanonen besetztes Schiff, würdig repräscntirl; nur von Portugals Seemacht zeigt das Bassin nichts, als ein altes, entwaffnetes, unbrauchbares Fahrzeug, den „Don Juan", und zwei oder drei Fregatten, die traurigen und beredte» Svmbole der verfallenen Größe dieses ersten und kühnsten allrc schifffahrlircibendcn Völker der Welt. Als ich am anderen Tage, bei dcr glühendsten Sonnenhitze, ans Land stieg, um die Stadt Lissabon näher in Augenschein zu nehmen, war das Erste, das mir in der engen und bergigen Straße am Ufer des Tajo ausficl: die sogenannten „constiwlionnellen Omnibus", ein Name, der an jedem Kieser Wage», die übrigens auch mit der blau und weißen Portugiesischen Nationalflagge geziert sind, mit großen breiten Buchstaben geschrieben ist. Diese mit vier Pserdcn bespannten Fuhrwerke sind ziemlich komfortabel; sic sind ganz nach dem Muster dcr Pariser Omnibus gebaut und au« Frankreich hier eingesühri worden. UebrigenS sind diese Wagen nicht das Einzige, womit icncS Land die Hauptstadt Portugals versiebt; ich brauchte nur wenige Straßen zu durchwandern, um da« zu bemerken; denn fast a» alle» Läden sicht man Schilder, aus denen Französische Putzbändler, Schneider, Restau rateure, Friseure und Zahnärzte ihre Waarc den Vorübergehenden in drei verschiedenen Sprachen anprcisen. Unzählige solcher Künstler kom men jährlich aus der Gascogne und Provence nach der Pvrenäc»- Halbinsel, um dort ein Glück zu suchen, dem sie in ihrem Vatcrlande vergebens nachjagten, und Spanier oder Portugiesen, die doch wahrlich von dem Gefühl ihrer Nationalität von Kopf bis zu Fuß durchdrun gen sind, würden sich für entehrt hallen, wenn sie ihr Haar oder ibre Kleider von anderen als Französischen Händen berühren ließen. Die Zahl dieser fremden Künstler, die jctzl di( ganze Halbinsel überschwrm-