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38. Jahrgang. Erscheint jeden Wochentag Abends'/,7 Uhr für den F194« Soun avenS, de« W. August. BW'rFWiaer und TLßMllü. Amtsblatt für die königlichen nnd städüschen Behörden zn Freiberg »nd Brand. Berautwortlicher Redakteur: Iuliu» Braun iu Freiberg. Inserate werden bis Bormittag 11 Uhr angenom- OO^ men und beträgt der Preis für die aespaltme Zeile 1 -WFH»V oder deren Raum 1b Pf. w Die Hüter der Wenzelskrone. Wenn bisher die österreichischen Regierungsblätter die Forderungen der Czechen der deutschliberalen Partei gegen- Mr als berechtigte vertheidigten und wenn von Wien aus wiederholt diesen Forderungen in einer Weise genügt wurde, welche besonders die deutschen Bewohner Böhmens und Mährens tief befremdete, so dürften doch die Vorgänge bei der Inthronisation des neuen Fürst-Erzbischofs von Prag, des Grafen Schönborn, dazu dienen, die Czechen zu be lehren, daß das Entgegenkommen der österreichischen Re- oierung auch eine Grenze hat. Die ministeriellen Wiener Blätter äußern sich entschieden dahin, daß gerade in so er regten Zeiten wie in den jetzigen von beiden Seiten Alles auf das Peinlichste vermieden werden sollte, was die nationale Empfindlichkeit zu verletzen geeignet ist. Von diesem Stand punkte findet man es selbst in den Wiener Regierungskreisen sehr bedauerlich, daß der Bürgermeister von Prag, Czerny, seiner Pflichten gegenüber den 30000 deutschen Emwohnem dieser Stadt so sehr vergaß, daß er bei einem so feierlichen Anlasse wie bei der Begrüßung des neuen Fürst-Erzbischofs keinen einzigen deutschen Satz zur Verfügung hatte. Man erkennt es endlich an, daß ein derartiges Verhalten der Czechen unmöglich das friedliche Nebeneinanderleben der bnden Volksstämme fördern kann, besonders well auch der Inhalt der czechischen Begrüßungsrede geeignet war, selbst diejenigen Deutschböhmen zu erbittern, welche zur Ver söhnung mit ihren czechischen Mitbürgern geneigt und bis her der von einzelnen deutschnationalen Führern ange schlagenen schärferen Tonart abhold waren. In der erwähnten Ansprache hat der czechische Bürgermeister Prags den neuen Fürst-Erzbischof als den „Hüter der Wenzels- krone" und als den Mann gefeiert, welcher „in dem ge heiligten Augenblicke, wenn der durchlauchtigste Herrscher auf sein Haupt die böhmische Königskrone setzt, durch den kirchlichen Segen der Verbindung des Königs mit seinem Volke die Weihe giebt, dem erhabenen Herrscher den Eid abnimmt und den Krönungsakt besiegelt." Offener läßt sich die Hoffnung der Czechen wahrlich nicht ausdrücken, von dem Kabinet Taaffe für Böhmen eine ähnliche selbst ständige und unabhängige Stellung zu erringen, wie sie die Ungarn unter dem Regiment des Ministers von Beust «halten haben. Wäre selbst das Wiener Kabinet geneigt, aus der zwei- theiliaen Gesammtmonarchie eine dreitheilige zu machen und dem Kaiser Franz Josef zu empfehlen, sich in Prag ebenso als König von Böhmen die Wenzelskrone aufzusetzen, wie er sich mit der Stephanskrone zum König von Ungarn krönen ließ, so würden doch die Magyaren sich energisch einer solchen weiteren Zersplitterung des Reiches widersetzen, nicht aus Liebe zu dm Deutschen, sondern aus Furcht vor ähnlichen Sondergelüsten der Polen und Kroaten. Der als Organ des ungarischen Ministers Tisza geltende .Pester Lloyd" stimmt darin vollständig mit den liberalen Wiener Blättern überein, den czechischen Bürgermeister Ezerny weniger für die Erwähnung des Hüteramtes der Wenzelskrone verantwortlich zu machen, als den deutschen Statthalter von Böhmen, den Feldmarschalllieutenant Baron Kraus, der eine solche Demonstration nicht verhinderte. Der „Pester Lloyd" findet freilich auch das Auftreten des Trafen von Schönborn bei seiner Inthronisation wenig ge- Met, die deutschen Katholiken für den „neuen Primas von Böhmen" zu gewinnen. Bisher hieß es stets, wenn Be denken gegen die offenkundigen czechischen Sympathien der mährischen Grafenfamilie Schönborn geäußert wurden, der neue Fürstbischof sei ein der Politik gänzlich fernstehender, ausschließlich seinem geistlichen Berufe lebender Kirchenfürst, dessen Amtsantritt die Deutschen Böhmens ohne jede Be- Mgniß entgegen sehm könnten. Das hätte Graf Schön born am besten bekräftigt, wenn er das an sich ganz er- steuliche Versprechen, in die Fußstapfen seines Vorgängers, des Kardinals Schwarzenberg, treten zu wollen, in deutscher Sprache wiederholt hätte. Wenn sich auch die deutsche Bevölkerung Prags bei seinem Amtsantritt in demon strativer Weise fern hielt, würde es nach der fanatisch czechischen Rede Czerny'S dennoch einen trefflichen Eindruc gemacht haben, wenn der Erzbischof, jede Verstimmung unterdrückend, durch einige Sätze in deutscher Sprache der deutschböhmischen Bevölkerung einen Beweis seiner politischen Parteilosigkeit gegeben hätte. Das ist nun nicht geschehen und die Czechen Böhmens können immerhin annehmen, daß es dem Grafen Schönborn mcht unangenehm ist, sich von ihnen als Hüter der Wenzels- krone gefeiert zu sehen. Die Organe dieser Partei lassen ich auch gar nicht durch die Rügen und Bedenklichkeiten >er offiziösen Wiener und Pester Blätter irre machen. Die Prager Journale „Politik" und „Pokrok" äußern sich über >ie Vorgänge bei der Inthronisation des neuen Erzbischofs o übereinstimmend, daß man beide Kundgebungen wohl auf >ie czechische Parteileitung zurückführen darf. „Pokrok" chreibt wörtlich: „Wozu die Erregung? Enthält doch die Itede des Bürgermeisters nichts, was nicht ein unwiderleg- iches Faktum wäre. Der Prager Erzbischof ist Primas des Königreichs Böhmen und Hüter der St. Wenzelskrone, welche in einem Gewölbe des Veitsdomes bewahrt und bei )er Krönung dem Könige auf's Hauvt gesetzt wird. Ebenso ist bekannt, daß das czechische Volk seit jeher es erstrebt hat und immerdar erstreben wird, daß unser Herrscher ebenso wie sein Vorgänger mit der St. Wenzelskrone sich krönen lasse, und daß es vom Herrscher neuerdings das Versprechen erhalten habe, er werde diesem Wunsche willfahren, sobald die Verhältnisse es gestatten. Das czechische Volk wünscht es, daß seine Beziehungen zum Herrscher durch eine feierliche Krönung sanktionirt werden. Dieser Wunsch zeugt von der vollen Ergebenheit des Volkes für den Thron, und wir müssen mit Entrüstung die Ver dächtigung zurückweisen, als ob unsere Ergebenheit durch eine Verzögerung in der Erfüllung dieses Wunsches eine Abschwächung erleiden könne. Wir haben unsere eigenen Ansichten über die Vergangenheit und die Zukunft Oesterreichs und der zu dem selben gehörigen Länder, und werden mit aller Macht dahin wirken, daß diese Zukunft eine solche werde, wie sie nach unserer Ueberzeugung die Interessen der Dynastie und der unter ihrem Szepter lebenden Völker verlangen. Dieses Recht lassen wir uns nicht nehmen, und wenn Jemand sich dem Glauben hingiebt, daß wir darauf ver gessen werden, so möge er sich selbst die Folgen des jähen Erwachens aus diesem Jrrthum zuschreiben. Wir sind ein lebendes Volk, und wie jedes Lebewesen haben wir unsere Bestrebungen und unsere Ziele, welche wir verfolgen; wer mit denselben nicht einverstanden ist, kann sie bekämpfen und der Erfolg wird dann entscheiden." Der österreichische Ministerpräsident Graf Taaffe mußte sich stets sagen, daß die Czechen die ganze Hand verlangen würden, so bald er ihnen den Finger reichte. Jetzt wird es ihm sehr schwer werden, die czechischen und polnischen Geister wieder los zu werden, welche er gegen den deutschen Liberalismus zu Hilfe rief. In Kremsier, wo die Be gegnung der Kaiser von Oesterreich und Rußland nahe bevorsteht, wurde bereits dem dortigen Bürgermeister Baron Bojakowsky erklärt, daß die czechischen Bürger von ihm erwarten, er werde den österreichischen Monarchen bei seiner Ankunft in Kremsier in czechischer Sprache begrüßen. Als der Bürgermeister dies verneinte, verlangte man, daß wenigstens der erste Theil der Ansprache czechisch sein solle, weil oer Bürgermeister als Parteimann einsehen müsse, daß der czechischen Sprache in Kremsier der Vorrang gebühre. Der Bürgermeister erklärte aber, daß die Ansprache zuerst deutsch und nur ein Absatz derselben czechisch sein werde. Die Slovenen Oesterreichs treiben es nicht besser und wird jetzt in Graz eine Petition kolportirt, in welcher die öster reichische Regierung ersucht wird, von der Südbahn die zweifache Dienstsprache und deutsche und slovenische Auf schriften auf allen oaS slovenische Gebiet durchziehenden Strecken zu verlangen. Für die deutschen Bahnbeamten, welche der slovenifchen Sprache nicht mächtig sind, wäre eine solche Maßregel einem Verbannungsdekret gleich. Daß die Czechen in Böhmen eine ähnliche Forderung längst durchgesetzt haben, sieht Jeder, der über Bienenmühle hinaus fährt und von Moldau aus auf allen Bahnstationen das czechische Element dominirend findet. Das Wiener Kabinet hat schon so viel für die Czechen gethan, daß ihm zu thun fast mchtS mehr übrig bleibt; jedenfalls ist es heilsam, daß sich demselben gerade jetzt vor der Kaiserbegeanung in Kremsier die Frage gebieterisch aufdrängt, ob dieser immer mehr von deutscher Sprache und Sitte sich entfernende Pfad weiter verfolgt werden und ob der neue Fürsterzbischof von Prag als Hüter der Wenzelskrone wirklich berufen sein soll, des ihm von den Czechen zugemutheten Amtes zu Watten. Tagesschau. Freiberg, den 21. August. Die Anwesenheit des deutschen Kaisers bei der Denk mals-Enthüllung in Potsdam stand in direktem Widerspruch mit den Bitten seines ärztlichen Berathers. Der Generalarzt vr. Leuthold hatte mit Rücksicht auf das überaus ungünstige Wetter und eine bereits vorhandene leise Erkältung dem Hohm Herm die dringendsten Vorstellungen gemacht, ohne Gehör zu indem Bei der am Mittwoch stattgehabten Hebung des t. Garde-Regiments aus dem Bornstedter Felde erzählte Prinz Wilhelm seinem Bataillon von der dabei bewiesenen Willens kraft und Pflichttreue des Kaisers. Da der Leibarzt eine Gefahr für die Gesundheit Sr. Majestät befürchtete, richtete derselbe an den greisen Monarchen die schriftliche Bitte, der Kaiser möchte der Feier zur Enthüllung des Denkmals Frie drich Wilhelm des Ersten fembleiben. „Dann sterbe Ich wenigstens im Dienste", schrieb der Kaiser kurz und bündig an ihn zurück. Der Leibarzt, in dringender Besorgniß für deS ehrwürdigen Monarchen Wohlergehen, begab sich trotzdem am andem Morgen noch persönlich nach Babelsberg zum Kaiser, um demselben in Anbetracht des schlechten Wetters seine Bitte ange- legentlichst zu wiederholen. Se. Majestät aber erwiederte: „Ein König von Preußen, der nicht mehr zu seinen Soldaten gehen und den Verpflich tungen seines Amtes walten kann, der ist kein König mehr und müßte die Regierung nieder legen!" — Der Wortlaut der von dem Kaiser bei der Denkmalsenthüllung gehaltenen Rede ist folgender: „Die preußische Armee erkennt in weiland König Friedrich Wilhelm I. den Schöpfer einer in allen ihren Gliedern fest organisirtm Armee, die er aus den überkommenen Heerestheilen mit ihren ruhmreichen Geschichten, namentlich unter dem Großen Kur fürsten, zu bilden sich veranlaßt sah, und eine ebenso feste wie strenge Manneszucht in dieser Armee in allen ihre» Theilen, hoch und niedrig, einführte. Die Richtigkeit dieses Fundaments erkennend, haben alle Könige Preußens fortgebaut, und der Boden, auf dem wir heute stehen, hat die Fortentwickelung der Schöpfung meines erhabenen Ahnherrn gesehen. König Friedrich der Große überkam zuerst diese fest gebildeten Truppen, und die Weltgeschichte weiß, welchen Geist er in denselben geschaffen hat und welche glor reichen Thaten er mit ihnen erkämpfte. Friedrich Wilhelm HI. schuf nach schmerzlichen Ereignisse« eine neue Heeresverfassung, gegründet auf Vaterlandsliebe und Ehrgefühl, und die Funda mente Friedrich Wilhelms I. festhaltcnd, hat er Erfolge erkämpft, die auf immer in den Annalen der preußischen Armee nieder gelegt sind, und sie sind Vorbilder geworden zu den glorreichen Thate« meiner Armee in den Kriegen der Neuzeit. Möge dieser Geist nie aus der Armee schwinden. Ich habe es als eine Pflicht erkannt, König Friedrich Wilhelm I. ein Dankes- denkmal zu errichten für seine unablässige Thätigkeit um Preußen und sein Heer, und zwar hier in Potsdam, welches man gern die Wiege der preußischen Armee nennt. Und so falle die Hülle von dem Standbild Friedrich Wilhelm's I., vor dem ich meinen Degen senke." Der von der konservativen Partei im preußischen Abgeordneten Hause veröffentlichte Rechenschaftsbericht über die abgelaufene Legislaturperiode wird als eine Art -p Wahlmanifest beurtheilt. In dem Bericht wird die Einführung eines Einschätzungsverfahrens bei der Klassen- und Einkommen steuer gefordert, außerdem die Erhöhung der Beamtengehalte und die Entlastung der Schulgemeinden versprochen. Zu diesen Zwecken wird auf neue Reichseinnahmen verwiesen. — Beschlüße der Berliner Telcgraphenkonferenz über die Behandlung der nichteuropäischen Telegramme liegen bis jetzt noch nicht vor; es handelt sich zunächst lediglich um Vorbesprechungen in der Kommission, welche überhaupt nicht in der Lage ist, Beschlüsse zu fassen. Erörterungen wegen Herabsetzung der Gebühren für die indischen und australischen Telegramme, resp. über - Ermäßigung der Preßtelegramme fanden ebenfalls nach keiner Richtung hin statt; eine hierauf gerichtete Andeutung des „Times"-Korrespvndenten ist daher als unrichtig zu bezeichnen. In der gestrigen Sitzung des m Hamburg tagenden Kongresses für Reform und Kodifikation des Völkerrechtes bildete den ersten Gegenstand der Tagesordnung das allgemeine Frachtrecht und die Konnossemente. Da der Entwurf deS geschäftsführenden Ausschusses zurückgezogen wurde, erfolgte die Berathung auf Grundlage der von der Hamburger Handelskammer ausgearbeiteten Regeln und wurden die ersten Paragraphen mit einzelnen redaktionellen Aenderungen ange nommen. — Anläßlich der bedauerlichen Vorgänge auf dem Friedhöfe zu Frankfurt a. M. bei der am 22. v. M. stattgefundenen Beerdigung des Sozialdemokraten Hiller erließ das dortige königliche Polizeipräsidium einen Tagesbefehl an die ihm unterstellten Beamten, in dem es heißt: „Unter keinen Umständen darf sich der Beamte durch spottende Worte oder Geberden oder, wo cs sich um Ausschreitungen politischen Charakters handelt, durch verunglimpfende Berichte der öffentlichen Blätter reizen lasten, größere Härte anzuwenden